»Der Dichter hat die Füße im Schlamm, den Blick in den Sternen und einen Dolch in der Hand.«
Peter Brook

Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher
 

 

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Verhältnisse

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Die Moral des Kapitals liegt begraben in der Logik seines Kreislaufs.
»Wir ziehen die Nebelkappe tief über Aug’ und Ohr, um die Existenz der Ungeheuer wegleugnen zu können.«

Kein Zweifel, Karl Marx und Friedrich Engels haben mit ihrem Konzept von einer klassenlosen Gesellschaft »die Verhältnisse zum Tanzen« gebracht. Allerdings haben sich die Debutanten nicht an die Schritte ihrer Tanzlehrer gehalten, und die revolutionäre Ballnacht mündete in eine absolute Sonnenfinsternis des menschlichen Geistes.
Seitdem die Doktrin vom »Gleichgewicht des Schreckens« mit dem Ende des »Kalten Krieges« und der Auflösung des Warschauer Paktes ihre politische Bedeutung verloren hat, betrachtet der »Westen« den »realexistierenden« Kommunismus nurmehr als ein gescheitertes Experiment der Geschichte. Das Wirkungsprinzip des globalen Kapitalismus scheint des Gespenst des internationalen Kommunismus besiegt zu haben und nun dabei zu sein, sich selbst ungehindert zu vollenden.
Wie steht es aber mit unserer Lebenswirklichkeit heute, da sich die fundamentalen,  existentiellen Gegensätze zwischen Arbeitnehmern und Kapitalseignern stetig weiterentwickeln. Die Konzentration des Kapitals in den Händen weniger und der soziale Abstieg der »freigesetzten« Arbeitslosen polarisiert unsere Gesellschaft zusehends. Die einst heiligen Vokabeln »soziale Gerechtigkeit« und »soziale Marktwirtschaft« sind zu inhaltsleeren Floskeln parteipolitischen Kalküls aller Couleurs verkümmert. Die Pragmatik des global herrschenden Positivismus zerstückelt die Lebenswelten seiner »human resources« in Inszenierungen des Konsums wie der Gewalt, und die hemmungslose Dramatisierung des Alltags durch die Medienkonzerne nimmt immer groteskere Züge an. Dabei souffliert das Kapital seinen Repräsentanten einen hochmütigen Text, der all jene Menschen verachtet, die der von ihm zum Gesetz erklärten Wirklichkeit nicht verfallen sind. Die Moral des Kapitals liegt mehr denn je begraben in der Logik seines Kreislaufs.

Haben Marx und Engels uns zum gegenwärtigen Stand der Geschichte noch etwas Gültiges zu sagen, oder hat die stattgefundene revolutionäre Praxis ihre Schriften, in denen es doch um die Emanzipation des Menschen von seinen entfremdeten Existenzbedingungen geht, für immer entwertet?
Dieses Bändchen war überfällig, es ermöglicht einen Überblick auf die GrundSätze, Thesen und Prognosen eines emanzipatorischen Denkens, in dessen Zentrum die Frage nach den konkreten Bedingungen zur Selbstverwirklichung des Menschen im gesellschaftlichen Kontext steht. Es ist kein Zufall, daß sich viele der Textstellen lesen, als seien sie gerade eben erst geschrieben worden, behandeln sie doch existentielle Kernprobleme und gesellschaftliche Grundkonflikte, die unser aller Lebenswirklichkeit bis heute fundamental prägen. 
Angesichts der intellektuellen Hüftsteifheit gegenwärtiger Realpolitik und der feudalen Arroganz ihrer Repräsentanten könnte es eine lohnende Anstrengung sein, Marx und Engels aus den dogmatischen Korsetts ihrer Apologeten zu helfen, um sie zum Tanz zu bitten. Herbert Debes

Auszüge aus den folgenden Texten finden Sie hier:
Marx und Engels in Zitaten
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.
»Deutsch-Französische Jahrbücher«, Paris 1844
Ökonomisch-philosophische Manuskripte
aus dem Jahr 1844
Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik
Gegen Bruno Bauer und Konsorten, 1845
Die deutsche Ideologie
Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten 1845-1846
Das Elend der Philosophie,
1846/1847
Antwort auf Proudhons »Philosophie des Elends«
Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon
Geschrieben Dezember 1851 bis März 1852
Das Kapital. Erster Band
Kritik der politischen Ökonomie, 1867
Manifest der Kommunistischen Partei
Deutsche Ausgabe 1872
Karl Marx - Friedrich Engels
Artikel und Korrespondenzen 1842-1883


