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Gilbert
Adair
Mord auf ffolkes Manor
Aus dem Englischen von Jochen
Schimmang.
C.H. Beck
295 Seiten. Gebunden.
EUR 18.90
ISBN 3-406-55065-7
Es ist Weihnachten 1935. Ein verschneites Herrenhaus am Rande von
Dartmoor. Ein weihnachtliches Abendessen bei Colonel Roger ffolkes mit
Freunden des Hauses und oben, im Dachgeschoß, die Leiche von Raymond
Gentry, einem Klatschkolumnisten und Erpresser, mit einem Einschußloch im
Herzen. Aber die Tür zum Dachzimmer war von innen verschlossen, das
einzige Fenster ist mit dicken Eisenstangen vergittert, und natürlich
findet sich keine Spur vom Mörder oder seiner Waffe. Glücklicherweise (für
den Mörder leider weniger) ist einer der Gäste an diesem Abend die
fabelhafte Evadne Mount, die erfolgreiche Bestsellerautorin zahlloser
klassischer Krimis. Und wäre sie nicht in dieser Sache die geforderte
Spürnase, „Mord auf ffolkes Manor“ könnte geradezu von ihr selbst verfaßt
worden sein.
Gilbert Adairs
neuer Roman, spannend, glänzend geschrieben und anspielungsreich wie etwa
seine Romane „Blindband“ oder „Liebestod auf Long Island“, ist eine höchst
unterhaltsame Hommage an das Goldene Zeitalter des Englischen
Kriminalromans und seine brillanteste Vertreterin Agatha Christie. Mit
seinen geschliffenen Dialogen, der wunderbar konstruierten Handlung und
den überzeugend entworfenen Figuren – allen voran die unvergeßliche Evadne
Mount – ist Gilbert Adair ein überaus vergnügliches Krimi-Pastiche
gelungen.
Leseprobe
Erstes Kapitel
«So was
kann man sich eigentlich nur in Büchern vorstellen!»
Mit zitternder Hand zündete der Colonel seine Zigarre an und fügte dann
hinzu: «Verd… noch mal, Evadne, es könnte eines von deinen sein!»
«Ah, ja!» schnaubte die angesprochene Lady und rückte den Kneifer auf
ihrer Nasenwurzel zurecht. «Das beweist nur, was ich mir schon lange
gedacht habe.»
«Was soll das heißen?»
«Daß du geschwindelt hast, als du mir erzähltest, wie sehr du meine Sachen
magst.»
«Geschwindelt? Also, von allen …»
«Wenn du meine Romane wirklich lesen und nicht nur so tun würdest, Roger
ffolkes, würdest du wissen, daß ich nie etwas mit verschlossenen Räumen
mache. Das überlasse ich John Dickson Carr.»
Der Colonel überlegte offenkundig, wie er sich am besten aus der Klemme
befreien konnte, in die er sich hineingeredet hatte, als seine Tochter
Selina, die bis zu diesem Augenblick, das Gesicht in den Händen vergraben,
neben ihrer Mutter auf dem Sofa gesessen hatte, die beiden plötzlich
aufschrecken ließ und schrie: «Um Gottes willen, ihr zwei, jetzt hört doch
auf! Ihr seid einfach widerlich, wenn ihr euch benehmt, als ob wir hier
ein Mörderspiel machen! Ray liegt da tot» – sie machte eine theatralische
Geste irgendwie in Richtung Dachgeschoß –, «mitten ins Herz geschossen!
Habt ihr denn überhaupt kein Gefühl?»
Diese letzten Worte waren vernehmlich in Großbuchstaben gesprochen: HABT
IHR DENN ÜBERHAUPT KEIN GEFÜHL? Es stimmte zwar, daß Selina möglicherweise
der falschen Berufung gefolgt war, als sie sich für das Studium der Kunst
statt für die Bühne entschieden hatte, aber in dieser Situation konnte
niemand an ihrer Aufrichtigkeit zweifeln. Sie hatte eben erst aufgehört zu
schluchzen, eine gute halbe Stunde nachdem die Leiche gefunden worden war.
