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Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

Die menschliche Komödie
als work in progress


Ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit Texten von:
Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila,
Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman,
Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt und Erich Mühsam u. a.


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Balzacs Vorrede zur Menschlichen Komödie
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Herr Wu lacht
Chinesische Geschichten
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Schlaflose Nächte

William Boyds euphorisch gefeierter Roman
»Einfache Gewitter« raubt deutschen Lesern den Schlaf


Nun hat es sogar Frau Radisch erwischt, die uns per Videobotschaft wissen läßt, daß ihr beim Lesen der einfachen Gewitter in einer schlaflosen Nacht die Heizung ausgegangen sei. Ja, die arme mußte sich, weil sie nicht aufhören konnte zu lesen, sogar Decken holen damit sie nicht fror. Ist das zu fassen? Dabei sah sie wirklich auch gar nicht gut aus, hatte so dunkle Ringe um die Augen. Doch Frau R. teilt nur das Los vieler Leser, die seit dem Erscheinen von William Boyds neuen Roman »Einfache Gewitter« das Buch aufgeschlagen und sich darin festgelesen haben.

Ist es eine Fügung des Schicksals, Zufall, oder gar Strafe für eine außereheliche Verfehlung? Der Klimatologe, genauer Wolkenforscher, Adam Kindred gerät während eines Londonaufenthaltes in ein Verbrechensszenario, und wird fortan als mutmaßlicher Mörder von Philip Wang, dem
Chefentwickler des Pharmakonzerns Calenture-Deutz, gesucht. Die einzige Möglichkeit, heil aus dem Schlamassel rauszukommen und seine Unschuld zu beweisen, besteht darin, sich mitten in London unsichtbar zu machen. Die Metropole gerät so zur Wildnis für einen kultivierten Mann mittleren Alters, der plötzlich, aller seiner Mittel beraubt, erkennen muß, was es heißt auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Doch nicht nur die Polizei sucht nach ihm, auch Wangs Mörder, Jonjo, ein ausgemusterter Soldat der Armee ihrer Majestät, ist hinter ihm her. Drahtzieher im Hintergrund ist der skrupellose Südamerikaner Alfredo Rilke. Kindred ist im Besitz von Wangs geheimen Testberichten zu einem neuen Medikament gegen Asthma, deren Veröffentlichung den Konzern Milliarden kosten und Rilkes Übernahmeabsichten durchkreuzen würde. Von diesen üblen Machenschaften ahnt der eher gutmütige und phlegmatische Vorstandsvorsitzender des Konzerns, Ingram Fryzer, freilich nichts.
Zu dieser Personage gesellen sich, neben der aufgeweckten Polizistin Rita Nashe, die mit ihrem kiffenden Vater in einem Hausboot auf der Themse lebt, noch einige illustre Gestalten aus Londons zahlreichen Soziotopen, mit denen es der gute Adam Kindred so oder so zu tun bekommt.

Boyd ist ein ausgezeichneter Dramaturg. Er versteht es in »Einfache Gewitter« geschickt, nach einem fulminanten Start das Tempo aus der Geschichte herauszunehmen und sie sich organisch weiterentwickeln zu lassen. Die Spannungs- und Beziehungsbögen der Geschichte wachsen zu einem komplexen, atmosphärisch dichten und emotional aufgeladenen Text, der die Leser Zeugen eines Aufstieg-und-Fall Dramas werden läßt, oder ist es doch eine Komödie? In dem Maße, wie es Adam Kindred gelingt, wieder auf die Beine zu kommen, verliert Ingram Fryzer mehr und mehr den Boden unter den Füßen. Eine endgültige Wendung beginnt die Geschichte zu nehmen, als Rita Nashe die Bühne betritt, auf der Suche nach einem Mann, der am Ufer der Themse einen Schwan getötet haben soll ...

Bereits vor drei Jahren hat uns Boyd mit seinem Spionage-Roman »Ruhelos« selbige äußerst angenehm geraubt. Wer »Einfache Gewitter« noch vor sich hat, der sollte sich ein bis zwei Tage nichts vornehmen, und sicherheitshalber eine warme Decke bereitlegen, für wenn die Heizung ausgeht ... Franz Tunda
 

William Boyd
Einfache Gewitter

Aus dem Englischen von Chris Hirte.
Berlin Verlag, Berlin 2009.
592 S., 22 €


Ruhelos
Aus dem Englischen von Chris Hirte.
BTV, Berlin 2008.
368 S., 9,90 €
 
Eines Menschen Herz
Aus dem Englischen von Chris Hirte.
BTV, Berlin 2009.
512 S., 11,90 €
 
Die blaue Stunde
Aus dem Englischen von Matthias Müller.
BTV, Berlin 2009.
400 S., 9,90 €

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