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Glanz@Elend |
Blutige Ernte
-Krimis, Thriller & Agenten |
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Die
Zahl abscheulicher Gestalten in Leben und Literatur ist Legion. Wie würden die
großen Erzählungen der Weltliteratur ohne dieses Personal des Schreckens
funktionieren? Dramen werden durch Helden spannend, deren Kampf im Dienste
echter Katharsis lachhaft wäre, wenn nicht das Böse seine reale Chance hätte.
Die Anforderungen an das böse Profil haben sich mit dem jeweiligen Selbstbild
der Gesellschaft allerdings verändert. Die Zeiten sind vorbei, als Karl Moor
noch mit ein paar Kraftausdrücken und rebellischem Gestus den veristischen
Schrecken auf der Bühne für´s staunende Publikum garantierte. Jetzt geht es um
einen akrobatisch tänzelnden 500-Pfund-Lustkiller mit »Schraubstockfingern«,
dessen ganzes Sinnen und Trachten darin besteht, seine kannibalischen
Gewaltphantasien ohne die Zensur der Wirklichkeit umzusetzen. Was Daniel Edward
Flowers »Chaingang« Bunkowski zuvor als Ein-Mann-Killer-Kommando mit dem
Vietkong veranstaltete, führt dieser Fleischklops der Nemesis nun mit
willkürlich gesuchten Opfern in den Katakomben der Städte auf. »Chaingang«
Bunkowski
ist Programm: Töten ist herrlich sinnlos, der Zweck heiligt nichts, die Mittel
sind der Zweck. It´s Splattertime, es spritzt, es schießt, es sprüht so
gnadenlos rot auf unserem inneren Monitor wie auf dem Trash-Cover der gelungenen
Neuübersetzung von »Slob«.
Es gibt inzwischen so
viele cineastische Widerlinge, dass man sie unmöglich alle lieben kann. In jedem
Marvel- oder DC-Comix verfügt der Held über eine ganze Corona dieser
durchgeknallten Erzwidersacher. Wie anders sollte er auch strahlen, wenn es
keinen Lex Luthor oder Mister Mxyzptlk gäbe? Inzwischen wurde das diabolische
Schema von Sin City oder, biblisch gesprochen, Sodom und Gomorrha, in diversen
Varianten moralischer Freizügigkeit mächtig durcheinander gewirbelt. In der
Fundamentaldjangologie des Italo-Westerns gab es prinzipiell nur eine
Gesellschaft von Bösen, was uns Partei für das relativ Gute im Morast der
Verhältnisse ergreifen lässt, wenn wir uns nicht endlich zum letzten Schritt
durchringen. Auf der nach oben offenen Skala der Widerwärtigkeiten und
Bosheitsexzesse kämpfen Regisseure und Autoren seit längerem um Aufmerksamkeit
für ihre monströsen Entwürfe. In Tarantinos
»Pulp
Fiction«
entwickelte Gangsterboss Marsellus Wallace neue Maßstäbe: Nachdem ihn Boxer
Butch aus misslicher Stellung befreit hat, verordnet Wallace gegenüber seinem
Vergewaltiger die Vollstreckung:
»I'ma
call a coupla hard, pipe-hittin' niggers, who'll go to work on the homes here
with a pair of pliers and a blow torch... I'ma get medieval on your ass.«
Miller produziert eine Projektionsfläche, die mit hässlichen, verdrängten
Bildern und einer vermutlich mimetisch genauen Beobachtung dem Koloss die
passenden sprachlichen Ungetüme in den Mund legt. Die Übersetzung dieser Rülps-
und Kotzsprache lässt einen tief in die Slang-Wirklichkeit eintauchen, die eben
nie in der Diktion des Polizeiberichts und auch nicht in der Sprache des
lüsternen Boulevards wiederzugeben ist. Vermutlich wäre die passendere deutsche
Betitelung des Romans »Drecksack« und nicht »Fettsack« gewesen. So eröffnet „slob«
im Englischen einige leitmotivisch hilfreiche Konnotationen, ein Fettsack ist im
Deutschen indes eher ein Gemütlichkeitsprodukt und das ist der gute böse
Chaingang nun ganz und gar nicht. »Durch langsame Martern will ich in seinem
Gesichte jeden ähnlichen Zug, den es von dir hat, sich verstellen, verzerren und
verschwinden sehen. Ich will mit begieriger Hand Glied von Glied, Ader von Ader,
Nerve von Nerve lösen und das Kleinste derselben auch da noch nicht aufhören zu
schneiden und zu brennen, wenn es schon nichts mehr sein wird als ein
empfindungsloses Aas.« Das sind harte Sprüche eines Kettensägenmörders.
