Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik





Die menschliche Komödie
als work in progress

Zum 5-jährigen Bestehen ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

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»Adiga betritt die literarische Bühne in strahlender Rüstung, bereit, sie im Sturm zu erobern. Wir verneigen uns vor diesem Talent.«
Gary Steyngart, Autor
von
»Absurdistan«


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C.H.Beck

















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Edition Glanz & Elend

Herr Wu lacht

Martin Brandes erzählt Chinesische Geschichten und vom Unsinn des Reisens

Leseprobe:

»Wenn ich das Reisen weiterhin geschickt vermeiden könnte, wäre es ja hier in Chinas quirlig lärmender Hauptstadt im Grunde auch ganz wie in München: die Gattin geht in ihr Kommunikations-Büro, wo immer noch nicht ganz klar ist, ob die chinesischen Mitarbeiter die Gattin oder die Gattin die chinesischen Mitarbeiter zum Wahnsinn treibt. Im Moment steht es wohl unentschieden. Ich bleibe wie immer zuhause und schreibe. Meist darüber, wie man in China Filme dreht, aber auch manchmal darüber, wie man eine Weinflasche entkorkt.
Wein nämlich gilt den Yuppie-Chinesen der gerade entstehenden Mittelschicht als hochschickes Getränk. Die wenigsten wissen jedoch, wie man die verflixte Flasche öffnet.
Meist hacken sie mit dem Küchenmesser auf den armen Korken ein, bis der völlig zerfetzt in der begehrten Flüssigkeit herumschwimmt. Oft wird der Korken auch komplett in die Flasche hineingedrückt, die dann meist eine Weindusche für den Drücker bereithält. Für eine gern gelesene Pekinger Wochenzeitung, die rätselhafterweise Beijing Today heißt, schrieb ich schließlich auf Wunsch der wissbegierigen Trend-Redakteurin einen halbseitigen Artikel, wie man einen Korken aus der Flasche zieht, ohne dabei zu verbluten.
Ich selber habe ja auch ziemlich lange gebraucht, bis ich Rosentaler Kadarka von Amselfelder Gnadenlos unterscheiden konnte, den Genuss von Retsina oder Mosel Kellergeister nicht mehr für den kulinarischen Höhepunkt des Abends hielt und vor allem endlich Zabernet richtig aussprechen konnte. Ich bin auch nicht der Meinung, daß die Kenntnis unterschiedlicher Jahrgänge oder Rebsorten einen Menschen unbedingt sympathischer macht. Trotzdem war unsere erste Weinprobe in China doch recht gewöhnungsbedürftig. Der stets lachende und schwitzende Herr Wu, seines Zeichens verantwortlich für die internationale Vermarktung der Weine des größten Weinguts Chinas im Yantai Gebiet, wollte die sommerliche Weinprobe mit einigen gut beheizten Weißweinen beginnen. Schwer enttäuscht, daß ich ihm die Flaschen abnahm und sie erst mal in den Kühlschrank stellte, erklärte er mir mit seinem wunderbar blumigen Deutsch, geschult an den deutschen Klassikern, und wohl auch an den uralten Lehrbüchern chinesischer Universitäten, dass er selbstverständlich für so außergewöhnlich hochrangige und ehrenwerte deutsche Weinverkoster wie uns nur die hochklassigsten Tropfen seines Hauses herbeigeschleppt habe. Seine wunderschöne Assistentin stand schweigend daneben und tat auch den Rest des Abends nichts anderes. Das aber konnte sie ausgezeichnet. Nach und nach trafen auch unsere anderen Gäste ein, gespannt auf die Genüsse aus Chinas renommiertestem Weinkeller. Aus den Resten eines importierten spanischen Schinkens hatte ich als kulinarische Grundlage einen kleinen Linseneintopf gekocht, den die schöne Assistentin offensichtlich nicht mochte. Dezent ließ sie den größten Teil davon unter den Tisch fallen. Dort traf sich der Linseneintopf in schöner Eintracht mit dem spanischen Käse, den sie wohl auch nicht schätzte.
Der Weißwein war inzwischen im Kühlschrank immerhin schon auf lauwarm heruntergekühlt und sollte nun endlich verkostet werden. Vergeblich suchte Herr Wu die Flasche zu öffnen. Es war ganz offensichtlich - dieser füllige junge Mann hatte noch nie in seinem Leben einen Korkenzieher in der Hand gehabt. Meinen bahnbrechenden Artikel hatte er wohl auch nicht gelesen. Nun machte ich den Fehler des Abends. Beherzt und vielleicht inzwischen etwas unwirsch über den holprigen Beginn der ersehnten Weinprobe, nahm ich Herrn Wu den Korkenzieher aus der Hand. Mit einem deutlichen: »Ich mach das jetzt einfach mal für Sie« öffnete ich die Flasche. Damit war natürlich der Abend gelaufen. Herr Wu hatte sein Gesicht verloren und lachte an diesem Abend nur noch selten. Dafür schwitzte er um so mehr. Vor allem als wir ihn darauf hinwiesen, bei seinem teuersten Rotwein seien vorsichtshalber gleich zwei unterschiedliche Jahrgänge auf dem Etikett angegeben. Auch hielten wir den Preis von 80 Euro, selbst wenn er dafür zwei Jahrgänge in einer Flasche böte, und so hübsch dieselbe auch gestaltet sein möge, für doch etwas übertrieben. Im Supermarkt, im Regalbereich der 8-Euro-Weine würde ihm der deutsche Konsument wohl gern Reverenz erweisen. Das waren harte Worte für einen Mann, der Die Glocke auswendig hersagen konnte. Ich selber kann mir noch nicht einmal meine Adresse in Peking merken, geschweige denn aussprechen. Aber Herr Wu hatte ja gefragt. Nicht nach meiner Adresse übrigens, die kannte er ja schon. Er wollte ja unsere geschätzte Meinung über die Marktchancen seiner Weine wissen. Und wir sagten sie ihm! Wohl etwas zu deutlich.

Herr Wu schwitzte so schwer wie wohl noch nie in seinem Leben und ein wenig Mitleid regte sich jetzt doch in meiner mitfühlenden Seele. Was konnte der freundliche Mann schließlich dafür, daß er von Wein nichts verstand? Und auch noch nie im Ausland gewesen war, das er ja mit seinen Weinen beglücken sollte. Eigentlich war er ja Marketingchef einer regionalen Eisenbahngesellschaft in der Provinz Shandong, die auch ein Weingut betrieb. Oder war es umgekehrt? Herr Wu ließ diese Frage unbeantwortet und verschwand irgendwann im Laufe des Abends samt wunderschön schweigender Assistentin auf Nimmerwiedersehen, unter Hinterlassung seines gesamten Probiermaterials. Zurzeit soll er übrigens erfolgreich am chinesischen Raumfahrtprogramm mitarbeiten und nebenberuflich eine Diskothek leiten. Oder war es vielleicht umgekehrt?«

Martin Brandes,
1952 in Braunschweig geboren.
Diverse Schulen. Chemiehilfsarbeiter, Lexikon-Verkäufer, Bankbote, Platzanweiser, Filmvorführer, Verkaufschef und Geschäftsführer in Filmverleih und Produktion. Drehbuchlektor- und Schreiber in München.
Seit 2001 als Autor und Dokumentarfilmer in China.

Martin Brandes Herr Wu lacht
Chinesische Geschichten und der Unsinn des Reisens
Edition Glanz & Elend
Strandgut Verlag, Fankfurt/M 2008
Limited Edition 750 Exemplare
96 Seiten
8,80 €
ISBN 978-3-9812734-0-3

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