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de BalzacBerserker und Verschwender Balzacs Vorrede zur Menschlichen Komödie Die Neuausgabe seiner »schönsten Romane und Erzählungen«, über eine ungewöhnliche Erregung seines Verlegers Daniel Keel und die grandiose Balzac-Biographie von Johannes Willms. Leben und Werk Essays und Zeugnisse mit einem Repertorium der wichtigsten Romanfiguren. Hugo von Hofmannsthal über Balzac »... die größte, substantiellste schöpferische Phantasie, die seit Shakespeare da war.« Anzeige Edition
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Wider die Diktatur des Originals Beglückwünscht die Nachbarin die stolze Mutter: „Was für ein schönes Baby!“ Daraufhin strahlt die Mutter: „Ja und Sie sollten erst mal die Fotos sehen“. Dieser Mini-Sketch könnte dem Werk „Raffinierte Kunst - Übung vor Reproduktionen“ von Wolfgang Ullrich leitmotivisch vorangestellt werden. Zugerechnet wird diese Mini-Epiphanie der Medienkritikerin Susan Sontag. Tatsächlich stammt sie aber von Daniel J. Boorstin, der schon 1961 in "Das Image" postmodern vorwegnahm, dass wir die "lebendigere Kopie'" dem Original vorziehen: „Der Schatten ist die Substanz geworden.“ Wolfgang Ullrich, dessen Werk für den Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse 2010 nominiert war, fasst seinen Anspruch dagegen so zusammen: „Da Reproduktionen mehr bieten können als das, was reproduziert wird, sollen sie es auch tun.“ Auch wenn Reproduktionen einschließlich der überquellenden Herrlichkeiten auf unseren Festplatten zum alltäglichsten Stoff geworden sind, ist diese Umwertung der Werte, diese Verkehrung der Rangordnungen immer noch eine Provokation. Gelingt sie?
Die Reproduktion im Zeitalter ihrer ästhetischen Überlegenheit
Was kann eine Reproduktion
nach Wolfgang Ullrich leisten? Die Reproduktion raffiniert das Bild,
interpretiert das Original, überbietet es oder verlässt es. Die Reproduktion
setzt das fort, was das mitunter krude, noch nicht „raffinierte“ Original
beginnt und nun im weiteren Verlauf der Idee erst zu einer, wie immer auch nur
vorübergehenden Vollendung strebt. Ullrich lässt sich nicht auf längere Diskurse
über Walter Benjamins Aura-These und andere Original- und Authentizitätskulte
ein, doch das ändert nichts daran, dass das vorliegende Werk einen fast
epochalen Blickrichtungswechsel auf den längst überfälligen Punkt bringt. De-
und Neukontextualisierung beschreibt das gegenwärtige Museumsgeschäft und
Ausstellungswesen, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Wir leben mit Reproduktionen
und selbst Hardcore-Museums- und Ausstellungsbesucher sehen sicher nur im
geringsten Ausmaß die als Reproduktion wahrgenommene Kunst im Original. Das ist
nicht immer, aber immer öfter ein Gewinn, wie wir jetzt in höchster
Plausibilität von Ullrich erfahren - und insgeheim schon immer zu denken wagten.
Bereits zuvor war es ein wichtiges Thema der Bildvermittlung, wenn Druckgrafiker
aus den gemalten Bildern das hervorhoben, was nun als „inventio“ der Unterschied
war, der wirklich auch im Schwarzweiß-Medium den Unterschied machte. „Disegno“
heißt in Giorgio Vasaris Lesart auf die konkrete Zeichnung und deren geistige
Hervorbringung: Wer auf die Zeichnung setzt, treibt das hervor, was anderenfalls
in der Farbe, auch wenn sie die Seele der Malerei sein will, diffus ist oder gar
verfehlt wird.
Haupt- und Nebenwege zur antiplatonischen Wirklichkeit Die späte Moderne hat das Original bekanntlich vielfach abgeschafft und Reproduktionstechniken eingesetzt, um durch Museen weltreisende Kunstwerke an ihrem Ausgangsort zu fixieren, Kataloge wie breite Armaturen über das Werk gelegt oder eben Poster und Postkarten als Fetischersatz an das Publikum verteilt. Das Konzept eines Werks kennt viele Ausführungen, während vornehmlich dem Markt die Fixierbarkeit auf das einzige Objekt immer wieder angelegen sein wird, unter anderem auch, weil es das lukrative Geschäft massenhafter Reproduktionen nobilitiert. Künstler haben dieses Spiel profitorientierter „Methexis“ immer wieder – oft genug indes weniger erfolgreich – zu durchbrechen versucht. Readymades sind keine Originale. Und mehr: Sie verhöhnen den Anspruch auf Originale, auf Genialität und Einzigartigkeit. Insoweit ist die Reproduktion, die sich gewöhnlich gibt, die vielleicht nur als Abklatsch des hehren Originals gilt, zugleich dessen energischste Kritik. Schlechte Abbildungen verfehlen mithin nicht einfach das Original, sondern erklären den vorgeblich schlechten Schein zur höheren Wahrheit, als sie das Kunstwerk mit Ewigkeitsanspruch je erreichen könnte. Andy Warhol („Handmalerei ist Zeitverschwendung“, „Thirty Are Better Than One“) wollte die Person des Künstlers hinter dem Werk verschwinden lassen, was zwar scheinbar gesichtslose Werke zuließen, nicht aber der Markt.
