Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik


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Die menschliche Komödie
als work in progress


Zum 5-jährigen Bestehen ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.

 

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Ulrich Breth über die Metamorphosen des großen Rätselhaften mit 7 Songs aus der Tube

Glanz&Elend - Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei
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Die Wucht der Bilder

Tschechische Fotografie zwischen Körper, Kunst und Politik

Von Peter V. Brinkemper

Bis zum 26. Juli 2009 zeigt die Kunst- und Ausstellungshalle der BRD in Bonn in Kooperation mit dem Museum für Angewandte Kunst in Prag »Tschechische Fotografie des 20. Jahrhunderts« in einer hervorragend von Vladimír Birgus und Jan Mlcoch kuratierten Ausstellung. Die ungebrochene Aktualität, Plastizität, Dynamik und Vielseitigkeit der tschechischen Fotografie, ihre europäische Führungsrolle im Rahmen der künstlerischen und journalistischen Bildsprache werden in 17 Kabinetten mit insgesamt 440 Fotografien, Alben und Filmdokumenten, sowie Druckwerken von über 200 Künstlern eindrucksvoll belegt.

Die tschechische Fotografie von 1900 bis 2000 umfasst genuine Talente vor Ort, aber auch die internationale Kommunikation mit der Kunst ab der frühen Moderne bis zur Post- und Nachmoderne zwischen Paris, New York und Moskau. So entstand vor allem in der Ersten Republik eine spannungsvoll ausdifferenzierte Schnittstellenkunst zwischen theatralischer Inszenierung, erotischer Körperbesessenheit und politisch-sozialer Aussagekraft - im urbanen Raum und im spielerischem Experiment mit der Form und Sprache des Bildes.

Stilistische Stationen sind der frühe impressionistische Piktoralismus, so bei Frantisek Drtikol, bei dem sich, wie etwa der Klimt und Stuck nachempfundenen »Tänzerin« (1914), die Fotografie in malerischer Oberflächensuggestion aus den Erstarrungen der akademischen Atelieraufnahmen emanzipiert und die kompositorischen Valeurs der modernen Malerei nachempfindet oder widerspiegelt, bis hin zum Aufbau abstrakterer Konstruktivismen des auf der Lichtbühne posierenden Aktes in den 20er Jahren. In der Epoche der Ersten Tschechoslowakischen Republik, der Zeit von 1918-1938, entwickelt sich ein breites Spektrum, auch durch die Ankunft vieler Emigranten: zunächst der vom Bauhaus beeinflusste Poetismus und die Anfänge der Abstrakten Fotografie, wie in den an den Kubismus, frühes Kino und Dada erinnernden Licht-, Bild- und Buchstabenexperimenten bei Jaroslav Rössler; sodann die Phase des Konstruktivismus, Funktionalismus und der Neuen Sachlichkeit, in der die städtische Umwelt und ihre Straßenszenen und die Formenwelt der Industrieprodukte in klaren dynamischen Diagonalen, Collagen und Mehrfachbelichtungen eingefangen werden, wie bei Jaromír Funke und Eugen Wiskovsky (bei diesem besonders beeindruckend Feld- und Gras-Landschaften als wehende »Fahne« und wogende »Katastrophe« umzudeuten); der Fotojournalismus, eine kraft- und humorvolle Dokumentar- und soziale Fotografie, aufgrund des anwachsenden Pressewesens, darunter Starfotografen wie Karel Hájek, Dokumentaristen wie Josef Sudek, Adolf Schneeberger, Arnost Pikart, Václav Jíru, Géza Vcelicka und Premysl Koblic zwischen kontrolliertem Realismus und, auch kritisch-anklagendem, Naturalismus oder typisierender Collage sozialer Konventionen und Moden bei Jirí Kroha. Weniger hervorstechend erweist sich die imaginative und surrealistische Fotografie, die erst in verspäteter Rezeption aus Frankreich die relativ nüchterne Auffassung des Bildes im Kontext von Konstruktion oder die Vitalität des Realismus nur partiell überwindet, so bei Karel Teige und Jindrich Styrsky. Hier mögen in gewissem Maße psychoanalytische, literarische und revolutionäre Einflüsse unter dem Primat der Kunst einander begegnen, ohne mit der Wucht der Franzosen und Spanier zu zünden. Unter den zahlreichen Emigrationskünstlern, die vorübergehend in Prag Asyl fanden, gehörte 1933 auch der Berliner John Heartfield, der Wegbereiter der dadaistischen Collage und der politischen Fotomontage, der seine polemische Tätigkeit zwischen Konstruktion und Theatralik hier eine Zeitlang ganz offen fortsetzte und dabei einige der weltbekannten antifaschistischen Zerrbilder zu Hitler und Göring schuf und auch Jaroslav Haseks »Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« zwischen Zeichnung und authentischer Fotoreportage kongenial satirisch illustrierte. Ab 1938/9, dem von Hitlerdeutschland maßgeblich mitbetriebenen politischen Zerfall des tschechoslovakischen Staates, der schrittweisen Separation der Slovaken, der Abtretung der Sudetengebiete an das Reich und der deutschen Besetzung Böhmens und Mährens, gerieten diese verschiedenen Strömungen in die politische Defensive, oft unter dem Siegel der nicht erwünschten, verbotenen oder gar als »entartet« geltenden Kunst. Dennoch legt die Ausstellung dar, wie im Alltag und im Underground weiterhin künstlerisch und dokumentarisch gearbeitet wurde. Das berühmteste Foto von der wütenden Reaktion der Bevölkerung bei der eiskalten Einfahrt der deutschen Truppen 1939 in Prag wird nach langem Streit Karel Novák statt Karel Hájek zugeordnet.