»Ein Gespenst erwacht!«
Ein
Interview mit Karl Marx:
Lange war es still um ihn. Seine Analysen der gesellschaftlichen Verhältnisse, seine Thesen über die Möglichkeiten einer emanzipierten Gesellschaft, schienen von der revolutionären Praxis diskreditiert und keinen Schuß Pulver mehr wert zu sein.
Aber Totgesagte leben bekanntlich länger. Für die Dauer einer Flasche jungen Moselweines ist Karl Marx seiner Gruft in Highgate entstiegen und hat
Ingmar Weber ein Interview gegeben. Zu den aktuellen Koketterien des, wie er mild  lächelnd meinte, rachsüchtigen »Bonsai-Danton« aus dem Saarland wollte er sich allerdings nicht äußern, das habe er lange hinter sich.
Nach dem Erscheinen seines neuen Buches bei der Büchergilde Gutenberg halte er es allerdings für angemessen, sich zur aktuellen Lage in Deutschland zu Wort zu melden.

Herr Marx, bei der Büchergilde erscheint ein neues Buch von Ihnen, dabei sind Sie doch seit dem Fall des eisernen Vorhanges out.
Ein Vorhang war gefallen, mein Allerheiligstes zerrissen, und es mussten neue Götter hingesetzt werden.
Die neuen Götter – Sie reden vom Primat des Kapitals?
Produktion von Mehrwert oder Plusmacherei ist das absolute Gesetz der Produktionsweise des Kapitalismus.
Schaffen die Kapitalgesellschaften, die Börse, die industrielle Welt die Schwierigkeiten in unserer Gesellschaft?
Das Verhältnis der Industrie, überhaupt der Welt des Reichtums, zu der politischen Welt ist ein Hauptproblem der modernen Zeit.
Sie kritisieren die allgemeinen Zustände in Deutschland?
Krieg den deutschen Zuständen! Sie stehn unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt.
Mit Verbrechern bezeichnen sie jetzt die Vertreter der Nationalökonomie ...
Die einzigen Räder, die der Nationalökonom in Bewegung setzt, sind die Habsucht und der Krieg unter den Habsüchtigen, die Konkurrenz.
Die Nationalökonomie bestimmt die Geschicke des Landes.
Die Nationalökonomie gibt uns keinen Aufschluss über den Grund der Teilung von Arbeit und Kapital, von Kapital und Erde.
Ist das nicht ein Resultat der freiheitlichen Gesellschaft?
Unter Freiheit versteht man innerhalb der jetzigen bürgerlichen Produktionsverhältnisse den freien Handel, den freien Kauf und Verkauf.
Wieso bestimmen die neoliberalen Gedanken denn die öffentliche Meinung?
Die herrschenden Gedanken sind weiter nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken gefassten herrschenden materiellen Verhältnisse.
Was meinen Sie damit?
Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.
Herr Marx, sind das jetzt nicht olle Kamellen? Was sollen wir denn damit anfangen?
Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft.
Okay, aber wie geht es nun weiter mit ihren Ideen?
Ideen können nie über einen alten Weltzustand, sondern immer nur über die Ideen des alten Weltzustandes hinausführen. Ideen können überhaupt nichts ausführen. Zum Ausführen der Ideen bedarf es der Menschen, welche eine praktische Gewalt aufbieten.
Sie rufen zur gewaltsamen Revolution auf?
Die Revolution selbst paralysiert ihre eigenen Träger und stattet nur ihre Gegner mit leidenschaftlicher Gewaltsamkeit aus.
Ja was sollen wir denn dann machen?
Wir ziehen die Nebelkappe tief über Aug’ und Ohr, um die Existenz der Ungeheuer wegleugnen zu können.
Was für Ungeheuer?
Ein Gespenst geht um in Europa.
Das hatten wir doch alles schon einmal ...
Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.
Zum Abschluss: Was sagen Sie Menschen, die Ihre Lehre für veraltet halten?
Jedes Urteil wissenschaftlicher Kritik ist mir willkommen. Gegenüber den Vorurteilen der sog. öffentlichen Meinung, der ich nie Konzessionen gemacht habe, gilt mir nach wie vor der Wahlspruch des großen Florentiners: Segui il tuo corso, e lascia dir le genti! „Gehe deinen Weg, und laß die Leute reden!“

Die Fragen stellte Ingmar Weber, die Antworten stammen aus »Die soziale Revolution«
www.buechergilde.de

Hrsg.: Herbert Debes
Karl Marx/Friedrich Engels
Die soziale Revolution
GrundSätze
Büchergilde Gutenberg
Fester Einband
96 Seiten
€ 9,90/ SFR 16,-

 


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