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»Der
'Malstrom', auf den sich der Titel des Buches bezieht bezeichnet den
Abgrund, um den Poes Leben ständig kreiste, der aber zugleich jenen
fremden, unbekannten Bereich darstellt, den er in seinem Werk
erkundete.«
C. H. Beck
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hetzt durch New Yorks nächtliche Straßen. Sie hat das Gefühl verfolgt zu
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schon das einzige, an das sie sich erinnern kann. Alles andere ist wie
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doch hat sie keine Ahnung, um wessen Blut es sich handelt.«
Vorwort
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Horrorstorries
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Kritische Anmerkungen zum
»Gipfeltreffen der
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»So
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Neuauflage
Ein
zeitlos
gutes Leseabenteuer
Zur Wiederauflage der »Borribles«
Michael
De Larrabeitis Horror ist das reale, entfremdete Leben einer Erwachsenenwelt, dem die
Borribles eine urwüchsige, im positiven Sinn anarchische Existenz
entgegensetzen. Ihre Abenteuer sind parabelhafte Lernprozesse, wobei der
didaktische Impetus im großen Lesespaß aufgeht. Auch nach gut zwanzig Jahren
hat sich daran nichts geändert.
Spuren
Eine
Frage der Perspektive
Irrgänge
durch Mark Z.
Danielewskis grandios wuchernden Roman
»Das Haus - House of Leaves«
von Goedart Palm
Man wird
sich in diesen wuchernden Innenwelten verlieren wie zuvor im tödlichen
Labyrinth des Minotaurus und benötigt immer differenzierte Methoden der Selbst-Erfahrung, die nicht weniger Navigationskunst voraussetzen als
jene, die die christliche Seefahrt für die Entdeckung der vorläufigen
irdischen Unendlichkeit benötigt.
So wie sich in diesem
Haus archimedische Sicherheiten verlieren, so wird der Leser durch
bizarr inszenierte Textsorten um seinen narrativen und orthogonalen
Gleichgewichtssinn gebracht. Auf dem Kopf stehende Textteile,
durchgestrichene Wörter, leere Textblöcke und komplementäre
Schwärzungen, verkehrt laufende Lettern, die uns in das Schattenreich
der Druckerschwärze entführen...«
Tad
Williams
Shadowmarch
Band 1: Die Grenze
Roman
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Klett-Cotta
814 Seiten
ISBN 978-3-608-93717-6
EUR [D] 26.50
Ganz im Norden, die
Türme im dichten Nebel, dräut die riesige, labyrinthische Südmarksfeste.
Keiner kennt ihr Alter, und jahrhundertelang war sie fast vergessen. Doch
nun kann ihre einsame Lage an der Grenze zum unheimlichen Reich der
Zwielichtbewohner sie nicht länger schützen. Südmark wird bedroht.
In der Nebelwelt der Zwielichtzone im Norden wie auch im Reich des
machtbesessenen Autarchen im Süden sammeln sich Heere. Und ihr Ziel ist die
Südmarksfeste, wo die jungen königlichen Zwillinge, da ihr Vater weit
entfernt in Gefangenschaft schmachtet, die Regierungsgeschäfte übernehmen
müssen; wo Ferras Vansen, Hauptmann der Königlichen Garde, sich in einer
Leidenschaft verzehrt, von der jene, die er zu beschützen hat, nichts ahnen;
wo Chaven, der über geheimes Wissen aus den Alten Tagen verfügt, einen
magischen Spiegel hütet; und wo der Funderling Chert ein Kind findet - ein
Kind, dessen Schicksal ihn ins tiefste Herz des Schattenreiches führen soll
...
»Die Stille der Halle ist gebrochen. Gemurmel erfüllt den spiegelgesäumten
Raum, eine Flut von Stimmen, die immer mehr anschwillt, bis sie von dem
dunklen, zu Dornzweigen geschnitzten Gebälk widerhallt.
