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Ein Blick zurück ins heute Dirk Reinartz’ mehr als dreißig Jahre alten New York-Impressionen in schwarzweiß eröffnen einen Blick auf die Stadt, der aktueller kaum sein könnte.
Eine Welt scheint zwischen diesem Foto und der heutigen Leere des Ground Zero zu liegen. Auch wenn sonst nichts in New York für die Ewigkeit gemacht ist – die Türme waren es. Und nicht zufällig steht dieses Bild am Anfang einer Sammlung New Yorker Eindrücke in Schwarzweiß. Es markiert zum einen die Bedeutung der Anschläge des 11. September 2001, zum anderen aber ist es auch der Ausgangspunkt einer Reise weg von den Anschlägen zum Wesen der Stadt. Denn New York ist mehr als Nine-Eleven, WTC und Terror. New York ist Moderne, Vorreiter, Faszination, der american dream in Stein gehauen – größer, schneller, weiter.
Regelrecht zerdacht hatte Reinartz in seinen Arbeiten die gewählten künstlerischen Objekte. Das Dokumentarische war ihm ein Anliegen, das Aufzeigen der Geschichte hinter dem Bild durch das Foto selbst war sein Markenzeichen. Seine (auch persönliche) Konfrontation mit den ehemaligen deutschen Konzentrationslagern, die in dem Band „totenstill“ (Steidl, 1994) mündete, macht dies besonders deutlich. Düster und schwer fing Reinartz die akkurate Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten ein und verdeutlichte so die Last der deutschen Schuld nur eindringlicher. Gerade weil auf keinem der Bilder ein Mensch zu sehen ist, schiebt er die Planung der Nationalsozialisten und die Frage nach dem Schicksal der Millionen in den Vordergrund. 1970 kam er als jüngster Fotoreporter zum Stern und arbeitete dort sieben Jahre, bevor er sich als Fotograf selbständig machte und der Fotoagentur Visum anschloss. Bei Visum fanden sich ehemalige Schüler der Kunsthochschule Folkwang in Essen ein, die ihre Bilder einer gegenseitigen Qualitätskontrolle unterzogen, bevor nur die besten Fotos den Weg in die Redaktionen der großen Journale und Magazine fanden.
In dem nun beim
Steidl-Verlag vorliegenden Bildband sind insgesamt 64 Tafeln versammelt, die
einen faszinierenden Eindruck auf die Seele New Yorks geben und dabei das
New York nach den Anschlägen vom 11. September 2001 immer im Blick behalten.
Es entsteht eine fast wahnwitzige Mischung aus Vergangenheit und
vermeintlicher Gegenwart, Wild-West-Eindrück treffen auf den großstädtischen
Kosmopolitismus. Ob telefonierende Cowboys, Reiterpatrouillien der New
Yorker Polizei, Schlichschuh laufende Rentnerinnen im Central Park, der
leger an der Hauswand lehnende Geschäftsmann oder die bunte Mischung der New
Yorker Bevölkerung – Reinartz hat es schon früh vermocht, das Leben als
solches einzufangen. Doch auch die städtisch wüste Leere in den Vorstädten,
die der Enge und Beklemmung der New Yorker Geschäfts- und Bankenviertel, in
denen gestapelte Wohn- und Arbeitseinheiten die absurde Skyline der Moderne
bilden, so konträr gegenüberstehen, hat Reinartz mit dem Auge des
erkennenden und begreifenden Fotografen eingefangen. Selten wurde dieses
urbane Monstrum New York fassbarer und begreifbarer, als in den hier
versammelten Bildern. In jedem Foto schwingt ein Stück des besonderen New
Yorker Lebensgefühls mit, welches heute noch des Sein und Werden in der
Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten bestimmt. New York, das heißt
mindestens am Puls der Zeit, wenn nicht sogar der Zeit voraus zu sein – und
irgendwie sind selbst die mehr als dreißig Jahre alten Bilder von so
erhabener Moderne und Aktualität, als gäbe es kein Danach. |
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