Und obwohl er und seine Frau alles getan hatten, was sie konnten, um sie
zu trösten, hatte der Colonel in der Erregung und Verwirrung, die dieser
Fund ausgelöst hatte, schon vergessen, wie stark die Gefühle waren, die
seine Tochter für das Opfer hegte. Seine gesunden, rötlichen Gesichtszüge
nahmen jetzt einen ziemlich schuldbewußten Ausdruck an.
«Sorry, mein Herz, sorry. Ich war reichlich gedankenlos. Es ist nur –
also, dieser Mord ist so merkwürdig, da komme ich nicht so schnell drüber
weg!» Er legte seinen Arm um ihre Schulter. «Verzeih mir, bitte verzeih
mir.»
Dann, bezeichnend für ihn, schweiften seine Gedanken wieder ab.
«Hab’ noch nie im wirklichen Leben von einem Mord im verschlossenen Raum
gehört», murmelte er mehr zu sich selbst. «Das sollte man eigentlich der
Times schreiben.»
«Also wirklich, Vater!»
Während die Frau des Colonels ihrer Tochter weiterhin ohne große Wirkung
das Knie tätschelte, schwebte Donald, der junge Amerikaner, den Selina an
der Kunstschule kennengelernt hatte, beflissen über ihr. Aber er war
einfach zu schüchtern, um zu tun, wonach er sich ganz gewiß sehnte: sie
zärtlich in seine Arme zu nehmen. (Es handelte sich übrigens um Donald
Duckworth, ein recht unglücklicher Name, was seine Eltern aber noch nicht
wissen konnten, als sie ihn 1915 tauften.)
In Wahrheit war der Colonel keineswegs der einzige herzlose Übeltäter.
Obwohl man gerechterweise sagen mußte, daß in diesem Moment jeder
Mitgefühl mit Selina hatte, einige ausdrücklich und andere im stillen, kam
man nicht um die Tatsache herum, daß von der ganzen Gesellschaft im Haus
nur sie allein den Toten wirklich betrauerte. Selbst wenn ihre
Aufmerksamkeit nicht von den erstaunlichen Begleitumständen des
Verbrechens in Anspruch genommen worden wäre, hatten alle anderen ohne
Ausnahme ihre ganz persönlichen Gründe, nicht zuviel Zeit auf
konventionelle Bekundungen des Bedauerns über Raymond Gentrys Abschied von
dieser Welt zu verschwenden. Kurz gesagt, niemand war bereit,
Krokodilstränen zu vergießen, und nur Selina ffolkes vergoß echte.
Wenn deshalb ein Fremder am Morgen dieses zweiten Weihnachtstages in den
holzgetäfelten Salon von ffolkes Manor gekommen wäre – in diese
unauslöschlich männliche Aura, so durchdringend wie das Aroma der Zigarren
des Colonels und etwas feminisiert nur durch eine Anzahl zierlicher
Porzellanfiguren von Royal Doulton und die Petit-Point-Stickerei auf den
Sesseln –, hätte er sicher die eindringliche Atmosphäre des Schreckens und
der Angst gespürt. Aber er wäre auch irritiert gewesen durch das
eigentliche Ausbleiben persönlicher Trauer.
Die Standuhr hatte eben Viertel nach sieben geschlagen.
Die Diener, dicht aneinandergedrängt, waren schon in ihrer Uniform,
während die Gäste noch ihre Nachtgewänder trugen – das heißt mit Ausnahme
von Cora Rutherford, der Bühnen- und Filmschauspielerin, eine von Mary
ffolkes’ ältesten Freundinnen. Sie trug ein auffälliges purpurgoldenes
Kleid, das sie «Kimono» nannte und von dem sie behauptete, das gebe es
«exklusiv» nur in Paris. Sie war es, die als nächste das Wort ergriff.
«Warum tut nicht einer von euch Männern irgend etwas?»
