Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

Science Fiction & Fantasy
Elfen, Orcs & fremde Welten
  

 

Home

Preisrätsel   Verlage A-Z   Medien & Literatur   Museen & Kunst   Mediadaten   Impressum

 

 

Anzeige
»Der 'Malstrom', auf den sich der Titel des Buches bezieht bezeichnet den Abgrund, um den Poes Leben ständig kreiste, der aber zugleich jenen fremden, unbekannten  Bereich darstellt, den er in seinem Werk  erkundete.«

C. H. Beck
 

Wir empfehlen:





Andere Seiten
Joe Bauers
Flaneursalon

Gregor Keuschnig
Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Riesensexmaschine
Nicht, was Sie denken?!

texxxt.de Community für erotische Geschichten
Wen's interessiert Rainald Goetz-Blog

In der neuen Welt
Silvia Hähnel über Christoph Marzis neue Uralte Metropole »Somnia«
»
Eine junge Frau hetzt durch New Yorks nächtliche Straßen. Sie hat das Gefühl verfolgt zu werden und tatsächlich ist hinter ihr ein unheimliches Heulen zu hören. Scarlet Hawthorne ist ihr Name, so viel weiß sie – doch leider ist das auch schon das einzige, an das sie sich erinnern kann. Alles andere ist wie ausgelöscht. Entsetzt stellt Scarlet fest, dass Blut an ihren Händen klebt, doch hat sie keine Ahnung, um wessen Blut es sich handelt.«

Vorwort vergeigt
Lovecrafts Horrorstorries
Ausgewählt und mit einem Vorwort von Wolfgang Hohlbein
Kritische Anmerkungen zum
»Gipfeltreffen der Schauergeschichte!«
»S
o sind sie, die bedeutenden und erfolgreichen und deutschsprachigen Nachfahrenden von früheren Meistern, sie haben kein Gespür für Angemessenheit und Proportionen.«



Neuauflage

Ein zeitlos gutes Leseabenteuer
Zur Wiederauflage der »Borribles«
Michael De Larrabeitis Horror ist das reale, entfremdete Leben einer Erwachsenenwelt, dem die Borribles eine urwüchsige, im positiven Sinn anarchische Existenz entgegensetzen. Ihre Abenteuer sind parabelhafte Lernprozesse, wobei der didaktische Impetus im großen Lesespaß aufgeht. Auch nach gut zwanzig Jahren hat sich daran nichts geändert.


Spuren

Eine Frage der Perspektive
Irrgänge durch Mark Z. Danielewskis grandios wuchernden Roman
»Das Haus - House of Leaves«
von Goedart Palm

Man wird sich in diesen wuchernden Innenwelten verlieren wie zuvor im tödlichen Labyrinth des Minotaurus und benötigt immer differenzierte Methoden der Selbst-Erfahrung, die nicht weniger Navigationskunst voraussetzen als jene, die die christliche Seefahrt für die Entdeckung der vorläufigen irdischen Unendlichkeit benötigt. So wie sich in diesem Haus archimedische Sicherheiten verlieren, so wird der Leser durch bizarr inszenierte Textsorten um seinen narrativen und orthogonalen Gleichgewichtssinn gebracht. Auf dem Kopf stehende Textteile, durchgestrichene Wörter, leere Textblöcke und komplementäre Schwärzungen, verkehrt laufende Lettern, die uns in das Schattenreich der Druckerschwärze entführen...«

Tad Williams  
Shadowmarch

Band 1: Die Grenze
Roman
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Klett-Cotta
814 Seiten
ISBN 978-3-608-93717-6
EUR [D]  26.50

