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Schwarz-Weißes Afrika

Schwarzafrika ist gemeinhin schlicht als Region der ethnischen Auseinandersetzungen und Bürgerkriege bekannt. Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hat mehr als ein Viertel Jahrhundert die Entwicklungen dieses Teilkontinents mit all ihren Erschütterungen und Ruhephasen begleitet.

Als in dem afrikanischen Urlaubsidyll Kenia im vergangenen Dezember Gewalt ausbrach, war er wieder in aller Munde, der spezielle, afrikanische Kampf der Kulturen. Es ist der immer wieder aufflammende Hass zwischen Bauern und Hirten, der immer wieder zu gewalttätigen, blutigen und oft tödlichen Auseinandersetzungen führt. Nur selten ist Xenophobie und Fremdenhass Auslöser von Gewalt in Afrika, wie es gegenwärtig in den südafrikanischen Townships zu beobachten ist. Die zurückliegenden Jahrzehnte afrikanischer Geschichte sind aus westlicher Sicht eine Aneinanderreihung von Hiobsbotschaften und Katastrophen. Angola, Äthiopien, Burundi, Kongo, Liberia, Mosambik, Ruanda, Simbabwe, Somalia, Sudan, Tschad und Uganda sind nur einige der Staaten, in denen es seit den 1990er Jahren immer wieder zu dramatischen und barbarischen Zuständen gekommen ist. Aus westlicher Sicht entsteht so leicht das Bild eines seit Jahrzehnten in Naturkatastrophen und Bürgerkriegen versunkenen Kontinents.

Doch die Verhältnisse sind oft so einfach nicht, wie sie zunächst scheinen. Sie sind sehr viel ambivalenter und komplexer, als sie durch die westliche Brille oft wahrgenommen werden. Der Sensations- und Schreckensjournalismus trägt entscheidend zu dieser besonderen westlichen Sicht bei, denn kaum eine Nachricht erreicht uns aus Afrika, die nicht von Gewalt, Schrecken und Armut zeugt. Über die tatsächlichen Hintergründe ausbrechender Gewalt erfährt man aus den westlichen Medien meist nur soviel, dass wieder mal ethnische Ursachen zugrunde liegen. Nicht selten sind es jedoch vom Westen zumindest mitverschuldete Gründe, die Gewaltausbrüche in den afrikanischen Staaten verursachen, wie z.B. die kolonialen Hinterlassenschaften in Form willkürlicher Grenzlinien, die Folgen des hauptsächlich von den Industriestaaten verursachten Klimawandels oder die materielle und finanzielle Unterstützung der afrikanischen Potentaten und Gewaltherrscher, die die Nachfrage nach wertvollen Ressourcen, wie Edelsteinen, Edelhölzern oder Erdöl ohne Rücksicht auf Verluste bedienen und dabei nur allzu gern die ethnische Karte ziehen.

All das scheint man unmöglich in einem Fotoband festhalten zu können. Der Brasilianer Sebastião Salgado beweist mit seinem Fotoband „Africa“ auf eindrucksvolle Weise das Gegenteil, denn es ist ihm gelungen, die komplexe Geschichte Schwarzafrikas in seine Schwarz-Weiß-Fotos zu bannen. Seit über dreißig Jahren bereist er nun schon den Kontinent und hat ihn mit allen Hoffnungen und Ängsten erlebt und festgehalten. Er dokumentierte die Unabhängigkeitskriege in Angola und Mosambik, erlebte die Dürrekatastrophen in Äthiopien, Sudan und Tschad und scheute nicht, den Völkermord in Ruanda mit seiner Kamera zu bezeugen. Nach all der Grausamkeit und dem Elend ist es inzwischen die Schönheit und Völkervielfalt, die ihn nach Afrika treibt, wo er Fotografien für sein Mammutvorhaben „Genesis“ – einem Projekt von Schwarz-Weiß-Aufnahmen der sich noch im Urzustand befindlichen Natur – vornimmt.

