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Schwarz-Weißes Afrika Schwarzafrika ist gemeinhin schlicht als Region der ethnischen Auseinandersetzungen und Bürgerkriege bekannt. Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hat mehr als ein Viertel Jahrhundert die Entwicklungen dieses Teilkontinents mit all ihren Erschütterungen und Ruhephasen begleitet.
Der nun vorliegende gewaltige Band „Africa“ teilt sich in drei große, regionale Teile auf. Der erste Part ist vorwiegend den südlichen Staaten Afrikas gewidmet. Der daran anschließende zweite Abschnitt umfasst Fotos aus den Staaten rund um den zentralafrikanischen Kivusee. Der abschließende dritte Teilbereich des Bildbandes umfasst Fotografien aus den nördlichsten der subsaharischen Staaten. Zu Beginn stehen die Bilder der Unabhängigkeitskriege in Angola und Mosambik, die die symbolträchtige Beseitigung der Denkmale aus der portugiesischen Kolonialherrschaft dokumentieren und damit einhergehend eine Hoffnung ausstrahlen, die sich auch auf die folgenden Bilder, die von der Rückkehr des normalen Lebens berichten, auswirkt. Die Dunkelheit der anschließend zurückkehrenden Bürgerkriege erfährt in diesen Fotografien der zurückkehrenden, jubelnden und singenden Flüchtlinge nur indirekt Erwähnung. Salgados Bilder in diesem ersten Abschnitt zeugen auch von dem schweren Wiederaufbau nach den Bürgerkriegen, den hinterlassenen Zerstörungen und den zersetzenden Folgen physischer oder psychischer Art für die dort lebenden Menschen. Wie eine verzweifelte Geste der Versöhnung folgen schließlich außergewöhnlich eindrucksvolle Bilder der Schönheit und Vielfalt aus den südlichen Staaten Afrikas. Diese dem Genesis-Projekt entnommenen Bilder erzählen vom Stolz und der Würde fast vergessener Stammesgesellschaften sowie dem Anmut und der Faszination der Tier- und Pflanzenwelt sowie der südafrikanischen Wüstenregionen. Vor allem die imponierenden Landschaftsbilder aus Namibia ziehen die Blicke des Betrachters geradezu magisch an. Im zweiten Teil seines Buches geht Salgado in umgekehrter Reihenfolge vor. Zunächst belegen die Bilder aus seiner Genesis-Reihe die unschätzbare Artenvielfalt und würdevolle Schönheit in der Region der Großen Seen. Sie sind die Dokumente einer wieder eingekehrten Friedlichkeit, die Anlass zur Hoffnung gibt. In diesem Abschnitt finden sich auch einige der Bilder von Arbeitskräften ruandischer Teeplantagen wieder, die schon in Salgados Dokumentation des Arbeitens im Industriezeitalter zu sehen waren. Von dieser ruandischen Normalität vor dem Genozid ausgehend leitet Salgado zu seinen Dokumenten des ruandischen Grauens über, von denen eine beträchtliche Anzahl ebenfalls in dem Bildband „Migranten“ abgebildet waren. Vor allem die bedrückenden Panoramabilder der Flüchtlingslager machen nun die Dimension des ruandischen Grauens erschütternd deutlich. Insgesamt sind in dem knapp einhundert Tage währenden Albtraum knapp eine Million Menschen ermordet worden – welch grausame Bilanz. Im abschließenden dritten, subsaharischen Teil seiner Afrika-Darstellung beeindruckt und bewegt der Brasilianer mit seinen schonungslosen Bilddokumenten der Hungersnot in der Sahelzone Mitte der 1980er Jahre. Aus diesen Bildern schreit die nackte Verzweiflung. Die Menschen, die diese Fotografien zeigen, erinnern in ihrer ausgemergelten Gestalt an wandelnde Skelette. Und doch erhalten diese Fotografien ihre Macht aus ihrer Stille. Salgado dokumentierte mit dem Austrocknen des Faguibine-Sees in Mali bereits 1985 als einer der Ersten die Folgen des globalen Klimawandels. Der damals größte See Westafrikas fiel den globalen klimatischen Veränderungen zum Opfer und trocknete komplett aus. An die Bilder der großen Dürre schließen sich Fotografien aus der Konfliktregion Südsudan zu Beginn der 1990er Jahre sowie fotografische Belege des wachsenden Einflusses der islamischen Religion in Somalia zu Beginn des neuen Jahrtausends an. In den inzwischen befriedeten Südsudan reiste Salgado nochmals im Jahr 2006, um das Volk der Dinka für seine Genesis-Reihe zu fotografieren. Hier entstand auch die eindrucksvolle Fotografie des in Rauchschwaden liegenden Viehlagers, die das Buchcover ziert.
Der opulente Bildband
„Africa“ ist eine gelungene Zusammenstellung alter und neuer
Schwarz-Weiß-Fotografien des Fotogiganten Sebastião Salgado. Eindrucksvoll
zeichnet das Werk die jüngste Geschichte des schwarzen Kontinents in all
seine Facetten nach und macht zugleich die Faszination Afrikas deutlich. Er
habe „aus Afrika nicht ein Ziel, sondern ein Weg gemacht. Der Brasilianer
hat nicht Orte besucht, er ist zu den Menschen gereist. Er hat nicht
einzelne Personen in seinen Fotografien festgehalten, er hat uns alle
eingefangen, Afrikaner und Nichtafrikaner – und er ertappte uns in unserer
Pracht und in unserem großen Elend“, schreibt mosambikanische Romancier Mia
Couto in seinem Nachwort. Er geht über das Grauen hinaus und lässt Hoffnung
keimen. Das Buch versammelt fotografische Dokumente der kontinentalen
Geschichte, der menschlichen Schicksale und der bezaubernden natürlichen
Phänomene. Salgado gelingt es wie kaum einem Zweiten, das Schicksal und auch
die Zuversicht des afrikanischen Kontinents in seinen hochkarätigen
Fotografien einzufangen. Über seinen Aufnahmen scheint noch der kalte Nebel
seines Atems zu liegen, während er mit seiner Kamera das Leben einfriert. Er
präsentiert Geschichte, wie sie geschieht, nichts ist geschönt und nichts
dramatisiert. Salgado macht nichts weniger, als die unweigerliche, grausame
wie auch hoffnungsvolle Existenz Afrikas vor unseren Augen aufzuzeigen.
Thomas Hummitzsch |
Sebastião Salgado
Homepage des Fotografen: http://amazonasimages.com |
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