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Der
Herz-Jesu-Marxist
»Es
geht nicht darum, einen vorhandenen Kuchen zu teilen, sondern einen grösseren
Kuchen zu backen.«
Gregor Keuschnig
über
Reinhard
Marx
»Plädoyer für den Menschen
- Das Kapital«
So manch ein Autor
entdeckt in diesen Tagen des weltökonomischen Zusammenbruchs wieder das »Primat
der Politik« und beginnt, Aufgaben und Ziele politischen Handelns (neu) zu
entwerfen. Diesen Vorwurf des billigen Opportunismus auf Reinhard Marx,
Erzbischof von München und Freising, anzuwenden, wäre allerdings falsch. Marx
ist Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der
Deutschen Bischofskonferenz und seit Jahren ein glühender Verfechter der
Katholischen Soziallehre. Anfang des Jahres war er kurz als Nachfolger von Karl
Kardinal Lehmann für das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im
Gespräch. Mit Bischof Robert Zollitsch wurde dann jemand gewählt, der in
sozialethischen Fragen mit Marx größtenteils übereinstimmen dürfte, in
theologischen Fragen (insbesondere der Ökumene, wie bspw. der
Interzelebration) jedoch
wesentlich offener zu sein scheint als Marx.
Marx setzt sich in seinem
Buch »Das Kapital« (ein eher missglückter, weil zwanghaft origineller Titel, der
zudem missverständlich ist) zunächst ausführlich mit seinem Namensvetter
(irgendwann nervt diese Formulierung) auseinander (nicht nur wegen der
Namensgleichheit und schreibt ihm sogar einen Brief (statt einer
Einleitung). Marx treibt die Frage um: Hat Karl Marx doch recht? Ist der
Kapitalismus ein notwendiges Stadium der Geschichte, durch das die
Industriegesellschaft gehen muss, bevor die Akkumulation des Kapitals und die
Entfremdung der Arbeiterschaft in dem Punkt kulminieren, an dem die Entwicklung
in die kommunistische Revolution umschlägt?
Die von Karl Marx
prognostizierte »Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und
damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes« sieht
Reinhard Marx wohl im grenzen- und vor allem regellosen Kapitalismus der
heutigen Zeit mindestens als Gefahr am Horizont (und zieht damit eine Parallele
zum 19. Jahrhundert). Wird der Lauf der Geschichte Ihnen am Ende also doch
Recht geben, Herr Dr. Marx? Wird der Kapitalismus letztlich doch an sich selbst
zugrunde gehen? ... Ich hoffe das nicht. Marx hält die kruden
geschichtsphilosophischen Thesen inklusive Revolutionsdoktrin von Karl Marx
widerlegt. Und das alternative Modell der Zentralverwaltungswirtschaft im
Sowjetkommunismus jedenfalls ist vollständig gescheitert und habe
letztlich verheerend[e] Folgen für die gesamte Menschheit gehabt. Marx
zitiert Josef Ratzinger aus dem Jahr 2000: Der »real existierende« Sozialismus
habe »ein trauriges Erbe zerstörter Erde und zerstörter Seelen«
hinterlassen mit furchtbare[n] Auswirkungen.
Reform vs. Revolution -
Solidarismus
Reinhard Marx hält Karl Marx in seinem fiktiven Brief Wilhelm Emmanuel von
Ketteler entgegen. Ketteler, der 1850 Bischof von Mainz wurde (man nannte ihn
Arbeiterbischof; Karl Marx hatte ihn abwertend in seinen Schriften erwähnt),
hatte die soziale Frage zu seiner Sache gemacht, die Gründung einer
christlichen Arbeiterbewegung gefördert…Arbeiter zur Selbsthilfe ermuntert, hat
ihnen geraten, sich zu Gewerkschaften zusammenzuschliessen … um … gerechte Lohn-
und Arbeitsbedingungen durchsetzen zu können. Ketteler wurde Begründer der
Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung. Marx wirft Marx – vereinfachend gesagt -
vor, nur theoretisiert zu haben, während Ketteler und einige andere vor Ort und
in den Betrieben handelten und konkrete, sozialpolitische Fortschritte (bessere
Arbeitsbedingungen; höhere Löhne) erreichten. Reform versus Revolution,
sozusagen.