Sebastião Salgado ist ein Fotograf aus Leidenschaft. Diese war es auch, die ihn überhaupt zur Fotografie gebracht hat, als er als Ökonom für die Internationale Kaffee-Organisation Anfang der 1970er Jahre mehrmals nach Afrika reiste. Dort machte er Aufnahmen bei den Unabhängigkeitskriegen in Angola und Mosambik. Der Erfolg dieser Fotoreportagen brachte ihn schließlich dazu, seine wirtschaftlichen Ambitionen niederzulegen und sich ganz der Fotografie zu widmen. Was nun beginnt, ist der Marsch durch die Institutionen der Fotografie, denn er heuerte bei großen Agenturen, wie Sygma und Gamma an, bis er schließlich 1979 Mitglied bei Magnum wurde. Fünfzehn Jahre war er für die weltweit erfolgreichste Fotoagentur tätig und hat in dieser Zeit weit mehr als zwei dutzend Länder bereist. Seine große Fotostudie vom Ende des Zeitalters der industriellen Handarbeit „Arbeiter. Zur Archäologie des Industriezeitalters“ und seine beeindruckende Dokumentation „Migranten“ über die Armuts-, Elends- und Kriegsflüchtlinge sind in dieser Zeit entstanden. Unzählige seiner Bilder fanden Eingang in diese gigantischen Bände, viele aber auch nicht, so dass Sebastião Salgado und seine Frau Lélia 1994 eine eigene Fotoagentur gründeten, die sich ausschließlich seinem Werk widmet. Und dieses ist kein Geringes – seine Arbeiten haben unzählige Auszeichnungen in den vergangenen 25 Jahren erhalten.

Der nun vorliegende gewaltige Band „Africa“ teilt sich in drei große, regionale Teile auf. Der erste Part ist vorwiegend den südlichen Staaten Afrikas gewidmet. Der daran anschließende zweite Abschnitt umfasst Fotos aus den Staaten rund um den zentralafrikanischen Kivusee. Der abschließende dritte Teilbereich des Bildbandes umfasst Fotografien aus den nördlichsten der subsaharischen Staaten.

Zu Beginn stehen die Bilder der Unabhängigkeitskriege in Angola und Mosambik, die die symbolträchtige Beseitigung der Denkmale aus der portugiesischen Kolonialherrschaft dokumentieren und damit einhergehend eine Hoffnung ausstrahlen, die sich auch auf die folgenden Bilder, die von der Rückkehr des normalen Lebens berichten, auswirkt. Die Dunkelheit der anschließend zurückkehrenden Bürgerkriege erfährt in diesen Fotografien der zurückkehrenden, jubelnden und singenden Flüchtlinge nur indirekt Erwähnung. Salgados Bilder in diesem ersten Abschnitt zeugen auch von dem schweren Wiederaufbau nach den Bürgerkriegen, den hinterlassenen Zerstörungen und den zersetzenden Folgen physischer oder psychischer Art für die dort lebenden Menschen. Wie eine verzweifelte Geste der Versöhnung folgen schließlich außergewöhnlich eindrucksvolle Bilder der Schönheit und Vielfalt aus den südlichen Staaten Afrikas. Diese dem Genesis-Projekt entnommenen Bilder erzählen vom Stolz und der Würde fast vergessener Stammesgesellschaften sowie dem Anmut und der Faszination der Tier- und Pflanzenwelt sowie der südafrikanischen Wüstenregionen. Vor allem die imponierenden Landschaftsbilder aus Namibia ziehen die Blicke des Betrachters geradezu magisch an.