Der blinde König nickt langsam. "Jetzt endlich beginnt es."«
Tad
Williams
Shadowmarch
Band
2: Das Spiel
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Klett-Cota
816 Seiten
ISBN 978-3-608-93718-3
EUR [D] 26.50
Eine riesige Elbenarmee
überschreitet die Schattengrenze, und nichts scheint sie aufhalten zu
können. Als Barrick in die Hände der heimtückischen Feinde fällt, ist Briony
gezwungen, aus der Südmarkfeste zu fliehen. Ist es das Schicksal der Völker
Eions, zwischen den Armeen der Elben und des Autarchen zerrieben zu werden?
Gelingt es Briony, in der Fremde Unterstützung zu finden, um den Thron
zurückzuerobern? Und ist Barrick der Herausforderung gewachsen, die ihn
immer weiter in die Schattenlande hineinführt ...?
Charles
Coleman Finlay
Der verlorene Troll
Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt
Klett-Cotta
Klappenbroschur
444 Seiten
ISBN 978-3-608-93786-2
EUR [D] 16.90
In einer Welt der
Trolle, Dämonen und Dolchzahnlöwen macht sich der Findeljunge Claye auf die
Suche nach seinem Schicksal. Er erlebt Krieg und Verrat, aber auch
Freundschaft und Liebe und erkennt, dass er der Umgebung, in der er
aufgewachsen ist, entfliehen muss, um sich selbst zu finden.
Lord Gruethrists Burg wird von feindlichen Eindringlingen belagert. Aus dem
Getümmel entkommen ein loyaler Ritter und eine hübsche Amme mit dem ihr
anvertrauten Säugling Claye. Sie haben den Auftrag, den kleinen Erben des
Lords in Sicherheit zu bringen – aber ihre verzweifelte Flucht durch ein vom
Krieg heimgesuchtes Land, das von wilden und fantastischen Kreaturen
bevölkert ist, endet tragisch. Sie verlieren den Säugling an eine
Trollmutter, die um ihr eigenes totes Kind trauert.
Der Junge, der den Namen »Made« erhält, wächst unter riesenhaften
Bergtrollen auf, die immer wieder drohen, ihn wegen seiner menschlichen
Herkunft zu töten oder auszustoßen. Als er fast erwachsen ist, macht er sich
auf, zu seinem Volk zurückzukehren mit der Frage, was es bedeutet, ein
Mensch zu sein. Auf seiner Suche wird er in einen furchtbaren Krieg
verwickelt. Er muss nun herausfinden, wem er ähnlicher ist: den Trollen, die
ihn aufzogen, oder den Menschen, von denen er abstammt.
Boris
Strugatzki
Die Ohnmächtigen
Aus dem Russischen von Erik Simon
Klett-Cotta
Gebunden mit Schutzumschlag
340 Seiten
ISBN 978-3-608-93774-9
EUR [D] 22.50
Eine Parabel über die
Ohnmacht der Intellektuellen im postkommunistischen Russland
Wirre Gerüchte in Sankt Petersburg berichten von einem
Penner in der Straßenbahn, der absolut exakt das Verhalten der Fahrgäste
vorherzusagen vermag, von einem rätselhaften Alten, der mit einem einzigen
Satz Menschen auf einen völlig neuen Lebensweg bringt, von unerklärlichen
Todesfällen.
Dahinter steht eine Gruppe von Menschen, deren jeder eine andere
außergewöhnliche, übernatürliche Begabung besitzt: Dieser erkennt unfehlbar
jede Lüge, jener hat ein absolutes Gedächtnis, andere können die Psyche von
Menschen manipulieren, über Insekten gebieten oder sogar mit bloßem Hass
töten. Die Geschichte ihres Lehrers, der diese Gaben in ihnen entdeckte,
reicht zurück bis zu den Menschenversuchen der Stalinzeit ...
Als die Politmafia versucht, einen von ihnen zu erpressen, und verlangt,
dass er mit seiner besonderen Gabe Einfluss auf das Ergebnis der
bevorstehenden Wahl nimmt, versuchen sie gemeinsam das Unheil abzuwenden.
LESEPROBE
Viertes Kapitel
Dezember. Mittwoch.