Mitnichten, diese Cut-up-Semantik stammt nicht von Chaingang, sondern von der
Dame Marwood in Lessings Trauerspiel »Miss Sara Sampson«. Nicht nur für
Gattungsfetischisten wird also klar, dass »Splatterpunk«
avant la lettre auch bei
vordergründig unverdächtigen Klassikern, Aufklärern ein unentbehrlicher
Spannungsverstärker war, von der (schwarzen) Romantik und ihrer
Gewaltbereitschaft zu schweigen. »The Most
Lamentable Roman Tragedy of Titus Andronicus« von William Shakespeare und
ähnliche Texte belegen, dass sich die Zivilisation nur erträgt, wenn sie,
paradox gesprochen, unerträglich wird. Der Mensch kann dem Mythos des
Zivilisationsprozesses nur folgen, wenn ihm ausreichende Projektionsfluchten
geboten werden, die dann »alter egos« wie Chaingang bevölkern und in denen sich
der zivilisationsstrapazierte Mensch in teuflischen Phantasien suhlen darf.
Diese schon von Euripides in seinem posthum preisgekrönten Werk »Die Bakchen«
(Bacchantinnen) aufscheinende Katharsis-Theorie klärt uns über den Blutrausch
aber nicht vollständig auf: »..,voll Durst nach dem Blut des getöteten Böckleins, voll
Gier, sich zu laben an rohem Fleisch.« Fatal an solchen Projektionen bleibt ihr
»dual use« zwischen Katharsis und medialer Aufheizung für den Ernstfall. Unsere
Pädagogen verfehlen zumeist diese hochambivalente »Drecksack«-Theorie, weil sie
nicht verstehen können, dass die Wiedergänger des ausgetriebenen Schreckens
nicht durch einsinnige Theorien botmäßig gemacht werden können. Der Kannibale
von Rothenburg ist real, so irreal die seinerzeit handelnden Figuren in ihrem
bizarren Todesspiel selbst noch in ihrer journalistischen und judikativen
Aufbereitung erschienen. Peter Gay konstatierte in seiner Untersuchung »Kult der
Gewalt«, dass längst noch keine zufrieden stellende Theorie der Aggression
vorliegt, was daran liegen mag, dass zahlreiche Phänomene der Gewalt keinem
Generalnenner folgen. In der vietnamesischen Wildnis oder im Asphaltdschungel unwirtlicher Städte sind die Konditionen für lustvoll mordende Bestien wie Chaingang ziemlich ähnlich, so wenig eine Gesellschaft hier für erträglich hält, was sie dort für geboten ansieht. Gegenüber der Maschine des Staates, die ihre Menschenopfer in Kriegen legitimiert, sind die ausrastenden Maniacs freilich eine unwichtige Größe: »DANTON. Du hast recht – man arbeitet heutzutag alles in Menschenfleisch. Das ist der Fluch unserer Zeit. Mein Leib wird jetzt auch verbraucht.« Georg Büchner wusste, dass »das, was in uns lügt, mordet, stiehlt« nicht leicht auf einen einsinnigen Begriff zu treiben ist, aber sich an allen Orten gesellschaftlicher Wirklichkeit zeigt. Der Horror, der zuvor in die Fremde exportiert wurde, um vorgeblich Wilde von der Zivilisation zu überzeugen, kehrt in Gestalt des Kettenkillers nun an seinen soziopathischen Ursprung zurück. In der Stadt trifft Chaingang auf eine andere, zivilisierte Bestie, den Seniorchef einer Chicagoer Anwaltskanzlei. Dieses Raubtier hat sich auf White-Collar-Kannibalismus spezialisiert, jene sattsam bekannten Bestechungs-, Korruptions-, Bemächtigungsgeschichten, die die Demokratie verhöhnen und auch in finsteren Tiefen stattfinden. Chaingang und der von ihm geschlachtete Machtwiderling »Winslow Charles Maitland II« sind untergründig Komplizen einer widerwärtigen Zivilisation, die Rex Miller in ihrer Begegnung kurzschließt, um die moralische Irritation auf die Spitze zu treiben. Wie sich der amerikanische Traum jenseits