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Tue Gutes und rede
darüber! "Soziale Kapitalisten" nennt Hannes Koch Firmenlenker, die nicht ausschliesslich auf ihren Gewinn fokussiert sind, sondern dabei Ziele wie Nachhaltigkeit, Ökologie, sozialer Ausgleich und Fair Trade mit in ihre Geschäftspolitik und ihr Handeln integrieren. Die vorgestellten zehn Unternehmerpersönlichkeiten sind ein buntes Häufchen – vom Fünfmannfirmaboss Andrew Murphy (Investmentfirma Murphy&Spitz; die teilweise abschreckende Militanz einer ethisch-"korrekten" Wirtschaftssicht ist hier sehr gut zu sehen) über die Geschäftsführerin eines Gründerfonds (dessen finanzielle Mittel im Dunkeln bleiben), dem Inhaber eines Unternehmens, welches Wechselrichter für Solarstromanlagen herstellt, dem Inhaber einer Büroeinrichtungsfirma bis zum charismatischen Götz Werner ("dm") und Michael Otto von der "Otto Gruppe". Weiter werden Anton Wolfgang Graf von Faber Castell, Marli Hoppe-Ritter ("Ritter Sport"), Ulrich Lehner ("Henkel") und der "Öko-Test"-Chefredakteur Jürgen Stellpflug vorgestellt. Den jeweiligen Persönlichkeiten werden markige, bisweilen stilblütenhafte Titel vorangestellt. Götz Werner wird als Der Ästhet bezeichnet, Michael Otto Der Grüne. Graf von Faber-Castell heisst Der Herr, Frau Hoppe-Ritter Die Luxuriöse. Andrew Murphy, der in seine Investmentfonds grundsätzlich keine Firmen aufnimmt, die in China produzieren lassen, bekommt den Stempel Der Demokrat. So unterschiedlich diese Persönlichkeiten und deren Unternehmen sind – so merkwürdig beliebig scheint auch im Einzelfall die Rubrizierung des "Sozialen Kapitalisten" vorgenommen. Und häufig verlässt Koch die notwendige kritische Distanz und setzt zu fast lobhudelnden Reden ob der jeweiligen Persönlichkeiten an. Das streift dann auch schon mal den Tatbestand der Peinlichkeit. Die Kriterien, nach denen die Leute ausgesucht wurden, bleiben im ziemlich Allgemeinen – wie überhaupt sehr viel mit Wort- und Zahlenakrobatik gearbeitet wird. Manchmal erfährt man erst gegen Ende des jeweiligen Portraits, dass es mit dem tatsächlichen sozialen Gewissen nicht immer so weit bestellt ist. Mal rühmt sich der Chef, dass man so gut wie keine Gewerkschaftsmitglieder in der Belegschaft habe (wie war das mit der Koalitionsfreiheit?) oder im sanft geschriebenen Text über Marli Hoppe-Ritter erfährt man ziemlich spät, dass das so ausführlich gepriesene Projekt des fairgehandelten Kakaos aus Nicaragua gerade mal den Kakaobedarf von Ritter von einem Tag deckte; für die restliche Jahresproduktion kauft man dann – wie alle anderen – aus Ghana oder der Elfenbeinküste. Konkrete Vorwürfe gegen Ritter gibt es aber nicht heisst es dann lapidar. Aha. Dann noch ein Schwenk zum firmeneigenen Blockheizkraftwerk (man ist bezüglich der Energieversorgung jetzt autark) – aber warum ist das so aussergewöhnlich, zumal man inzwischen hunderttausende von Euro einspart?
