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Zwischen Illusion und Wirklichkeit

Die Fotografien der französischen Künstlerin Bettina Rheims beherrschen das kaiserliche Postfuhramt in Berlin.
»Can you find happiness?« lautet der fragende Titel der Ausstellung mit Bildern rund um die weibliche Sexualität.


Bettina Rheims ist die derzeit wohl bekannteste und gefragteste Fotografin. Seit Helmut Newtons Tod zählt sie neben Robert Mapplethorp zu den letzten großen Autoritäten der erotischen Fotografie. Ihr gelingt es in einzigartiger Manier, ihre Modelle in Szene zu setzen. Perfekte Linien und opulente Farben, reiche Dekoration und die Liebe zum Detail in ihren Bildern machen deutlich, dass sie ihr Sujet meisterlich beherrscht. Die Resultate ihrer Arbeit tragen eine unfassbare Natürlichkeit in sich, doch nichts sind sie weniger, als das. Bettina Rheims durchdenkt ihre Inszenierungen bis ins kleinste Detail. Sie ist die Ingenieurin und Regisseurin ihrer eigenen Bilder, konstruiert Fiktion als Realität und täuscht so den flüchtigen Betrachter, der meint, eine Fotografie im klassischen Sinne zu betrachten.

Bettina Rheims sprengt den Rahmen, in dem die Fotografie ihren Platz zugeordnet bekommt. Die Fotografie galt in erster Linier der Abbildung augenblicklicher Realitäten, der Dokumentation, der Momentaufnahme. Doch Rheims’ Bildkunst ist nicht dem Augenblick verpflichtet, sondern strebt zur Zukunft. Ihre Bilder sind nur Ausgangspunkt möglicher Handlungen, die der Betrachter nahezu zwangsweise imaginiert.

Ehe sie durch ihr Objektiv schaut, hat sie bereits die Arbeit einer Wissenschaftlerin hinter sich und Bezüge zu anderen Referenzmedien hergestellt. Die Lichtverhältnisse im Raum, die Ausstattung ihrer Szene, die richtige Wahl eines bestimmten Modells, die Schminke, der Schmuck, Mimik und Haltung – das alles bedenkt die 56-jährige Französin, bevor sie zur Tat schreitet und die ersten Probeaufnahmen vornimmt. Letztlich weiß nur sie selbst, wie oft sie während ihrer zuweilen spektakulären Sessions den Auslöser drückt, bis es „Klick“ macht und wieder eines ihrer geschaffenen Kunstwerke im Kasten ist.

„Ich gehe von einer Referenz aus, Buñuel, Hitchcock, ziemlich einfache Sachen, die jeder verstehen kann, Schlüssel, die jeder hat.“ Insbesondere die Malerei dient ihr immer wieder als Vorbild („Mein Leben ist nicht von der Malerei zu trennen“). Es sind die zahlreichen kunsthistorischen, theatralischen, cineastischen und literarischen Einflüsse und Anspielungen, die ihre Bilder prägen. Das Resultat sind schließlich erstklassige sinnliche und sinnenhafte Fotografien, denen Mühe und Aufwand kaum mehr anzusehen sind.

Welche Vielfalt die Arbeiten von Bettina Rheims besitzt, belegt die momentane Ausstellung „Can you find happiness?“ in der C/O-Galerie in Berlin. Zum ersten Mal wurden hier neben die künstlerisch motivierten Fotografien mediale Auftragsarbeiten gestellt. Eine Vielzahl an Titelseiten der renommiertesten Zeitschriften und Magazine weltweit (im Ausstellungskatalog sind allein drei Doppelseiten mit insgesamt 150 Magazintiteln gefüllt) wie auch Werbeclips belegen den Arbeitseifer der Französin, der auch vor dem kommerziellen Sektor nicht stoppt. Diese Arbeiten sind eingebettet in eine faszinierende Auswahl ihrer bisherigen Fotografiekunst aus den verschiedenen Serien der vergangenen Jahre. Insgesamt 95 Fotografien aus acht Werkzyklen, wobei die Sammlung „Pourquoi tu m’as abandonné?“ den Schwerpunkt bildet, aber auch Bilder aus „Chambre Close“, „Héroines“, „Shanghai“ oder der religiösen „I.N.R.I“-Serie zu sehen sind. Die Bilder von drei Serien sind in Berlin nun zum ersten Mal zu sehen. „Can you find happiness?“ ist daher nicht nur eine Retrospektive von Bettina Rheims’ Fotografien, sondern dokumentiert auch ihre aktuellen Arbeiten und verortet ihr künstlerisches Tun in einer Zeit, in der Kunst zur Ware und weltweiten Währung geworden ist.

