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»Mediapolis«, das posthum erschienene Werk des britischen Kommunikationswissenschaftlers Roger Silverstone (1945-2006), thematisiert die Welt, wie sie uns in und durch die Medien erscheint. Und »Erscheinung« ist seit Ernst Bloch ja immer auch Vor-Schein auf eine bessere Welt. An eine mediale Epiphanie denkt auch Silverstone. Sein Ausgangspunkt ist die von den modernen Massenmedien und ihren Kommunikationsformen strukturierte und organisierte Lebenswelt des 21. Jahrhunderts. Das Buch umreißt die Grundlagen einer Ethik der Medien, weil Medien nicht zuletzt moralische Räume definieren, moralische Urteile vorstellen und diskutieren, und weil Medien Urteile herstellen und darbieten. Als Werkzeuge der Kommunikation mit ihren Mechanismen der Einbeziehung und des Ausschlusses stellt die Mediapolis darüber hinaus Ressourcen der Urteilsbildung zur Verfügung. Medien im Allgemeinen sind für Silverstone die Bedingung der Möglichkeit nicht nur des globalen, sondern ebenso des ethischen Handelns. Die Moral der Medien entfaltet sich entlang der Fragen nach der Orientierungskraft, den Verfahren, der Art der Darstellung, sowie der Repräsentation eines medial vermittelten Erscheinens von Welt. Medial vermittelte Kontakte gewinnen, da hat Silverstone zweifellos Recht, an Bedeutung, und die Medien werden zu einer Art zweiten Umwelt des Menschen. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit hin zu einer medialen Öffentlichkeit, die sich zusehends per Mausklick verständigt, ist hinlänglich rezipiert worden. Silverstone definiert diese Öffentlichkeit als politischen Raum, ähnlich der antiken Polis, weil dort jene Urteile gefällt werden, die über Integration und Desintegration von Personen und Gruppen entscheiden. Zugleich aber kann sie ein Ort der Anhörung von Urteilen und ein Ort der Zirkulation von Symbolen sein, die zur Urteilsfindung beitragen, indem sie moralisch durchtränkte Angebote macht. In solch moralisch durchtränkten Räumen der Mediapolis herrscht ein steter Kampf um Aufmerksamkeit, sprich: Quoten. Diese von Norbert Bolz so genannten »Aufmerksamkeitserregungswettbewerbe« tragen nun laut Silverstone zur Krise der Kommunikation, und damit zur Krise der Politik und der Moral bei, weil der Druck des medialen Wettbewerbs Verfälschungen, Verkürzungen, Verzerrungen und Instrumentalisierungen nach sich ziehe, so dass ein moralisches Loch in der medialen Ozonschicht auszumachen sei, das zur Klimakatastrophe der Medienlandschaft insgesamt führen könne, wird der Tendenz zur medialen Umweltverschmutzung nichts entgegengesetzt. Genau hier beginnt für Silverstone die Frage nach der Moral der Medien. Für die Konsumenten ist es demgegenüber die Frage nach dem richtigen Abstand zu den Medien der Mediapolis. Denn entweder seien wir, so Silverstone – wie die embedded journalists – zu nah dran, oder zu weit weg, etwa dann, wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen die Menschenwürde abgesprochen wird. Denn den Medien fehlt schlichtweg das, was Walter Benjamin »Aura« nannte. Die auratische Lücke evoziert die Frage nach der Urteilskompetenz der Konsumenten, Vermittlungsprobleme inklusive. Silverstone verlangt nun von den Medien und ihren Produzenten und Nutzern, Verantwortung für eine »saubere« Mediapolis zu übernehmen und eine Art Kyoto-Protokoll für die Medien zu erstellen. Darunter fällt nicht allein die staatliche Regulierung der Medienlandschaft, sondern gastfreundliche Medien, die Herausbildung von Medienkompetenzen, die Fähigkeit zu Rezeption und Produktion von Medien, mediale