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Ulrich Breth über die
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Ein
poetischer Endzeitgesang
Austariert mit der Feinheit einer Apothekerwaage
Von Peter V. Brinkemper
Uwe Tellkamps »Der Turm« ist
ein beeindruckender, fast tausend Seiten starker Roman aus jener einstmals
anmutigen Elbmetropole aus der Zeit der späten und schließlich auseinander- oder
besser einbrechenden DDR. Und doch wirkt das Buch weniger wie ein episches
Großwerk, sondern wie ein Geflecht aus verhalten notierten, ineinander
verwobenen Novellen. Ist das gleich ein Verfall, ein Untergang, eine
Titanic-Geschichte, wie sie sich im Text motivisch andeutet, um wieder darüber
hinweg zu gleiten? In der Tat wirkt nicht nur die Semper-Oper wie ein
monumentaler Dampfer, eine Art Rolls Royce bei Hochwasser. Oder geht es eher um
eine textuelle Transformation, eine genuine Mutation oder eine an der kunstvoll
kräuselnden Oberfläche verbleibende Drift? Die Zeit und die Epoche als
Fließprozess in einem mehr oder minder einbetonierten Elbkanal? Wenn die harten
Komponenten des auseinander brechenden Tankers nach unten sinken und dort
eingerostet überdauern, oder, weil weich, schwimmfähig oben bleiben und
weitertreiben, auf einer chemieverschmutzten Elbe, die nun ein einig Vaterland
durchfließt, von Tschechien bis Hamburg, werden sie heimgesucht und aufgesogen
von den alten Speicherstadtkanälen im nordischen Geiste der Buddenbrooks oder
von der soeben zerplatzten Spekulations-Kapitalismus-Blase? Der Westen, hat er
sich nun knapp 20 Jahre später zu Ende gesiegt, nachdem der Osten zu Ende
isoliert hatte? Es könnte ja sein, dass der Roman real-sozialistische Elemente,
die ewige Mobilisierung der Subbotniks, und gutbürgerliche
Kontemplations-Komponenten enthält, die auch im soeben zerfallenden, total
deregulierten Globalkapitalismus oben auf treiben und mit bestimmten
westdeutschen Havariestücken, wie der einer demokratischen Öffentlichkeit und
einem markwirtschaftlich gezügelten Leistungsimperativ, oder den Tendenzen zu
einem neuen elektronischen Überwachungsstaat mit ihrer
Agenda-2010-Zweiklassen-Gesellschaft durchaus kompatibel wären, zumal das neue
5-Parteien-System sich immer noch nicht auf allen Ebenen politikfähig
geschliffen hat.
Systemzeit und Privatzeit
Tellkamps Werk ist ein Roman der alten politischen Systemzeit und der darin
eingebetteten privaten Zeit von Familien und Individuen, die im Kampf zwischen
Klein- und Bildungsbürger (siehe die wunderbaren Tabelle S. 681) im Arbeiter-
und Bauern-, Soldaten- und Stasi-Staat ihren eigenen, widerwilligen und nicht
genehmigten Einschätzungshorizont schützen und pflegen, ein Werk des zerdehnten,
immer wieder von der Trägheit der Ereignisse und der verlangsamten Wahrnehmung
aufgehaltenen Übergangs. Man muss zumindest auch als Besucher, Freund oder
Verwandter einmal in der noch existierenden DDR gewesen sein und mit den
einfachen und studierten Menschen ein Stück Lebenszeit verbracht, um die
Unglaublichkeit des Projektes einer bejahten Trennung und eines besseren linken
deutschen Staates, des mauerbewehrten und schussgesicherten Bollwerks gegen den
teuflischen Sog des Kapitalismus erlebt oder die späteren Treuhand-forcierten
Abbrüche der Chemieanlagen in Bitterfeld, bestiegen zu haben, während sich Agfa
Photo Leverkusen gegen ORWO noch im unsterblichen Vorteil glaubte. Eine Welt
allgegenwärtig vor sich hinwuchernder Bürokratie, tagtäglicher Entbehrung und
utopistisch gedrillten Klassenkampfbewusstseins, des ständig plakatierten,