Ganz im Norden, die Türme im dichten Nebel, dräut die riesige, labyrinthische Südmarksfeste. Keiner kennt ihr Alter, und jahrhundertelang war sie fast vergessen. Doch nun kann ihre einsame Lage an der Grenze zum unheimlichen Reich der Zwielichtbewohner sie nicht länger schützen. Südmark wird bedroht.
In der Nebelwelt der Zwielichtzone im Norden wie auch im Reich des machtbesessenen Autarchen im Süden sammeln sich Heere. Und ihr Ziel ist die Südmarksfeste, wo die jungen königlichen Zwillinge, da ihr Vater weit entfernt in Gefangenschaft schmachtet, die Regierungsgeschäfte übernehmen müssen; wo Ferras Vansen, Hauptmann der Königlichen Garde, sich in einer Leidenschaft verzehrt, von der jene, die er zu beschützen hat, nichts ahnen; wo Chaven, der über geheimes Wissen aus den Alten Tagen verfügt, einen magischen Spiegel hütet; und wo der Funderling Chert ein Kind findet - ein Kind, dessen Schicksal ihn ins tiefste Herz des Schattenreiches führen soll ...

»Die Stille der Halle ist gebrochen. Gemurmel erfüllt den spiegelgesäumten Raum, eine Flut von Stimmen, die immer mehr anschwillt, bis sie von dem dunklen, zu Dornzweigen geschnitzten Gebälk widerhallt.
Der blinde König nickt langsam. "Jetzt endlich beginnt es."«

Tad Williams
Shadowmarch
Band 2: Das Spiel
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Klett-Cota
816 Seiten
ISBN 978-3-608-93718-3
EUR [D]  26.50

Eine riesige Elbenarmee überschreitet die Schattengrenze, und nichts scheint sie aufhalten zu können. Als Barrick in die Hände der heimtückischen Feinde fällt, ist Briony gezwungen, aus der Südmarkfeste zu fliehen. Ist es das Schicksal der Völker Eions, zwischen den Armeen der Elben und des Autarchen zerrieben zu werden? Gelingt es Briony, in der Fremde Unterstützung zu finden, um den Thron zurückzuerobern? Und ist Barrick der Herausforderung gewachsen, die ihn immer weiter in die Schattenlande hineinführt ...?

Charles Coleman Finlay  
Der verlorene Troll
Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt
Klett-Cotta
Klappenbroschur
444 Seiten
ISBN 978-3-608-93786-2
EUR [D]  16.90

In einer Welt der Trolle, Dämonen und Dolchzahnlöwen macht sich der Findeljunge Claye auf die Suche nach seinem Schicksal. Er erlebt Krieg und Verrat, aber auch Freundschaft und Liebe und erkennt, dass er der Umgebung, in der er aufgewachsen ist, entfliehen muss, um sich selbst zu finden.
Lord Gruethrists Burg wird von feindlichen Eindringlingen belagert. Aus dem Getümmel entkommen ein loyaler Ritter und eine hübsche Amme mit dem ihr anvertrauten Säugling Claye. Sie haben den Auftrag, den kleinen Erben des Lords in Sicherheit zu bringen – aber ihre verzweifelte Flucht durch ein vom Krieg heimgesuchtes Land, das von wilden und fantastischen Kreaturen bevölkert ist, endet tragisch. Sie verlieren den Säugling an eine Trollmutter, die um ihr eigenes totes Kind trauert.
Der Junge, der den Namen »Made« erhält, wächst unter riesenhaften Bergtrollen auf, die immer wieder drohen, ihn wegen seiner menschlichen Herkunft zu töten oder auszustoßen. Als er fast erwachsen ist, macht er sich auf, zu seinem Volk zurückzukehren mit der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Auf seiner Suche wird er in einen furchtbaren Krieg verwickelt. Er muss nun herausfinden, wem er ähnlicher ist: den Trollen, die ihn aufzogen, oder den Menschen, von denen er abstammt.