Durch das Vorbild Ketteler ist natürlich Reinhard Marx' Doktrin klar: Der
sozialreformerische Ansatz, den Kapitalismus zu »zähmen« und ihn
durch ordnungspolitische Rahmensetzung zur Sozialen Marktwirtschaft hin
weiterzuentwickeln, war der einzig richtige Weg, und dieser Weg ist auch heute
ohne vernünftige Alternative. Am Schluss des Buches gibt es ein fast
euphorisches Bekenntnis zur Globale[n] Soziale[n] Marktwirtschaft. Ausser
der diffusen Formulierung vom »Dritten Weg«, Solidarismus genannt
(zwischen einem Kapitalismus in Reinform [den es eh nie gegeben hat] und einem
Marktsozialismus [ebenso] – im Zweifel mit der Schlagseite zum
Liberalismus), bleibt dieses Bekenntnis schwammig.
Das sozialpolitische
Engagement von Leuten wie Ketteler, nach dem Zweiten Weltkrieg dann von
grossen liberalen Ökonomen wie Ludwig Erhard, Walter Eucken, Franz Böhm,
Alexander Rüstrow, Wilhelm Röpcke und Alfred Müller-Armack (zu recht beklagt
Marx, dass ausser Erhard diese Namen selbst heutigen Wirtschaftsstudenten kaum
noch ein Begriff sind) sieht Marx als richtungsweisend an.
Nebenbei räumt Marx mit dem dummen Geschwätz vom sogenannten »Neoliberalismus«
auf, in dem er historisch ausführt, dass die »Neoliberalen« exakt das Gegenteil
eines grenzenlosen Kapitalismus propagierten (leicht kann man jetzt die
ahnungslosen Parolendrescher entlarven). Während mit Oswald von Nell-Breuning,
dem Nestor der Katholischen Soziallehre des 20. Jahrhunderts, ein Ahnherr des
Marxschen Denkens eher selten erwähnt wird (fast nur in Nell-Breunings
Auseinandersetzung mit dem Marxismus), kommt der profilierte Sozialethiker
Friedrich Hengsbach (in gewissem Sinne ein Intimus von Nell-Breuning) im Buch
gar nicht vor. Eine Distanz zum jesuitischen Denken des politischen
Katholizismus ist da durchaus spürbar.
Globalisierung von
unten
Wenn man »Das Kapital« genau liest stellt man fest, dass sich Reinhard Marx
von gerne gebrauchten Feindbildern der Antikapitalismusbewegung durchaus
gelegentlich abgrenzt. Zwar empört er sich mit kindlicher Naivität über die
Ungerechtigkeiten in der Welt – als seien diese erst seit gestern bekannt oder
virulent. Und die Sprache, wenn es beispielsweise um Verwerfungen in der
Finanzwelt geht oder um die Armut inmitten unserer Wohlstandgesellschaft,
ist manchmal arg plakativ.
Aber er verteufelt dennoch nicht in Bausch und Bogen das, was man Globalisierung
nennt. Die popuäre[n] Parole[n] der Globalisierungskritiker seien zu
einfach konstatiert er richtig. Marx begrüsst die Möglichkeiten weltweiten
Warenaustauschs ausdrücklich. Er möchte nur ein faires Verfahren sehen,
sozusagen eine Globalisierung von unten, in der der reiche Westen durch
Subventionen nicht nur seine eigenen Märkte schützt (und nur aus Alibigründen
Importzölle senkt oder aussetzt) und dadurch gleichzeitig die Märkte in der
sogenannten Zweiten bzw. Dritten Welt ruiniert. Er beruft sich dabei auf Joseph
Stiglitz, der eine »asymmetrisch[e]« Liberalisierung des Welthandels
verfechtet.
Marx sieht hier die Politiker und Intellektuellen Asiens, Afrikas und
Südamerikas in der Pflicht und prangert Korruption und Despotismus an. Ausser
einer Politik der »Good Governance«, die eine bessere Verteilung
beispielsweise von Entwicklungshilfe gewährleisten soll, fällt ihm aber nicht
viel ein. Da dies, um den Eindruck eines Neokolonialismus zu vermeiden, im
Rahmen der Vereinten Nationen geschehen soll, bleibt er die Erklärung schuldig,
wie bzw. warum ausgerechnet dort, wo die teilweise korrupten und diktatorischen
Regime am Tisch sitzen über Hilfen an sie selbst entschieden werden soll. Er
belässt es letztlich beim Lamento, dass die Staaten der G8 ihrer
Selbstverpflichtungen immer noch nicht entsprochen hätten und beschwört ein
Weltgemeinwohl, verdrängend, wie schwierig so etwas auch nur auf Lokalebene
funktioniert.
