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Die
Sehnsucht nach der Selbstaufgabe
Gregor Keuschnig über Ulrich Schnabels Bestandsaufnahme
»Die
Vermessung des Glaubens«
Mit
»Die
Vermessung des Glaubens«
(der Titel erinnert an einen Belletristikbeststeller von Daniel Kehlmann)
versucht der "ZEIT«-Wissenschaftsredakteur
Ulrich Schnabel einen Überblick über den aktuellen Stand des
naturwissenschaftlichen Diskurses über Sinn (oder Unsinn), über Chancen und
Gefahren von Religionen vorzulegen. Er geht dabei weniger analytisch als
essayistisch vor; die Sprache ist populärwissenschaftlich; niemals seicht oder
trivial. In den einleitenden Worten dieses ambitionierten Unterfangens wünscht
er sich seufzend so etwas wie eine Stiftung Glaubenstest. Dann wäre
dieses Buch wie eine Präambel dazu.
Es wird sehr früh klar,
dass Schnabel eine neutrale, agnostische Position einnehmen möchte. Warum er
dies in einem Bekenntnis besonders herausstellen muss, bleibt unklar. Zumal
dieser Versuch, seinen eigenen Standpunkt zu erläutern, ein bisschen geeiert
daherkommt: Einerseits bin ich als Physiker und Zeitungsredakteur
hauptberuflicher Zweifler…Andererseits bin ich religiös sozialisiert…In den
Zen-Meditation habe ich eine Form der religiösen Praxis gefunden, die meinen
Neigungen und meinem Naturell entgegenkommen.
Der Placebo-Effekt: »Glaubensmedizin«
Am Beispiel der Nonne
Marie-Simon Pierre aus Aix-en-Provence, die durch Gebet und Glauben von der
Parkinson-Krankheit geheilt worden sein soll, erläutert Schnabel zu Beginn des
Buches den Placebo-Effekt, den er hinter dieser
»Wunderheilung«
vermutet. Er stellt viele Studien und Thesen vor (am Rande streift er auch den Noceboeffekt)
und kreiert den schönen Begriff der Glaubensmedizin für die Kraft des
Placeboeffekts.
Präzise wird dargestellt wie psychosoziale Wirkungen (insbesondere die
Erwartungshaltung) in solchen Fällen
»funktionieren«.
Unter Umständen kann auch die Beichte als helfend angesehen werden, weil sie
eine Versöhnung mit sich selbst schafft. Bei bestimmten Krankheiten und
Symptomen sind solche Heilungen nicht möglich (beispielsweise bei Alzheimer). Im
konkreten Fall der an Parkinson erkrankten Nonne, deren Heilung er für belegt
hält, wird am Ende dann philosophiert, dass es besser gewesen sei für die
Heilung, dass die Nonne nichts von den doch umstrittenen neurobiologischen
Mechanismen der Placeboforschung gewusst habe, sonst hätten eben diese
Mechanismen bei ihr nicht gewirkt. Und vollständig ins poesiealbumhafte
driftet Schnabel dann mit dem Schlußsatz, der das vorher Gesagte relativiert,
wenn nicht konterkariert: So gesehen, darf man die Genesung in
Aix-en-Provence wohl doch getrost als Wunder bezeichnen.
Bereits hier wird deutlich, dass es Schnabel manchmal zu sehr Allen recht machen
will. Pietät ist gerade bei der Behandlung von religiösen Themen angebracht,
aber mit der demonstrativen Bravheit, die dann zuweilen in eine milde Form der
Beliebigkeit abgleitet, übertreibt er es dann doch manchmal.
Fallen des Fundamentalismus
Pointierter behandelt wird
der neue Atheismus und dessen hysterische[r] Bekehrungston. Schnabel
sieht die Vertreter dieses neuen, militanten Atheismus letztlich genau
wie die Kreationisten in den USA in die Falle des Fundamentalismus
tappen. Ausgerechnet Dawkins, der sich als Evolutionsbiologe der
Naturwissenschaft verpflichtet fühlt, ignoriere offensichtlich die Tatsache,
dass es der normalen menschlichen Natur entspräche, einen Glauben an
übernatürliche Wesenheiten und ritualisierte Verhaltensweisen zu entwickeln,
so führt er den Anthropologen Pascal Boyer an. Boyer geht sogar so weit zu
sagen, dass es eine natürliche Funktionsweise des Gehirns sei, religiöse
Gedanken zu erzeugen. Die These der Atheisten, dass Gesellschaften
vernünftiger oder gar besser wären, wenn das religiöse Denken abgeschafft würde
sei eine Spekulation ohne jede empirische Evidenz.
