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Ein geistvolles Vergnügen

Josef H. Reichholfs Erklärung
»Warum die Menschen sesshaft wurden.«

Der S. Fischer Verlag veröffentlicht seit geraumer Zeit Bücher zur Naturgeschichte, die die Entwicklung der Menschheit aus anthropologischen, evolutionsbiologischen, klimatischen und ökologischen Perspektiven betrachtet. Vor dem Hintergrund massiver menschengemachter Veränderungen der Umweltbedingungen erscheinen diese Bücher zu rechten Zeit. Die von Klaus Wiegandt im S. Fischer Verlag herausgegebene Reihe »Forum für Verantwortung« sei dafür paradigmatisch und löblich genannt. Diese Bücher sind Zeichen dafür, dass die Bedeutung naturwissenschaftlicher Erklärungen unserer Lebensverhältnisse wächst. Gleichzeitig schaffen es Naturwissenschaftler, und endlich auch deutsche, ihre oft komplexen Themengebiete für ein breites Publikum darzustellen.

Einer dieser Naturwissenschaftler ist Josef Reichholf, Evolutionsbiologe, Leiter der Wirbeltierabteilung an der Zoologischen Staatssammlung München und Professor für Ökologie und Naturschutz an der dortigen TU. Seine Bücher greifen Themen wie Entstehung des Menschen, Naturgeschichte sowie Gefährdung und Vernichtung der Biodiversität auf. Reichholf macht dies nicht nur kompetent, sondern stets gut lesbar. Nicht umsonst erhielt er 2007 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa mit der Begründung, dass er »für seine Liebe zu allen Arten des Lebens eine so frische wie lebhafte Sprache gefunden hat«. Dies gilt auch für sein jüngstes Buch.

Darin befasst Reichholf sich mit der Frage, warum die Menschen sesshaft wurden. Bisher wurde diese Neolithische Revolution sehr schlüssig beantwortet. Zunächst führten die Menschen als Jäger und Sammler ein komfortables Leben, bis es zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen kam. Das jagdbare Wild wurde knapp. Es herrschte Mangel. Clevere Menschengruppen entdeckten geeignete Wildgräser, deren Körner sich als nahrhaft und ungiftig erwiesen. Das tierische Eiweiß wurde durch pflanzliches ersetzt. Im Einklang mit den jahreszeitlichen Zyklen und mit genauen Beobachtungen bzw. Erfahrungen ließ sich der Ertrag durch Bearbeitung des Bodens, Auswahl besonders erntereicher Pflanzen etc. rasch steigern. Dies zog auch Wildziegen und -schafe an. Fing man die Jungen, konnte man sie einzäunen, aufziehen, ihre Wolle und Milch nutzen und bei Bedarf gar töten. So entstand die Haustierwerdung. Ackerbau und Viehzucht wurden so erfolgreich, dass sich aus Mangel Überschuss bildete. So konnten Menschen andere Leistungen als Nahrungsbeschaffung einbringen. Kultur entstand. Es bildeten sich Gemeinschaften, aus Dörfern irgendwann Städte und der Schutz der gespeicherten Erträge bedurften irgendwann befestigter Anlagen, den Burgen. Durch die Neolithische Revolution befreite sich der Mensch aus den Zwängen der Natur und wurde zum Kulturwesen.

Diese Erklärung bezeichnet Reichholf als Saga. Er glaubt ihr nicht, schon gar nicht der Prämisse, die Sesshaftwerdung des Menschen sei aus Mangel geschehen. Warum denn, so Reichholf, werden die Menschen gerade in einer Gegend sesshaft, die als »Fruchtbarer Halbmond«, also die Gegend vom unteren Niltal über die östliche Türkei hin nach Mesopotamien, bezeichnet wird? Indem er diese Prämisse recht simpel, aber überzeugend in Frage stellt, macht er sich auf die Suche, das größte Rätsel unserer Geschichte, so der Untertitel des Buches, zu lösen. Seiner Argumentation liegt nicht der Mangel, sondern der Überfluss zu Grunde. Überfluss sei, so Reichholf, Auslöser für Sesshaftigkeit und Getreideanbau gewesen.

