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Bildband -Erotische Fotografie
 

 

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Hommage an die Weiblichkeit

Als Auftragsarbeit lichtete die renommierte französische Fotografin Bettina Rheims das russische Modell Olga Rodionow ab. Das Ergebnis ist der exklusivste und erotischste Fotoband des Jahres.

Von Thomas Hummitzsch

Ein ständiges Spiel aus Begehren und Anbetung, Lust und Leidenschaft, Verlockung und Versuchung – das ist »The Book of Olga«, eine einzigartig aufregende, betörende und aufreizende Fotografiensammlung, geschaffen von der Französin Bettina Rheims. Die Sammlung enthält die fotografischen Inszenierungen, in deren Mittelpunkt die Russin Olga Rodionow steht. Diese schillern in prächtigen Farben, sind von einer bestechenden Schärfe und atemberaubender Sinnlichkeit.

Olga’s Ehemann, der russische Medienmogul Sergej Rodionow, trat an die bedeutendsten Fotografen weltweit heran und stellte ihnen seine Frau vor – sofern sie sie nicht bereits kannten, denn Olga ist ein über Moskaus Grenzen hinaus bekanntes Modell. Er bat sie, die Schönheit seiner Gattin für ihn und die Welt festzuhalten, sie in erotischer Manier abzulichten. Bettina Rheims ging darauf ein und seit dem ersten Aufeinandertreffen bildet die Russin eine Art musisches Zentrum des Rheim’schen Schaffens. Es ist die Anpassungsfähigkeit der Russin, die sie zu einem derart vielseitigen und interessanten Modell macht, so dass Rheims’ immer wieder mit ihr arbeitet. Keine Garderobe, keine Pose, keine Szenerie, in der sie nicht absolut natürlich wirkt. Eigentlich verwunderlich, sagt Olga doch von sich selbst, dass auf den Bildern nicht sie, sondern nur die Ablichtung einer Kunstfigur zu sehen sei. Für Olga handelt es sich nur um ein Spiel mit den eigenen Fantasien und der eigenen Lust. Es sei letztlich nur die Illusion des Betrachters, in ihr die toupierte Mätresse, den männermordenden Vamp oder die Domina in Lack und Leder zu erkennen.

Und dieses Spiel ist höchst abwechslungsreich. Olga ist auf den Bildern Pop-Ikone und barocke Mätresse, Domina und gefesselte Masochistin, Gespielin und intime Freundin, reife Dame und verspielte Göre, Rockerbraut und Engelchen. Sie vereint das Wilde und das Sanftmütige, das Verrückte und das Bodenständige, das Laszive und das Biedere. Die Kunstfigur Olga verkörpert das Göttliche und Diabolische zugleich. Kurz: Rheims lässt sie die realisierte Fantasie der – nicht nur männlichen – Erotik und Erotomanie sein.

»Die Erotik beginnt mit einem Dritten«, soll Salvador Dali einmal gesagt haben. Ein Motto, welches auch in »The Book of Olga« deutlich zur Geltung kommt. Immer wieder waren Modell und Fotografin nicht nur für sich, sondern Rheims setzte Olga mit verschiedenen Jünglingen in Szene. Ihr ist es dabei gelungen, die bildhafte Illusion an die Grenze der Erotik zu führen, in der die Lust zum Verlangen wird. Es bleiben stets die entscheidenden Millimeter zwischen den Lippen und Körpern der Modelle, die der Betrachter selbst überwinden muss, um die Statik der Fotografie beiseite zu schieben. Es ist der Voyeur, der die Olga-Bildserien selbst im Kopf weiterlebt und mit seinem Blick über den Buchrand in die Welt der Fantasie gleitet. Rheims Fotografien halten keine Augenblicke fest, sondern sind Vorspiel der Gedanken des Betrachters und streben daher zu den Möglichkeit des Seins.

© Foto: Bettina Rheims,
Courtesy Galerie Jérôme de Noirmont, Paris

Die Möglichkeiten des Seins, die testete auch die Autorin des Beiwortes, die Chefredakteurin des französischen Kunstmagazins art press Catherine Millet, aus. In ihrer Skandalbeichte »Das sexuelle Leben der Catherine M.« offenbarte sie 2001 ihr nach allen Seiten hin offenes Intimleben in der Ehe mit dem französischen Fotograf und Schriftsteller Jacques Henric. Dort konnte alle Welt nachlesen, wie sie sich auf Gruppensexparties und Swingerclubs, mit bekannten und unbekannten Männern, in den heimischen Laken oder im Pariser Bois de Boulogne verlustierte. Inzwischen hat sie sich zwar von dem Vergnügen in ihrer autobiografischen Erzählung distanziert (Jour de souffrance, Flammarion), Expertin für Kunst und Kunstgeschichte ist sie immer noch. Sie hat »The Book of Olga« ein glänzendes Kurzessay vorangestellt, in dem sie Rheims Kunst, aus der Kunsttradition heraus Anregungen zu entnehmen und die Klassik neu zu entwerfen, deutlich macht.

Doch Bettina Rheims spielt in ihren Bildern nicht nur mit der klassischen Kunstgeschichte, sondern auch mit den modernen Mythen unserer Zeit. So lässt sie Olga eine kubanische Zigarre auf ihrem rasierten Venushügel rollen – eine erotomanische Übersteigerung der modernen Mär, das echte kubanische Zigarren auf den nackten Oberschenkeln junger Kubanerinnen gerollt würden, um dort ihr besonderes Aroma aufzusaugen. Das letzte Bild des Bandes ist hingegen eine Hommage an Gustave Courbets »Der Ursprung der Welt« – ein Gigant der klassischen Kunst, der ebenfalls aus einer Auftragsarbeit heraus entstanden ist. Rheims Fotografie zeigt die rasierte Scham der Russin im Bildzentrum und den nackten Torso, eine Brust und der Kopf sind von einem Tuch bedeckt – eine moderne Variante der Unbekannten, die Courbet 1866 malte. Das Bild zeigt alles und doch nichts – das Intimste wird gezeigt und bleibt zugleich verborgen, denn letztlich ist nur Körper zu sehen, der durch Olgas Intimschmuck wie in sich verschlossen wirkt. Der Blick in das Gesicht, die Augen, die Seele ist unmöglich. Das Bild scheint zu sagen: Was Du da siehst, ist nicht Olga und auch niemand anders. Du siehst einzig Deine Fantasie.

»The Book of Olga« ist ein fantastischer Fotoband. Der herausgebende Taschenverlag hat diesen einzigartigen Band auf 1.000 Exemplare limitiert, die nummeriert und von der Fotografin signiert sind. Dies erklärt den wahrlich fürstlichen Preis des Bandes, den wohl nur Sammler berappen werden. Schade für alle anderen, denn »The Book of Olga« ist ohne Zweifel der erotischste Fotoband des Jahres.
 

Bettina Rheims
The Book of Olga
Englisch, Deutsch, Französisch.
Nummerierte, limitierte und signierte Auflage.
Taschen-Verlag
154 Seiten
350 €.
ISBN 9783836507608

Catherine Millet
ist Chefredakteurin und Mitgründerin
des französischen Kunstmagazins Art Press. Sie ist auch Ausstellungskuratorin und Autorin zahlreicher Bücher, darunter Das sexuelle Leben der Catherine M.
(2001).

 

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