Und auch die Neurotheologie kommt bei Schnabel nicht gut weg (mit kleinen
Seitenhieben auf die Hirnforschung und deren Absolutheitsanspruch). Mit den
bildgebenden Verfahren wie der Computertomographie (CT), die Kernspin- oder
Magnetresonanztomografie (MRT) und die Positronen-Emissionstomografie (PET)
werde suggeriert jene Hirnaktivitäten sichtbar zu machen, die Handlungen,
Worte und Gedanken auslösten. Bewaffnet mit ihrem eindrucksvollen
Instrumentarium haben sich daher viele Neurowissenschaftler mittlerweile an
Themen herangewagt, die früher ausschliesslich in den Zuständigkeitsbereich der
Geisteswissenschaftlichen fielen. Dazu zählt die Frage nach dem freien Willen
ebenso wie die Erklärung des Bewusstseins und neuerdings eben auch jene nach dem
religiösen Erleben.
Schnabel hält die Debatte um den freien Willen für reichlich absurd. Zwar
haben die Neurobiologen recht, wenn sie betonen, wie sehr unser Denken durch
die Biologie des Denkorgans vorstrukturiert und beeinflusst wird. Doch der
freie Wille sei seit jeher ein theoretisches Konstrukt. Desweiteren
werden unsere Entscheidungen beispielsweise auch durch kulturelle Prägungen
immens beeinflusst. Die (Selbst-)Beschränkungen, die sich auch in den
Grenzen unseres Gehirns abspielen, machen uns dennoch nicht zu Automaten,
die an Programmierungen gebunden sind.
»Kernspingemälde«
So warnt er vor
überzogenen und voreiligen Schlüssen, die aus der Hirnforschung (übrigens nicht
ohne Vorsatz) geschürt werden. Oft genug gaukeln die farbenfrohen Aufnahmen
aus dem Hirn…eine Eindeutigkeit vor, die keineswegs der Realität entspricht.
Wenn in der Kernspintomografie die gesuchten Reize mithilfe der Statistik
mühsam aus der unaufhörlichen Gesamtaktivität des Gehirn herausgefiltert und in
blaue, gelbe und rote Falschfarben umgesetzt werden, ist dies nicht
unbedingt Ausweis von Aktionismus im Gehirn bzw. sagt nichts über die
Effektivität der Denkarbeit aus. Vielleicht läuft das wichtigste
Geschehen auch in einer unbedeutenden Zone am Rand ab, die im Kernspintomografen
gar nicht auffällt? Für seine Verhältnisse polemisch wird Schnabel dann
sogar, wenn er diese Kernspingemälde mit dem Versuch vergleicht, die
Arbeit einer Behörde anhand des Bewegungsmusters der dort arbeitenden Beamten zu
abzuleiten. Welche Abteilung ist besonders aktiv, wo finden die meisten
Besprechungen statt…Natürlich kann man daraus gewisse Rückschlüsse ziehen; doch
w a s dabei besprochen wird und w o z u der Arbeitseifer der Beamten am Ende
schliesslich dient, erhellt das Bewegungsmuster nicht.
Schnabel geht noch einen Schritt weiter: Die kühnsten Vertreter der
Neurotheologie belassen es allerdings nicht dabei, anhand von bunten Bildern die
neuronale Aktivität beim beten oder meditieren abzubilden, sondern leiten daraus
weitreichende Schlussfolgerungen über das Wesen der Religion ab. So wird
über Dr. Persingers
»Gotteshelm«
(und dessen »Nachfolger«)
berichtet, von dem es hiess, er könne durch Schläfenlappenstimulation religiöse
Gefühle erzeugen bzw. simulieren. Schnabel hält die Schlüsse, die aus diesen
(nicht unbedingt wissenschaftlich abgesicherten) Versuchen gezogen werden,
mindestens für ambivalent, wenn nicht gar nichtssagend. Denn
»die
Hirnforschung kann uns nichts über Gott erzählen, und zwar aus einem einfachen
Grund: Das Studienobjekt der Hirnforschung ist der Mensch – nicht Gott«,
so wird die »gemässigte«
Neurotheologin Nina Azari zitiert.