Der Colonel sah jäh auf.
«Beherrsch dich, Cora», warnte er sie. «Das ist jetzt nicht die Zeit, um
die Nerven zu verlieren.»
«Herrgott noch mal, Roger, du Dummkopf», antwortete sie in ihrem üblichen
Ton herzlicher Verachtung. «Meine Nerven sind aus dickerem Stahl als
deine.»
Als ob sie das demonstrieren wollte, holte sie ein schmales Zigarettenetui
aus genarbtem Leder aus einer der Taschen ihres Kimonos, zog eine
Zigarette heraus, steckte sie in eine schwarze Elfenbeinspitze, zündete
sie an und sog tief den Rauch ein: das alles mit Fingern, die so ruhig
waren, wie die des Colonels zittrig gewesen waren.
«Ich habe bloß gemeint», fuhr sie gelassen fort, «daß wir nicht einfach
ruhig sitzen bleiben können mit einer Leiche da oben über unseren Köpfen.
Wir müssen uns etwas überlegen.»
«Gut, aber was?» fragte der Colonel. «Farrar hat versucht anzurufen – wie
oft, Farrar?»
«Etwa ein halbes Dutzend Mal, Sir.»
«Richtig. Die Leitungen sind zusammengebrochen und werden das vermutlich
noch eine ganze Weile bleiben. Und wie du selbst bestens hören kannst,
tobt der Schneesturm, der sie niedergemacht hat, da draußen noch immer.
Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Wir sind eingeschneit. Völlig
abgeschnitten – wenigstens, bis der Sturm ein Ende gefunden hat. Die
nächste Polizeistation ist mehr als dreißig Meilen weg von hier, und die
einzige Straße, die dorthin führt, dürfte unpassierbar sein.»
Mit einem verstohlenen Seitenblick auf Selina schloß er: «Und schließlich
ist es nicht so, daß – also, ich meine, unser weihnachtliches
Beisammensein ist ohnehin ruiniert und so weiter, und das ist alles
unerfreulich, für jeden von uns, aber es ist nicht so, als ob der Leichnam
– als ob er einfach weggehen könnte. Ich fürchte, wir müssen das
aussitzen, so lange, wie es dauern wird.»
Das war der Augenblick, in dem sich aus dem Armsessel am Kamin, in dem sie
sich eingerichtet hatte, behaglich und gestaltlos in ihrem wollenen
Morgenmantel, Evadne Mount meldete, die Romanautorin, die wir schon
kennengelernt haben, und zum Colonel mit einer gewissen Dringlichkeit in
ihrer wenig weiblichen Stimme sagte: «Weißt du, Roger, ich frage mich, ob
wir uns das leisten können.»
«Was?»
«Es einfach auszusitzen, wie du es genannt hast.»
Der Colonel warf ihr einen spöttischen Blick zu.
«Und warum nicht?»
«Nun, wir wollen mal überlegen, was hier passiert ist. Vor einer halben
Stunde hat man Raymond Gentrys Körper tot in der Dachkammer gefunden. Du
mußtest die Tür aufbrechen, Roger, um zu ihm zu gelangen, eine Tür, die
von innen verschlossen war mit einem Schlüssel, der immer noch im Schloß
steckte. Und als ob das nicht genug wäre, war das einzige Fenster da oben
verriegelt. Also kann beim besten Willen niemand in die Dachkammer
eingedrungen sein – aber irgend jemand hat es getan –, und einmal drin,
kann niemand wieder hinausgelangt sein – aber es gibt keinen Zweifel, daß
jemand es geschafft hat, genau das zu tun.
Nun beschäftige ich mich, wie ich dir schon gesagt habe, Roger, nicht mit
Morden in verschlossenen Räumen. Ich habe neun Romane und drei
Theaterstücke geschrieben – mein letztes, Die falsche Stimme, läuft
in diesem Moment im West End mit Riesenerfolg im vierten Jahr – Agatha
Christie soll das bitte erst mal nachmachen! –, und in nicht einem davon
geht es um einen Mord in einem abgeschlossenen Raum. Also kann ich nicht
so tun, als hätte ich den leisesten Schimmer, wie dieser Mord ausgeführt
wurde.»