Bettina Rheims hat in ihren Bildern vorwiegend Frauen in Szene gesetzt. Einzig unter den Titelbildern tauchen einige weniger Männer auf, vorwiegend die französische Politprominenz in Form des derzeitigen Präsidenten Nicolas Sarkozy und seines Vorgängers Jacques Chirac. Bettina Rheims besitzt jedoch die beneidenswerte Eigenschaft, auch berühmte Frauen vor ihr Objektiv zu bringen. Geradezu cineastisch fängt sie die Anziehungskraft von Monica Belucci, Caterine Deneuve, Salma Hayek, Milla Jovovitch, Madonna, Kate Moss, Claudia Schiffer, Sharon Stone oder Reese Witherspoon ein.

Rheims Arbeit ist von dem Thema der weiblichen Sexualität geprägt. „Ich wusste sehr schnell, dass Frauen mein Thema sind. Frauen, die sich ausziehen. Ich war an ihren Geschichten, ihren Beziehungen, ihrem Sex und ihrer Weiblichkeit interessiert. Ich habe den Körper der Frauen immer geliebt: Er ist wie eine Landkarte von imaginären Ländern.“, sagte sie dem Berliner Tagesspiegel. Seit sie mit dem Ablichten von Pariser Amateur-Stripperinnen in Schwarz-Weiß angefangen hat, lässt sie das Thema nicht mehr los. Wo fängt Sexualität an, wo hört sie auf? Was ist Erotik, was Pornografie? Was verführerisch, was schlüpfrig, was lasziv und was schockierend? Das sind nur einige der großen Fragen, die sie in ihrer fotografischen Arbeit begleiten und deren Fragezeichen über jedem ihrer Bilder zu schweben scheinen. In „Can you find happiness?“ kann man einen Eindruck erhalten, wie lange und intensiv sich Rheims bereits mit den Fragen rund um die weibliche Sexualität beschäftigt hat.

„Mein Blick auf Frauen ist nicht voyeuristisch und nicht männlich. Es sind übrigens vor allem Frauen, die meine Bilder mögen. Vermutlich, weil auf ihnen das Sexuelle verbunden ist mit Vergnügen und nicht mit Schmerz wie sonst oft in der Kunst.“ Das unterscheidet sie von Helmut Newton, dessen Bilder den Eindruck erwecken, die Modelle würden heimlich fotografiert werden. Aus den Fotografien von Bettina Rheims blicken den Betrachter stolze Augen an, kokettieren mit ihm, provozieren ihn.

Der gelungene Ausstellungskatalog ist bei Schirmer/Mosel erschienen. Allerdings, und da geht es der gleichnamigen Zusammenstellung in Buchform nicht anders, als jedem anderen Werksverzeichnis, kann er doch nicht die besondere Atmosphäre des alten Postfuhramts einfangen. Die makellosen Fotografien stellen an den vom Zahn der Zeit gezeichneten Wänden einen weiteren Kontrast zwischen Wirklichkeit und Fiktion dar. Dem maroden Charme dieser Räume steht die Zeitlosigkeit und Perfektion der Rheims’schen Bilder konträr gegenüber. Spinnt man das alles etwas weiter, wird auch klar, dass mit den ausgestellten Bildern die vollendete Weiblichkeit den einst von männlichem Arbeitseifer geprägten Raum eingenommen hat. Das Spiel mit Realität und Illusion wird so auf die Spitze getrieben. Bettina Rheims „Can you find happiness?“ ist eine großartige Ausstellung, die noch bis zum 11. Mai 2008 in den Räumen der C/O-Galerie im kaiserlichen Postfuhramt Berlin zu sehen ist.

Es lohnt sich aber auch schon, den Katalog zur Hand zu nehmen, den Blick darin schweifen zu lassen. So kann man in einzelnen Bildern versinken und den Geschichten hinter den Bildern nachspüren.
Thomas Hummitzsch
 

Die Ausstellung:
Bettina Rheims

Can you find Happiness?
Vom 8. März 2008 – 11. Mai 2008, täglich 11 bis 20 Uhr. C/O Berlin. Postfuhramt. Oranienburger Straße/Tucholskystraße.
Eintritt: 7 €, ermäßigt 5 €.

Der Katalog:
Bettina Rheims

Can you find Happiness?

Mit einem Text von Philippe Dagen, Schirmer/Mosel-Verlag, München 2008, 128 S., 94 Farbtafeln in Farbe und Duotone; 24,80 €, ISBN: 9783829603515

 

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