In einem schönen Bild zeigt sich Marx' emphatische Sicht auf den globalen
Handel, als er summiert: Es geht nicht darum, einen vorhandenen Kuchen zu
teilen, sondern einen grösseren Kuchen zu backen. Womit er dann allerdings
über einen kleinen Umweg wieder im profanen Wachstumsdiskurs angekommen ist.
Leerstelle
Befreiungstheologie
Und immer hebt Marx die päpstlichen Enzykliken, speziell von Johannes Paul
II. hervor, präsentiert griffige Zitate mit teilweise vehementer
Kapitalismuskritik, die das Unrecht auf der Welt anprangern und sich für mehr
Menschenwürde einsetzen. Der Mensch sei Zweck an sich, meint Marx, der
den Bogen von der Aufklärung zum (aufgeklärten) Christentum spannen möchte.
Leider verstummt er, wenn es von den Sonntagsreden in die Praxis kommen soll. So
erwähnt Marx von der
Befreiungstheologie nichts (ein
grosses Thema innerhalb der Kirche in den 70er und 80er Jahren). Weder findet
man das Stichwort noch eine prominente Person auch nur einmal erwähnt. Die
Leerstelle bei Marx hat wohl ideologische und theologische Gründe, aber die
Versuche speziell südamerikanischer Theologen, sich konkret für die Armen
einzusetzen, müsste in einem solchen Buch wenigstens besprochen werden, um sich
nicht dem Vorwurf mangelnder intellektueller Redlichkeit auszusetzen.
Man ist ja schon dankbar,
dass mit den vielen, inzwischen so gängigen (meist wohlfeilen Parolen) hier und
da dann doch noch eine Differenzierung vorgenommen wird. Etwa wenn es – wie
üblich – heisst, dass Kinder von sozial schwächeren Schichten schlechtere
Chancen in unserem Bildungssystem hätten. Nachdem er zunächst den Gemeinplatz
des Zusammenhangs zwischen materielle[r] Armut und Bildungsarmut
deklamiert, stellt er dann eine Seite weiter fest, dass nicht primär das
Einkommen, sondern das Bildungsniveau der Eltern entscheidend für den
weiteren Bildungsweg der Kinder sei. Ein Elternhaus, in dem Bildung und Wissen
keinen grossen Stellenwert geniesst, dürfte in der Regel für die Kinder auch ein
entsprechendes Vorbild abgeben. Seine Programmatik, wie dies zu beseitigen ist,
bleibt jedoch eher bescheiden, zumal er am Prinzip der Erziehungskompetenz
der Eltern nicht rütteln will und den Staat nur ausnahmsweise in der Pflicht
sieht. Marx operiert mit dem Schlagwort der Hilfe zur Selbsthilfe, wenn
es darum geht, Eltern zu unterstützen, ihren ureigensten Aufgaben gerecht
zu werden. Wie diese konkret aussehen soll, sagt er nicht.
Den Kernpunkt des
menschenwürdigen Lebens (dieser Terminus wird als oberste Maxime postuliert)
sieht Marx im Menschenrecht auf Arbeit, welches er am liebsten im
Grundgesetz festgeschrieben haben möchte. Seine Diagnose der praktisch seit
Jahrzehnten zunehmenden Sockelarbeitslosigkeit ist allerdings ungenau. Zwar
stellt er richtig fest, dass die Hilfsarbeitertätigkeiten, die in den 50er und
60er Jahren auch wie es heute so schön heisst »bildungsfernen« Schichten ein
Auskommen in einem Unternehmen ermöglichten, praktisch verschwunden sind. Indem
er jedoch arg pauschal hier Globalisierungseffekte ins Feld führt, greift er zu
kurz. Der Hauptgrund liegt in der seit Ende der 60er Jahre fortschreitenden
Automatisierung, die letztlich alle Bereiche des produzierenden Gewerbes
erreichte und zu umfassenden Arbeitsplatzeinsparungen führte. Erst in den 90er
Jahren griff dann das, was als Globalisierung bezeichnet wird und grosse Teile
der noch notwendigen und nicht automatisierbaren Hand- und Hilfsarbeiten wurden
in Billiglohnländer verlagert. Dieser Effekt wird jedoch weitgehend überschätzt.