Wolfgang Ullrichs Werk ist gegenüber zahlreichen begriffsstutzigen Spielereien
der Theorie im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften ein selten
konzises, vorzüglich auf die These konzentriertes Buch, das – hoffentlich auch
im weiteren Verfolg des Themas durch Ullrich selbst – eine Sichtweise emphatisch
bestätigt, die wir zwar haben, aber die uns oft genug unheimlich erschien. Darf
man die Reproduktion besser, schöner, gelungener empfinden als das Original? Wie
oft standen wir im Museum, etwa vor stumpfen Farben des „Magiers der Farbe“
Pierre Bonnard, die in unserer zuvor gekauften Monografie so ganz anders und
unverbraucht leuchteten? Oft genug warnten besorgte Reiseleiter oder Kunstführer
vor dem Glanz der Reproduktion, die das „originale“ Erleben nur als Abhub
erscheinen ließ. Diese Erfahrung gibt es freilich zugleich in der umgekehrten
Version, wenn uns diffuse Schwarzweiß-Fotografien trauriger Kataloge über den
brillanten Status des Werks völlig im Unklaren ließen. Zur glasverpanzerten
„Mona Lisa“ konstatiert andererseits die Direktorin der Kunsthalle der
Hypo-Kulturstiftung, Christiane Lange: „Bei diesem Bild ist es wirklich die
Frage, ob man es überhaupt noch unvoreingenommen betrachten kann, weil es hinter
seinen Reproduktionen fast völlig verschwunden ist.“ Auch unser Blick auf van
Gogh, Matisse oder Picasso wurden in zahllosen Reproduktionen mitunter so leer,
wie wir es gegenüber den Zumutungen der allfälligen Werbung gelernt haben.
Museen haben uns mit ihren vermeintlich direkten Ansichten indes auch oft
schmählich enttäuscht, sodass jenseits des Spiels von Zeigen und Verbergen
Marcel Duchamps fundamentaler Einwand zur Endlichkeit der Malerei weiterhin
plausibel ist: „Ich bin überzeugt davon, dass die Malerei im Sterben liegt.
Jedes Gemälde stirbt nach vierzig oder fünfzig Jahren, weil es dann seine
Frische eingebüßt hat.“ Jenseits der Erfindungen der Restaurierung - die
allerdings Duchamps Einwand nur entkräften könnte, wenn auch Mentalitäten frisch
blieben - könnte gerade im Zeitalter virtueller Reproduzierbarkeit auch hier die
Reproduktion den Ewigkeitsanspruch vor dem Original reklamieren oder wenigstens
die Lebensdauer erheblich das Haltbarkeitsdatum ausdehnen.
Spannend sind auch die Hinweise Ullrichs zur eigenen Zunft: Herman Grimm, seit 1873 erster ordentlicher Professor für Kunstgeschichte an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität, verband pädagogische und nationale Intentionen zu einem multimedialen, Stimme und Bild synchronisierenden Konzept, das er 1892 als „Die Umgestaltung der Universitätsvorlesungen über Neuere Kunstgeschichte durch die Anwendung des Skioptikons“ vorstellte. Diese Technik dulde keinen „falschen Sein“, was Grimm nicht nur als Zeit- sondern auch Geistesverwandten Friedrich Nietzsches ausweist, weil er ebenso die platonische Kondition zum „wahren“ Schein qua Technik konvertiert. Grimm war so begeistert von dieser Technik der illuminierten Vergrößerung in kontemplativer Dunkelheit, dass erst hier die Kunstwerke lebendig wurden. Nebenbei besaß der kunsthistorisierende Projektor auch die nationale Deutungsmacht, die Größenverhältnisse im Meister- und Ländervergleich zu bestimmen und einen kleinen Dürer-Stich zum wandfüllenden Opus gegenüber den italienischen Großwerken „aufzublasen“.
