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Das Lied
vom Ende singen die Anderen
Über Literaturkritik
in den alten und neuen Medien
Liest man die
meinungsführenden Feuilletons der etablierten Print-Medien, gewinnt man leicht den
Eindruck, Literaturkritik sei die intellektuallisierte Variante von
Termingeschäften, in denen Bücher und Autoren warengleich gehandelt werden.
Die Verkaufszahlen steigen und fallen, je nach dem Tenor der Meinungsagenten
in den Redaktionen, wie Aktienkurse an den Börsen. Dabei sind die
Qualitätsmerkmale der Kritikerzirkel ebenso willkürlich wie die
Beurteilungskriterien von Bankenanalysten zuverläßig.
Die immergleichen Kritiker besprechen die immergleichen Autoren.
Gelegentlich wechselt einer die Redaktion, den Verlag, oder es taucht ein
neuer Autor auf, der kurzfristig für spektakuläre Schlagzeilen gut ist.
An
der Selbstreferentialität des Literaturbetriebs ändert das wenig, wie die
überhitzte, teilweise hysterisch anmutende Diskussion um Littells
»Wohlgesinnte« zu Jahresbeginn und die Diskussion über Sinn und Modalitäten
des Deutschen Buchpreises in diesen Tagen eindrücklich belegen.
Mit seinem Kommentar
»Die Filmkritik überlebt im Netz«.
Das Internet ist nicht der Tod der Filmkritik, sondern ihre Rettung«,
(Perlentaucher v. 15.08.2008) lieferte
Ekkehard Knörer
eine ebenso unterhaltsame wie lehrreiche
Zustandsbeschreibung der zeitgenössischen Filmkritik.
Sie ist auf die Literaturkritik übertragbar.
Nein, Internet-Magazine sind nicht
das Ende der Literaturkritik, sondern eine sinnvolle Ergänzung zu
bestehenden Strukturen, die der Literaturlandschaft neue Stimmen von Format
zuführen können, welche den Literaturbetrieb stilistisch wie inhaltlich
bereichern.
Damit freilich sind nicht jene zahlreichen literarisch ambitionierten
Foren-Seiten und Buch-Communities gemeint, in denen User wie »Hasebums23«, »Hurrabinda«
oder »Mausebärchen3214« sich gegenseitig glücksstrahlend versichern, daß sie
auch supigerne lesen, oder ihre Hausbibliothek einstellen. Das ist eine andere
Baustelle, in die Medienkonzerne mittlerweile einiges an Kapital gepumpt haben.
Gleichzeitig scheuen sie sich aber nicht, Ihre Redakteure gerade diese
»Online-Auftritte« als abschreckende Beispiele für das vermeintlich niedere
Niveau sogenannter Literaturkritik im Internet heranziehen zu lassen.
Was hat das Netz zu bieten, was Printmedien nicht haben?
Spontaneität, Originalität & Respektlosigkeit etablierten Medien gegenüber
machen Internet-Magazine besonders für jüngere Leserschichten interessant. Im
Unterschied zu den oft feudalistisch strukturierten Redaktionen der großen
Sinnstifter sind die Hierarchien im Netz zumeist extrem flach bis nicht
vorhanden. Die Qualität der Seiten variiert je nach den technischen und
kommunikativen Möglichkeiten der Herausgeber. Glanz & Elend wird z. B. zwar
immer noch mit dem inzwischen veralteten »Frontpage« erstellt, was dem
technischen Horizont des Herausgebers entspricht. Inhaltlich arbeiten wir
inzwischen mit AutorInnen zusammen, deren beruflicher Hintergrund vom
Taxifahrer, der promovierten Germanistin, über den Fachanwalt für Medienrecht
bis hin zum Universitätsprofessor reicht. Die damit mögliche Qualität der
Originaltexte, Essays, Aufsätze und Rezensionen demonstriert die zum 5-jährigen
Bestehen von Glanz & Elend erscheinende Zeitschrift eindrucksvoll.
Was die Online-Literatur-Magazine für die etablierten Printmedien tatsächlich so
»gefährlich« macht, ist jedoch die Tatsache, daß sie, den Perlentaucher einmal
ausgenommen, nicht nach »marktwirtschaftlichen Kriterien« funktionieren. Es gibt
sie, weil ihre Macher wollen, daß es sie gibt. Sie sind unberechenbar, weil sie
sich nicht rechnen müssen. Wenn Sie wachsen, werden sie organisch größer. Setzte
man gar die verfügbare Manpower in Bezug auf das redaktionelle Angebot in
Relation zu den Großmedien, lägen wir vorn und stellen verwundert fest, daß es
SPIEGEL ONLINE z. B. offenbar nicht schafft, jeden Tag wenigstens ein Buch
vorzustellen.
Die Besucherzahlen von Glanz & Elend steigen seit Bestehen jährlich
kontinuierlich im zweistelligen Prozentbereich, ohne, daß ein Cent für
Eigenwerbung zur Verfügung stünde. Inzwischen haben auch Buchverlage bemerkt,
daß es Sinn macht bei den »Kleinen« zu inserieren. Zum einen bekommen sie noch
für wenig Geld Werberaum, der in ein attraktives redaktionelles Umfeld
eingebunden ist, zum anderen erreichen sie Leserschichten, die sie in der FAZ
oder ZEIT nicht finden. Das wird dort selbstverständlich auch wahrgenommen, und
die Sorge, daß hier »Konkurrenzräume« am Entstehen sind, bringt es mit sich,
daß, wieder den Perlentaucher ausgenommen, Internetmagazine nicht einmal negativ
erwähnt werden, weil bereits die Nennung unseres Namens, respektive unserer URL,
eine sprunghafte Steigerung der Besucherzahlen auf unseren Seiten bewirken
würde. Und das darf natürlich nicht sein, weil uns das für potentielle
Anzeigenkunden noch attraktiver machen würde.
Und wahrscheinlich deshalb wird anstelle der inhaltlichen Auseinandersetzung mit
den erstaunlich wenigen, die es von uns gibt, das Lied vom Ende der
Literaturkritik angestimmt. Das allerdings hat viele Strophen, und die letzte
ist noch nicht geschrieben ... Herbert Debes
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