Zwischen Redundanz und
Komik Nicht selten verfällt Koch in eine Yellowpress-Sprache, die den Eindruck fast devoter Bewunderung hinterlässt. Dabei ist unzweifelhaft, dass etliche der Portraitierten von einer langfristigen Perspektive ausgehen und sozusagen in Nachhaltigkeit "investieren" statt "schnelle" Gewinne durch besonders rücksichtsloses Agieren am Markt zu verbuchen. Es ist aber auch unstrittig, dass mit der seit Jahren von einigen Protagonisten auf diesem Feld betriebenen offensiven Rede für dieses "Gute" gehörig Markenwerbung (bzw. Eigenwerbung) betrieben wird und hier ein Teil des ökologischen und sozialen Mehrwerts zu finden ist. Koch konzidiert dies in Einlassungen sogar und erwähnt bei Michael Otto und Götz Werner nicht ohne Bewunderung die Stellung in der Liste der einhundert reichsten Deutschen. Der pauschale Schluss, dass sich ethisches Wirtschaften auch lohne, kommt plötzlich ziemlich verlockend daher. Die Frage ist nur, ob Ursache und Wirkung hier nicht vertauscht werden. Während der Lektüre bekommt man immerhin einen Einblick in die unterschiedlichen Zertifizierungsmöglichkeiten, Organisationen und Verbände, die ethisches Unternehmerverhalten positiv bewerten und sanktionieren. Leider werden die entsprechenden Kriterien nicht thematisiert und Unterschiede nicht aufgeführt, was deutlich interessanter gewesen wäre, als die private Lebensgeschichte einiger Protagonisten schlagwortartig Revue passieren zu lassen. Anregend wird das Buch bei zwei Portraits. Zum einen wird das Schönsprech des (damaligen) Henkel-Geschäftsführers Ulrich Lehner decouvriert, was die Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen des Konzerns berechnet pro hergestellter Packung angeht. Koch stellt dem die tatsächlich gestiegenen Emissionen gegenüber: Von 614 Millionen Tonnen 2002 auf 810 Millionen Tonnen 2006. Der Trick dabei ist, dass durch die gestiegene Produktion der Emissionswert pro Packung reduziert wurde – in toto jedoch (natürlich) die Emissionen anstiegen. (Analog zur Fixkostendegression in der Kostenrechnung könnte man das Emissionsdegression nennen; in Anbetracht der Tatsache, dass in die Atmosphäre natürlich die tatsächliche Schadstoffmenge aufnehmen muss, eine geradezu perverse Rechnung.) Da wirkt das Attribut zu Lehner schon seltsam: Der Nachdenker. Es sollte besser "Der Rabulist" lauten. Und zum anderen wird der "Öko-Test"-Chefredakteur Jürgen Stellpflug nach anfänglichen Freundlichkeiten gehörig demontiert und als eine Art Sozialrambo hingestellt. Stellpflug sei ein Machtmensch, ein harter Knochen, der auch schon mal unliebsame Mitarbeiter mit Abmahnungen drangsaliere. Und – was noch schlimmer ist – die Fixierung der Ökotester auf Schadstoffe in den jeweils untersuchten Präparaten (und die dabei vollständige Ausblendung der Nützlichkeit des Testobjekts) wird als reichlich einseitig und unprofessionell dargestellt. Warum diese beiden Portraits im Buch sind, bleibt nach der Lektüre offen – als Vorbilder taugen diese Protagonisten wohl kaum.
