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Walter van Rossum macht zunächst neugierig. Aber manchmal ist das so eine Sache mit dem Anspruch und der Wirklichkeit. Früh merkt der Leser: Da hat eigentlich jemand überhaupt kein Interesse an einer auch nur halbwegs seriösen medienkritischen Analyse der Nachrichtensendungen, speziell und überwiegend der "Tagesschau" und den "Tagesthemen". Stattdessen gefällt sich der Autor in der Pose des Allwissenden, der dem Redaktionsteam von "ARD-aktuell" mal so richtig die Meinung sagt. Das geschieht in einer Mischung zwischen Überlegenheitsgestus eines Michael Moore-Adepten und der Wut eines abgeblitzten Tanzstunden-Verehrers.
»Rolex-Uhren-Träger« Den eigentlichen Punkt, nämlich warum es mit einem neuen Menschenrechtsrat irgendwie besser gehen soll, streift van Rossum nur am Rande. Und das Kröger auch die USA zumindest mit Guantánamo und Abu Ghraib durch entsprechende Bebilderung angreift, ist ihm nur der Hinweis wert, dass Bush II nicht im Bild gezeigt wird. Stattdessen bemerkt er bereits am Anfang, dass Uwe Kröger seinen Bericht mit der rauen und schneidenden Stimme eines unbeirrbaren Rolex-Uhren-Trägers selber "bespricht". Halbverstecke (unsachliche und eigentlich unnötige) Gehässigkeiten dieser "Qualität" wird der Leser im Laufe des Buches noch viele mitbekommen. Warum er am Anfang des Buches einen Beitrag des ZDF herauspickt, erstaunt. Im weiteren Verlauf beschäftigt er sich nämlich ausschliesslich mit der "Tagesschau" und den "Tagesthemen" (um…den Korpus meiner Analyse nicht allzu unübersichtlich werden zu lassen…), die er – beide oder einzeln – abschätzig als Tagesshow bzw. Tagesshows betitelt – übrigens ohne den Ursprung des Begriffs "Tagesshow" nur einmal zu erwähnen. Bezeichnend, dass das ZDF dann nur noch in einer Fussnote vorkommt: In vergleichbaren Sendungen des ZDF ließe sich Nämliches, wenn nicht Schlimmeres nachweisen. So weit, so subjektiv. Aber von den Nachrichtensendungen auf RTL und SAT.1, beides Sender mit grosser Breitenwirkung, kein Wort. Was liesse sich denn hierzu nachweisen? Natürlich ist eine Konzentration auf eine Redaktion legitim. Der Gedanke dahinter ist vermutlich der einer Dominotheorie. Indem eine Dekonstruktion des "Flagschiffs" des deutschen Nachrichtenjournalismus vorgenommen (bzw. behauptet) wird, erübrigt sich die Beschäftigung mit noch trivialeren Ablegern. Van Rossum möchte also den bisherigen Nachrichtenformaten, welche übrigens keine spezifisch deutsche sind, den Garaus machen. Muss aber nicht jemand, der etwas kritisiert, eine Alternative benennen können? Lessings Bonmot, dass man nicht Koch sein muss um festzustellen, das eine Suppe versalzen ist, muss streng genommen auch für van Rossums Buch gelten, auch wenn seine Intention über die der Dekonstruktion hinausgeht. Dagegen setzt er nichts Substanzielles bzw. lässt seinen Gegenentwurf im Dunkeln. Ein analytisches Sachbuch, welches derart vehement agitiert, sollte der eigenen intellektuellen Wahrhaftigkeit willen jedoch mindestens in groben Zügen nachvollziehbare Alternativen aufzeigen. Unterlässt man dies, kann dies zu zweierlei Schlussfolgerungen führen. Entweder der Autor hat kein durchdachtes Gegenmodell oder die Motivation der "Zertrümmerung" ist eine, die nicht aus dem Gegenstand selber resultiert.
Die These ist im Grunde
genommen sehr einfach: Die große Mehrheit der Journalisten sieht ihr Aufgabe
darin, die Gesellschaft vor den finsteren und komplexen Realitäten zu
beschützen.