Boris Strugatzki
Die Ohnmächtigen
Aus dem Russischen von Erik Simon
Klett-Cotta
Gebunden mit Schutzumschlag
340 Seiten
ISBN 978-3-608-93774-9
EUR [D]  22.50

Eine Parabel über die Ohnmacht der Intellektuellen im postkommunistischen Russland
Wirre Gerüchte in Sankt Petersburg berichten von einem Penner in der Straßenbahn, der absolut exakt das Verhalten der Fahrgäste vorherzusagen vermag, von einem rätselhaften Alten, der mit einem einzigen Satz Menschen auf einen völlig neuen Lebensweg bringt, von unerklärlichen Todesfällen.

Dahinter steht eine Gruppe von Menschen, deren jeder eine andere außergewöhnliche, übernatürliche Begabung besitzt: Dieser erkennt unfehlbar jede Lüge, jener hat ein absolutes Gedächtnis, andere können die Psyche von Menschen manipulieren, über Insekten gebieten oder sogar mit bloßem Hass töten. Die Geschichte ihres Lehrers, der diese Gaben in ihnen entdeckte, reicht zurück bis zu den Menschenversuchen der Stalinzeit ...
Als die Politmafia versucht, einen von ihnen zu erpressen, und verlangt, dass er mit seiner besonderen Gabe Einfluss auf das Ergebnis der bevorstehenden Wahl nimmt, versuchen sie gemeinsam das Unheil abzuwenden.

LESEPROBE Viertes Kapitel
Dezember. Mittwoch.
Die Nacht des Patriarchen

Aus dem Russischen von Erik Simon

Er heißt Sten Arkadjewitsch Agre. Der Vorname könnte ungewöhnlich wirken, aber nur in unserer heutigen entideologisierten Unzeit. In Wahrheit bedeutet Sten – ›STalin-ENgels‹. Er hatte übrigens irgendwann auch einmal einen älteren Bruder, der Marlen hieß: Marx plus Lenin. Wo aber dieser anscheinend durch und durch russische Mensch so einen exotischen Familiennamen herhat, habe ich bisher nicht herausfinden können. Kenntnisreiche Leute erklären, daß ›agre‹ auf Sanskrit ›der erste‹ oder sogar ›der höchste‹ bedeutet, auf Grusinisch heißt es ›So‹ (›So ein zerstreuter Mensch ...‹), und auf Iwrit sind ›agra‹ (auf der letzten Silbe betont) ›Steuern‹. Das ist alles, was ich zu diesem Thema in Erfahrung bringen konnte. Also nichts.
Daß ich mich jetzt bereit gefunden habe, über ihn zu schreiben, liegt nicht etwa daran, daß ich Angst vor euch hätte. Man soll nicht übertreiben. Und natürlich erst recht nicht, weil ich euch helfen wollte. Überhaupt nicht, weil ich in dieser Beschäftigung irgendeinen nützlichen oder pragmatischen Sinn sähe. Ich habe diese Aufzeichnungen begonnen, weil ich anscheinend vollends begriffen habe: Von mir bleibt später einmal nichts auf der Welt als diese Aufzeichnungen. Mehr noch: Auch von ihm selbst wird nichts als meine Aufzeichnungen bleiben. Nun ja, vielleicht noch ein paar Gerüchte, die heute schon wie Legenden klingen. Und eine große Anzahl von Interviews, die keinerlei Information liefern, sondern nur die Phantasie anregen und neue Gerüchte, neue Legenden hervorbringen.
Über ihn sind auch bisher schon seltsame Gerüchte und saftige Legenden im Umlauf. Ich nehme an, in eurer Abteilung sammelt irgendwer sie sorgfältig, sortiert sie (mit seitlich herausgestreckter Zunge) und analysiert sie gründlich. Ich will nicht einmal ausschließen, daß ihr einen Teil dieser Gerüchte selbst erfunden und verbreitet habt ... Aber zwei Legenden werde ich hier anführen. Eine, weil sie mir perfekt erscheint, beim Weitererzählen bis zum Zustand einer fertigen Kurzgeschichte geschliffen. Und die zweite, weil ich selbst Zeuge des Ereignisses war und an diesem Beispiel beobachten kann, wie sich die bescheiden-alltägliche Raupe der Tatsache in den prächtigen Schmetterling der Legende verwandelt.