Die Nacht des Patriarchen
Aus dem Russischen von Erik Simon
Er heißt Sten
Arkadjewitsch Agre. Der Vorname könnte ungewöhnlich wirken, aber nur in
unserer heutigen entideologisierten Unzeit. In Wahrheit bedeutet Sten – ›STalin-ENgels‹.
Er hatte übrigens irgendwann auch einmal einen älteren Bruder, der Marlen
hieß: Marx plus Lenin. Wo aber dieser anscheinend durch und durch russische
Mensch so einen exotischen Familiennamen herhat, habe ich bisher nicht
herausfinden können. Kenntnisreiche Leute erklären, daß ›agre‹ auf Sanskrit
›der erste‹ oder sogar ›der höchste‹ bedeutet, auf Grusinisch heißt es ›So‹
(›So ein zerstreuter Mensch ...‹), und auf Iwrit sind ›agra‹ (auf der
letzten Silbe betont) ›Steuern‹. Das ist alles, was ich zu diesem Thema in
Erfahrung bringen konnte. Also nichts.
Daß ich mich jetzt bereit gefunden habe, über ihn zu schreiben, liegt nicht
etwa daran, daß ich Angst vor euch hätte. Man soll nicht übertreiben. Und
natürlich erst recht nicht, weil ich euch helfen wollte. Überhaupt nicht,
weil ich in dieser Beschäftigung irgendeinen nützlichen oder pragmatischen
Sinn sähe. Ich habe diese Aufzeichnungen begonnen, weil ich anscheinend
vollends begriffen habe: Von mir bleibt später einmal nichts auf der Welt
als diese Aufzeichnungen. Mehr noch: Auch von ihm selbst wird nichts als
meine Aufzeichnungen bleiben. Nun ja, vielleicht noch ein paar Gerüchte, die
heute schon wie Legenden klingen. Und eine große Anzahl von Interviews, die
keinerlei Information liefern, sondern nur die Phantasie anregen und neue
Gerüchte, neue Legenden hervorbringen.
Über ihn sind auch bisher schon seltsame Gerüchte und saftige Legenden im
Umlauf. Ich nehme an, in eurer Abteilung sammelt irgendwer sie sorgfältig,
sortiert sie (mit seitlich herausgestreckter Zunge) und analysiert sie
gründlich. Ich will nicht einmal ausschließen, daß ihr einen Teil dieser
Gerüchte selbst erfunden und verbreitet habt ... Aber zwei Legenden werde
ich hier anführen. Eine, weil sie mir perfekt erscheint, beim Weitererzählen
bis zum Zustand einer fertigen Kurzgeschichte geschliffen. Und die zweite,
weil ich selbst Zeuge des Ereignisses war und an diesem Beispiel beobachten
kann, wie sich die bescheiden-alltägliche Raupe der Tatsache in den
prächtigen Schmetterling der Legende verwandelt.
Alsdann, die erste
Geschichte. Die Handlung spielt so etwa im Jahre vierundneunzig, nicht
später als fünfundneunzig. Es fährt ein Oberleitungsbus, der Tageszeit
entsprechend nicht voll, die Leute sitzen. Alles ist still und friedlich.
Auf dem Rücksitz hat sich ein Onkelchen von unbestimmtem Zuschnitt
niedergelassen, von dem man zunächst nur eins sagen kann – daß er dem großen
proletarischen Mustopf entstammt. Wahrscheinlich sitzt er genau deswegen
ganz allein und langweilt sich anscheinend. Und er beginnt zu reden, genauer
gesagt: zu verkünden.
»An der nächsten Haltestelle«, verkündet er, »steigen zwei aus, und einer
steigt ein.«
»Und an der nächsten Haltestelle steigt niemand aus, aber eine Mutti mit
Kind steigt ein ...«
»Und an der nächsten steigen vier aus und drei ein ...«
Auf alle diese Ankündigungen achtet zunächst kaum jemand, doch recht schnell
bemerken die Leute, daß sich sämtliche unerbetenen Vorhersagen auf
sonderbare Weise erfüllen. Alle. Ohne Ausnahme. Und absolut exakt.