Nach Kritiken an einigen
Beiträgen zerlegt van Rossum ausführlich die "Tagesschau" (später noch die
"Tagesthemen") vom 6. Dezember 2006. Diese (beiden) Sendung(en) werden
exemplarisch für alle anderen genommen; an ihnen richtet er sein Urteil aus. Man
kann davon ausgehen, dass es schon vorher feststand und es ist unerbittlich: Zweifellos ist der Tatbestand, dass täglich tausende von Kindern verhungern oder an vergleichsweise lächerlichen Krankheiten sterben, schrecklich. Ähnliches könnte man jedoch auch von allen anderen Menschen beklagen, die aufgrund mangelnder ärztlicher Versorgung sterben und/oder politischer, ethnischer oder religiöser Verfolgung verfolgt werden. Die grundsätzliche Frage wäre, ob eine ritualisierte Vermeldung solcher – bei aller Schrecklichkeit – Vorfälle bewusstseinsfördernd bzw. bewusstseinsschaffend wären. Zweifellos wäre es ein Fanal, mit der Nachricht "Auch heute sind wieder 30.000 Kinder auf der Erde verhungert" aufzumachen und diese vor vergleichsweise lächerlichen Wahlkampfaussagen von Politikern zu platzieren. Aber welchen Effekt erhofft sich der Autor davon? Nachrichtensendungen haben für van Rossum – das wird im Verlauf des Buches immer deutlicher - in der eigentlichen Nachricht immer auch die "richtige Botschaft" mitzutransportieren. Sie finden nur Gnade, wenn ihre Ausrichtung hehren Zielen folgt (welche Ziele dies sind, bestimmt er selber). Er lässt nur Nachrichten zu, die seiner ideologischen Ausrichtung entsprechen, d. h. er indoktriniert. In der besprochenen "Tagesschau"-Sendung wird über die Vorstellung und Veröffentlichung des sogenannten "Baker-Report" berichtet. Auch hier setzt er wieder eine eigene Art der Wahrnehmung als absolut an. Der Irak käme in der Berichterstattung der "Tagesschau" überhaupt nur vor, wenn Amerikaner Schwierigkeiten mit dem Irak haben. Das ist in mehrfacher Hinsicht ein sehr ungenauer Vorwurf, denn (1.) kommt der Irak über Gebühr in den Nachrichtensendungen vor (beispielsweise bei Terroranschlägen – also fast täglich, wobei hier die Sinnhaftigkeit solcher Meldungen sehr wohl befragt werden könnte, aber auch bei politischen Entwicklungen innerhalb des Landes) und (2.) kommt beispielsweise auch der Flugverkehr nur vor, wenn es einen Flugzeugabsturz gibt. Van Rossum holt weit aus. Die Meldung über den "Baker-Report", der konstruktive Vorschläge für einen Truppenabzug der Amerikaner enthält, erlauben, die Prinzipien dieser Berichterstattung zu umreissen: "Konsens und Pragmatismus" leiten die "Tagesschau", wenn sie allabendlich ihre Zuschauer auf die allerselbstverständlichste Art zu Mitwissern eines ungeheuren Verbrechens macht, nämlich eines barbarischen und durch nichts zu rechtfertigenden und relativierenden Angriffskrieges. Dass die "Tagesschau" die Zuschauer zu Mittwissern eines ungeheuren Verbrechens macht ist eigentlich ja nicht schlecht, wenn man für einen Moment an eine Art journalistische Aufklärungspflicht glaubt. Aber van Rossum interpretiert das offensichtlich anders, denn weder an diesem noch an irgendeinem anderen Tag bringt die "Tagesschau" die Sache auf diesen Punkt. Was ist denn "der Punkt", auf den die Sache zu bringen ist? Kern der Anschuldigung ist, dass der Irakkrieg als solches nicht mit mindestens mit einem Attribut moralisch und politisch bewertet und mit diesem Attribut dann durchgängig begleitet wird. Etwa so, wie die palästinensische "Hamas" in der ARD immer "radikal-islami[sti]sch" betitelt wird, die "Fatah"-Organisation immer als "gemässigt" (der Beigaben liessen sich noch viele aufzeigen, doch dazu später). In Anbetracht der Tatsache, dass van Rossum an anderer Stelle plumpe[n] ideologische[n] Fanfaren ausmacht, überrascht dieser Angriff. Noch mehr Verwirrung stiftet der nachfolgende Satz: Sie also die "Tagesschau" macht einfach den Krieg zu einem Faktum der amerikanischen Politik. Was, wenn nicht unter anderem ein Faktum der amerikanischen Politik ist dieser Krieg denn für die Amerikaner sonst?