Alsdann, die erste Geschichte. Die Handlung spielt so etwa im Jahre vierundneunzig, nicht später als fünfundneunzig. Es fährt ein Oberleitungsbus, der Tageszeit entsprechend nicht voll, die Leute sitzen. Alles ist still und friedlich. Auf dem Rücksitz hat sich ein Onkelchen von unbestimmtem Zuschnitt niedergelassen, von dem man zunächst nur eins sagen kann – daß er dem großen proletarischen Mustopf entstammt. Wahrscheinlich sitzt er genau deswegen ganz allein und langweilt sich anscheinend. Und er beginnt zu reden, genauer gesagt: zu verkünden.
»An der nächsten Haltestelle«, verkündet er, »steigen zwei aus, und einer steigt ein.«
»Und an der nächsten Haltestelle steigt niemand aus, aber eine Mutti mit Kind steigt ein ...«
»Und an der nächsten steigen vier aus und drei ein ...«
Auf alle diese Ankündigungen achtet zunächst kaum jemand, doch recht schnell bemerken die Leute, daß sich sämtliche unerbetenen Vorhersagen auf sonderbare Weise erfüllen. Alle. Ohne Ausnahme. Und absolut exakt.
»... An der nächsten Haltestelle steigen drei aus, und zwei steigen ein – ein Mann und eine Frau.«
Genau.
»Was kommt als nächstes ? Der Moskauer Bahnhof ? Zwei steigen aus, drei ein ...«
Absolutely!

Die Münder klappen allmählich auf, die Leute bekommen Stiel augen. Jetzt hören ihm schon alle zu, als sei er irgendein Shwanezki (Ein in der Sowjetunion sehr bekannter Satiriker aus Odessa)., ausgenommen ein blasses Fräulein, das sich in einen lackierten Krimi vertieft hat. Alle anderen aber hören begierig, mit süßem Entsetzen, zu, wobei es niemand wagt, sich zu ihm umzudrehen, nur die Ohren haben alle aufgestellt wie geprügelte Kater.
»... Und an der nächsten steigt einer ein, und einer steigt aus.« Genau: Einer steigt ein (und wird übrigens sogleich mißtrauisch – ist er hier richtig, und was geht hier vor ?), aber wer steigt aus ? Niemand ! Der Obus steht mit offenen Türen da, die Uhren ticken, schon wenden sich etliche schadenfrohe Visagen zu dem verkaterten Propheten um, schon beginnen sich die Türen zu schließen, doch da schlägt das bleiche Fräulein plötzlich die Lektüre zu, drängt sich mit dem Ausruf »Ojojoi« (oder etwas in der Art) an ihrem Sitzbanknachbarn vorbei und wird beinahe von den Türen eingeklemmt, kann aber doch noch hinausspringen. Durch den Obus geht ein unterdrücktes Seufzen. Alle warten, was weiter geschieht, aber weiter geschieht nichts: Der Prophet schweigt und kämpft heldenhaft gegen Entzugserscheinungen an. Und als der Obus das nächste Mal hält, steht er von seinem Platz auf – klein, zerzaust, mit schiefem Mund –, tritt auf die Zwischenstufe hinab, um auszusteigen, und verkündet zu guter Letzt: »Sechsundneunzig wird Jelzin gewählt, und zweitaus’ndsechs gibt’s ’nen Atomkrieg mit den Terroristen ...«
Diese Geschichte handelt von ihm. Obwohl er keineswegs klein, sondern dann schon eher groß ist, nicht zerzaust, sondern außerordentlich gepflegt, und sich nie so betrinkt, daß er einen Kater hat. (Er ist überhaupt ungern betrunken. »Wozu soll ich mich betrinken ?« fragt er düster. »Ich bin auch so fröhlich.«) Ich erinnere mich gut an die Zeiten, als alle noch am Leben und sogar gesund waren, damals war er oft guter Stimmung, war einem Gläschen nicht abgeneigt und erging sich mit Vergnügen in Scherzen. Jetzt scherzt er nicht mehr. Niemals. Und die, die sich in seiner Gegenwart einen Scherz erlauben, blickt er an. Fixiert sie. Als warte er auf eine Fortsetzung.