Im zweiten Teil seines Buches geht Salgado in umgekehrter Reihenfolge vor. Zunächst belegen die Bilder aus seiner Genesis-Reihe die unschätzbare Artenvielfalt und würdevolle Schönheit in der Region der Großen Seen. Sie sind die Dokumente einer wieder eingekehrten Friedlichkeit, die Anlass zur Hoffnung gibt. In diesem Abschnitt finden sich auch einige der Bilder von Arbeitskräften ruandischer Teeplantagen wieder, die schon in Salgados Dokumentation des Arbeitens im Industriezeitalter zu sehen waren. Von dieser ruandischen Normalität vor dem Genozid ausgehend leitet Salgado zu seinen Dokumenten des ruandischen Grauens über, von denen eine beträchtliche Anzahl ebenfalls in dem Bildband „Migranten“ abgebildet waren. Vor allem die bedrückenden Panoramabilder der Flüchtlingslager machen nun die Dimension des ruandischen Grauens erschütternd deutlich. Insgesamt sind in dem knapp einhundert Tage währenden Albtraum knapp eine Million Menschen ermordet worden – welch grausame Bilanz.

Im abschließenden dritten, subsaharischen Teil seiner Afrika-Darstellung beeindruckt und bewegt der Brasilianer mit seinen schonungslosen Bilddokumenten der Hungersnot in der Sahelzone Mitte der 1980er Jahre. Aus diesen Bildern schreit die nackte Verzweiflung. Die Menschen, die diese Fotografien zeigen, erinnern in ihrer ausgemergelten Gestalt an wandelnde Skelette. Und doch erhalten diese Fotografien ihre Macht aus ihrer Stille. Salgado dokumentierte mit dem Austrocknen des Faguibine-Sees in Mali bereits 1985 als einer der Ersten die Folgen des globalen Klimawandels. Der damals größte See Westafrikas fiel den globalen klimatischen Veränderungen zum Opfer und trocknete komplett aus. An die Bilder der großen Dürre schließen sich Fotografien aus der Konfliktregion Südsudan zu Beginn der 1990er Jahre sowie fotografische Belege des wachsenden Einflusses der islamischen Religion in Somalia zu Beginn des neuen Jahrtausends an. In den inzwischen befriedeten Südsudan reiste Salgado nochmals im Jahr 2006, um das Volk der Dinka für seine Genesis-Reihe zu fotografieren. Hier entstand auch die eindrucksvolle Fotografie des in Rauchschwaden liegenden Viehlagers, die das Buchcover ziert.

Der opulente Bildband „Africa“ ist eine gelungene Zusammenstellung alter und neuer Schwarz-Weiß-Fotografien des Fotogiganten Sebastião Salgado. Eindrucksvoll zeichnet das Werk die jüngste Geschichte des schwarzen Kontinents in all seine Facetten nach und macht zugleich die Faszination Afrikas deutlich. Er habe „aus Afrika nicht ein Ziel, sondern ein Weg gemacht. Der Brasilianer hat nicht Orte besucht, er ist zu den Menschen gereist. Er hat nicht einzelne Personen in seinen Fotografien festgehalten, er hat uns alle eingefangen, Afrikaner und Nichtafrikaner – und er ertappte uns in unserer Pracht und in unserem großen Elend“, schreibt mosambikanische Romancier Mia Couto in seinem Nachwort. Er geht über das Grauen hinaus und lässt Hoffnung keimen. Das Buch versammelt fotografische Dokumente der kontinentalen Geschichte, der menschlichen Schicksale und der bezaubernden natürlichen Phänomene. Salgado gelingt es wie kaum einem Zweiten, das Schicksal und auch die Zuversicht des afrikanischen Kontinents in seinen hochkarätigen Fotografien einzufangen. Über seinen Aufnahmen scheint noch der kalte Nebel seines Atems zu liegen, während er mit seiner Kamera das Leben einfriert. Er präsentiert Geschichte, wie sie geschieht, nichts ist geschönt und nichts dramatisiert. Salgado macht nichts weniger, als die unweigerliche, grausame wie auch hoffnungsvolle Existenz Afrikas vor unseren Augen aufzuzeigen. Thomas Hummitzsch
 

Sebastião Salgado
Africa
Mit einem Vor- und Nachwort von Mia Couto
In Englisch, Deutsch und Französisch
Taschen-Verlag. Köln 2007.
335 S.; 49,99 €;
ISBN: 3822856215.

Homepage des Fotografen: http://amazonasimages.com

 

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