Das übliche Lamento Kochs These, dass jetzt viele der sogenannten 68er in den Unternehmen in führende Positionen angekommen sind und daher der Bewusstseinswandel langsam aber stetig einsetze, ist kühn. Seine Sicht, dass auch die Verbraucher immer mehr Produkte "ethisch aufladen" und nicht nur mehr den originären Nutzwert der Ware einkaufen, sondern auch über die Umstände der Produktion mehr erfahren möchten und hierauf ihre Kaufentscheidung mit begründet wird, trifft – das stellt Koch selber einschränkend fest – nur für einen Teil der Bevölkerung zu. Meistens handelt es sich dabei um gebildete und finanziell gut versorgte Haushalte, die in der Lage sind, jenseits einer Billigmentalität einzukaufen. Selbst diese Einschränkung ist nicht verallgemeinerbar; auch diejenigen, die es sich leisten könnten, geben in Deutschland für Lebensmittel im Verhältnis immer noch weniger Geld aus als beispielsweise der Franzose. Blauäugig Kochs These, die Machtbalance zwischen Anbietern und Nachfragern sei dabei, sich zu verschieben und unzureichend der Beleg, dies in der Abwanderung der letzten Monate von rd. 10% des Kundenstamms vom Energieunternehmen Vattenfall festzumachen. Dies habe – so Koch - mit den Unregelmässigkeiten um das Atomkraftwerk Krümmel und dem wachsenden Problembewusstsein in punkto Klimawandel zu tun. Hiervon kann jedoch in dieser Pauschalität keine Rede sein. Die Kunden haben sich schlichtweg aufgrund der exorbitant gestiegenen Strom- und Energiepreise zu anderen Anbietern orientiert. Dies dürfte auch damit zu tun haben, dass dies in den Medien verstärkt als Möglichkeit aufgezeigt wurde. Im Schlusswort plädiert Koch u. a. dafür, die Vergabe von öffentlichen Aufträgen an bestimmte Sozialstandards zu koppeln (obwohl er vorher mehrfach betonte, wie schwierig die Überprüfung sei). Und am Ende macht er sich dezidiert protektionistische Argumentation zu Eigen, plädiert beispielsweise für Zölle. Diese Argumentation ist inzwischen ziemlich populär – insbesondere auch dann, wenn es um den Schutz und Erhalt von Stellen in Deutschland geht. Koch übersieht dabei, dass Deutschland von der Globalisierung à la longue stark profitiert. Das aktuelle Beispiel, was zur Zeit des Drucks des Buches noch nicht relevant war: Die neue Nokia-Fabrik in Rumänien, die in Deutschland tausenden Menschen den Arbeitsplatz kostet, wird von einer deutschen Baufirma hochgezogen. Gelegentlich ist die Welt nicht nur schwarz-weiss. Und er übersieht, dass die Weltmärkte gar nicht der Hort des ungezügelten Freihandels ist, wie es gemeinhin dargestellt wird. Nämlich sowohl die Vereinigten Staaten von Amerika wie auch die Europäische Union usurpieren mit ihren Subventionen beispielsweise für ihre Landwirtschaft (aber auch andere Bereiche) die Weltmärkte, verbilligen ihre eigenen Produkte somit künstlich und treiben damit noch die lokalen Produzenten in den sogenannten Entwicklungsländern in den Ruin. Von China verlangte man zur Aufnahme in die WHO, die staatlichen Exportsubventionen zurückzufahren – man selber praktiziert jedoch eine "Globalisierung" ganz anderer Art. Bis man diesen Unsinn nicht abgebaut hat, braucht man sich eigentlich über "Fair Trade" gar nicht unterhalten und wird das Einzelengagement von wenigen auch nicht zu einer Massenbewegung führen, geschweige denn zu gerechten Produktionsbedingungen führen. Und dann könnte man statt protektionistischer Schutzzölle oder gar Importverboten weltweit zeitlich fixierte, feste Mindestpreise für gewisse Rohstoffe festsetzen. Ein Import unter dem festgesetzten Preis führt automatisch zu einer Zollabgabe an den Erzeuger, einer Art "Social Dumping"-Gebühr, der direkt beim Import zu entrichten ist. Koch geht implizit davon aus, dass sich die Welt ökonomisch unserem Niveau anpasst bzw. anzupassen hat. Das ist in punkto Sozial- und Umweltstandards wünschenswert. Aber parallel dazu wird dies mit einer beispiellosen Industrialisierungsschraube einher gehen, die genau das zerstören wird, worum es Biosphärenschützern letztlich geht. Insofern ist das ehrliche Engagement verantwortungsvoller Unternehmen zu begrüssen, ersetzt aber keine globale, kosmopolitische Globalisierungspolitik, die für alle Teilnehmer gravierende, teilweise auch unangenehme Folgen hätte. Zuförderst dienen Soziale Kapitalisten der Aufpolierung des Images eines Unternehmens. Und der Beruhigung des Gewissens des Konsumenten. Lothar Struck
Alle kursiv gedruckten
Stellen sind Zitate aus dem besprochenen Buch. |
Hannes Koch Soziale Kapitalisten Vorbilder für eine gerechte Wirtschaft Rotbuch 192 Seiten ISBN 978-3-86789-016-8 19.90 EUR |
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