Die zweite Geschichte ist recht simpel und in weitaus geringerem Maße kanonisch. Auf einen gewissen (heiligen) Mann stürzt sich eine Horde spaßsüchtiger Halbwüchsiger, die an irgendwelchem Dreckszeug geschnüffelt haben, oder vielleicht auch nur, um ihn auszunehmen. Sie umringen ihn, drücken ihn gegen einen Gartenzaun und schicken sich an, ihn zu quälen, doch da erhebt er laut seine Stimme, an den Anführer gewandt: »Verlieren Sie keine Zeit ! Suchen Sie gleich morgen dieses Buch. Autor soundso, Titel soundso. Suchen Sie es !« Die verdatterten (wieso eigentlich ?) jungen Taugenichtse lassen sofort von ihm ab, und der Anführer macht sich tatsächlich auf die Suche nach dem Buch. Das betreffende Buch, wie Sie sich denken können, findet er nicht, aber dafür beginnt er zu lesen und wird – rechtzeitig – ein ordentlicher und sogar hervorragender Mensch.

Überaus interessant sind an dieser ziemlich geschmacklosen Geschichte die Varianten von Büchern und Autoren. Am häufigsten wird die Bibel genannt: die Offenbarung oder der Prediger Salomo. Manchmal Bücher über Naturwissenschaft, sagen wir: »Courant und Robbins ! ›Was ist Mathematik ?‹ ! Kapitel eins, vierter Paragraph, ›Diophantische Gleichungen‹ !« Und manchmal völlig unbekannte und anscheinend erfundene, nirgends existierende Bücher, zum Beispiel: Arthur Miles, ›Wie man man selber wird‹ ... Doch am merkwürdigsten ist etwas anderes. Am merkwürdigsten ist, daß er den elenden kleinen Rowdy mit ›Sie‹ anredet. In allen Versionen dieser Geschichte, die ich gehört habe. Und das trifft auch auf ihn zu. Er ist der einzige mir bekannte Mensch, der immer alle mit ›Sie‹ anspricht – sogar einen zehnjährigen Bengel.

Was die Geschichte selbst angeht, war in Wahrheit alles anders. Er fuhr mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock, aber Tengis, Marischa und ich beschlossen, etwas für die Gesundheit zu tun, und gingen zu Fuß. Diese beiden Hirnis hingen einen Treppenabsatz weiter oben herum, anscheinend schon lange (nach der Menge der Kippen zu schließen), und sobald er das Fahrstuhlgitter öffnete, stürzten sie sich auf ihn und schafften es, ihn mehrmals zu schlagen. Was sie eigentlich wollten, ist unklar geblieben, aber jedenfalls konnten sie nichts Schlimmes mehr tun – wir kamen hinzu, und Tengis nahm sie sich vor. Ich stürzte zu ihm, um ihm vom Boden aufzuhelfen, aber er stand schon selbst auf, wobei er sich am Gitter festhielt – weiß, wütend, ein bißchen Blut fließt ihm übers Gesicht, Augen wie ein Urvieh. »Geben Sie ihn her«, befahl er Tengis und zeigte auf den kleineren von den beiden Hirnis, er selbst aber beugte sich vor, dicht an diesen Hirni heran, neigte sich zu seinem Hirniohr und flüsterte etwas – niemand von uns hat gehört, was eigentlich. Und dann befahl er Tengis, sie laufen zu lassen, und sie gingen, setzten kaum einen Fuß vor der anderen, wie folgsame Paralytiker. Der kleinere Hirni aber war drei Stufen hinabgegangen, als er sich plötzlich umdrehte und (mit grenzenlosem Unverständnis) fragte: »Aber wozu ?« – »Gehen Sie, gehen Sie. Sie werden es später verstehen«, gab er zur Antwort, und damit hatte diese Geschichte eigentlich ihr Ende, und weiter ging es mit Verbänden, Tetanusspritzen und derlei Kram aus dem Repertoire unserer Marischka.