Soziobiologische Aspekte von Religion
Ferner beschäftigt sich
Schnabel mit der Frage, ob religiöse Menschen ein moralisch besseres Verhalten
zeigen, erläutert das
»Gute-Samariter-Experiment«
(welches er aufgrund der doch eher bescheidenen empirischen Untersuchungsmenge
ein bisschen stark verallgemeinert) und macht einen Schlenker zum
Milgram-Experiment. Er beschäftigt sich mit der Gelassenheit, die Gebote
im Alltag geben können, kommt zu dem Schluss, dass Glaubensgewissheit…entscheidender
[sei], als der Glaube per se, entwirft die Grundmuster (religiösen)
Fundamentalismus und stellt Überlegungen zum vertrauensvoll[en] Sprung
ins Ungewisse an, der jedem Glauben immanent zu sein scheint.
Er untersucht den religiösen Funken und sieht dessen
»Zündung«
in der Sesshaftigkeit des Menschen und dem Abschied vom Nomadentum, prüft den
Sinn (und die Folgen) von Ritualen, denen er einen Selektionsvorteil
attestiert, unter anderem weil der Gemeinschaft unter Umständen
komplizierte Überwachungsmechanismen erspart bleiben und stellt fest, dass
auch verordneter Atheismus Religion nicht aufzuhalten vermag. Interessant die
Ausführungen über unsere Unfähigkeit…unsere eigene Nicht-Existenz ausmalen zu
können (Jesse Bering zitierend), in der eine wesentliche Triebfeder für
Religiosität ausgemacht wird.
Überprüft wird der soziale
Nutzen von Religion und Schnabel stellt fest, dass moralische Regeln, die von
einer übergeordnete Instanz postuliert werden, viel überzeugender sind
und eine grössere Autorität geniessen als
»weltliche«
Gesetze. In diesem Sinne würde Religion als Instrument für gemeinschaftliches
Handeln benutzt. Neben den Kibbuzim wird eindrucksvoll am Beispiel der Hutterer
die Korrelation zwischen der Anzahl der Einschränkungen, die sich eine
Gemeinschaft im alltäglichen Leben gesetzt hat und der Lebensdauer der Gruppe
aufgezeigt – allerdings nicht ohne die Schattenseiten von Gruppendynamiken zu
erwähnen. Schnabel versucht, die Ergebnisse der soziobiologischen Forschungen
möglichst neutral vorzustellen und sie im Kontext mit kulturellen,
geografischen, ökonomischen und nicht zuletzt politischen Faktoren zu
stellen.
Es gibt ein (natürlich
fiktives) Totengespräch mit dem Religionspsychologen William James (die
Antworten sind allesamt Zitate aus seinen Büchern; ein nicht ganz unbedenkliches
Verfahren, welches ein hohes Vertrauen in den zitierenden Autor voraussetzt).
Man erfährt, dass die katholische Inquisition nebst Hexenverfolgungen kaum
schlimmer wütete als ganz normale Politiker oder Laien zu jenen Zeiten (Angenendt
2007). Natürlich werden die Schattenseiten der Religionen thematisiert, wie
beispielsweise der religiös daherkommende Terrorismus oder auch die aggressive[n]
Bekehrungsstrategien des Buddhismus (der im Westen häufig als
fernöstliche Wellnessbewegung idealisiert wird). Vorteilhaft ist, dass
Schnabel nicht den religiösen Extremismus an sich thematisiert, sondern ihn nur
streift und weitgehend den
»normalen«
Glauben zum Gegenstand seiner Untersuchungen macht.
En passant wird die Wichtigkeit von
»Doppelblindversuchen«
ebenso erläutert wie der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität.
Schnabel warnt ausdrücklich vor Verwechslungen, die zu voreiligen und
komplexitätsreduzierenden Schlüssen verleiten, die letztlich einen vielleicht
interessanten Ansatz desavouieren. Der spielerische
»Religionstest«
ist ein bisschen arg vorhersehbar und schlicht.
Aufschlussreich die These, dass religiöse Menschen
weltweit im Durchschnitt mehr Kinder bekommen als nichtreligiöse. Neben den
Studien der US-Wissenschaftler Pippa Norris und Ronald Inglehart erwähnt
Schnabel in diesem Zusammenhang auch die
Analysen des Religionswissenschaftlers Michael Blume: Am stärksten ist
der fruchtbarkeitsfördernde Effekt der Religion bei denjenigen, die sich genau
nach den traditionellen Zeitrhythmen ihrer Religionsgemeinschaft richten
(nebenbei zeigt Schnabel seine intermediale Kompetenz, in dem er auf den
vorzüglichen
Weblog Blumes hinweist).