»... An der nächsten Haltestelle steigen drei aus, und zwei steigen ein –
ein Mann und eine Frau.«
Genau.
»Was kommt als nächstes ? Der Moskauer Bahnhof ? Zwei steigen aus, drei ein
...«
Absolutely!
Die Münder klappen
allmählich auf, die Leute bekommen Stiel augen. Jetzt hören ihm schon alle
zu, als sei er irgendein Shwanezki (Ein in der Sowjetunion sehr bekannter
Satiriker aus Odessa)., ausgenommen ein blasses Fräulein, das sich in einen
lackierten Krimi vertieft hat. Alle anderen aber hören begierig, mit süßem
Entsetzen, zu, wobei es niemand wagt, sich zu ihm umzudrehen, nur die Ohren
haben alle aufgestellt wie geprügelte Kater.
»... Und an der nächsten steigt einer ein, und einer steigt aus.« Genau:
Einer steigt ein (und wird übrigens sogleich mißtrauisch – ist er hier
richtig, und was geht hier vor ?), aber wer steigt aus ? Niemand ! Der Obus
steht mit offenen Türen da, die Uhren ticken, schon wenden sich etliche
schadenfrohe Visagen zu dem verkaterten Propheten um, schon beginnen sich
die Türen zu schließen, doch da schlägt das bleiche Fräulein plötzlich die
Lektüre zu, drängt sich mit dem Ausruf »Ojojoi« (oder etwas in der Art) an
ihrem Sitzbanknachbarn vorbei und wird beinahe von den Türen eingeklemmt,
kann aber doch noch hinausspringen. Durch den Obus geht ein unterdrücktes
Seufzen. Alle warten, was weiter geschieht, aber weiter geschieht nichts:
Der Prophet schweigt und kämpft heldenhaft gegen Entzugserscheinungen an.
Und als der Obus das nächste Mal hält, steht er von seinem Platz auf –
klein, zerzaust, mit schiefem Mund –, tritt auf die Zwischenstufe hinab, um
auszusteigen, und verkündet zu guter Letzt: »Sechsundneunzig wird Jelzin
gewählt, und zweitaus’ndsechs gibt’s ’nen Atomkrieg mit den Terroristen ...«
Diese Geschichte handelt von ihm. Obwohl er keineswegs klein, sondern dann
schon eher groß ist, nicht zerzaust, sondern außerordentlich gepflegt, und
sich nie so betrinkt, daß er einen Kater hat. (Er ist überhaupt ungern
betrunken. »Wozu soll ich mich betrinken ?« fragt er düster. »Ich bin auch
so fröhlich.«) Ich erinnere mich gut an die Zeiten, als alle noch am Leben
und sogar gesund waren, damals war er oft guter Stimmung, war einem Gläschen
nicht abgeneigt und erging sich mit Vergnügen in Scherzen. Jetzt scherzt er
nicht mehr. Niemals. Und die, die sich in seiner Gegenwart einen Scherz
erlauben, blickt er an. Fixiert sie. Als warte er auf eine Fortsetzung.
Die zweite Geschichte
ist recht simpel und in weitaus geringerem Maße kanonisch. Auf einen
gewissen (heiligen) Mann stürzt sich eine Horde spaßsüchtiger Halbwüchsiger,
die an irgendwelchem Dreckszeug geschnüffelt haben, oder vielleicht auch
nur, um ihn auszunehmen. Sie umringen ihn, drücken ihn gegen einen
Gartenzaun und schicken sich an, ihn zu quälen, doch da erhebt er laut seine
Stimme, an den Anführer gewandt: »Verlieren Sie keine Zeit ! Suchen Sie
gleich morgen dieses Buch.
Autor
soundso, Titel soundso.
Suchen Sie es !« Die
verdatterten (wieso eigentlich ?) jungen Taugenichtse lassen sofort von ihm
ab, und der Anführer macht sich tatsächlich auf die Suche nach dem Buch. Das
betreffende Buch, wie Sie sich denken können, findet er nicht, aber dafür
beginnt er zu lesen und wird – rechtzeitig – ein ordentlicher und sogar
hervorragender Mensch.
