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Schlaflose
Nächte
William Boyds euphorisch gefeierter Roman
»Einfache Gewitter« raubt deutschen Lesern den Schlaf
Nun hat es sogar Frau Radisch erwischt, die uns per Videobotschaft wissen läßt,
daß ihr beim Lesen der einfachen Gewitter in einer schlaflosen Nacht die Heizung
ausgegangen sei. Ja, die arme mußte sich, weil sie nicht aufhören konnte zu
lesen, sogar
Decken holen damit sie nicht fror. Ist das zu fassen? Dabei sah sie wirklich
auch gar nicht gut aus, hatte so dunkle Ringe um die Augen.
Doch Frau R. teilt nur das Los vieler Leser, die
seit dem Erscheinen von William Boyds neuen Roman »Einfache Gewitter« das Buch
aufgeschlagen und sich darin festgelesen haben.
Ist es eine Fügung des Schicksals, Zufall, oder gar Strafe für eine
außereheliche Verfehlung? Der Klimatologe, genauer Wolkenforscher, Adam Kindred
gerät während eines Londonaufenthaltes in ein Verbrechensszenario, und wird
fortan als mutmaßlicher Mörder von Philip Wang, dem
Chefentwickler des
Pharmakonzerns Calenture-Deutz, gesucht. Die einzige Möglichkeit, heil aus dem
Schlamassel rauszukommen und seine Unschuld zu beweisen, besteht darin, sich
mitten in London unsichtbar zu machen. Die Metropole gerät so zur Wildnis für
einen kultivierten Mann mittleren Alters, der plötzlich, aller seiner Mittel
beraubt, erkennen muß, was es heißt auf sich selbst zurückgeworfen zu werden.
Doch nicht nur die Polizei sucht nach ihm, auch Wangs Mörder, Jonjo, ein
ausgemusterter Soldat der Armee ihrer Majestät, ist hinter ihm her. Drahtzieher
im Hintergrund ist der skrupellose Südamerikaner Alfredo Rilke. Kindred ist im
Besitz von Wangs geheimen Testberichten zu einem neuen Medikament gegen Asthma,
deren Veröffentlichung den Konzern Milliarden kosten und Rilkes
Übernahmeabsichten durchkreuzen würde. Von diesen üblen Machenschaften ahnt der eher
gutmütige und phlegmatische
Vorstandsvorsitzender des Konzerns,
Ingram Fryzer, freilich nichts.
Zu dieser Personage gesellen sich, neben der aufgeweckten Polizistin Rita Nashe, die
mit ihrem kiffenden Vater in einem Hausboot auf der Themse lebt, noch einige
illustre Gestalten aus Londons zahlreichen Soziotopen, mit denen es der gute
Adam Kindred so oder so zu tun bekommt.
Boyd ist ein ausgezeichneter Dramaturg. Er versteht es in »Einfache Gewitter«
geschickt, nach einem fulminanten Start das Tempo aus der Geschichte
herauszunehmen und sie sich organisch weiterentwickeln zu lassen. Die Spannungs-
und Beziehungsbögen der Geschichte wachsen zu einem komplexen, atmosphärisch
dichten und emotional aufgeladenen Text, der die Leser Zeugen eines
Aufstieg-und-Fall Dramas werden läßt, oder ist es doch eine Komödie? In dem
Maße, wie es Adam Kindred gelingt, wieder auf die Beine zu kommen, verliert
Ingram Fryzer mehr und mehr den Boden unter den Füßen. Eine endgültige Wendung
beginnt die Geschichte zu nehmen, als Rita Nashe die Bühne betritt, auf der
Suche nach einem Mann, der am Ufer der Themse einen Schwan getötet haben soll
...
Bereits vor drei Jahren hat uns Boyd mit seinem Spionage-Roman »Ruhelos« selbige
äußerst angenehm geraubt. Wer »Einfache Gewitter« noch vor sich hat, der sollte
sich ein bis zwei Tage nichts vornehmen, und sicherheitshalber eine warme
Decke bereitlegen, für wenn die Heizung ausgeht ... Franz Tunda
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William Boyd
Einfache Gewitter
Aus dem Englischen von Chris
Hirte.
Berlin Verlag, Berlin 2009.
592 S., 22 €
Ruhelos
Aus dem Englischen von Chris Hirte.
BTV, Berlin 2008.
368 S., 9,90 €
Eines Menschen
Herz
Aus dem Englischen von Chris Hirte.
BTV, Berlin 2009.
512 S., 11,90 €
Die blaue
Stunde
Aus dem Englischen von Matthias Müller.
BTV, Berlin 2009.
400 S., 9,90 €
Leseprobe
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