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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Glanz&Elend
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Auf der Suche nach Antworten

»Wie wird ein Mensch zum Massenmörder? Warum sucht ein Mensch
die Konfrontation mit seinem Peiniger? Was passiert mit den Familien
dieser Männer? Ist Rache je gerechtfertigt?« Thomas Harding begibt
sich mit »Hanns und Rudolf. Der deutsche Jude und die Jagd nach dem
Kommandanten von Auschwitz« auf die Suche nach Antworten –
und geht dabei in die Tiefen seiner eigenen Familiengeschichte.

Von Vanessa Valkovic

 

»Selbst KZ-Kommandanten waren liebevolle Familienväter.«, sagte der ehemalige KZ-Gefangene Abba Naor an der Gedenkfeier anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung in Dachau im Mai 2015. »Sie waren Menschen wie Sie und ich, und das ist ja das furchtbare daran.« Noars Aussage ist auch bezeichnend für Thomas Hardings Werk. »Hanns und Rudolf. Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz« ist die Biografie zweier deutscher Männer im Dritten Reich. Harding zeichnet deren Lebensverläufe nach, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dabei verweist der Brite auf den Facettenreichtum des menschlichen Charakters. »Dieses Buch ist (…) eine Erinnerung an eine komplexere Welt.«

Mit »Hanns und Rudolf« begibt sich der Leser auf eine Reise durch die deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Reise aus zwei völlig verschiedenen Perspektiven. In abwechselnden Kapiteln erzählt der Autor die Lebensgeschichte seiner Protagonisten bis zu ihrem finalen Zusammentreffen.

Thomas Hardings Großonkel Hanns Alexander wächst in einer gut situierten jüdischen Familie in Berlin auf. Sein Vater ist Arzt. Die Alexanders erfreuen sich großer gesellschaftlicher Beliebtheit. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Paul besucht Hanns eine Waldschule im Berliner Westen. Die Sommer verbringt die Familie im eigenen malerischen Ferienhaus im nahegelegenen Groß Glienicke. Doch diese Idylle findet bald ihr Ende. Mit der Machtergreifung durch Adolf Hitler werden die Alexanders mit den Schrecken des Nazi-Regimes und der damit verbundenen gesellschaftlichen Ächtung konfrontiert. Nach dem »antijüdischen Boykott« 1933, bei dem ein Mob von gewaltbereiten SA-Männern ihre Haustür blockiert, denken die Alexanders erstmals darüber nach, das Land zu verlassen. 1936 beschließt die Familie ihre Heimat hinter sich zu lassen, nach London zu fliehen und sich dort eine neue Existenz aufzubauen.

Rudolf Höss kommt knapp zwei Jahrzehnte früher als Hanns als Sohn erzkonservativer katholischer Eltern in Baden-Baden zur Welt. Von der familiären Kälte und der Suche nach Anerkennung getrieben begibt sich Höss im Alter von 14 Jahren mit der Angabe eines falschen Alters als Soldat in den Ersten Weltkrieg. Nach den traumatischen Kriegserfahrungen ist er zunächst in den Freikorps tätig bevor er über den »Bund der Artamanen«, eine radikal-völkische Vereinigung, die unter anderem die »Blut und Boden« Ideologie propagierte, Heinrich Himmler kennenlernt, den späteren Reichsführer SS. Wenige Jahre später wird Rudolf Höss zum Kommandanten von Auschwitz und damit mitverantwortlich für den Tod von, nach eigenen Angaben, über 3 Millionen Menschen. Seine Frau und die fünf Kinder leben in einer Villa vor den Toren des Konzentrationslagers. Die Perversion des Lebens des Kommandanten von Auschwitz wird untermalt von idyllischen Familienbildern beim gemeinsamen Ausflug mit dem Ruderboot oder dem Mittagessen in dem großen Garten der Familie Höss. Während nur wenige Meter entfernt unter dem Kommando des liebenden Familienvaters Millionen Menschen gequält, gepeinigt und getötet werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tritt Hanns Alexander, der zuvor als Soldat in der britischen Armee gedient hat, dem War Crimes Investigation Team in Deutschland bei, das sich auf die Suche nach NS-Kriegsverbrechern spezialisiert hat. Für den von Wut und Grauen über die NS-Verbrechen getriebenen Hanns beginnt nun die Jagd nach dem ehemaligen KZ-Kommandanten Rudolf.

»Hanns und Rudolf« ist ein sehr wertvolles Stück deutscher Zeitgeschichte und ein absolut empfehlenswertes Buch. Auf der Basis zahlreicher akribisch recherchierter Aufzeichnungen und den persönlichen Aufschrieben von Höss während seiner Haft gewährt Thomas Harding mit seinem Buch einen sehr intimen Einblick in die Gedanken zweier Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Autor konfrontiert dabei auch den Leser mit dem Facettenreichtum und der Individualität des menschlichen Charakters: Während wir uns zusammen mit Hanns auf die Jagd nach einem brutalen Massenmörders begeben, wissen wir nicht was genau wir fühlen sollen, als dieser brutal zusammengeschlagen und unter menschenunwürdigen Bedingungen verhört wird. Während wir mit den Traumata und dem Leid von Millionen von Menschen konfrontiert werden, lesen wir den emotionalen Abschiedsbrief eines Vaters, der zum Tode verurteilt wurde. Harding gelingt es, nüchtern die Ereignisse wiederzugeben und zum Nachdenken anzuregen ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben.

»Hanns und Rudolf« wirft Fragen auf, die uns auch noch 70 Jahre später beschäftigen: Wie geht man mit dem Erbe des Massenmordes an mehreren Millionen Menschen um? Wer ist verantwortlich? Was geht in einem Menschen vor, während er Männer, Frauen und Kinder in eine Gaskammer treibt? Wie konnte das alles passieren? Thomas Harding nimmt uns mit auf eine Reise, an der wir wachsen können und einen tiefen Einblick in das Innere zweier Akteure im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte bekommen. Und lässt uns am Ende alleine und ratlos zurück.

Artikel online seit 19.05.15
 

Thomas Harding
Hanns und Rudolf
Aus dem Englischen von Michael Schwelien
DTV
400 Seiten, Mit zahlreichen s/w-Abbildungen
24,90 €
978-3-423-28044-0


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