Gesinnungskritik statt Medienkritik
Ähnlich nebulöses im Buch
fortwährend, etwa die Aussage, der Krieg um Kuwait 1990 hätte auch noch
andere Gründe gehabt, von denen wir nie erfahren sollten. Sollten?
Aber die Vermittlung derartigen Grundlagenwissens ist gar nicht die Aufgabe eine Sendung wie der "Tagesschau"; vielleicht noch am ehesten – in Grenzen – der "Tagesthemen". Muss man nicht von einem gewissen Kenntnisstand der Zuschauer ausgehen (auch wenn dieser kontrovers besetzt sein kann)? Wobei ja sehr wohl Stimmen zu Wort kommen, die den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ablehnen. Freilich – und daran besteht gar kein Zweifel: Es liegt ja viel im Argen, wenn man sich diese Sendungen anschaut. Und gelegentlich trifft van Rossum ja sehr wohl wunde Punkte, etwa wenn er über die textgestützten Bilder schreibt, die letztlich einen absoluten Nullwert an Information haben. Oder wenn er die Hohlfloskeln von politischen Statements anprangert, die vielleicht besser ignoriert würden. Aber all diese guten, richtigen und interessanten Punkten werden vernebelt durch das wilde Geschimpfe, welches sich irgendwann fast nur noch in Unflätigkeiten ergeht.
Verpasste Möglichkeiten Zweifellos, die Menschen in Myanmar haben grössere Probleme als dieses. Aber exemplarisch kann hier gezeigt werden, wie der sublime Anspruch auf nachrichtliche Neutralität eben genau nicht eingehalten wird und beispielsweise durch eine feine, fast unmerkliche, aber durchaus relevante Wortwahl eine Manipulation der öffentlichen Meinung vorgenommen wird. Dies braucht noch nicht einmal vorsätzlich stattzufinden, sondern im vorauseilenden Bemühen, die "Verständlichkeit" der Nachrichtensendung zu erhöhen. Weil der unregelmässige Nachrichtenkonsument mit "Hamas" oder der politischen Ausrichtung des aktuellen ukrainischen Präsidenten Jutschtschenko nicht viel anzufangen weiss, werden "Kennzeichen" eingeführt, die eine leichtere Rubrizierung ermöglichen. All dies könnte van Rossum dem Leser an die Hand geben, der es so (gegebenenfalls sogar lustvoll) selber übernehmen könnte, die ihm vorgelegten Informationen beispielsweise auf Beiworte oder voreilige und pauschale Attribute zu befragen. Der Leser würde zur kritischen Rezeption angeleitet, ohne beispielsweise durch andere Deutungen von politischen Vorgängen bereits wieder manipuliert zu werden. Das wäre echte Aufklärung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit gewesen, hätte allerdings eine ungleich filigranere und dezidierte Ausarbeitung zur Folge gehabt; eine Kärrnerarbeit im Vergleich zu dem, was mit "Die Tagesshow" vorliegt.
Stattdessen erfolgt mitten
im Buch die fast resignierende Feststellung: Das strukturelle Problem aller
Nachrichtensendungen besteht darin, dass es keine Objektivität und auch keine
Wahrheit geben kann. Wenn er das Ernst meint, ist jede Beschäftigung mit dem
Gedanken einer Aufdeckung oder gar Verbesserung von Handlungsmaximen für
journalistische Arbeit a priori sinnlos. Eine Bankrotterklärung für die eigene
Zunft. Die kursivgedruckten Stellen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
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