Bildung und Arbeit
Vier Gründe nennt Marx, warum Bildung ein »Grundnahrungsmittel«
sei. Diese Gründe lassen sich fast ohne Abstriche auf sein so emphatisch
beschworenes Recht auf Arbeit transformieren. Beides dient der individuellen,
religiösen und – vor allem – sozialen Entfaltung. Den finanziellen Aspekt (die
ökonomische Entfaltung) nennt er bewusst erst an letzter Stelle. Für ihn
sind Bildung und Arbeit vor allem soziale Akte, in dem das einzelne Individuum
sich selbst in eine Gemeinschaft integrieren kann, denn wir sind soziale
Wesen und brauchen ein Gegenüber.
Das ist tatsächlich ein wichtiger Aspekt, der häufig übersehen wird. Aber wie er
das mit seiner recht burschikosen (freilich an [karl-]marxistischer Diktion
orientierten) Ablehnung jeglicher Art von »Kollektiv« zusammenbringt, sagt er
nicht. Stattdessen fordert er basierend auf das christliche Menschenbild
eine Synthese zwischen Individualismus und Gemeinschaft, denn der Mensch sei
sowohl eigenverantwortliches Individuum als auch mit seinen Mitmenschen
solidarisch verbundener Teil der Gesellschaft. Wie diese Abgrenzung zwischen
»Gemeinschaft« (einer sozialen Entität) und »Kollektiv« (in dem er die Abkehr
des freien Individuums hin zu einer amorphen Masse sieht) funktionieren soll und
wo es welcher Eingriffe bedarf, führt Marx nicht schlüssig aus, was schade ist,
denn wer hier konzise Konzepte vorlegen kann, dürfte den Schlüssel für die
moderne Gesellschaftsform des 21. Jahrhunderts in der Hand halten.
Eindrücklich tritt Marx
für ein Umdenken im Bereich der staatlichen Sozialpolitik ein und grenzt
sich damit nicht nur durch die christliche Prägung, die wie ein roter Faden das
Buch durchzieht, von der Linken deutlich ab. Die lange Zeit gepflegte
Verengung des Verständnisses von Sozialpolitik auf Verteilungspolitik muss
revidiert werden. Laut Marx degradiert eine sich bloß auf Umverteilung
konzentrierende Sozialpolitik die Menschen, denen geholfen werden muss, zu rein
passiven Empfängern staatlicher Leistungen. Damit sieht Marx die Würde und
die wirklichen Bedürfnisse der Menschen nicht genügend berücksichtigt.
Sehr zu recht weist er darauf hin, dass Arbeitslose nicht nur an dem
Einkommensverlust leiden, sondern auch an dem Verlust eines sinnvollen
Tätigseins und an dem Verlust sozialer Kontakte. Mit der blossen Zahlung des
Arbeitslosengeldes sei dies nicht zu beheben. Daher steht er auch dem
Grundeinkommen »ohne Arbeit« mehr als skeptisch gegenüber.
Hübsche, unverbindliche
Formulierungen
Marx will die finanziellen Sozialleistungen keinesfalls abschaffen, aber er
sieht die Rolle des Staates zu sehr hierauf fokussiert. Er nennt den Zustand des
Arbeitslosen Unfreiheit, was deutlicher wird, wenn man seine vorherigen
Äusserungen über die Freiheit (wiederum stark christlich geprägt)
berücksichtigt. Marx' »Konzept« soll hier exemplarisch für die Harmlosigkeit der
Problemlösungen, wie sie in diesem Buch gegeben werden, vorgestellt werden. Er
beruft sich auf die Initiative »Aktion Arbeit« von Hermann-Josef Spital,
Marx' Vorgänger im Amt des Bischofs von Trier. Drei Punkte werden aus dem Papier
von 1983 (!) im Buch skizziert:
1. Wo reelle Chancen
bestehen, steht auch nach unserem Vorschlag die Vermittlung in nicht geförderte
Stellen (Erster Arbeitsmarkt) im Vordergrund. Wo keine staatliche Einflussnahme
erforderlich ist, sollte sie auch nicht stattfinden.
2. Bei Menschen, die beim
Übergang von der Arbeitslosigkeit in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis
Schwierigkeiten haben, soll über einen Zweiten Arbeitsmarkt mit Vermittlungs-
bzw. Qualifizierungsmaßnahmen, die Marktfähigkeit kurzfristig wiederhergestellt
werden.
