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Mit den Augen eines Weltenbummlers

Der unbestrittene König der Aktfotografie Andreas H. Bitesnich beweist, dass er nicht nur den menschlichen Körper einmalig in Szene setzen kann. In dem Fotoband »Travel« sind knapp neunzig atemberaubende Reisefotografien aus sechzehn verschiedenen Ländern versammelt.

Ein nacktes Kind auf antikem Stein. Eine schlichte Holzkette ist das einzige, was es am Körper trägt. Ein alter Fahrradreifen zieht einen Kreis um den kaum ein Jahr alten Erdenbürger mit den fragend dunklen Augen. Ein nahezu religiöses Bild, wie die Abbildung eines neuzeitlichen Buddhas. Mindestens sechshundert Jahre liegen zwischen der ersten des Kindes und der letzten Bewegung des Steins, denn so alt sind die Mauern von Angkor Wat in Kambodscha. Man sieht ihnen die Jahrhunderte, die ihre Geschichten in den Stein graviert haben. Man erkennt noch die Spuren des Dschungels, der sich jahrzehntelang über die Ruinen der untergegangenen Hauptstadt des einst berühmten Khmerreiches gelegt hatte. Von einem ganz anderen Untergang zeugt das verbrauchte Fahrradteil, dessen schwarzer Gummi an die Latschen der Roten Khmer erinnert, diesen Radikalkommunisten, deren Schuhwerk aus altem Reifengummi hergestellt wurde. Mehr als eine Million Menschen sind während der vierjährigen Herrschaft der kambodschanischen roten Garden ums Leben gekommen – ermordet und dahingerafft. Ein ganzes Land wurde binnen kürzester Zeit sowohl seiner Vergangenheit als auch seiner Zukunft beraubt. Die Verbrechen wurden bis heute nicht bestraft, so dass das Land unter einer Dunstglocke aus Schuld und Leid vor sich hindämmert. Einzig die kommenden Generationen werden überwinden können, was die zurückliegenden Jahrzehnte dem Land und seinen Menschen angetan haben.

All das in einer Fotografie zu vereinen, den Ruhm und den Schrecken vergangener Tage sowie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, erfordert kein Glück. Es bedarf dem Gespür für den Moment in den gegebenen Umständen und die Fähigkeit, diesen Moment gebührend und mit Respekt einzufangen, ihn festzuhalten und nicht mehr loszulassen. Diese Kunst beherrscht der Fotograf Andreas H. Bitesnich in Perfektion, wie sein Bildband „Travel“ beweist. Was mit Seitenblicken und Schnappschüssen während seiner Auftragsreisen begann, ist heute zu einer wahren Leidenschaft des Österreichers geworden, denn inzwischen nimmt er sich Zeit für seine Kameraexpeditionen. Die Zeugnisse sind nun in der fotografischen Dokumentation seiner Reisen von 1994 bis 2001 versammelt. In dieser Zeit bereiste er Ägypten, Costa Rica, die Dominikanische Republik, England, Frankreich, Italien, Kambodscha, Kenia, Kuba, die Philippinen, Portugal, die Schweiz, Spanien und Thailand. Außerdem sind natürlich Bilder aus seinen beiden Heimatländern Österreich und den USA in dem Bildband. Bitesnich wird in  „Travel“ zum Geschichts- und Geschichtenerzähler. Berühmte Bauwerke, wie die Pyramiden von Gizeh, der Papstpalast in Avignon oder die Ruinen von Angkor Wat, Altstadtimpressionen aus Lissabon und Havanna, beeindruckende Landschaftsszenarios, einmalige Tieraufnahmen und faszinierende Einblicke in das Leben der Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnet ist – all dies findet sich in „Travel“.

Die zusammengestellten Fotografien dokumentieren Bitesnichs Innerstes, seine Sicht auf die Welt und seine Werte, die immer dann am stärksten zu Tage treten, wenn sie auf das Unbekannte, auf das Fremde treffen. Insofern gehören die in „Travel“ zu sehenden Aufnahmen zwar zu den wohl ungewöhnlichsten Bildern in seinem Repertoire, sie repräsentieren aber ebenso wie seine famosen Aktaufnahmen seinen besonderen Blick auf die Welt, die Bitesnich’sche Perspektive. Der 1964 in Wien geborene Fotograf ist vor allem für seine bis zur Perfektion vollendete Aktfotografie bekannt. Bitesnich meißelt mit dem Auslöser Ikonen, so dass das Magazin Stern ihn den „Bildhauer unter den Fotografen“ nannte. Seine Bildbände „Nudes“, „Women“ und „Polar Nudes“ sowie zuletzt „More Nudes“ sind gefüllt mit außergewöhnlichen Fotografien makelloser Frauen und Männer und kursieren unter den Anhängern der Aktfotografie als absolute Garanten für erstklassige Fotografie.

Er selbst würde sich nie als Akt-, sondern eher als Körperfotograf bezeichnen. Angefangen als Modefotograf, entschied er schon nach ersten Aufnahmen für den Playboy, sich auf das Wagnis der ästhetischen Nacktfotografie einzulassen. Die Ergebnisse seiner jahrelangen Arbeit mit dem menschlichen Körper versammeln sich in zahlreichen Bildbänden, die unzählige atemberaubende, unverhüllt schöne und legendäre Fotografien aus Meisterhand enthalten. Helmut Newton, Irving Penn und Leni Riefenstahl sind die fotografischen Vorbilder, deren Stile sich in seiner Art, Menschen zu fotografieren, zu inszenieren und zu ikonisieren, wieder finden.

Ihm gehe es in seinen Bildern um die Balance, die Ausgeglichenheit, die Proportionen. Daher erinnern seine Fotografien auch an die klassische Bildhauerkunst, der es immer um die verherrlichende Abbildung der natürlichen Gegebenheiten ging. Auch die in „Travel“ versammelten Aufnahmen belegen sein fotografisches Geschick in dieser Hinsicht, ist doch jedes seiner Bilder mythisch überhöht, ein Statement besonderer Art. Es sind eben nicht die Eindrücke eines Touristen auf der Suche nach postferialer Erinnerung, sondern die eines Weltbürgers mit dem Auge für das Besondere. Klischees sind aus seinen Bildern verbannt und Sensationen gibt es ebenso wenig, wie Mitleid. Andreas H. Bitesnich lässt durch sein Spiel mit Licht und Perspektive längst vergangene Mythen wieder auferstehen und den Betrachter sentimental durch ein Zeitfenster in die Vergangenheit blicken. Er fängt mit seinen Fotografien Stimmungen ein, die man für gewöhnlich nur im Herzen festzuhalten vermag.

Im Vorwort zu dem Reisefotoband wird Bitesnich mit folgenden Worten zitiert: „Beim Reisen entwickelt man Respekt für andere Lebenswelten, persönliche Werte relativieren sich. Vielleicht ist am Ende nur die Sehnsucht übertragbar.“ Die Sehnsucht nach dem einen Foto, das die Erlebnisse einer Reise, die Eindrücke und deren Wirkungen in sich vereint. Das Foto, dass die Gegenwart in der Vergangenheit und der Zukunft wieder findet und festhält. Wie die Aufnahme des kambodschanischen Jungen. Thomas Hummitzsch
 

















Andreas H. Bitesnich
Travel
Mit einem Vorwort von Manfred Zollner
Texte in Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch
teNeues Verlag. Kempen 2007
144 Seiten mit 88 Schwarz-Weiß-Aufnahmen
29,90 €. ISBN. 3832791981.

Homepage des Fotografen:
http://www.bitesnich.com

 

 

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