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Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Opfer und wehrloser Täter zugleich

Martin Suter erzählt in seinem neuen Roman von einem tamilischen Liebes-Koch

Von Georg Patzer

»Und so kam es, dass Maravan, der Tamile, nichtsahnend für Razzaq, den Pakistani, ein Essen zubereitete, bei dem ein Geschäft eingefädelt wurde, das die sri-lankische Armee über ein paar Umwege mit ausgedienten Schweizer Schützenpanzern versorgte.« Die dann gegen Maravans Verwandte und Freunde eingesetzt wurden. Und seinen Neffen Ulagu dazu brachten, sich zu den kämpfenden Tamilen zu melden: Ein paar Wochen später sah Maravan in einer Internetzeitung ein Foto mit dem erschossenen Kleinen.

Die Welt ist undurchschaubar, und selbst, wenn wir nur ein Essen kochen, können wir am Elend der Welt beteiligt sein: Das ist wohl die perfide Hauptbotschaft des neuen Romans von Martin Suter. Denn Maravan, der tamilische Koch, der illegal in Zürich lebt und lange Zeit Spülhilfe im Nobellokal von Fritz Huywler arbeitet, achtet eigentlich sehr auf die Moral. Vor allem, als er gefeuert wurde, weil er sich einmal, ohne zu fragen, den Rotationsdampfer ausgeliehen hat. Den er dringend brauchte, um ein Liebesmahl zu kochen, mit dem er die Serviererin Andrea verführen wollte. Es gelingt ihm, obwohl sie eigentlich lesbisch ist.
Immerhin ist das der Anstoß für die beiden, eine eigene Firma zu gründen, einen Catering-Service der besonderen Art:
»Love Food«. Denn die aphrodisierende Wirkung der ayurvedischen Speisen, die Maravan gekonnt und liebevoll in seiner Molekularküche behandelt und verwandelt, zeigt sich bei allen, die sie essen. Zumal auch die Atmosphäre darauf ausgerichtet ist: Man isst mit den Fingern, sitzt auf dem Boden – so kommt man sich schnell näher. Zunächst bekommen die beiden die Paare von einer Therapeutin geschickt, die auch glaubt, dass Liebe durch den Magen geht. Und immer finden die Paare in dieser harmonischen Intimität wieder zueinander. Jedesmal aber fragt Maravan, ob sie auch verheiratet sind.

Dann jedoch sind sie gezwungen, ihr Geschäft auszuweiten. Und so kommen Geschäftsleute zu ihnen, die nicht nur etwas Exklusives essen und sich das gerne ruhig ein paar Tausender kosten lassen wollen, sondern auch diskret ihre Geschäfte abwickeln und danach noch ihren »Spaß« mit den dazubestellten Damen haben wollen. Maravan windet sich, aber er kann nicht anders: Er braucht dringend viel Geld, um seine Familie im Kriegsgebiet zu unterstützen und vor allem seine Großtante Nangay, die Medikamente braucht, die man in Sri Lanka nicht mehr bekommt.

Martin Suters neuer Roman hat durchaus Züge von einer Kolportage. Böse, korrupt, geldgierig und ohne jede Moral sind die Wirtschaftsbosse und Kriegsgewinnler, die den Hals nicht voll genug kriegen können, die auch gerne mal die Zeitungen bestechen, wenn sie Angst haben, dass ihre krummen Geschäfte ans Licht kommen könnten. Dagegen steht vor allem Maravan, der kleine Mann, der nichts dagegen tun kann, dass er von allen Seiten ausgenutzt wird: von Dalmann und den anderen Kapitalisten, von seinen tamilischen Landsleuten, die ihn zu immer mehr Geld für ihren »Freiheitskampf« erpressen (auch mit der Drohung, ihn an die Fremdenpolizei zu verraten), sogar von Andrea, die genau weiß, dass er eigentlich in sie verliebt ist, weil auch sie ein Stück vom Kuchen im reichen Zürich abhaben will.

Herrlich und erfrischend ist der Sarkasmus, mit dem Suter die Großen abwatscht: »Dalmann hatte zum Aperitif einen 2005er Chardonnay von Thomas Studach aus Malans à hundertzwanzig Franken bestellt anstatt, wie sonst immer, eine Flasche Krug Grande Cuvée brut für vierhundertzwanzig. Das war aber auch sein einziges Zugeständnis an die Wirtschaftskrise.« Oder über Sandana, eine Freundin von Maravan, die mit ihrer Familie gebrochen hat, weil Maravan zur falschen Kaste gehört. Zwar sind die Kasten abgeschafft, »aber du musst in der richtigen abgeschafften Kaste sein«. Auch dass der Oberböse in diesem Buch am Schluss das Zeitliche segnen muss, ist nur gerecht. Aber das ist dann natürlich auch wieder alles ein wenig zu platt. Natürlich ist der Globalismus böse, natürlich verdient die Schweiz wieder mal an allen, weil sie wieder einmal »neutral« ist und die Macht hat, die Gesetze auch mal zu umgehen. Nicht wirklich zu brechen, aber doch ein wenig zu biegen. Man muss es nur wollen und die Verbindungen haben.
Bunt und vielfältig sind vor allem die Kochorgien, die Maravan veranstaltet. Hier wird auch Suter sinnlich, zeigt, dass er mehr kann als eine weitverzweigte und trotzdem wasserdichte Story erfinden, dass er auch noch eine elegante Sprache hat. Hier führt er die Techniken und Ingredienzien von Ayurveda und Molekularküche vor: mit Wasserbad und Bunsenbrenner, Vakuumkocher und Präzisionswaage, Pipetten, Siphon und Mixer. Hier werden Gerichte zelebriert, bei deren Namen einem schon das Wasser im Mund zusammenläuft:
»Eislutscher aus Lakritze-Honig-Ghee«, »Minichaapatis mit Curryblätter-Zimt-Kokosöl-Kaviar«, »Gefrorene Safran-Mandel-Espuma und ihre Safrantexturen«, »glasierte Kichererbsen-Ingwer-Pfeffermüschelchen« oder der »Spargel-Ghee-Phallus«, serviert in Phiolen und Reagenzgläsern auf Löffeln oder in Fingerhüten.

So richtig lebendig wird in diesem Roman einzig und allein Maravan, der im erzwungenen Exil versucht, sich einen Rest von Moral noch zu bewahren, aber in der globalisierten Welt ein Opfer ist und wehrloser Täter zugleich. Der weiß, dass er in einer modernen Welt lebt, die mit seiner altvertrauten srilankischen nichts mehr zu tun hat, der auch weiß, dass er seinen Traum von einem Spitzenrestaurant mit subkontinentaler Avantgarde-Küche in Colombo nie verwirklichen wird. Alles in allem ist »Der Koch« aber ein flotter und kritischer Unterhaltungsroman, der viele, vielleicht allzuviele Themen anspricht, aber immer wieder die Kurve kriegt und die bunten Fäden doch immer wieder zu einem passenden Teppich verknüpft: Eine spannende Mischung aus »Es muss nicht immer Kaviar sein« (auch hier sind die Rezepte angehängt) und »Das Parfüm« mit seiner anregenden Sinnlichkeit.
 

Martin Suter
Der Koch
Roman
Diogenes Verlag, Zürich 2010
272 Seiten
21,10 Euro
ISBN 978-3-257-86193-8


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