markierten und überwachten Hoheitsgebietes in volkseigener und brüderlicher
Sache, der hochoffiziellen Räume, Sperrzonen, nach Außen und im Inneren, ein
Kafkaeskes System der Kontrollen, Visa, Bewilligungen und Entziehungen, ein
Labyrinth der Deadends und der verschwiegenen Schlupflöcher, der Fluchten und
der Bespitzelungen, das Bewusstsein einer allgemeinen Schmuggelmentalität
gegenüber allem und jedem: Materialien, Werten, Menschen, Posten und Positionen,
sowohl der etablierten Funktionäre und Eliten wie der unterworfenen sozialen
Schichten, die sich allesamt möglichst bedeckt halten, um ihr eigenes episches
Theater auf möglichst vielen Treppen und Treppchen zu genießen, um neben ihrem
offiziellen Ausweis und Auftritt ihr schattenhaftes Dasein kleinster,
unerlaubter oder halbwegs hingenommener Freiheiten zu verfolgen, innerhalb des
Systems so etwas wie einen individuellen Lebensstil oder ein Stück familialer
und personaler Identität, und dies unter der Decke des verordneten Zwangs einer
nivellierten Kollektiv-Gesellschaft, in der jeder einzelne dazu verdammt ist, an
der Nivellierung aller mit voller planwirtschaftlicher Vehemenz zu arbeiten. Ein
vornherein festgefahrenes, verkrustetes und erstarrtes System wie dieses
verlangt die permanente implizite De-Reglementierung der Vorgaben und
Zuweisungen, schnüffelt Hohlräume der Zuwiderhandlung aus, gerät auf Abwege, auf
denen die Dynamik des Leichtsinns sich mit dem halboffenen Eingeständnisses der
Absurdität paart. Uwe Tellkamp hat diesem Zustand ein plastisches,
widerborstiges, recht eigentlich stacheliges poetisches Relief verliehen. Und er
schwelgt mit allen Sinnen, um uns dieses Relief genüsslich auf dem Tablett einer
merkwürdig kurz anmutenden Beschreibung und eines zugleich bei aller ausgemalten
Stagnation schwungvoll epischen Doppel-Bogens zu bieten.
Die Logik des
Chakamankabudibaba
Im minutiöser, öfters ärztlich-anatomischer Detailverliebtheit gelingt es
Tellkamp den Alltag aus der Perspektive seiner Protagonisten als Einrichtung in
Vierteln, Straßen, Gebäuden, Treppenhäusern und Wohnungen zu schildern, in den
darin stattfindenden sozialen Ritualen, in den verhaltenen Demonstrationen der
gesellschaftlichen Karriere von Ärztefamilien und in den politischen Gesprächen
über die Ost-West-Beziehungen zwischen immer noch angespannter
Verteidigungsbereitschaft und massivem Friedenswillen, zwei Monate nach dem Tod
des großen Genossen Leonid Iljitsch, während
»das
große Schiff Sozialismus ... führerlos dahin«
treibt, trotz Andropow und Tschernenkow, und bereits deutlich finanziert von
Milliardenkrediten aus dem Westen, wie etwa der Bayerischen Staatsbank. Eine
recht tönerne Welt voller massiver Eterna- und Melodia-Schallplatten, alter
klassischer und volkseigen-gedruckter Bücher, Fußballerbildchen, auch aus dem
Westen, wasserfleckiger Wände, Wintergärten und Haustiere, die nach
Chakamankabudibaba, dem Arzt aus Hauffs orientalischer Märchenwelt benannt
werden, bevor es zum profanen Streit zwischen Alt- und Neumietern am Morgen nach
dem Familienfest kommt. Eine ein Stück etablierte Sphäre der eingefrorenen
Wartburgs und Skodas, die darauf warten, mit dem Föhn enteist zu werden, während
neu zu druckende Literatur durch den Hermes-Lektor Meno Rohde routinemäßig beim
Zensor Eschschloraque am symbolischen Flurende anzumelden ist, die als
genussvoll getarnte literaturkritische Teestunde unter der Goethe-Büste und dem
Stalin-Photo im Gedenken an
»ein
Klischee jenseits des Klischees«.