Vorsicht vor absoluten Wahrheiten
Danach wird das Buch
schwächer. Auf vielen Seiten referiert Schnabel zunächst über Erleuchtung im
Drogenrausch und über Wirkungen und Auswirkungen bewusstseinserweiternder
Drogen. Dann widmet er sich dem
»Selbstmodell«
des Philosophen Thomas Metzinger (will er damit seine Kritik an der
Hirnforschung teilweise wieder zurücknehmen?) Für Metzinger ist das bewusst
erlebte »Selbst«
nichts anderes als der Inhalt einer Repräsentation des Gehirns. Das Gehirn
füge in einer möglichst geschlossenen Repräsentation die Welt zusammen.
Einer Illusion redet Metzinger damit nicht das Wort, denn
»auch
zu einer Illusion gehört, logisch gesehen, immer noch jemand, der sie h a t«.
Die Feststellung aus Metzingers These, dass man seine Außenwelt – und selbst
unseren Körper – nie vollständig und ungefiltert wahrnehmen kann und man
sich ständig innerhalb unserer eigenen Beschränkungen bewegt, ist so neu
letztlich nicht – die Konsequenzen, die er daraus zieht, sind allerdings enorm.
Das Metzinger von etablierten Religionen und dem Glauben an kirchliche Dogmen
nichts hält, ist einleuchtend, obwohl er dann eine kleine Hintertür offen lässt:
»Es
gibt unendlich viel, was keiner von uns verstehen wird.«
Dennoch wirkt die Vereinnahmung von Metzingers Selbstmodell als Möglichkeit zum
Verstehen religiöser Erleuchtungserlebnisse beispielsweise im Buddhismus
(»Welt
der Illusionen«)
oder bei den christlichen Mystikern mindestens kühn (was an der Kritik
Metzingers wider dem
»pseudo-spirituellen
Kitsch des Esoterik-Supermarktes«
anklingt).
Diese Exkurse sollen wohl am ehesten verdeutlichen: Vorsicht vor
»absoluten
Wahrheiten«
und deren Propheten – und zwar jeglicher Fakultät. Folgerichtig weist Schnabel
auf die »Komplementarität«
in der Quantenphysik hin: Damit wird die Tatsache beschrieben, dass zwei sich
eigentlich ausschliessende Gesetzmässigkeiten beide gleichzeitig gültig sind.
Und damit hat man auch die Intention Schnabels erfasst und das Zitat von Niels
Bohr wird endgültig leitmotivisch:
»Es
gibt triviale Wahrheiten und große Wahrheiten. Das Gegenteil einer trivialen
Wahrheit ist schlichtweg falsch. Das Gegenteil einer großen Wahrheit ist
ebenfalls wahr«.
Am Ende bilanziert
Schnabel, dass es im religiösen Glauben um Heilung in einem
umfassenden Sinn geht, der auch unsere existentielle Einsamkeit, die
Angst vor dem Tod und die Grundfrage nach dem tiefen Sinn des Lebens einschließt.
Bei allen Unterschieden - es scheint mindestens einen gemeinsamen Nenner zu
geben: Alle religiösen Praktiken lassen sich als Versuche interpretieren,
sich der Begrenztheit des eigenen
»Ich«,
des Selbstmodells, bewusst zu werden, es zu transzendieren und schließlich
zugunsten einer allumfassenden Wirklichkeit aufzugeben.
Hier muss dann der Leser
weitermachen. Ausreichend anspruchsvolle, weiterführende Literatur ist
angegeben. Insofern ist
»Die
Vermessung des Glaubens«
ein Buch, das Anstösse zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema jenseits
ideologischer Gräben ermöglichen kann. Die Fundamentalisten auf beiden Seiten
werden ihm nichts abgewinnen können. Aber auf die kommt es ja hoffentlich auch
nicht an. Gregor Keuschnig
Die kursiv gedruckten Passagen sind
Zitate aus dem besprochenen Buch.
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Ulrich Schnabel
Die Vermessung des Glaubens
Forscher
ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt
Blessing Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 576 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
64 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-89667-364-0
ca. € 24,95
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