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Während Russland im Terror
versinkt, versucht ein Dichter dem Diktator Stalin die Stirn zu bieten – mit
seinen Worten.
Wir Lebenden spüren den Boden
nicht mehr, Dieses Gedicht, vielmehr Ausdruck abgrundtiefen Hasses als Resultat überlegt-geduldiger Poesie, steht im Mittelpunkt von Littells Tatsachenroman. Der amerikanische Autor bedient sich dabei der zahlreichen Gerüchte um Mandelstams letzte Lebensjahre mit seiner Frau und Werkverwalterin Nadeshda und den erwiesenen Verbindungen zu zahlreichen prominenten Vertretern der russischen Intelligenz wie Boris Pasternak, Anna Achmatowa oder Nikolai Bucharin. Mandelstam unternahm die Reise, die in „Das Stalin-Epigramm“ den Ausgangspunkt der Erzählung darstellt, tatsächlich. Anfang der 1930er Jahre fuhr er nach Armenien und brachte zahlreiche Impressionen aus dem bitterarmen Landstrich des sowjetischen Großreichs mit. Er sah Bauern, die einstmals der ganze Stolz des Landes waren, deren Felder nun schon Monate vor seiner Ankunft brachlagen und die den Dichter um einen kanten Brot anbettelten. Statt dem propagierten stolzen Sowjetbürger begegnete Mandelstam fast ausschließlich Menschen in absoluter Armut. „Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr“ war seine Reaktion auf diese Erfahrungen, ein Schrei der Wut und Empörung, der sich in dem Dichter Bann brach. Obwohl sich Mandelstam der Gefahr bewusst war, in die er sich damit begab, konnte er diese Zeilen nicht unterdrücken. Sie waren der Auftakt der unerbittlichen Auseinandersetzungen des russischen Dichters mit dem „Gebirgler im Kreml“, einer Anspielung auf Stalins georgische Herkunft. Mandelstam wurde für diese Zeilen festgenommen und nach einem Selbstmordversuch zu drei Jahren Verbannung in Woronesch verurteilt. Stalin erkundigte sich angeblich höchstpersönlich über Mandelstams Zustand in der Verbannung bei dessen Freund und Kollegen Boris Pasternak. Nur kurz kehrte Mandelstam noch einmal nach Moskau zurück, wurde erneut verhaftet und starb im Dezember 1938 in einem Übergangslager auf dem Weg in den „hohen Norden“, wie der sibirische Gulag in Russland genannt wurde. Diese Biografie, um die sich mindestens ebenso viele Gerüchte ranken, wie eindeutige Fakten bekannt sind, macht sich Robert Littell zunutze, um einen spannungsreiche Hommage and den Dichter Mandelstam und dessen treue Ehefrau Nadeshda zu schreiben, in die er zahlreiche Zeitgenossen mit einbezieht. Dies sind neben den bereits erwähnten der sowjetische Gewichtheber Fikret Schotman, Stalins Leibwächter Nikolai Wlasik und die Theaterschauspielerin und Geliebte der Mandelstams Zinaida Zaitsewa-Antonowa. Diese Personen bilden keineswegs das notwendige Beiwerk eines um Mandelstam herum orchestrierten Romans. Erst aus ihren Perspektiven entsteht das Bild, dass sich der Leser von Mandelstam und dem Kampf eines Dichters gegen Stalin machen kann.
Auf der Basis der vor 30
Jahren geführten Gespräche mit der Witwe des russischen Dichters versucht
Littell in seinem Roman die Ereignisse zwischen 1934 und 1938 nachzuvollziehen.
Dabei ist dem Amerikaner eine Erzählung gelungen, die das Rätsel um Ossip
Mandelstam ein wenig enthüllt und zugleich bewahrt. Höhepunkt ist darin die
fiktive Begegnung von Mandelstam und Stalin, in dem der Kampf um die
Deutungshoheit der Macht erbittert ausgefochten wird. Robert Littell macht durch
die Erfindung dieser Begegnung eines völlig klar: Bei aller terroristischen
Gewalt war die Kraft des Wortes die einzige, die den georgischen Despoten und
Menschenschlächter hätte in Gefahr bringen können. Littells Roman reicht nicht an die Literatur eines Warlam Schalamow heran. Zu wenig spielt die Handlung in der kalten Umgebung des Gulag und zu lebensfreundlich ist die Welt, von der er schreibt. Ihnen fehlt es nicht an physischen Grausamkeiten, sondern an existentieller Bedrohung. Warlam Schalamow schrieb in seinen „Erzählungen aus Kolyma“, dass der inhaftierte Intellektuelle „vom Lager ausgelöscht“ wird und von ihm in kürzester Zeit Zivilisation und menschliche Kultur abfallen. Dies geschieht bei Littell nicht. Mandelstam bleibt bis zuletzt der unbeugsame, fast furchtlose Kontrahent, der selbst im Angesicht seines größten Feindes kaum Schwächen zeigt. Dies kann man bewundernswert finden, zugleich verliert der Roman dadurch etwas an Glaubhaftigkeit. Andererseits ist es Littell gelungen, die Atmosphäre der permanenten Überwachung und des täglichen Terrors in seinem Roman umzusetzen und im Verhalten der übrigen Personen zu spiegeln. So beschreibt der amerikanische Autor ein Russland, in dem das Leben des Einzelnen im Schatten des paranoiden Verfolgungswahns Stalins stand: „Niemand ist unschuldig, Wlasik. Nicht Mandelstam, nicht Pasternak, diese Hure Achmatowa nicht, Bucharin nicht und nicht mal Sie. Niemand.“ Hier ist der Autor, bekannt für seine Spionagethriller, in seinem Element.
Robert Littell legt mit
seinem Roman „Das Stalin-Epigramm“ eine beeindruckende Verarbeitung der von
Mandelstam erbittert und bis zur eigenen Vernichtung geführten
Auseinandersetzung mit dem stalinistischen Regime vor. Dieses Buch, dessen Stoff
er bereits seit 30 Jahren mit sich herumträgt und in Ansätzen in seinen
zahlreichen Agententhrillern verarbeitet hat, ist nichts Geringeres als sein
Lebenswerk, denn er verbindet darin sein jahrzehntelang gesammeltes Wissen zur
russischen literarischen Avantgarde mit seinem außerordentlichen Geschick,
packende Geschichten zu erzählen. Littells Roman ist nicht, wie so oft, ein
Thriller mit politischer Aussage, sondern vielmehr das Dokument einer Huldigung,
eine Ode an die Sprache und Dichtung und die Kraft, die im Wort verborgen liegt. |
Robert Littell |
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