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Leonardo
Padura
Adiós Hemingway
Roman
Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim
Hartstein
Unionsverlag
Hardcover
192 Seiten
ISBN 3-293-00362-1
EUR 17,90 /
FR 31,40
Vierzig Jahre nach Hemingways Tod wird auf seiner Finca bei Havanna eine
Leiche gefunden, getötet mit zwei Kugeln aus einer Maschinenpistole seiner
legendären Waffensammlung. War Hemingway ein Mörder?
Die kubanische Polizei ist beunruhigt und will um jeden Preis die
Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit vermeiden. Doch auf Kuba gibt es nur
einen, der diesem Fall gewachsen ist: Ex-Polizist Mario Conde. Im Zuge
seiner Recherchen durchlebt Conde das Drama von Hemingways letzten Tagen
in Kuba. Er befragt ehemalige Angestellte und alte Weggefährten und findet
schließlich ganz unerwartet die Lösung für Hemingways letztes Geheimnis,
nicht zuletzt dank Ava Gardners schwarzem Spitzenhöschen.
Leonardo Padura
Ein maßgeschneiderter Hemingway
Vor einigen Monaten hatte ich die Gelegenheit, an einem
literarischen Treffen teilzunehmen, das mir wieder einmal zeigte, in
welchem Ausmaß Schriftsteller im Laufe der Jahre aufhören, das zu sein,
was sie waren, und so werden, wie wir wünschen, sie seien es gewesen.
Organisiert von der Verwaltung der Finca Vigía, konnte die Konferenz
keinen anderen Protagonisten haben als Ernest Hemingway, den mythischen
Eigentümer der kleinen Villa in San Francisco de Paula, unweit der
kubanischen Hauptstadt. An einem Ort, der von seinem eigenen Schöpfer als
Museum vorgesehen wurde und der nach seinem Tod zu einer Art literarischem
Heiligtum geworden ist.
Die Teilnehmer waren allesamt Liebhaber der Werke des großen
nordamerikanischen Schriftstellers und hatten eines gemeinsam: Sie
betrachteten sich als »kubanische Hemingwayanos«. So habe ich es im Laufe
der Vorträge und Diskussionsrunden zum Leben und Werk Hemingways immer
wieder gehört.
Das Merkwürdige an dieser Namensgebung ist, dass es sich nicht um eine
von außen verliehene Bezeichnung handelt. Schließlich gibt es
Schriftsteller, die aufgrund ihrer epigonalen Beziehung beispielsweise zu
Lezama Lima oder Alejo Carpentier von der Kritik als Lezamianos oder
Carpentarianos betrachtet werden. Hier geht es aber um eine Zugehörigkeit,
die freiwillig gewählt wurde. In einem sonderbaren Glauben vertiefen sich
diese Leute in ihre biografischen und literaturwissenschaftlichen Studien
über Hemingway und erklären offen ihre Zugehörigkeit zu einer »Partei«,
deren einziges Statut in der bedingungslosen Verteidigung des Bronzegottes
nordamerikanischer Literatur besteht.
Selten kann man in unseren Tagen noch so einen Glauben antreffen, da
doch an immer weniger Dinge geglaubt wird. Oder wird man gläubig, wenn
einem das Wasser bis zum Hals steht? Als besonders bezeichnend erweist
sich, dass diese kubanischen Hemingwayanos ihre Positionen
unerschütterlich aufrechterhalten, obwohl sie den schlechten Ruf kennen,
den ihr Idol in letzter Zeit erhalten hat. Auch wenn einige von ihnen
bereits gemerkt haben, dass der Autor von Der alte Mann und das Meer nicht
genau das war, was man als vollkommen akzeptabel bezeichnen kann.
Diese Nähe zum Mythos Hemingway ist unter Professoren, Kritikern und
Museumsleuten genauso wie unter gewöhnlichen Lesern und Angestellten im
Tourismusbereich zu beobachten und auf Kuba ziemlich verbreitet. Denn
hier, wo die Literatur eine lange Liste an Namen spanischsprachiger und
vielleicht gar universaler Literatur hervorgebracht hat, betrachtet das
kollektive Unterbewusstsein Hemingway als eine Art Personifizierung des
Schriftstellers an sich. Er wird als Maßstab benutzt, wenn über Literatur
gesprochen wird.
Von größter Bedeutung ist Hemingway über diese ungeteilte Anerkennung
hinaus als literarische Referenz für die vielen kubanischen
Schriftsteller, die sich von ihm beeinflusst fühlen. Dabei spielt
überhaupt keine Rolle, dass sie dem knappen Stil des Autors so
unvergesslicher Erzählungen wie Das kurze glückliche Leben des Francis
Macomber oder Die Killer völlig fern stehen oder keineswegs Anhänger
bestimmter hemingwayscher Theorien wie die des »Iceberg« sind.