Die Nachkriegsära der journalistischen und der stärker künstlerisch akzentuierten tschechischen Fotografie steht unter dem Paradigma des Sozialistischen Realismus und einer strikten Zensur, obwohl es auch hier immer wieder interessante Lichtblicke und Quersichten zu offiziellen Prospekten gibt. Doch insgesamt erreicht die Fotografie erst in den 60er Jahren, im  Prager Frühling, wieder die Freiheit einer mittlerweile fast musikalisch-schwerelosen Verspieltheit und die internationale Bedeutsamkeit in ihrer journalistischen Berichterstattung – allen voran in dem Heros der Dokumentaristen, Josef Koudelka, der über slowakische Roma-Siedlungen seinen berühmten Cikáni (Zigeuner)-Zyklus schuf, und der 1968 die später aus der CSSR geschmuggelten Aufnahmen vom Prager Aufstand gegen die
»Invasion« der einrückenden Panzer des Warschauer Pakts schoss – Bilder eines hochdramatischen Körpertheaters von Studenten, Normalbürgern und Arbeitern aller Schichten und Jahrgänge gegen die oft ratlosen Besatzer, von einer heute weltbekannten stilistischen Intensität, wie sie in den verwackelten Handy-Nahaufnahmen aus dem heutigen Teheran oft nur zu ahnen ist. Und parallel taucht die Körper- und Aktfotografie wieder als visuelle Signatur der herbeigesehnten Befreiung auf, so bei Miloslav Stibor. Unter den sinnlich inszenierten Akten und Posen, immer mit einem Hauch fototechnischer und grafischer Kunst-Nostalgie ragen die handkolorierten Schwarz-Weiß-Akte von Jan Saudek heraus (der Poster-Klassiker: »Leben«, ein mit Jeans bekleideter junger Mann presst ein Baby an seine blanke Brust kraftvoll und doch zärtlich). In diesen Aufnahmen verjüngen sich alte piktoralistische Tendenzen sowie expressiv-theatralische und surreale Momente zu einem neuen zeitgemäßen Körperkult, einer jugendlichen Affinität von Hippietum und Heartbeat, von Popmusik und Mode, Immanenz und Guruismus für alle. Die Dominanz der Schwarzweiß-Fotografie, die mit ihren Konstruktionsnetzen so gut zu dem grafisch stabilen Bild-Text-Layout der 60er Jahre in West und Ost passte, scheint erst in den farbigen Werken ab den 90er Jahren wegzuschmelzen, besonders in Jitka Hanzlovás ländlich-delikatem »Rokytnik«-Zyklus, wo Kreatur, Kind und Mensch, Akt, Porträt und die sonnenbestrahlte Landschaft der einst Richtung Westen verlassenen Heimat eine neue poetische Symbiose im »Wiedersehen« eingehen.
 

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:

Vladimír Birgus,
Jan Mlcoch:
Tschechische Fotografie
des 20. Jahrhunderts

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn;
Museum für Angewandte Kunst, KANT Publishing Prag, 2009,
360 Seiten mit 450 Abb.
Museumsausgabe: 29 Euro.


 


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