Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik




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Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

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Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei
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Leben am Abgrund

Es sind die Ausgegrenzten der Moderne, die in den Elendsvierteln dieser Welt leben. Der norwegische Magnum-Fotograf Jonas Bendiksen hat sich zu diesen Marginalisierten begeben und ihr Leben dokumentiert. Sein Fotoband „So leben wir“ erzählt von dem täglichen Kampf um ein würdevolles Dasein.

„So leben wir“ lautet der schlichte Titel von Jonas Bendiksens Fotoband, in dem er die Lebensumstände von Menschen in den Elendsvierteln an den Rändern der Millionenmetropolen Nairobi, Mumbai, Jakarta und Caracas abgebildet hat und nun in unsere wohl behüteten Wohnzimmer bringt. Bendiksen selbst hat mehrere Monate in den Slums verbracht, dort bei Familien gelebt und wurde Zeuge des tagtäglichen Ringens um ein Leben in Anstand und Würde. Trotz des täglichen Kampfes gelingt es diesen Menschen oft nicht, den Anschluss an die Durchschnittsgesellschaft herzustellen. Sie sind abgehängt, abgedrängt, marginalisiert. Der Soziologe Zygmunt Bauman schrieb einst über die Überzähligen und Ausgegrenzten unserer Zeit: „Wer in Indien, Brasilien oder Afrika, aber auch schon in manchen Vierteln von New York oder Paris, aus einem Funktionssystem herausfällt, für den sind bald auch alle anderen unerreichbar. Seine Stimme wird nicht mehr gehört und verstummt oft buchstäblich.“ Bendiksen gibt diesen Menschen nun ihre Stimme zurück und lässt seine Gastgeber im Buchtitel zu Wort kommen: „So leben wir“, es sind die Ausgegrenzten, die das sagen. Kommen sie ruhig herein, keine falsche Scheu, das hier ist unser Wohnzimmer, unsere Küche, unser Schlafzimmer. Alles in einem. Und hier, schauen sie die Photos an der Pappwand, die Zeitungsausschnitte, den Schrank dort habe ich selbst gebaut. Alles Einzelstücke. So ähnlich muss es Jonas Bendiksen während seiner Besuche in den Slums gegangen sein.

Mit der verlegerischen Umsetzung seines Projekts ist dem Norweger gemeinsam mit dem herausgebenden Knesebeck-Verlag ein geradezu musealer Coup gelungen. Bendiksen fotografierte seine Gastgeber in ihren Hütten und Behausungen, in den eigenen vier Wänden. Diese kann man durch die Technik der Ausklappseiten räumlich entfalten und für den Betrachter dieses Bandes entsteht ein dreidimensionaler Eindruck der Unterkünfte. Die sich scheinbar aufeinander zu bewegenden Wände machen die Enge und Beklemmtheit der wenigen Quadratmeter deutlich, auf denen sich die Bewohner dieser Räume tagtäglich arrangieren müssen. Wirkliche Privatsphäre gibt es unter solchen Umständen nicht. Neben den beeindruckenden Einblicken in die liebevoll aufgewerteten Behausungen der Bewohner finden sich ganz unterschiedliche Impressionen aus dem Slum des mehrfach preisgekrönten Fotografen. Er zeigt uns die besondere Architektur des Mülls, die fast strukturierte Ordnung im Chaos der Wege und Gassen oder schlichte Schnappschüsse aus dem Leben im Ghetto.

An der Seite der gelungenen Fotografien stehen die Aussagen der Menschen, denen der norwegische Fotojournalist begegnet ist. Der Satz „Erzählt mir von eurem Leben hier“ war stets Auslöser für die Berichte der Slumbewohner, die sich nun zwischen den Bildern wieder finden. Sie erzählen von ihren Sorgen und Nöten, Hoffnungen und Träumen, Ängsten und Bedrohungen. Und wenn durch Bendiksens Fotoband eines deutlich wird, dann dass wir unser vorgefertigtes Bild vom Leben in den Favelas dieser Welt verwerfen können. Warum, das sagt uns Andrew Dirango aus Nairobi: „Leute, die nicht im Ghetto leben, denken nur schlecht darüber. Im Fernsehen sieht man immer dasselbe Bild von Ghettos, aber ich versichere Ihnen, es gibt hier nicht nur dreckige Häuser. Hier leben sehr viele unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Vorstellungen. Man sollte sich einen Ort erst ansehen, bevor man ein Urteil fällt.“

Und genau dies hat Bendiksen gemacht, auch wenn er bewusst auf das große Elend und die in den Armutsvierteln der Millionenstädte allgegenwärtige Gewalt verzichtet. Bendiksen geht es vielmehr um die Existenz des Einzelnen im großen Ganzen. 2008 übertraf erstmal die Zahl der weltweit in Städten lebenden Menschen die auf dem Land lebenden. Ein Großteil dieser Menschen lebt gar nicht in den Städten, sondern in ihren ständig wachsenden und wuchernden Ausläufern, in den sich am Rand der Megacities ablagernden Siedlungen. Nun lässt uns das jüngste Mitglied der Magnum-Fotoagentur an seinen Erfahrungen und Beobachtungen an diesen Orten teilhaben und zeigt uns zugleich die Würde und die Würdelosigkeit eines Lebens am Abgrund; am Rand der Existenz, am Rand der Städte und auch am Rand unserer Gesellschaft. Die Menschen leben an diesen Orten, weil wir sie nicht sehen wollen, weil wir sie als menschlichen Überfluss wahrnehmen, der unser unbeschwertes Leben stört. Dabei sind es inzwischen Menschen wie Du und ich, die zu einem Dasein in diesen Vierteln und Quartieren gezwungen sind, denn der Platz auf der Sonnenseite des Lebens ist begrenzt. Somit appelliert der Titel des Bildbandes auch an uns Leser, die wir in unseren festen vier Wohlstandswänden sitzen. Er ruft uns zu: Du Leser, schau genau hin, das könntest auch Du sein, wenn Du nur woanders geboren wärest. Insofern ist Bendiksens Band nicht nur ein Statement, sondern auch eine Aufforderung, über den selbst aufgestellten Rand zu schauen und das eigene Dasein zu überdenken. Thomas Hummitzsch

Jonas Bendiksen
So leben wir
Menschen am Rande der Megacitys
Mit einer Einleitung von Philip Gourevitch
Aus dem Englischen von Lizzie Gilbert
Knesebeck-Verlag. München 2008
196 Seiten
Mit 121 farbigen Abbildungen und 20 Ausklappseiten
29,95 €.
ISBN: 3896605879

 


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