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Christian Suhr als Woyzeck
Der ärmste aller Hunde

»Woyzeck - Ein Abschied in einem Akt«
Ein mitreißender Theaterabend im Philippshospital Riedstadt


In seinem Lustspiel »Leonce und Lena« stellt Büchner die Frage: »Weißt Du auch, dass selbst der Geringste unter den Menschen so groß ist, dass das Leben noch viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können?«
Mit Woyzeck hat er einen solchen
»Geringsten« geschaffen. Woyzeck, Soldat und Barbier, wird vom Hauptmann gedemütigt, vom Doktor für ein »wissenschaftliches Experiment« missbraucht. Er tut es für Geld, das er Marie bringt, die ein Kind von ihm hat. Ist es wirklich von ihm? Woyzeck ist eifersüchtig auf den Tambourmajor, mit dem Marie ihn betrügt. Er  versucht, sie zur Rede zu stellen und sich seinem Freund Andres mitzuteilen – doch niemand hört zu. Er beginnt, Stimmen zu hören. Verstört und einsam ersticht Woyzeck seine geliebte Marie, und mit Marie hat er sich am Ende selbst getötet.
WARUM? Woyzeck weiß es nicht. 


In einem Brief an Maria von Thurn und Taxis schrieb Rainer Maria Rilke am 9. Juli 1915 über Büchners Woyzeck:

»… Eine ungeheure Sache, vor mehr als achtzig Jahren geschrieben … nichts als das Schicksal eines gemeinen Soldaten (um 1848 etwa), der seine ungetreue Geliebte ersticht, aber gewaltig darstellend, wie um die mindeste Existenz, für die selbst die Uniform eines gewöhnlichen Infanteristen zu weit und zu betont erscheint, wie selbst um den Rekruten Woyzeck, alle Größe des Daseins steht, wie er’s nicht hindern kann, dass bald da, bald dort, vor, hinter, zu Seiten seiner dumpfen Seele die Horizonte ins Gewaltige, ins Ungeheure, ins Unendliche aufreißen, ein Schauspiel ohnegleichen, wie dieser missbrauchte Mensch in seiner Stalljacke im Weltall steht, malgré lui, im unendlichen Bezug der Sterne. Das ist Theater, so könnte Theater sein.«


Und so war es an diesem eisigen Winterabend im Festsaal des
Zentrums für soziale Psychiatrie in Riedstadt. Woyzeck stand auf dem Spielplan der BüchnerBühne. Ohnehin keine leichte Kost.

Büchners Woyzeck-Manuskript mit Skizze
des Arztes und des Hauptmanns

Und die erstaunlich zahlreichen Zuschauer, welche den beschwerlichen Weg über glatte Landstrassen ins Philippshospital auf sich genommen hatten, wurden zudem mit einem Experiment konfrontiert, dessen Gelingen keinesfalls als sicher gelten konnte.
Denn: »Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war's ein verwelkt Sonneblum. Und wie's zu den Sternen kam, waren's kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein.«

Und ganz allein stand auch Christian Suhr auf der Bühne und zeigte seine verdichtete Interpretation »Woyzeck - Ein Abschied in einem Akt« des Büchner-Fragments als Einpersonenstück. Seine mitreißende Präsenz und Intensität der Darstellung erweckte für knapp eine Stunde jenen von Rilke so treffend skizzierten Woyzeck zum Leben, der rettungslos auf die Katastrophe zudriftet. Der ärmste aller Hunde, mutterseelenallein, von den Repräsentanten der Verhältnisse auf eine willfährige Stoffwechseleinheit reduzierte Existenz, ohne jede Hoffnung, nicht die geringste Chance, dem Verhängnis zu entkommen.
Der Mörder allein mit dem Opfer – nach der Tat. Ein Gespräch mit den Toten. Ein Blick in den eigenen Abgrund. Es war ein mutiger Parforceritt des Schauspielers, der die Risiken, welche die körperliche Nähe zum Publikum birgt, nicht scheute, ja sie zu suchen schien. Suhr beherrscht das Spielen en face so gut, daß es einem Angst werden konnte an diesem Winterabend, an dem man im Philippshospital in Riedstadt hervorragendes schauspielerisches Handwerk und eine originäre Regie zu sehen und zu spüren bekam. Theater, das jeder Kammerspielbühne zur Ehre gereichen würde.

Theater ist, wo gespielt wird
Die BüchnerBühne ist ein Theater in Büchners Geburtsort, das der in Goddelau gebürtige Regisseur und Schauspieler Christian Suhr 2008 gegründet hat. Noch ist es ein Theater ohne Haus, ein Theater ohne Geld, und ein Theater, das, nicht nachvollziehbar, von der Leitung des Kulturamtes Riedstadt keine Unterstützung erfährt. Es scheint fast, als habe man Angst vor diesem Einheimischen, der mit seinen Arbeiten eine belebende Unruhe in die Region gebracht hat. Und so lebt die BüchnerBühne vorerst von dem Beharrungsvermögen ihres Betreibers Christian Suhr und der Begeisterung des Publikums der Region, das Suhrs Initiative und die Qualität seiner Inszenierungen zu schätzen weiß. Ebenso wie die Leitung des Zentrums für soziale Psychiatrie, die der BüchnerBühne den Festsaal des Philippshospital für ihre Woyzeck Aufführungen unentgeltlich zur Verfügung stellt. Ein schöner Beleg dafür, daß Provinz eine Frage des Kopfes und nicht des Landstriches ist. Das aber hat auch schon Georg Büchner zu spüren bekommen, dessen Werk lebendig zu erhalten die BüchnerBühne mit Christian Suhr auf dem besten Weg ist. Franz Tunda

 



Wieder am 14.02.2009 im:
Festsaal ZSP (Zentrum f. soziale Psychiatrie)
64560 Riedstadt-Philippshospital
Beginn: 19:30  Eintritt: 12,- €, erm. 5,- €
Im Anschluss Publikumsgespräch
Vorbestellungen:

tickets@buechnerbuehne.de
06158 188854


 


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