«Aber», fuhr sie nach einer Pause von ein, zwei Sekunden fort, sichtlich
beherrscht, damit ihre nächste Feststellung die größtmögliche Wirkung auf
die Zuhörer hatte, «ich weiß, wer es getan hat.»
Tatsächlich war die Wirkung durchschlagend. Im Raum wurde es totenstill.
Einige Sekunden vergingen, in denen die Zeit stillzustehen schien und
nichts geschah. Die Diener hörten mit ihrem nervösen Schlurfen und
Scharren auf. Cora Rutherford hörte auf, die makellos manikürten Finger
auf dem durchsichtigen Rand ihres gläsernen Aschenbechers eine Pirouette
tanzen zu lassen. Selbst die Standuhr hörte auf zu ticken – oder tickte
gleichsam auf Zehenspitzen.
Die Stille wurde schließlich ganz trivial von dem plötzlich ausbrechenden
schniefenden Geheul des tolpatschigen Aushilfsdienstmädchens Adelaide
beendet, von den anderen Dienstmädchen Drüsen-Addie genannt, die schon in
Tränen ausbrach, wenn ein Hut zu Boden fi el – oder wenigstens eine
Porzellantasse. Aber Mrs. Varley, die Köchin, machte dem mit einem
deutlichen «Pssst!» ein Ende, und jeder wandte sich Evadne Mount zu.
Es war der Colonel, der die schicksalhafte Frage stellte.
«Ach so, du weißt es also. Dann erzähl es uns. Wer hat es getan?»
«Einer von uns.»
Merkwürdigerweise gab es keinerlei indignierte Äußerung des Protestes, von
der sie geglaubt haben mochte, daß sie auf eine so dramatische Behauptung
folgen würde. Im Gegenteil, es sah so aus, als ob die Logik dieser
Feststellung alle als unwiderlegbar überzeugt hätte, auf der Stelle und
jeden zur gleichen Zeit.
«Ich weiß, daß dieses Haus direkt am Rand von Dartmoor liegt», fuhr sie
fort, «und vermutlich habt ihr alle bereits über entlaufene Sträflinge
phantasiert. Und es stimmt in der Tat, daß wir, wo die Telefonleitungen
zusammengebrochen sind, nicht wissen können, ob nicht tatsächlich ein
Ausbrecher durch die Gegend streift. Aber was mich anbelangt, so kommt das
nicht in Frage. Wie die Weiße Königin bin ich imstande, vor dem Frühstück
an sechs unmögliche Dinge zu glauben – oder besser, nach dem
Frühstück», korrigierte sie sich, «denn ich bin überhaupt nicht da, bevor
ich nicht meinen Kaffee getrunken habe. Und als eifrige Leserin der Krimis
meines lieben Freundes John Dickson Carr bin ich auch imstande zu glauben,
daß sich jemand in diesem verschlossenen Zimmer zuerst materialisiert und
später dematerialisiert und dazwischen Raymond Gentry getötet hat, und das
alles ohne übernatürliches Einwirken. Meine Güte, ich muß es glauben, denn
es ist schließlich passiert!
Aber keiner wird mir je einreden können, daß ein Häftling aus seiner Zelle
in Dartmoor entwichen ist, raus aus dem ausbruchssichersten Gefängnis im
ganzen Land, dann im heulenden Schneesturm quer durch die Moore geflüchtet
ist, in dieses Haus eingedrungen, ohne daß einer von uns ihn gehört hätte,
den armen Gentry in die Dachkammer gelockt und ihm da ein Ende bereitet
hat, dann wieder raus ist, ohne die Tür oder das Fenster zu beschädigen,
und sich in den Sturm davongeschlichen hat! Nein, da ist für mich Schluß –
im Leben und im Roman. Wie man’s auch immer betrachtet, dieser Mord
war das, was die Polizei einen inside job nennt.»
