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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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»Tohuwabohu ersten Ranges«

In seiner kleinen Fingerübung »Das Monster von Neuhausen«
denkt Ernst Augustin überzeugend über die Ehre und die Ärzte nach.

Von Georg Patzer

 

»Folglich werde ich mit meinen Ausführungen beginnen, handelt es sich doch um  Schuld und Reue - es handelt sich um die Schuldfähigkeit meines Mandanten. Die hier ganz ausgeprägt erscheint. Drei Todsünden soll er also im Lauf seines Lebens begangen haben, von denen er zwei bekennen möchte  - - wir wissen, es gehört überhaupt nicht hierher, keineswegs zur Sache, könnte trotzdem signifikant sein.
Gemurmel.
Da habe er also einst in seiner Jugend einen Käfer zertreten. (...) Kein Mensch weiß, warum sich unser Tobias entsetzte, jedenfalls trat er gegen den Käfer, so heftig, dass er gegen die Seitenwand platzte  -
- - -
Tumult
- - -
Lag dort immobil und ruderte mit den Beinen, und mein Klient trat voll auf ihn. Voll. Kein Mensch weiß, warum er das getan hatte, am wenigsten er selber. Noch heute, vierzig Jahre später, erfasst ihn nachts zur Bettgehenszeit - -
Auf den hinteren Bänken werden inzwischen Lehnen abmontiert.
- erfasst ihn nachts -
Tumult.
Euer Ehren!
Tumult, Tumult.«

Es ist ordentlich etwas los, in diesem Prozess. Bänke im Gerichtssaal werden demontiert, ein Tohuwabohu bricht los, ein »Tohuwabohu ersten Ranges, wie ich es noch niemals erlebt habe. Bezeichnenderweise.« Es ist ein Prozess, der die Geschichte des Schreibwarenhändlers Tobias Knopp untersuchen will, der sich einer Hirnoperation unterziehen musste, weil ihm ein gutartiger Tumor entfernt werden soll. Leider ist die Operation missglückt: Aus Versehen hat der Chirurg den Sehnerv durchtrennt. Aber der ausführende Arzt, die Kapazität Prof. Dr. Dr. Simmering, »in allen Fachblättern und Fachorganen, in der Fachliteratur generell für seine hochpräzise Diagnostik gerühmt«, streitet natürlich alles ab, meint sogar, dass Knopp ein Simulant und Hypochonder sei, gar nicht blind, sondern nur auf Schadensersatz und Schmerzensgeld aus. Führt ihn seinen Studenten vor, demütigt ihn öffentlich. Und Knopp nimmt Rache und erschlägt den Professor mit der Axt.

Aber das schlimmste ist: Knopps Verteidiger dreht durch, verheddert sich in seinen mäandernden Ausführungen, spielt sich gar zum Verteidiger seiner selbst und dieses »Verbrechers aus verlorener Ehre« im Schillerschen Sinn auf: »Die Ehre, meine Damen und Herren, ist ein Relikt aus einer Zeit, da der Mensch sich noch besinnen konnte. Wie soll er denn heute, vollgeschüttet, vollgedröhnt, ersäuft und ersoffen in einer Flut von immerwährenden Medien, wie soll er sich da besinnen?«

Mit grandiosen Bildern und einer Wortflut, die man so von ihm gewöhnt ist, beschreibt der 87-jährige Psychiater und Schriftsteller Ernst Augustin den Fall. Über den Kopf von Knopp schreibt er: »Da wird über der Stirn ein Portal geöffnet, eine Knochenplatte wird gesägt, ein breites Knochentor geöffnet, eine feine weiße Hirnhaut, ein hochverletztliches, bläulichzartes Hirn erblickt das Licht des Tages, blank und bloß, steht plötzlich frierend im Freien.« Aus dem ernsten Fall, der dem Autor sogar selbst passiert ist, macht er ein Gerichtsprotokoll, das schnell zur Groteske gerinnt. Gibt den Verteidiger, der in mehreren Ansätzen und Reden an das Hohe Gericht, der Lächerlichkeit preis, schraubt sein Pathos als Rollenprosa in eine Höhe, aus der sie auf jeder Seite mindestens einmal in den Abgrund stürzt.

Sein Buch ist gleichermaßen eine hochironische Abrechnung mit dem hierarchischen Ärztesystem, die wie eine »riesige weiße Wolke hereinflatterte, mit wehenden Ärztemänteln, Ärztehosen, Schuhen, Hemden und weißen Ärztekitteln.« Aber auch mit den Juristen und den Medien, die Knopp, unter Missachtung aller Fakten und der normalen Journalistenethik zum »Monster von Neuhausen« machen.

Das schmale Buch in Großdruck ist ein kurzes, amüsantes »Protokoll«, nicht nur des Falls eines modernen Michael Kohlhaas, der sich an seinem Peiniger rächt, sondern auch der Kunst eines großen Schriftstellers, dem hier eine kleine Fingerübung selbst kunstvoll und absichtsvoll aus dem Ruder geraten ist. Und zeigt, welcher Einfälle, welcher Volten und Hakenschlagerei, welcher Bilder er, selbst fast blind, immer noch fähig ist. Der Augustin-Kenner wird viele seiner Drehungen und Wendungen wiederfinden, das ständige Sichunterbrechen und ironische Hinterfragen, die hinter der »Realität« lauernden anderen Realitäten, die nicht weniger wahr sind.

Artikel online seit 19.10.15
 

Ernst Augustin
Das Monster von Neuhausen
Ein Protokoll.
Verlag C. H. Beck
116 Seiten
16,95 Euro
978-3-406-67484-6

Leseprobe

 


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