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Sturm und Drang
Ein Kommentar zur Lage von Kurt Otterbacher

Es fällt schwer, Herrn Reich-Ranicki nicht zu mögen. Selbst wenn es einem schwerfällt, zu glauben, der von ihm provozierte Eklat, man könnte ihn die kleine ZDF-Verstörung nennen, bedeute mehr als die Klage über durch Preisverleihung und Alter strapaziertes Sitzfleisch. Als ginge es um »Werte« wie »Grundsatz« oder »Qualität« wie von Elke »Wotan« Heidenreich beschworen, die allezeit am tapfersten ist, wenn sie ihrem Arbeitgeber im putativen Schutz der Öffentlichkeit in die Pfoten beißt. Man hört förmlich beim Lesen ihre leicht scheppernd-erregte Stimme, mit der sie wie einst die kriegerische Jungfrau auf die Barrikaden des Alltags zieht, in der Hoffnung auf ein Schicksal, das größer und weniger banal ist als »Lesen«. Es ist nicht schwer, Frau Heidenreich nicht zu mögen.

Schwieriger liegt die Sache bei Frank Schirrmacher. Bei ihm scheint es sich, wir wollen es ihm zuliebe annehmen, weniger um Geltungssucht zu handeln, als vielmehr um »Sturm und Drang«. Das ist offenbar ansteckend, denn es verwandelt das Feuilleton der FAZ langsam in ein linksradikales Kampfblatt, was ja eigentlich eher uns von STRANDGUT zustünde, wenn wir nicht bereits so reif und gefestigt wären.
Nun paßt »Sturm und Drang« nicht so gut zum Alter wie wundes Sitzfleisch, wird aber manchmal von einer neuen Liebschaft - wir hoffen es zumindest für Schirrmacher - hervorgerufen. Wie könnte man sich sonst seine Behauptung erklären, nach der Finanzkrise werde »nichts mehr sein wie zuvor«? Oder daß er George Bush nicht nur für diese Krise sondern auch den »Verlust unseres Weltvertrauens« verantwortlich macht? Ungeachtet der Tatsache, daß die Saat für die Krise bereits bei Ronald Reagan und Folgenden gelegt wurde, daß sehr viele - Leute, Staatshaushalte und nicht nur Banker - sehr gut daran verdienten bis es krachte, die meisten von uns besagtes Weltvertrauen bisher nicht kannten und ein Satz wie »Bush hat uns mit Null multipliziert« zwar pinteresk, also nobelpreisverdächtig, aber »nicht wirklich« sinnstiftend ist?

Loben wollen wir dagegen Josef Ackermann, der in der Krise an die Kollegen zuerst denkt. Er stiftet nämlich ihnen seine Boni und nicht seinem Laden.
Dies vorbildliche Verhalten sollte ihm den großen Verdi-Verdienstpreis einbringen. Im ZDF übertragen, moderiert von Thomas Gottschalk, würde er auf Reich-Ranickis hartem Stuhl sitzen, während der Herr Schirrmacher die Einschaltquote mit Null multipliziert. Kurt Otterbacher

Strandgut
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