Wieder herrschte Schweigen, wieder setzten sich ihre Worte bei jedem
heimtückisch fest. Sogar Selina nahm die Hände von ihrem verweinten
Gesicht, um zu schauen, wie jeder einzelne darauf reagiert hatte. Und
wieder war es der Colonel, der als erster sprach, breitbeinig vor dem
großen, lodernden Kamin stehend und in einer Haltung, die bedrohlich an
Charles Laughton in seiner Rolle als Heinrich VIII. erinnerte.
«Also, Evadne, ich muß sagen, das ist nun ein ganz heißes Eisen, das du
eben angefaßt hast.»
«Ich mußte geradeheraus sein», sagte sie in einem Ton, der nicht nach
Entschuldigung klang. «Du selbst hast uns vorhin ermahnt, den Tatsachen
ins Auge zu sehen.»
«Was du gerade ausgebreitet hast, war eine Theorie, keine Tatsache.»
«Kann sein. Aber wenn hier sonst jemand» – ihre Blicke schweiften einmal
durch den Salon –, «wenn sonst jemand einen einleuchtenderen Schluß aus
dem ziehen kann, was wir wissen, will ich das gern hören.»
Mary ffolkes, die bis dahin kein Wort gesagt hatte, wandte sich plötzlich
ihr zu und rief: «Oh, Evie, du mußt dich irren, das mußt du einfach! Wenn
es wahr wäre, dann wäre das – das wäre einfach zu grauenhaft, um darüber
nachzudenken!»
«Tut mir leid, altes Mädchen, aber gerade weil es so grauenhaft ist,
müssen wir darüber nachdenken. Darum habe ich gesagt, wir können es uns
nicht leisten, hier herumzulungern, bis der Sturm aufhört. Allein die
Idee, daß wir alle hier sitzen und uns fragen, wer von uns … mein Gott,
ich muß nicht weiterreden, oder? Ich weiß sehr wohl, was solche
gegenseitigen Verdächtigungen anrichten können.
Es war das Thema meines ersten Romans, Das Geheimnis des grünen
Pinguins, wenn ihr euch erinnert, in der eine Frau so besessen ist von
dem Gedanken, daß ihre Nachbarin langsam ihren verkrüppelten Mann
vergiftet, daß ihr eigener Mann, zum Wahnsinn getrieben von ihrem
zwanghaften Spionieren und Schnüffeln und Spürhundspielen, schließlich
Amok läuft und ihr den Schädel mit einem antiken Messingdings aus Benares
spaltet. Und natürlich stellt sich am Ende heraus, daß die Nachbarin
völlig unschuldig ist.
Also, ich will nicht behaupten, daß so etwas auch hier passieren wird.
Aber es muß etwas getan werden. Und zwar schnell.»
Vom äußersten Ende des Salons, wo er steif unter seinen anderen Kollegen
aus der Dienerschaft gestanden hatte, trat nun Chitty, der Butler des
Colonels – ein Mann, der es selbst zu so unchristlicher Stunde verstand,
die Butlerwürde aufrechtzuerhalten –, einen Schritt nach vorn, preßte die
Faust an die Lippen und ließ ein verlegenes Hüsteln hören. Es war die Art
Geräusch, die Stückeschreiber in ihren Regieanweisungen als «ahem»
anzugeben pflegen, und in der Tat konnte man die beiden Silben «a» und
«hem» in Chittys Hüsteln hören.
«Ja, Chitty», sagte der Colonel, «was gibt’s?»
«Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, Sir», sagte Chitty umständlich,
«mir fi el ein, daß – also …»
«Nun los, sprechen Sie doch weiter, Mann!»
«Nun, Sir. Chefinspektor Trubshawe, Sir.»
Die Miene des Colonels hellte sich sofort auf.
«Natürlich, ich glaube, da ist was dran! Trubshawe, natürlich!»