Überaus interessant
sind an dieser ziemlich geschmacklosen Geschichte die Varianten von Büchern
und Autoren. Am häufigsten wird die Bibel genannt: die Offenbarung oder der
Prediger Salomo. Manchmal Bücher über Naturwissenschaft, sagen wir: »Courant
und Robbins ! ›Was ist Mathematik ?‹ ! Kapitel eins, vierter Paragraph,
›Diophantische Gleichungen‹ !« Und manchmal völlig unbekannte und
anscheinend erfundene, nirgends existierende Bücher, zum Beispiel: Arthur
Miles, ›Wie man man selber wird‹ ... Doch am merkwürdigsten ist etwas
anderes. Am merkwürdigsten ist, daß er den elenden kleinen Rowdy mit ›Sie‹
anredet. In allen Versionen dieser Geschichte, die ich gehört habe. Und das
trifft auch auf ihn zu. Er ist der einzige mir bekannte Mensch, der immer
alle mit ›Sie‹ anspricht – sogar einen zehnjährigen Bengel.
Was die Geschichte
selbst angeht, war in Wahrheit alles anders. Er fuhr mit dem Fahrstuhl in
den dritten Stock, aber Tengis, Marischa und ich beschlossen, etwas für die
Gesundheit zu tun, und gingen zu Fuß. Diese beiden Hirnis hingen einen
Treppenabsatz weiter oben herum, anscheinend schon lange (nach der Menge der
Kippen zu schließen), und sobald er das Fahrstuhlgitter öffnete, stürzten
sie sich auf ihn und schafften es, ihn mehrmals zu schlagen. Was sie
eigentlich wollten, ist unklar geblieben, aber jedenfalls konnten sie nichts
Schlimmes mehr tun – wir kamen hinzu, und Tengis nahm sie sich vor. Ich
stürzte zu ihm, um ihm vom Boden aufzuhelfen, aber er stand schon selbst
auf, wobei er sich am Gitter festhielt – weiß, wütend, ein bißchen Blut
fließt ihm übers Gesicht, Augen wie ein Urvieh. »Geben Sie ihn her«, befahl
er Tengis und zeigte auf den kleineren von den beiden Hirnis, er selbst aber
beugte sich vor, dicht an diesen Hirni heran, neigte sich zu seinem Hirniohr
und flüsterte etwas – niemand von uns hat gehört, was eigentlich. Und dann
befahl er Tengis, sie laufen zu lassen, und sie gingen, setzten kaum einen
Fuß vor der anderen, wie folgsame Paralytiker. Der kleinere Hirni aber war
drei Stufen hinabgegangen, als er sich plötzlich umdrehte und (mit
grenzenlosem Unverständnis) fragte: »Aber wozu ?« – »Gehen Sie, gehen Sie.
Sie werden es später verstehen«, gab er zur Antwort, und damit hatte diese
Geschichte eigentlich ihr Ende, und weiter ging es mit Verbänden,
Tetanusspritzen und derlei Kram aus dem Repertoire unserer Marischka.
Dann gibt es noch die
Geschichte, wie er einen Menschen ins Leben zurückholte, einen
neunzigjährigen Greis, der im Begriff war, in den Armen der heulenden
Verwandtschaft still zu verscheiden, und der, wieder zu sich gekommen,
plötzlich losschrie: »Onkel Sten ! Das bin doch ich – der kleine Spatz ! Sie
haben mich auf Ihren Knien reiten lassen, wissen Sie noch ?«
Überhaupt gibt es
verdächtig viele Geschichten von Leuten, die älter als er oder mindestens
genauso betagt sind, sich aber seit der Kindheit – ihrer eigenen Kindheit –
so an ihn erinnern, wie er jetzt ist. Ich war selbst bei einem Fall dieser
Art zugegen, als er (in einem Anfall letzter Verzweiflung) seine Frau,
Tatjana Olegowna, zu irgend so einem großen Heiler brachte, und der, als er
ihn erblickte, ausrief: »Sohnemann ! Was denn, erkennst du mich nicht ? Das
bin doch ich, Ljoschka-Galosche !« Aus seinen Worten folgte, daß sie beide
so vor fünfzig Jahren in derselben Zelle gesessen hatten, oder etwas in der
Art. Eine sonderbare Geschichte, wenn man berücksichtigt, daß er niemals und
aus keinem Anlaß gesessen hat und daß er sich – nach den Worten des Heilers
– »in all den Jahren überhaupt nicht verändert« hatte. In immerhin fünfzig
Jahren ? Der Heiler freilich war nichts wert, er hat Tatjana Olegowna nicht
helfen können ...