Wie begründet Reichholf dies? Indem er das Problem einkreist und es aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Seine Art zu schreiben und argumentieren, erinnert weniger an die deutsche oder angelsächsische Wissenschaftstradition, sondern vielmehr an die französische. Auch wie er Beweisstücke sucht und zu einem Mosaik zusammensetzt, erinnert an den französischen »Rechercheur«, den Suchenden. Reichholfs Beweisführung läuft darauf hinaus, dass er auf die soziale und kulturelle Dimension der Menschheit und ihrer Sesshaftwerdung verweist, also weniger auf die biologische. Der Mensch als soziales und Kulturwesen ist die Voraussetzung für die Sesshaftwerdung, nicht die Folge.

Daher spielt auch die Sprache eine entscheidende Rolle. »Die Sprache«, so schreibt Reichholf, »stärkt das »Wir«. Sie identifiziert mit den Worten, die sie verwendet, und mit dem kulturellen Hintergrund, den sie vertritt: die größere, über die persönliche Verwandtschaft und Bekanntschaft hinausreichende Gemeinschaft eines Stammes, eines Volkes oder einer Religionsgemeinschaft. Diese greift mit dem Rückgriff auf Rituale und mit Bezug auf allgemein Verbindliches, das in einem Kodex festgelegt ist, über die Sprachgrenzen hinaus. Auf diese Weise kann sie noch größere Einheiten erzeugen, als das allein auf der Basis einer Sprache mögliche wäre.« Sprache kann aber noch etwas weiteres. Sie kann zugleich verbergen oder anderes vortäuschen. Lügen ist nur mit Sprache möglich. Sprache macht aber nicht sesshaft, aber die Sesshaftigkeit, so schreibt Reichholf, könnte eine Spätfolge von Entwicklungen sein, die mit dem Auftreten von Sprachen verbunden ist.

Zurück zur Prämisse, Überfluss sei der Anfang von allem gewesen. Für Reichholf muss es in der Zeit vor ca. 12.000 bis 10.000 Jahren Fleisch in Hülle und Fülle im Fruchtbaren Halbmond gegeben haben, also genau zu der Zeit und dort, wo der erste Ackerbau von Getreide nachgewiesen ist. Er stützt sich dabei auf Klimadaten, die eine wildreiche Savanne von der Sahara über die Arabische Halbinsel, dem Euphrat- und Tigris-Gebiet hin in die Gebiete Persien, wo heute Wüsten und Halbwüsten herrschen, nahe legen. Im Gegensatz zur Saga vom freien Jäger zum gebundenen Bauern geht für Reichholf die Domestikation von Haustieren bzw. die Einzäunung und Einpferchung von Tieren dem Getreideanbau voraus. Eingezäunte Tiere, unter welchen provisorischen und einfachen Bedingungen auch immer, waren ein lebendiger Vorrat, deshalb begann man auch, sich um die Tiere zu kümmern. Und sie gewannen eine soziale Dimension. Sie konnten nämlich auch für ein Fest geschlachtet und verzehrt werden. »Am Beginn der Domestikation kann das Festmahl in der größeren Gemeinschaft gestanden haben«, so Reichholf und er verweist auf die heutige noch gängige Praxis von Festbanketts und Geschäftsessen.

Überfluss konstituiert sozialen Zusammenhalt. Ein weiteres festigt ihn: Transzendenz. Deshalb waren Schamanen ebenso bedeutsam für das Überleben einer Gruppe wie die Häuptlinge. Ein wichtiger Unterschied zwischen beiden war, dass das Älterwerden für den Schamanen sprach. Schließlich häufte er mit der Zeit immer mehr Wissen an, über das er allein verfügte, während die Kräfte des Häuptlings langsam nachließen und sich jüngere, kräftigere Männer geeignet für seine Stellung hielten. Für die Praktizierung des Transzendenten stellte die Sprache eine Vorbedingung dar. Mit Sprache ließ sich (Geheim-)Wissen (deshalb auch die wichtige Funktion von Sprache des Verbergens, Verschleierns und Täuschens) anhäufen und weitergeben. Für Schamanen war Sprache Macht.

Für ein weiteres stehen Schamanen: Für den richtigen Gebrauch von Drogen und Rauschmitteln. Wer die Grenzen von Anregung, Euphorie, Halluzination oder gar Tod beim Drogenkonsum kennt und beherrscht, verfügt über geheime Macht. Die am weitesten verbreitete Droge ist Alkohol. Das am weitesten verbreitete alkoholische Getränk ist Bier. Und Bier wird aus Getreide hergestellt, das im Fruchtbaren Halbmond zum ersten Mal angebaut wurde.