Von der Schöpfung zur
raffinierten Re-Produktion
Reproduktion kann zur Wiederauferstehung der Geschichte, ihrer reproduktiven
Aufbereitung und Überbietung in diesem umfassendsten Sinne werden, wie es der
gegenwärtige virtuelle Vorschein der imaginativen Reproduktion verheißt. Die
Kunstgeschichte wird dann selbst zur reflexiven Reproduktion ihrer eigenen
Geschichte, was die Geschichte vergänglicher Originale und unzulänglicher
Reproduktionen in eine Reproduktivität aufhebt, die uns zur Frische des Anfangs
zurückführt oder den Fortschritt als autonomen Umgang mit den so behäbigen,
absterbenden Originalen begreift. Zu verfolgen sind auch die Erkenntnisse der
Rezeptionsästhetik und der Phänomenologie, die uns in tausendundeins
Perspektiven verstricken, um doch nur diese eine Wahrheit zu erzählen: Es gibt
keine exklusive Wahrnehmung von Originalen. Ob nun im Louvre vor dem Original
oder später am Abend im Hotelzimmer vor der Kopie, ob das Licht so oder anders
geführt wird, ob dieser oder jener Betrachtungsabstand gewählt wird, immer nur
gibt es Vermittlungen, die ihren je eigenen Charakter nicht gegenüber dem nicht
anwesenden Original einbüßen. Der ganze bisherige Diskurs über unsere „unio
mystica“ mit dem Original war vorschnell, weil er sich über die eigenen
Wahrnehmungsgewohnheiten täuschen ließ. Hier entsteht ein weites Feld für die
virtuelle Malerei, die diesen Prozess unendlich und unabsehbar weiterführt. Der
digitale Maler Florian Schneider hat „painting without paint“ vorgestellt, ein
Malkonzept, das sich aus dem riesigen Reservoir guter wie schlechter
Reproduktionen historischer Malerei bedient. Unter digitalen Bedingungen stirbt
das Original hier seinen zweiten Tod, um frischer wieder aufzuerstehen. Wir beobachten mithin einen Paradigmenwechsel, der das angestammte Verhältnis von Original und Kopie medialen Um- und Neubewertungen unterzieht bis hin zur Liquidation dieses alten Rangverhältnisses, das aber schon immer mehr eine idealisierte Prärogation war, als sie den tatsächlichen medialen Standards der Welterschließung entsprach. Denn seit dem 15. Jahrhundert ist die Reproduktion das beherrschende Medium der Wahrnehmung von abwesenden Dingen. Im kognitiv und wahrnehmungstechnisch aufwändigen Bereich des Lesens hat die Reproduktion in mehr oder weniger raffinierter Form (Stichwort: Vom Manuskript über den bibliophilen Fetisch zum Taschenbuch) eine Selbstverständlichkeit erlangt, die jede Lektüreerfahrung bestimmt. Doch selbst hier gibt es auch einen kuriosen Primat der Reproduktion: Der berühmt-berüchtigte „Reader’s Digest“ steht exemplarisch für eine wenig bekannte Verkehrung des Verhältnisses von Original und Reproduktion. Die Zusammenfassung von Artikeln in ein bekömmliches Format für den übersättigten Leser führte zu dem Punkt, dass Originalartikel lediglich noch verfasst wurden, um ihre „digestive“ Zusammenfassung zu ermöglichen. D.h. das Original wurde lediglich prätendiert, um dem Gesetz der Reproduktion zu folgen. Wolfgang Ullrich nennt diverse Künstler, die selbst dem Reiz der Reproduktion verfallen sind und statt neuer Originale nun raffinierte Reproduktionen schaffen wollten. Bei Medardo Rossos fotografischen Reproduktionen eigener Skulpturen belegen das Raffinement jene, die anstelle des Abbilds eigenwertige Lichtzeichnungen kreieren, die sublim werden lassen, was zuvor haptisch war. Heute durchdringt Reproduktivität zahlreiche Lebensbereiche als ein imperialer Modus, der bessere und eindringlichere Wahrnehmungen eröffnet, als sie zur Zeit Johann Gutenbergs zu erträumen gewesen wären. Wenn wir unsere alltäglichen Arbeitsabläufe, den ubiquitären Nachbau von (künstlichen) Welten oder die unabsehbaren Verheißungen der Gentechnologie betrachten, geht das weit über kunstwissenschaftliche Erörterungen oder gar Idiosynkrasien der Abbildlichkeit hinaus. Unsere „copy and paste“-Mentalität beschreibt ein neues Bewusstsein, dass die Welt in vielen Lebensbereichen und mit vielen Techniken kopiert und/oder „raffiniert“ werden kann. Wenn Samenzellen für die bessere Zukunft unseres Klons eingelagert werden, geht es um die Reproduktion der Existenz, ja mehr: die reproduktive Entsorgung des Schicksals. Christoph Rehmann-Sutter geht in seiner Betrachtung zum „Human cloning“ soweit, die „Kopiermetapher“ für „ein deutliches Indiz für einen in der Gesellschaft bewusst oder unbewusst geteilten Genommythos“ zu halten, in dem das Genom die Position einnimmt, „die früher der Seele zugeschrieben wurde.“ „Seele“ und „Original“ sind zwei alte Authentizitätszeichen Alteuropas, die wir vormals für unhintergehbar hielten, um unsere eigene Welthaltigkeit unter Beweis zu stellen. Von deren Liquidation ist es nur noch ein kleiner Schritt, um zu vermuten: Wenn es noch zulässig wäre, von einem Wesen zu sprechen, hätte die Reproduktivität die besten Aussichten, als das Wesen unserer Spätmoderne respektive virtuellen Frühzeit zu gelten.
Epilog
Hinweis: |
Wolfgang Ullrich
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