Übrigens ist über seine
Vergangenheit überhaupt wenig bekannt. Er selbst erzählt niemals etwas von
sich. Und teilt nie irgendwelche Erinnerungen mit. Vielleicht gibt es
nichts, woran er sich erinnern könnte ? Oder vielleicht hat er alles
vergessen und existiert jetzt nur in Gegenwart und Zukunft ? Als ich ihn
einmal geradezu fragte und dabei sogar riskierte, mir seine herablassende
Mißbilligung zuzuziehen, antwortete er mir unerwartet ruhig und sogar mit
gewisser Verwunderung: »Aber ich habe wirklich nichts über meine
Vergangenheit zu erzählen. Da gibt es nichts als zahlreiche Versuche und
Irrtümer. Ich mag mich nicht an das alles erinnern. Die geglückten Versuche
sind für mich längst zur Gegenwart geworden, und von den mißlungenen will
ich nicht reden – ich schäme mich. Schäme mich bis heute. Es genügt, daß ich
die Fehler nicht wiederhole.«
Das ist nicht wahr. Er
wiederholt Fehler. Er ist überhaupt kein Herrgott, nicht einmal ein Genie –
er ist ein Interpretator. Das sind seine eigenen Worte: »Verstehen Sie doch,
ich bin kein Schöpfer. Ich bin nur ein Interpretator. Ich erschaffe nichts,
alles ist schon erschaffen, ohne mein Zutun und vor mir. Ich benenne
es nur.«
Völlig beiseite lasse
ich die Geschichten und Legenden mit Mord, Verstümmelung und sonstigen
Untaten. Momentan beispielsweise sind Gerüchte im Umlauf (und sogar in den
Zeitungen wurde darüber geschrieben), es kämen häufiger Fälle vor, wo Killer
ein lähmendes Nervengift verwenden. Oder irgendein besonders schreckliches
Gas, das fast augenblicklich tötet. Man findet Leichen von Bürgern (in der
Regel von recht wohlhabenden, sogar reichen: Geschäftsleute, Besitzer aller
möglichen AGs und GmbHs, Erdölmagnaten, Spielhöllenkönige), bei denen das
Leben unvermittelt infolge plötzlichen Atemstillstands aufhörte. In der
regulären Statistik habe ich drei solche Fälle im Laufe der letzten zwei
Jahre, aber ich erinnere mich, daß so etwas auch früher vorgekommen ist. Man
fand sie in Autos, in Hausfluren, auf Treppenfluchten, manchmal neben ihren
Leibwächtern, die ebenfalls Schaden genommen hatten, aber wieder zu sich
kamen und nichts sagen konnten: Sie sind ganz normal mit dem Boß irgendwo
langegangen, plötzlich fiel das Atmen schwer, es wurde ihnen schwarz vor
Augen, sie fielen in Ohnmacht, kamen wieder zu sich, und da lag neben ihnen
eine Leiche, und es roch nach verbranntem Papier ... Also diese Geschichten
handeln alle nicht von ihm. Er ist heikel. Ich würde sogar sagen – auf
heikle Weise gütig ... »Ich möchte nicht als altmodisch gelten, aber: das
Leben ist heilig«, »Was wir nicht gegeben haben, sollen wir nicht nehmen«,
»Der Tod ist größer als jedes Problem« ... Und so weiter. [...]
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