Jetzt schließt sich Reichholfs argumentativer Bogen: Drogen, über deren Kenntnisse Schamanen verfügen; Sprache, mit der Schamanen diese Kenntnisse gezielt weitergegeben können; Alkohol in Form von Bier als milde Form der Stimulierung, die zu bestimmten Anlässen allen in der Gemeinschaft gegönnt werden können; Alkoholgenuss in Verbindung mit einem Festmahl zur Stärkung der Gemeinschaft. Getreide wurde nicht angebaut, um daraus schließlich Brot zu backen. Nein, Getreide wurde für die Bierherstellung benötigt, so Reichholfs Clou.

Warum glaube ich der Argumentation Reichholfs? Vor allem überzeugen mich seine Überlegungen, welche Mengen eine kleine Gruppe von Menschen an Getreide benötigt hätte, um zu überleben. Reichholfs Berechnungen zufolge benötigte eine Person ca. drei Kilogramm Getreide pro Tag, eine zehnköpfige Großfamilie also ca. dreißig Kilogramm, das ergibt eine Jahreversorgung um die zehn Tonnen. Wildgetreide wird anfangs aber weder die Menge noch die Qualität gehabt haben, um eine attraktive Alternative zur üblichen Ernährung zu sein. Selbst wenn wir Reichholfs Zahlen nicht glauben und ihm maßlose Übertreibung vorwerfen, wären deutlich geringere Mengen nach wie vor erstaunlich. Hätte sich Reichholf z. B. um neun Tonnen verrechnet hätte, so hätte eine Gruppe von zehn Person nach wie vor eine Tonne Getreide pro Jahr benötigt. Wer sollte solche Mengen gesammelt haben? Und wie und wo? Hätte sich der Aufwand gelohnt? Wo wäre das Getreide gelagert worden? Wie wurde mit der Gefahr umgegangen, Getreide durch Nager, Ungeziefer oder Fäulnis zu verlieren?

Mir erscheint Reichholfs Erklärung aus zweierlei Gründen plausibel: Die Mühe, Getreide zu sammeln, bedarf einer weiteren Dimension als nur den Hunger zu stillen, nämlich eine soziale, kultische oder religiöse. Zum anderen mussten erst die Grundlagen wie Lagerungsmöglichkeiten mit geringsten Verlusten geklärt werden, bevor es zum systematischen Anbau von Getreide hätte kommen können. Mangel hätte Menschen nicht zwingen können, sesshaft zu werden. Reichholf erklärt sehr anschaulich, dass Mangel meistens zur Nischenspezialisierung führt, in den seltensten Fällen zum Wechsel der Gewohnheiten. Getreide war anfangs keine Alternative zur bestehenden Ernährung, sondern wurde für eine soziale und kulturelle Dimension benötigt, nämlich um Bier als Kultgetränk zu produzieren. Die dafür benötigten Mengen waren bescheiden. Ackerbau aber erfordert feste Wohnsitze. Dem Anbau von Getreide, auch und gerade zu Ernährungszwecken, ging die Sesshaftigkeit also voraus. Noch heute finden sich die letzten Nomadenstämme in den kargen Gegenden der Welt. Die Anthropologie tut also gut daran, ihre bisherige Argumentation auf den Kopf zu stellen. Der erste wichtige Schritt ist mit Reichholfs Buch getan.

Reichholf gelingt mit seinem Buch ein intellektueller Parforceritt durch Raum und Zeit. In Seitenargumentationen geht er auf Neandertaler, Klimadaten der letzten 20.000 Jahre, die Rot-Grün-Blindheit, das Einhorn oder die Beringstraße ein. Leichte Kost ist dies nicht, aber stets ein geistvolles Vergnügen. Nun stellt sich die wahrhaft wichtige Frage, ob nicht nur dilettierende Neuzeithistoriker mit Interesse an anthropologischen Fragestellungen wie ich Reichholfs Thesen rezipieren, sondern die Zunft der Anthropologen und Evolutionsbiologen. Und wie lange es dauert, bis dieses Wissen als Allgemeingut anerkannt wird. Mein großer Sohn hat letztes Schuljahr noch die Saga vom freien Jäger zum gebundenen Bauern gelernt. Ich hoffe, meine beiden jüngeren Kinder tun dies nicht mehr. Michael Knoll
 

Josef H. Reichholf
Warum die Menschen
sesshaft wurden

Das größte Rätsel unserer Geschichte
S. Fischer Verlag
320 Seiten, gebunden
€ 19,90
ISBN 978-3-10-062943-2
 

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