Nicht weniger offensichtlich ist das »touristische« Schicksal des
Schriftstellers. Sein zugkräftiger Name hat ihn zur Hauptattraktion der
Bar Floridita gemacht, wo – zu Preisen, die Hemingway niemals bezahlt
hätte – Daiquiris verkauft werden, wie er sie einst dort getrunken hat,
mit einer doppelten Menge an Rum und ohne Zucker. Im Osten der Hauptstadt
gibt es zudem die Marina Hemingway. Sie ist dem internationalen Tourismus
vorbehalten – und bleibt den nacionales folglich versperrt. Dort sind der
Name des Autors und die Titel seiner Werke zu Werbeslogans geworden.
Als ob das noch nicht genug wäre, wird jedes Jahr auf Kuba der Torneo
Hemingway, ein Fischfangturnier, veranstaltet. Und auf den Cayos nördlich
von Camagüey wurde ein Touristen-Resort mit seinem Namen aufgebaut, ganz
zu schweigen von dem Restaurant La Terraza, das zu Hemingways Zeiten eine
Fischerkneipe war und damit prahlt, dass er häufig hier zu Gast war.
Die Aura seines Namens ist also beträchtlich, und Hemingway hat sie
mit mythischen Geschichten, die er im Laufe seines Lebens selbst in Umlauf
brachte, zusätzlich gewürzt. Kein Wunder, dass es die kubanischen
Hemingwayanos gibt und dass sie stolz sind auf ihre geistige
Verwandtschaft mit ihm.
Das Kuriose an dieser kulturell-touristisch-mystischen Vereinnahmung
des Schriftstellers ist, wie selten die dunklen Züge von Ernest Miller
Hemingway ans Licht kommen, und das waren – wie man weiß – nicht wenige.
Als Erstes könnte einem auffallen, wie eingeschränkt die Beziehung
war, die der Autor von Inseln im Strom zu Kuba und den Kubanern
unterhielt. Trotz der langen Zeit, die er in dem Land verbrachte (seit den
Dreißigerjahren bis einige Monate vor seinem Tod), lebte Hemingway nie wie
die Kubaner, noch lebte er mit ihnen zusammen.
Zudem beging Hemingway in seinem Leben Gemeinheiten, die bei einem
anderen Schriftsteller, sogar einem kubanischen, unverzeihlich gewesen
wären. Angefangen bei den Attacken auf seine einstigen Mentoren – Sherwood
Anderson und Gertrude Stein – bis hin zu den Beleidigungen seiner
Schriftstellerkollegen: dem »armen« Scott Fitzgerald und vor allem John
Dos Passos, den er mitten im Spanischen Bürgerkrieg dem Stalinismus
ausgeliefert hatte. Man ergänze dies mit seiner Affinität zur Gewalt,
seiner Liebe zu Waffen und dem Talent, seine eigene Biografie zu
mythifizieren und zu modellieren, und heraus kommt eine Persönlichkeit,
die nicht wirklich als liebenswert im Gedächtnis bleibt.
Zwei Aspekte sind es vielleicht, die viele der dunklen Seiten dieser
Persönlichkeit vergessen lassen: seine Literatur und sein Tod.
Über die hemingwaysche Fähigkeit, Schönheit, herausragende Figuren
oder Momente der Rebellion zu gestalten, ist bereits genug gesagt worden:
Er ist zweifellos einer der wirkmächtigsten Schriftsteller des 20.
Jahrhunderts, und sein Werk gehört zu jener Literatur, die am stärksten
vom Leser verinnerlicht wurde.
Sein Tod am 2. Juli 1961, als er sich das Gehirn wegpustete, hat ihn
menschlicher gemacht. Jener Hemingway, der in seinen letzten Lebensjahren
am Rand einer Neurose schweres Leid durchlebte, der nicht mehr trinken,
lieben, jagen und kaum mehr schreiben konnte, gewann neues Ansehen. Ein
trauriger Hemingway, am Ende einsam Aug in Auge mit seinem Schicksal, ohne
die vielen schützenden Masken, mit denen er sich im Laufe der Jahre
geschmückt hatte: die des Jägers, des Boxers, des Guerilleros, des
Experten für Stier- und Hahnenkampf.
Dieser Hemingway, alt, abgemagert, nackt ins Leben geworfen, ist der
Echteste aller Hemingways, die man kennt. Und der Schuss an jenem 2. Juli
war eine der menschlichsten und dramatischsten Taten in seiner so kurzen
wie unglücklichen Existenz.
10. August 2001
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