Anberaumt wird die Selbstzensur und Neubearbeitung irgendeines Werkes, die vom
gerügten und gedemütigten Autor höchstselbst zu vollstrecken sein wird. So viel
vom Arbeitsbesuch im Funktionsnärsviertel Ostrom, einem in sich gestaffelten
Sperrbezirk-Areal, das selbst bereits als eine Zone des Schweigens und der
Verweigerung von authentischen Aussage- und Kommunikationsmöglichkeiten, als ein
Steckspiel von verschachtelten Verpuppungen charakterisiert ist. Sogar noch der
Vertreter der jüngsten Generation, Christian Hoffmann, ist im Bauplan des
»Turms«
zunächst eine Art epischer Funktionär, hat zwar eine seine unkonformistische
Lesewut, aber auch einen nach Erfolgplan sortierten Lernwillen, der aus ihm
einen Gefangenen macht, der seine Bewährung beweisen will. Erst in den
Kontrasterfahrungen mit dem Wild-West-Twist in einer Tanzkneipe, mit seiner
ersten Liebe und in der verachtungsvollen Ausbildung bei der NVA scheint in ihm
eine Bewegung erzeugt zu werden, die dem ganzen Roman einen Handlungsantrieb
verleiht, der den Teil 1, die Statik und Latenz der
»Pädagogischen
Provinz«
in die dynamischere
»Schwerkraft«
der eskalierenden Auseinandersetzungen, Dialoge, Dispute und Briefwechsel von
Teil 2 übergehen lässt: Militär, Medizin und Literatur beginnen im Herzrhythmus
des Weltgeistes von letzter Verteidigung der Bastion und nervösem Alarm in der
noch nicht erkannten Umbruchsphase zu schlagen, die dann zum abrupten
»Mahlstrom«-Szenario
des »Finales«
des 9. Novembers 1989 führt.
Dekor versus
Transformation
Natürlich gibt es Thomas-Mann-Motive und Anspielungen, so das Knasterarom in
den Wohnungen der Turmstraße, Christians Tonio-Kröger-Reminiszenz. Aber ist der
Erzählduktus als solches der des alten Thomas Mann, wenn auch leicht
modernisiert? Ich sage nein, und meine dies hier nur konstativ: In »Der
Zauberberg«
gibt es die »Fülle
des Wohllauts«,
die Expertise von wunderbaren Klangschönheiten auf Grammophonplatten. Daraus
wird bei Tellkamp im 28. Kapitel »Schwarzgelb«:
»-
Kreisende Schallplatte, schrieb Meno, die Hände Niklas Tietzes bleiben noch
Augenblicke über dem wippenden Wiegen der Platte stehen (und hörte die Spieluhr:
Dresden .... in den Musennestern / wohnt die süße Krankheit Gestern), es ist
dunkel im Raum, nur das Punktlicht über dem Plattenteller brennt und wird von
der drehenden Dünung zerstreut, versponnen und wieder zerstreut, wie wenn ein
Männchen an einem Spinnrad säße und Stroh zu Gold spänne; Niklas führt die Nadel
über den Plattenrand, noch verharrt sie, ein winziges, zum Zustoßen bereites
Stilett, ein gleißendes Häkchen, das die Musik, wie ich als kleiner Junge mir
vorstellte, am Kragen packen, sie, wie ich jetzt manchmal denke, aus der Rille
schälen wird wie die Radiernadel eines Kupferstechers Haar-Linien aus der
Metallplatte graviert; wandernde Schatten über den Fotografien an der Wand des
Musikzimmer im Haus 'Abendstern', wo ich zu Besuch bin«.