Dann gibt es noch die Geschichte, wie er einen Menschen ins Leben zurückholte, einen neunzigjährigen Greis, der im Begriff war, in den Armen der heulenden Verwandtschaft still zu verscheiden, und der, wieder zu sich gekommen, plötzlich losschrie: »Onkel Sten ! Das bin doch ich – der kleine Spatz ! Sie haben mich auf Ihren Knien reiten lassen, wissen Sie noch ?«

Überhaupt gibt es verdächtig viele Geschichten von Leuten, die älter als er oder mindestens genauso betagt sind, sich aber seit der Kindheit – ihrer eigenen Kindheit – so an ihn erinnern, wie er jetzt ist. Ich war selbst bei einem Fall dieser Art zugegen, als er (in einem Anfall letzter Verzweiflung) seine Frau, Tatjana Olegowna, zu irgend so einem großen Heiler brachte, und der, als er ihn erblickte, ausrief: »Sohnemann ! Was denn, erkennst du mich nicht ? Das bin doch ich, Ljoschka-Galosche !« Aus seinen Worten folgte, daß sie beide so vor fünfzig Jahren in derselben Zelle gesessen hatten, oder etwas in der Art. Eine sonderbare Geschichte, wenn man berücksichtigt, daß er niemals und aus keinem Anlaß gesessen hat und daß er sich – nach den Worten des Heilers – »in all den Jahren überhaupt nicht verändert« hatte. In immerhin fünfzig Jahren ? Der Heiler freilich war nichts wert, er hat Tatjana Olegowna nicht helfen können ...

Übrigens ist über seine Vergangenheit überhaupt wenig bekannt. Er selbst erzählt niemals etwas von sich. Und teilt nie irgendwelche Erinnerungen mit. Vielleicht gibt es nichts, woran er sich erinnern könnte ? Oder vielleicht hat er alles vergessen und existiert jetzt nur in Gegenwart und Zukunft ? Als ich ihn einmal geradezu fragte und dabei sogar riskierte, mir seine herablassende Mißbilligung zuzuziehen, antwortete er mir unerwartet ruhig und sogar mit gewisser Verwunderung: »Aber ich habe wirklich nichts über meine Vergangenheit zu erzählen. Da gibt es nichts als zahlreiche Versuche und Irrtümer. Ich mag mich nicht an das alles erinnern. Die geglückten Versuche sind für mich längst zur Gegenwart geworden, und von den mißlungenen will ich nicht reden – ich schäme mich. Schäme mich bis heute. Es genügt, daß ich die Fehler nicht wiederhole.«

Das ist nicht wahr. Er wiederholt Fehler. Er ist überhaupt kein Herrgott, nicht einmal ein Genie – er ist ein Interpretator. Das sind seine eigenen Worte: »Verstehen Sie doch, ich bin kein Schöpfer. Ich bin nur ein Interpretator. Ich erschaffe nichts, alles ist schon erschaffen, ohne mein Zutun und vor mir. Ich benenne es nur.«

