Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik


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Die menschliche Komödie
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Zum 5-jährigen Bestehen ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.

 

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Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei
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Vulgärfeministisches Geraune

Mithu M. Sanyal exhibiert das weibliche Genitale

Von Franz Siepe

Wie lange eigentlich schon tönt es uns aus den Winkeln des feministischen Diskurses entgegen, wir Männer hätten Furcht vorm weiblichen Geschlechtsteil? Jetzt ist es wirklich soweit: Nach der die Geisteskräfte bis zur Ermattung strapazierenden Lektüre von Mithu M. Sanyals »Vulva« ist nun auch mir bange geworden. Meinethalben sind es latente Kastrationsängste, die mich jetzt plagen und an den Rand der Dekompensation treiben. Jedenfalls äußern sie sich in der Angst, es im Falle einer adäquaten und gerechten Beurteilung dieses, um es möglichst chevaleresk zu sagen, papiergewordenen Unsinns mit lauter Beleidigungsklagen zu tun zu bekommen.
Eine Woche lang habe ich mich von Seite zu Seite durchgekämpft und alle mir zur Verfügung stehende Geduld aufgebracht, mich auch unter Heranziehung des – von der Autorin offenbar bloß pro forma hingestellten – ridikulösen
»wissenschaftlichen« Apparats darüber zu orientieren, woher sie welchen Gedanken hat und was sie wohl ungefähr meinen könnte. Ich habe fleißig versucht, stichprobenartig Belegstellen zu verifizieren, und wenn es dann gelungen war, zunächst gefunden, daß Frau Sanyal regelmäßig gegen alle wissenschaftlichen Konventionen verstößt und den Leser durchs Labyrinth ihres Zitier- und Belegwirrwarrs in die Verzweiflung jagt.
Autorinnen und Autoren wie Catherine Blackledge, Georges Devereux, Hans Peter Duerr und Monika Gsell, die sich um die kulturhistorische Bedeutung dieses Gegenstandes wirklich verdient gemacht haben, exzerpiert und paraphrasiert Frau Sanyal im ersten Teil des Buches willkürlich und selektiv, will sagen nach ihrem eigenen Lese- und Verständnisvermögen, und mischt das bestenfalls Halbbegriffene zu einer Assoziationsmasse zusammen, der man gerade noch die Begierde nach Heiligung und Anbetung des weiblichen Genitales ablesen kann.
Jedenfalls bedient sie sich aus dem Internet, auch ohne die Seiten, deren Seriosität hier nicht zu diskutieren ist, immer als Beleg anzugeben. Zur Bibel - in den Anmerkungen gibt sie zum Nachlesen in der eine Tat eine Online-Adresse an - unterhält sie eine Beziehung des Nichtvertrautseins.
Überhaupt ist Frau Sanyal nicht ansatzweise in der Lage, die alten Quellen, auf die sie sich großsprecherisch und wichtigtuerisch beruft, angemessen zu rezipieren; und was sie dann an herbeigelesenem Beutegut auf ihrem selbstgebastelten Flickenteppich ausbreitet, ist allerdings ein schlimmes Ärgernis für jemanden, dem an der Sache und nicht an vulgärstfeministischem Geraune gelegen ist.

Der zweite Teil steuert nur insofern etwas zu dem im Titel avisierten Thema bei, als die Autorin hier zwischen Striptease, amerikanischem Popfeminismus und den exhibitionistischen Vagina-/Vulva-Vorführungen einiger Performance-Künstlerinnen der letzten Dezennien herumvagabundiert. Sympathien scheint die Autorin zur US-Lesben-Subkultur zu hegen und demonstriert in diesen Dingen wohl einige Kennerschaft, wobei sie sich in ihrer sprachlichen Selbstpräsentation einmal dem Underground-Slang von jenseits des Ozeans anbiedert, ein andermal sich damit abmüht, den kryptischen Jargon postmoderner Modewissenschaftlichkeit zu imitieren. Man merkt aber, daß sie es gut findet, wenn Frauen den »Ausstieg aus der Zwangsheterosexualisierung« schaffen und zur selbstbestimmten Sexualität finden. Auch daß US-Mädchenrockgruppen der »herrschenden Meinung [...] einen Tritt in den [sic!] Hoden« verpassen, findet ihre Zustimmung. Währenddessen insistiert sie mit strenger Pedanterie darauf, daß sie unten außen eine »Vulva« hat und nicht etwa eine »Vagina«; denn inkorrekte Bezeichnungen seien »Genitalverstümmelung« mit »psychischen Folgen«. Anscheinend unbekümmert indes verunziert sie den Genitiv des männlichen Gliedes, indem sie ihn mit einem Apostroph (»Penis'«) versieht.

Daß sie en passant auch immer wieder religiöse Gefühle verletzt, versteht sich. Sie moniert, daß Christen keinen Kult um das Geschlechtsteil der Muttergottes kennen, findet es jedoch in der Ikonographie der Schutzmantelmadonna wie auch der Mater dolorosa wieder und empfiehlt uns die Verehrung der »Yoni«, wie es in Indien und anderswo der Fall ist oder einmal war. Wenn japanische Mädchen in Peep-Shows ihre Beine spreizen und sich von mit Taschenlampe und Lupe bewaffneten Kerlen bestarren lassen, meint sie allen Ernstes, jede der Entwürdigten sei eine »Personifizierung der Göttin« Ame no Uzume. Genug, genug, genug!

Von irgendeiner Systematik der thematisch-inhaltlichen Aufbereitung kann überhaupt nicht die Rede sein; geschweige denn von einer auch nur einigermaßen reflektierten Einordnung ihrer eigenen Ideengebilde in den Stand der gegenwärtigen Forschung.
Ob dieses Produkt vom Wagenbach-Verlag lektoriert worden ist? Ich vermute, man hat auch dort nach den ersten paar Seiten entnervt aufgegeben, aus der Not des Unfugs die Tugend femininer Originalität gemacht und sich entschlossen, das verantwortungslose Gerede für subversiv zu halten: Eine
»freche, facettenreiche, lustvoll erzählte Kulturgeschichte des weiblichen Geschlechts« nennt der Umschlagtext die im »Feuchtgebiete«-Pink eingeschlagene Geistesschamlosigkeit. Doch wahrscheinlich hat sich der alte Fuchs Klaus Wagenbach etwas dabei gedacht und insgeheim darauf spekuliert, daß ein gescheiter Leser sich diese Prädikate selbst in »dreist, chaotisch und schlampig gearbeitet« übersetzt. – Wobei »schlampig gearbeitet« angesichts der vielen Unzumutbarkeiten, die auf Wunsch auch detaillierter nachzuweisen ich mich hiermit verpflichte, eher ein Euphemismus denn eine Übertreibung sein dürfte.

Eine Bemerkung zum Schluß: Mithu M. Sanyals Buch ist vom Germanistischen Seminar (Abteilung II) der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als Dissertation angenommen worden.


 

Mithu M. Sanyal
Vulva.
Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts
Wagenbach, Berlin, 2. Aufl. 2009
236 S. mit einigen s/w-Abb.
19,90 EUR
ISBN 978-3-8031-3629-9


 


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