von Obama Jesus Superstar gestaltet, wissen wir nicht nur aus allfälligen Massakern, Kriegsexporten nach Vietnam, Afghanistan oder Irak und gewaltberauschten Medien. Das Popcorn-Kino der etwas härteren Gangart mit seinen zahllosen »die hard«-Serien ist die größte Wiederaufbereitungsanlage für alle verfemten Triebe und Hässlichkeiten. Die Perversität besteht nicht in Texten wie dem vorliegenden, in denen die Dinge so präzise wie hässlich artikuliert werden, sondern im Mainstream, der uns mit dem Schrecken in billiger Weise versöhnen will. Künstlerisch plausibler ist in Millers literarisch aufgestacheltem Entwurf auch die Vexierqualität, das jederzeitige Umklappen von Horror in groteske Szenarien, die uns wieder in Erinnerung rufen, dass noch der bizarrste Schrecken seinen Anfang im virtuellen Horror und Goyas Monstern aus der Tiefe findet, die in vielen Bettkästen hausen. Der Schrecken findet bei evolutionär geschulten Wesen, die viele Monster überwunden haben, den besten Kollaborateur immer in der Imagination. Auf dem Weg der Rebestialisierung der Menschheit sind wir mit »slob« ein gutes Stück weitergekommen, weil er das urbane Schreckgespenst, das seit der Nichtentdeckung »Jack the Rippers« die Städte im eigentlichen, emphatischen Sinne so unwirtlich macht, nun surreal überbietet.
Vor
diesem Hintergrund ist Millers Werk ein Kommentar, der mit seinem
literarisch-lustvollen Überbietungsrausch das Alibi des wahren Schreckens
verspottet: »Die wahren Killer werden selten in der Unterhaltungsliteratur
porträtiert.« Das ist ein weiterer ironischer Hinweis Millers, den wir als
Eingeständnis des literarisch inszenierten Daseins von Bunkowski Chaingang
auffassen dürfen. Die biografischen Hintergründe der Serienkiller,
psychologische und andere Spekulationen, erschöpfen nicht die letztgültige
Tiefenerkenntnis solcher Figuren. Schlimme Kindheit, traumatische Erfahrungen
und ähnliche Hilfsmuster der Erklärung geben uns keine Erklärung, warum nicht
alle malträtierten Kinder Massenmörder werden. Der psychologischen Ausdeutung
seines Antihelden misstraut Rex Miller und das macht den Roman und seine
Brute-Force-Lustbarkeiten bei oberflächlicher Lektüre »trashverdächtig«. Doch
der wahre Trash sind diese psychologischen Erkenntnisse aus dem Reader´s Digest
für primitive Triebökonomien, die den blinden Flecken solcher vermeintlichen
Irrläufer der Zivilisation jederzeit für ausdeutbar halten. Millers Monster ist
dagegen so unerklärlich wie die Weltkonstruktion und ihre ubiquitären
Katastrophen selbst. Miller konstruiert seinen Killer folgerichtig als irreale
Figur, die den Profilern des FBI immer entgehen würde, weil er gerade keine
echten Marotten hat. Dieser Killer ist in der sarkastischen Brechung der wahre
Demokrat, denn ihm sind alle Opfer gleich viel wert. Chaingang ist ein böser
Vektor der Evolution. Wie der Ermittler Jack Eichord, selbst alles andere als
eine einsinnige Cop-Figur, Chaingang in der Kanalisation zur Räson bringt,
präsentiert eine weitere abgründige Variante der perversen Verwobenheit von
rührenden Gefühlen und Entmenschung. Es sind diese Konditionen der Ambivalenz
des Menschentiers, die den Aufenthalt in Zivilisationen zum unfreiwilligen
Abenteuer machen. Wenn Ihnen also Bunkowski Chaingang nicht nur literarisch
begegnen sollte, ist es ohnehin zu spät… |
Rex Miller |
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Glanz@Elend
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