3. Langzeitarbeitslose
ohne absehbare Vermittlungsaussichten sollen nicht mehr aus dem Arbeitsleben
ausgegrenzt werden. Ihnen gegenüber ist der Staat moralisch verpflichtet, durch
einen öffentlich unterstützten Dritten Arbeitsmarkt eine dauerhafte Teilhabe am
Arbeitsleben zu ermöglichen.
Das sind hübsch
formulierte Bekenntnisse – mehr jedoch leider nicht. Der Dritte Arbeitsmarkt
ist wohl eine Mischung zwischen Kombilohnmodell und einem staatlichen
Arbeitsplatzprogramm, welches sozusagen beschäftigungstherapeutisch wirken soll
und vermutlich die ganze Spannbreite zwischen beschützenden Werkstätten und
Übungsfirmen beinhaltet.
An anderer Stelle betont Marx die Wichtigkeit der Errungenschaft der
Tarifautonomie, hat dann aber nichts dagegen, auch für Mindestlöhne zu sein,
obwohl es an der Substanz der Marktwirtschaft zehren würde, wenn…der
Staat Löhne festlegen würde. Was denn nun?
Lob der Familie
Marx ist durchaus ehrgeizig. Er möchte so etwas wie eine »neue Sozialpolitik«
kreieren. In diesem Zusammenhang setzt er sich mit grosser Verve für die Familie
ein (Familiengerechtigkeit). Er hält sie für eine enorm wichtige
Wertegemeinschaft und konstatiert, dass alle totalitären Ideologien des 20.
Jahrhunderts…sich gegen die Familie gewendet haben und andere Gemeinschaften,
das Proletariat oder die Volksgemeinschaft, zur alleinigen Größe erklärten
(die Kirchen sieht er hier in der Gegenposition). Die Argumentation ist
dahingehend interessant, weil Marx damit einen Zusammenhang zwischen
Familienpolitik und demokratischer Gesinnung zumindest suggeriert.
Wesentlicher Bestandteil der Familie sind natürlich Kinder und hier stimmt Marx
in das Lied der kinderfeindlichen Gesellschaft ein und macht sie als
entscheidende Ursache für die schlechte Geburtenzahl in Deutschland aus. In dem
er seitenlang vorher die fortschreitende Ökonomisierung der Gesellschaft
angeprangert hat (und sich energisch beispielsweise für den freien Sonntag
einsetzt) und anfangs schreibt, dass sich Familienpolitik auch nicht als
bloße Umverteilungspolitik zeigen darf, so plädiert er am Ende des Kapitels
dann doch dafür, in die Familie zu investieren, den
Gerechtigkeitsabgrund in der Benachteiligung von Familien zu beseitigen
(ohne genau zu sagen, worin dieser bestünde) und somit für das eintritt, was
alle phantasiearmen Sozialpolitiker immer zuerst fordern: mehr Geld bzw.,
freundlicher ausgedrückt (abermals), für Hilfe zur Selbsthilfe denn
Familienpolitik ist wie Bildungspolitik vorausschauende Sozialpolitik
(deutliche Parallelen zu Di Fabio).
In Anbetracht der Tatsache, dass einerseits vollste Flexibilität von
Arbeitnehmern verlangt wird und andererseits das Gros der
Beschäftigungsverhältnisse in kleinen und mittleren Unternehmen existieren, die
kaum Möglichkeiten für Kinderbetreuungseinrichtungen oder andere
Firmensozialleistungen anbieten können, muten solche altbekannten Aufrufe lau
an. Da hilft es dann auch nichts, wenn Marx plötzlich Paul Kirchhoff als
Kronzeugen für eine familiengerecht[ere] Arbeitswelt hervorholt.
Cocktail aus Allgemeinplätzen
Kleinigkeiten im Buch sind falsch oder einseitig. Etwa, wenn er »Grundig« als
Globalisierungsopfer darstellt. In Wirklichkeit waren es gravierende
unternehmerische Fehlentscheidungen, die bereits Anfang der 80er Jahre das
Traditionsunternehmen in Probleme stürzte. Ein andermal verrechnet er sich, als
es um die Rendite eines üblen Schuldenaufkauf-Fonds geht. Und wenn er als
Beispiel für die Macht des Verbrauchers der Industrie gegenüber geht,
ausgerechnet als Beispiel »Brent Spar« für die Effizienz des medialen
Pranger[s] heranzuziehen, zeugt von einer gewissen Desinformation. Über all
dies könnte man hinwegsehen, wenn es nicht die grossen Leerstellen gäbe.