Dies allesamt sind im visuellen erstarrte Reminiszenzen aus einer musikseligen
Vorkriegsepoche, die sich allmählich erst in der träumerisch imaginierten
Brandung eines des »ersten,
von fernher aufklingenden Ton des Orchesters aus dem Nachschatten des
Musikzimmers«
wie in einer dunklen Loge wiederbelebt. Die Musik verdichtet den Diskurs des
Romans, sie erhebt ihn über die »Anspannung
und Erstarrung«
hinaus zu einem für kurze Zeit melancholisch-glücklichen Erlebnisschema, in dem
die Turmstraßen-Bewohner die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in der auditiven
Vergangenheit verorten, nach der sie im »Schattenbild«
der Gegenwart verlangen. Es ist schon bemerkenswert, wie Tellkamp das Vibrato,
das Espressivo und die Artikulation der Musik im klangmateriellen Bereich
belässt, eher »mit
der Feinheit einer Apothekerwaage«
im Geiste Fontanes austariert, ein wenig so wie bei den chladnischen
Klangfiguren eines melancholisch spekulierenden Jonathan Leverkühn, ein etwas
hilfloses Präludium, das mit der kommenden Musik in Thomas Manns »Doktor
Faustus«
und ihrer strengen Geistigkeit, sowie ihrem revolutionären Sprachimpetus nur von
ferne kommuniziert, sie aber auf naive, unstudierte Weise vorwegnimmt. Tellkamps
Ohr verschließt sich gegenüber dieser Dimension, er steckt den musikalischen
Kopf, zwar voller Musik doch in den Sand der augenblicklich verstreichenden Zeit
und verweigert in der pädagogischen Provinz die poetische Replik und Apotheose
durch Symphonie und Gesang. Es bleibt beim demütigen Beuysianischen Fluxus der
80er Jahre, einer Einbettung der Musik in die antivibratorische Dämpfung von
Filz und Fett jenes eingepökelten Daseins, das auf ganz andere Erschütterungen
als die einer Kulturrevolution im Kleinbürgerlichen Arzt- und Musiksalon Niklas
Tietzes wartet. Nicht nur »dieser
Flügel«,
wie Meno notiert, bei Tellkamp haben auch die bürgerliche Musik und die
modernen, auch revolutionär-programmatische Kompositionen »Zahnschmerzen«,
eine bis zur äußersten Entleerung ausgewalzte Tonlosigkeit in einer letzten
verebbenden Geräuschspur, die das Dementi ihrer einstigen Sozial- und
Klangutopie ist. »Die
Schallplatte dreht sich wie eine Schiffschraube, der Dampfer Tannhäuser legt ab
...«
Die schiefe Ebene von Menos Aufzeichnungen verkeilt Kultur und Alltag,
Materialismus und Idealismus, Akustisches, Optisches, Olfaktorisches und
Haptisches wie eine lose Ladung zu jenem »Emirat
des Bohnerwachses und der Gummibäume«,
in dem Metaphern und Symbole zu einem poetischen Endzeitgesang komprimiert und
hochpoliert werden, welche die historische Entwertung des einstmals Dionysischen
besiegelt. Es ist so, als ob die Bilder selbst lauter Subbotniks, ungedeckte
Sonderschichten einlegten, um das abgewrackte Elbflorenz in seiner maroden
Schönheit einer Riesenbrache mit Schlossruine ohne Meißner Porzellan und bar
seiner riesigen Lichtkorallenriff-Lüster einzukreisen. Erst am Ende sagt die
Schauspielerin Gudrun Tietze: »Wir
treten aus unseren Rollen heraus.«
Und ihr Mann Niklas fomuliert mit Beethoven: »In
der Oper spielen sie Fidelio, und beim Gefangenenchor erheben sich die Menschen
und singen mit.«
Die Musik bleibt Dekor, wenn auch ein wichtiges, wo sie bei Thomas Mann eine
geistige Essenz, ein zentraler Nervenstrang des Epischen seit Hanno
Buddenbrook, »Tonio
Kröger«
und »Tristan«
ist, nämlich die verbale und transverbale Melodie, die nicht nur als Ornament
und Emblem über dem hingenommenen Fluss der Vergänglichkeit schwebt, wie bei
Tellkamp, sondern als labyrinthisches Verweisungssystem für eine souveräne Form
der Erinnerung und Transformation von Geschichte und ihrem Potential jenseits
des kruden Faktischen steht, auch dort wo sie im Ausgang von der Wagnerschen
Dekadenz schließlich in der seriell auskomponierten Faustischen »Weheklag«
eines allgegenwärtigen Echos endet.
Peter V. Brinkemper
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Uwe Tellkamp
Der Turm
Geschichte aus einem versunkenen Land
Roman
Suhrkamp Verlag
976 Seiten, Gebunden
Euro 24,80
ISBN 978-3-518-42020-1
Gespräch mit Uwe Tellkamp
Lesung von Uwe Tellkamp aus »Der Turm«
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