Partizipation, Berücksichtigung von Interessen, denen es bis dato an Artikulationskraft mangelte, sowie kritische Selbstanalyse und kritische Beurteilung von medial vermittelten Entscheidungsprozessen gehören in gleichem Maße dazu. Dieser Appell wie auch seine gesamte Analyse sind nicht besonders originell, rezipiert das Buch doch auf der deskriptiven Ebene Medientheorien, die mindestens seit den 1970er Jahren im Umlauf sind. Anders aber als die radikal-kritischen Ansätze von Brecht bis Baudrillard, von Kittler bis Palm bleibt Silverstones Darstellung der Mediapolis befremdlich wohlwollend gegenüber der Welt der Medien: Die hyperreale Welt, die Schnittstellen zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit bleiben ihm ebenso verschlossen wie beispielsweise die a-moralische Mono-Polis von Google und anderen Medienkonzernen. Das ist zwar einerseits sympathisch, weil Silverstone noch an einer Welt jenseits der Matrix festhält, andererseits ist genau dies problematisch insbesondere dann, wenn er den Medien einen Vertrauensvorschuss gewährt, den sie längst verspielt haben und den er nicht zuletzt selbst für gefährlich hält. Eine weitere Schwierigkeit ist ganz gewiss der Sammelbegriff »Medien«, den Silverstone für seinen ethischen Wurf wählt. Denn das Sammelsurium an Medien und ihre je anders funktionierenden, teils offenen, teils geschlossenen, teils magischen Kanäle verlangen eine differenziertere Analyse als sie Silverstones Schmalspurethik leisten kann. Auf der normativen Ebene ist diese appellative Ethik viel zu schwach. Sie kann nirgends nachweisen, warum gewisse mediale Strategien überhaupt eine Art Verschmutzung darstellen, wie diese Verschmutzungen im System der Gesellschaft wirken, und weshalb es moralisch eigentlich geboten ist, dagegen etwas zu unternehmen. Grund hierfür ist sein schillernder Verantwortungsbegriff, dessen Geltungshaftigkeit von ihm nicht erbracht wird. Hier hätte ihm Habermas, von dessen »utopischem« Ansatz er sich abgrenzt, weiterhelfen können (wenn Habermas´ Philosophie eines nicht ist, dann Utopie).
Schließlich, und das wiegt
am schwersten, missversteht er auch das, was Hannah Arendt unter den Terminus
»Erscheinungsraum« gefasst hat, und zwar genau dann, wenn er die Mediapolis als
einen solchen Raum interpretiert. Doch in der Vita activa der organischen
Welt geht es Arendt um ein authentisches Miteinander-Sprechen, um die
konstruktive Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Argumenten und Meinungen.
Arendt hätte gewiss Einspruch erhoben gegen die Applikation ihrer Phänomenologie
auf eine Medienwelt, in der Passivität, Kontaktlosigkeit, Selbstentfremdung und
Entmenschlichung an der Tagesordnung sind. Die medial durchsetzte
Warengesellschaft des 21. Jahrhunderts, in der Information zum einzig wahren
Tauschmittel avanciert ist, hat mit Arendts Ausbuchstabierung des
»Erscheinungsraums« nur noch wenig zu tun, weil die virtuelle Agora schlichtweg
nach anderen Gesetzen funktioniert – denen des Marktes und der Werbung, gegen
die Arendt nach eigenen Aussagen »allergisch« war. Die Mediapolis kennt auch
keine Kontexte und besitzt kein Gedächtnis. Das sieht Silverstone. Was er
übersieht, ist, dass ebendies die Mediapolis in Misskredit gegenüber Arendts an
der Antike orientiertem Konzept der Polis bringt. Seine Ethik scheitert somit
nicht nur an der Fehleinschätzung hinsichtlich des moralischen Potenzials der
Mediapolis, sondern auch an der verzerrten Darstellung philosophischer
Positionen der Moderne.
Jürgen Nielsen-Sikora |
Roger Silverstone |
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