Marx' Buch hat in der Öffentlichkeit grosse Zustimmung gefunden. Das liegt
vermutlich daran, dass er diagnostisch das inzwischen Mainstream gewordene Lied
der pauschalisierten Armutsrepublik herunterleiert, dabei fast alle
wohlklingenden sozialromantischen Wunschträume repetiert, diese mit einer
kleinen Prise christlich-jesuitischer Prinzipienstrenge würzt und den Lesern
einen kathartischen Cocktail präsentiert, mit dem man wunderbar auf jeder
Geburtstagsparty, Weihnachtsfeier oder sogar Fernsehtalkshow als
sozialpolitisches Gewissen reüssieren kann und ganz schnell »everybody's darling«
wird.
Natürlich bedarf es einerseits eines tiefgreifenden Bewusstseinswandels in
Politik und Wirtschaft, aber auch der Gesellschaft und andererseits, parallel,
auch finanzieller Unterstützung in bestimmten, vernachlässigten Bereichen. Das
ist alles mehr oder weniger bekannt. Marx' Verdienst ist es, nicht
ausschliesslich mit den üblichen Affekten zu argumentieren, sondern oftmals eine
diversifizierte Diagnose abzugeben. Das war es aber dann auch schon.
Das Pochen auf das Gebot der sozialen Gerechtigkeit, ein Plädoyer für die
Radikalität der Bergpredigt und deren zivilisatorische Substanz, das
Beschwören der Gerechtigkeits-Tradition der Kirche, der Wunsch nach einem
neuen Gesellschaftsvertrag, »Stakeholder«-Ansatz
statt Shareholder Value, Begriffe wie Gemeinwohlgerechtigkeit, oder
Vitalpolitik oder solidarische Marktordnung - Forderungen und
Formulierungen von possierlicher Harmlosigkeit, gerade noch gut für das
Poesiealbum des guten Gewissens.
Herz-Jesu-Marxist
nennt sich Marx selber ein paar Mal selbstironisch. Dabei will er doch zur
Diskussion anregen und eine Grundsatzdebatte – um des Menschens willen
anstossen. Hierfür reichen aber die verbalen Muskelspiele, die oft genug
bestenfalls Appellcharakter haben, bei weitem nicht aus. Und so lässt das Buch
den kritischen Leser mürrisch und verkatert zurück. Gregor Keuschnig
Die kursiv gedruckten
Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
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Begleitschreiben
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Reinhard Marx
Das Kapital
Ein Plädoyer für den Menschen
Pattloch Verlag
320 Seiten
19,95 €
978-3-629-02155-7
Leseprobe
Das
Gespenst lebt
Karl Marx ist wieder da und in aller Munde
Die Moral des
Kapitals ...
»Wir ziehen die
Nebelkappe tief über Aug’ und Ohr, um die Existenz der Ungeheuer
wegleugnen zu können.«
Marx
ist Marx ist Marx
Francis Wheen erklärt das unbekannte
Meisterwerk
»Das Kapital«
»Marx' Irrtümer und
unerfüllte Prophezeiungen in Sachen Kapitalismus verblassen zur Bedeutungslosigkeit gegenüber der chirurgischen Präzision, mit der er die Natur
der Bestie bloßgelegt hat. (...) Weit davon entfernt, unter den Trümmern der
Berliner Mauer begraben zu sein, tritt Marx vielleicht erst jetzt in seiner
wahren Bedeutung ins Licht. Er könnte durchaus noch zum einflussreichsten Denker
des 21. Jahrhunderts werden.«
Marx & Engels
in Zitaten:
Zur Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie.
»Deutsch-Französische Jahrbücher«, Paris 1844
Ökonomisch-philosophische Manuskripte
aus dem Jahr 1844
Die heilige Familie oder Kritik der kritischen
Kritik
Gegen Bruno Bauer und Konsorten, 1845
Die deutsche Ideologie
Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten
Feuerbach, B. Bauer und Stirner und des deutschen Sozialismus in seinen
verschiedenen Propheten 1845-1846
Das Elend der Philosophie,
1846/1847
Antwort auf Proudhons »Philosophie des Elends«
Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon
Geschrieben Dezember 1851 bis März 1852
Das Kapital.
Erster Band
Kritik der politischen Ökonomie, 1867
Manifest der Kommunistischen Partei
Deutsche Ausgabe 1872
Karl Marx - Friedrich Engels
Artikel und Korrespondenzen
1842-1883 |