«Trubshawe? Den Namen kenne ich», sagte Doktor Rolfe, der praktische Arzt
des Ortes. «Ist das nicht der pensionierte Scotland-Yard-Mann? Vor zwei
oder drei Monaten hierhergezogen?»
«Genau der. Witwer. Ein bißchen einsiedlerisch. Ich habe ihn zu der Party
eingeladen – als guter Nachbar, versteht sich. Er sagte, er ziehe es vor,
Weihnachten allein zu verbringen. Aber wenn man erst mal mit ihm spricht,
ist er ein ganz umgänglicher Bursche – und er war wer ganz oben im
Yard. Guter Gedanke, Chitty.»
«Danke, Sir», murmelte Chitty mit sichtbarer Befriedigung, bevor er
geräuschlos wieder seinen Platz einnahm.
«Das Problem ist», fuhr der Colonel fort, «daß Trubshawes Cottage sechs
oder sieben Meilen die Postbridge Road hinunter liegt. Beim Bahnübergang.
Selbst bei diesem Sturm sollte es aber für irgendwen machbar sein, dahin
zu kommen und ihn hierherzubringen.»
«Colonel?»
«Ja, Farrar?»
«Wäre das nicht
eine Belästigung? Zu dieser Stunde. Und dann noch zu Weihnachten.
Schließlich ist er wirklich im Ruhestand.»
«Ein Polizist ist niemals wirklich im Ruhestand, nicht einmal nachts»,
widersprach der Colonel. «Wenn mich nicht alles täuscht, käme ihm ein
bißchen Aufregung gerade recht. Er muß sich ja zu Tode langweilen, wenn er
den ganzen Tag keinen zum Reden hat außer einem blinden alten Labrador.»
Er riß sich aus seiner bisherigen Unbeweglichkeit los und wandte sich
jedem der Männer zu, die im Salon standen, saßen oder sich lümmelten.
«Irgendwer bereit, sich auf den Weg zu machen?»
«Ich werde fahren», sagte der Doktor, bevor auch nur irgend jemand sonst
etwas sagen konnte. «Mein alter Klapperkasten verträgt noch das mieseste
Wetter. Um ehrlich zu sein, er ist dran gewöhnt.»
«Lassen Sie mich mitkommen», sprang ihm Don sofort zur Seite.
«Danke. Ich denke, ich brauche einen kräftigen Beistand, wenn er bockt.»
«Wenn Sie Muskeln brauchen, Doktor», sagte Don und warf – als er halb
scherzhaft seinen Bizeps aufpumpte – einen hoffnungsvollen Blick zu Selina
hinüber, «dann bin ich Ihr Mann!»
«Gut, gut. Also, wenn wir fahren wollen, dann jetzt gleich.»
Dann beugte sich Henry Rolfe über den Armsessel, in dem seine Frau Madge
saß, ihre unbestrumpften Beine wie bei einer Katze unter sich
verschlungen, und küßte sie geziert auf die Stirn.
«Bitte, Liebling», sagte er, «ich möchte nicht, daß du dir Sorgen um mich
machst. Mir passiert nichts.»
Madge Rolfe, die immer so aussah, als sei die größte Sorge ihres Lebens
die, wie lange sie warten mußte, bis irgendein schmachtender Salonlöwe ihr
Feuer für die nächste Zigarette gab, trug das alles mit bezaubernder
Fassung und schenkte ihm für seinen Kuß nicht mehr als ein blasses
Lächeln.
Als er, gefolgt von Don, aus dem Raum stiefelte, wünschte jeder den beiden
viel Glück. Dann klatschte der Colonel auf orientalische Art in die Hände,
bot so viel grimmige Munterkeit auf, wie es ihm unter den gegebenen
Umständen noch zulässig schien, und fragte: «Hat irgendwer außer mir noch
Lust auf ein kleines Frühstück?»
Aus dem Englischen von
Jochen Schimmang.
S. 9 - 20;
Copyright Verlag C.H.Beck oHG
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