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Die Leiden des Richters

Scott Turow wird als Meister des Justizthrillers gepriesen.
Von Walter Delabar

Ein juristisches Dilemma ist eine unangenehme Sache, zumal dann, wenn Volkes Stimme und Justitias Urteil nicht recht zusammenpassen wollen. Da haben eine Horde junger Männer vor einigen Jahren eine junge Studentin abgefüllt und der Reihe nach vergewaltigt. Das Ganze haben sie auch noch auf Video aufgenommen, das sie immer wieder einmal hervorholen, um sich alter Taten zu brüsten. Soweit so gut, das Video taucht irgendwann auf, als niemand mehr sich daran erinnern will, die junge Frau wagt nach langen Jahren endlich die Anzeige, die juristisch schwierige Frage ist nun, ob die Verjährungsfrist verstrichen ist, in der das Ganze verfolgt werden darf. Drei Berufungsrichter zerbrechen sich darüber den Kopf, darunter – als Vorsitzender – auch George Mason, dessen Leben dadurch nicht einfacher wird. Denn seine überaus geliebte Frau unterzieht sich gerade eine Radiojod-Therapie (die ein wenig als finaler Krankenhausaufenthalt aufgebauscht wird), außerdem erhält er anonyme Drohmails, die möglicherweise von einem von ihm verurteilten Gangster initiiert worden sind, und schließlich weckt der Prozess gegen die vier jungen Männer die Erinnerung an ein eigenes kleines Verbrechen wach, an dem er in Universitätstagen beteiligt war: Auch hier war eine Horde junger Männer über eine von Alkohol und Drogen betäubte junge Frau gegangen, und Richter George Mason, dumm und jung, war einer von ihnen. Was gibt ihm also das Recht, überhaupt ein Urteil zu fällen? Identitätskrise in Jura also.

Soweit so gut, die Story ist zwar ein bisschen dünn, aber es sollte, mit einigen Verwicklungen und Wiedergängern doch möglich sein, daraus eine einigermaßen treibende Handlung zu machen, die dann die eine oder andere Überraschung bereit hält. In der Tat wird der Richter auch nach einer verschärften Drohung überfallen und ausgeraubt. Er sucht sogar die Frau auf, die das Opfer seiner eigenen Verfehlung war. Auch werden die Drohmails immer häufiger und ernsthafter. Spätestens nach dem Überfall ist auch Mason davon überzeugt, dass er sie ernst nehmen sollte. Die Reaktion seiner Frau, der er das alles verheimlicht hat, tut das Übrige.

Aber statt eines irgendwie konstruierten Höhepunkts mit Showdown bewegt sich der angebliche Justiz-Thriller schnell in die Banalitäten des Kitschromans zurück. Des Richters Frau, der er schließlich seine Jugendsünde gesteht, verzeiht ihm (ist ja auch alles gar nicht zu vergleichen), das Opfer von damals geht auch nicht auf Rachezüge, sondern ist nur ganz froh, ihr Leben irgendwie hingekriegt zu haben und erinnert sich sowieso nicht, der Überfall war nichts anderes als ein Raubüberfall und die Drohmails stammen von einem von Masons Assistenten, der mit der Aufgabe nicht fertig geworden ist, das Vergewaltigungsvideo mehrfach durchsehen und sachlich beschreiben zu müssen. Die moralische Empörung führt dazu, dass er durchdreht und spontan die Drohmail-Serie beginnt (die er dann nicht mehr beenden kann). Am Ende haben sich alle wieder lieb, selbst der Assistent wird versorgt – immerhin schreibt sich Mason ein gehöriges Maß Verantwortung dafür zu, dass der junge Mann so aus dem Ruder gelaufen ist.

Sogar das juristische Dilemma wird gelöst. Die Berufungsrichter finden einen Weg, mit der sie die Verjährung ablehnen und die jungen Männer ihrer verdienten Strafe zuführen können. Sogar seine Bewerbung für die zweite zehnjährige Amtsperiode bringt Mason, moralisch wieder aufgerichtet, auf den Weg. Sein Nebenbuhler hat angesichts der Drohmails darauf verzichtet. Und so richtet sich auch dieses Problem.
So moralisch und lebensplanerisch wieder auf Kurs gebracht, kann sich Mason wieder in die Rolle des um Gerechtigkeit bemühten Juristen begeben, dem nichts Menschliches  fremd ist, nicht einmal die Schuld, die diejenigen tragen, die er mitverurteilt. Das juristische Geschäft ist, so Mason, von dem Bemühen getragen, der Gerechtigkeit Genüge zu tun.
Etwas Ähnliches gilt freilich auch für das Geschäft des Krimischreibens. Hier allerdings soll nicht der Gerechtigkeit Genüge getan werden, sondern dem Vergnügungsverlangen von Lesern. Auch hier wäre einiges Bemühen angebracht, allerdings hat es in diesem Fall nicht gelangt. Stattdessen plätschert der Roman gemächlich und selbstgefällig vor sich hin. Niemand kommt zu Schaden, der es nicht wirklich verdient hätte, der Schrecken, dem sich George Mason ausgesetzt sieht, hat ein schnelles Ende, und wir freuen uns alle gemeinsam auf weitere zehn Dienstjahre, die aber Herr Mason hoffentlich ohne unsere Teilnahme verbringen wird.
Walter Delabar

Scott Turow
Befangen
Roman
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Karl Blessing Verlag, München 2008
303 Seiten
ISBN 978-3-89667-349-7
Euro 16,95.

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