Völlig beiseite lasse ich die Geschichten und Legenden mit Mord, Verstümmelung und sonstigen Untaten. Momentan beispielsweise sind Gerüchte im Umlauf (und sogar in den Zeitungen wurde darüber geschrieben), es kämen häufiger Fälle vor, wo Killer ein lähmendes Nervengift verwenden. Oder irgendein besonders schreckliches Gas, das fast augenblicklich tötet. Man findet Leichen von Bürgern (in der Regel von recht wohlhabenden, sogar reichen: Geschäftsleute, Besitzer aller möglichen AGs und GmbHs, Erdölmagnaten, Spielhöllenkönige), bei denen das Leben unvermittelt infolge plötzlichen Atemstillstands aufhörte. In der regulären Statistik habe ich drei solche Fälle im Laufe der letzten zwei Jahre, aber ich erinnere mich, daß so etwas auch früher vorgekommen ist. Man fand sie in Autos, in Hausfluren, auf Treppenfluchten, manchmal neben ihren Leibwächtern, die ebenfalls Schaden genommen hatten, aber wieder zu sich kamen und nichts sagen konnten: Sie sind ganz normal mit dem Boß irgendwo langegangen, plötzlich fiel das Atmen schwer, es wurde ihnen schwarz vor Augen, sie fielen in Ohnmacht, kamen wieder zu sich, und da lag neben ihnen eine Leiche, und es roch nach verbranntem Papier ... Also diese Geschichten handeln alle nicht von ihm. Er ist heikel. Ich würde sogar sagen – auf heikle Weise gütig ... »Ich möchte nicht als altmodisch gelten, aber: das Leben ist heilig«, »Was wir nicht gegeben haben, sollen wir nicht nehmen«, »Der Tod ist größer als jedes Problem« ... Und so weiter. [...]
 

Belletristik Romane, Erzählungen, Novellen
Blutige Ernte Krimis, Thriller & Agenten
SF & Fantasy Elfen, Orcs & fremde Welten
Sprechblasen Comics mit Niveau
Quellen Biographien, Briefe & Tagebücher
Geschichte Epochen, Menschen, Phänomene
Politik Theorie, Praxis & Debatten
Ideen Philosophie & Religion
Kunst
Ausstellungen, Bild- & Fotobände
Tonträger Hörbücher & O-Töne
Videos
Literatur in Bild & Ton
Literatur Live Veranstaltungskalender
Zeitkritik
Kommentare, Glossen & Essays
Autoren Porträts, Jahrestage & Nachrufe
Verlage Nachrichten, Geschichten & Klatsch
Film
Neu im Kino

kino-zeit
Das Online-Magazin für Kino & Film
Mit Film-Archiv, einem bundesweiten
Kino-Finder u.v.m.
www.kino-zeit.de


Klassiker-Archiv
Übersicht
Shakespeare Heute, Shakespeare Stücke
Schiller, Goethes Werther, Goethes Faust I, Eckermann, Schopenhauer, von Knigge, Kant, Büchner, Mallarmé,
Marx, Nietzsche, Kafka, Schnitzler, Kraus, Mühsam, Simmel, Tucholsky


Die aktuellen Beiträge werden am Monatsende in den jeweiligen Ressorts archiviert, und bleiben dort abrufbar.

Neu
Literatur in Bild & Ton
Literaturhistorische Videodokumente von Henry Miller, Jack Kerouac, Charles Bukowski, Dorothy Parker, Ray Bradbury & Alan Rickman liest Shakespeares Sonett 130
Thomas Bernhard

Eine kleine Materialsammlung
in Bildern & Tönen samt Fragebogen und Dramolett

Film
Neu im
Kino 35 neue Filme im Januar
Unser Film des Monats:
Zigeuner von Stanislaw Mucha

Hörprobe
Neues von Hackensack
Wer ist Joe Henry?

»Live is short, but by the grace of God, the night is long.«


 

Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik

© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

Startseite
Belletristik   Blutige Ernte   SF & Fantasy   Quellen  Geschichte   Ideen
Politik   Kunst  
Tonträger   Videos   Literatur Live   Zeitkritik   Autoren   Verlage
Film
   Preisrätsel   Verlage A-Z   Medien & Literatur   Museen & Kunst  
Mediadaten   Impressum