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Auf der Suche nach dem Vertrauen zwischen
Wort und Mensch
Arnold Thünker über Ilse Aichingers Journal
»Subtexte«
In
einem Interview in der Zeit anläßlich ihres fünfundsiebzigsten
Geburtstages, 1996, antwortete Ilse Aichinger auf die Frage von Iris
Radisch:
„Die
Zeiten heute sind schrecklicher als damals?“
Aichinger:
„Undeutlicher. Und das macht es schlimmer. Ich liebe Augenblicke der
Verdeutlichung. Die sind in Wien so selten, diese Freundlichkeit, dieses
Küß-die-Hand, man weiß nie was dahintersteht.“
(aus Die Zeit, 1996)
Ilse Aichinger, die in Wien lebt und schreibt, hat nie dem
berühmten Scham der Wiener getraut, den übereifrige Lokalpatrioten sogar
als Weltkulturerbe anerkannt sehen wollen.
Heute, zehn Jahre später, erscheinen kurze prägnante Prosa-Szenen der
grande dame der österreichischen Literatur. Jeder Text geschrieben in
einem Wiener Café, Woche für Woche, ein halbes Jahr lang. Auf dem
Kaffeehaustisch die Bücher des streitbaren und ketzerischen rumänischen
Philosophen E.M. Ciroan und die fliegenden Blätter der Boulevardpresse.
„"Gestatten!", sagte unlängst eine Frau, die hinter mir
gestanden war, gab mir einen leichten Stoß, stieg in die Straßenbahn, und
die Tür schloß sich. Das war kein Unglück, ich hatte keine Eile. Aber das
Wort „gestatten“ fiel mir am gleichen Abend wieder ein, und ich bedenke es
seither auch immer wieder, wenn ich die Stadt und das Land bedenke, in dem
ich geboren und aufgewachsen bin, in extremen Zeiten und unter zum Teil
extremen Umständen. (...)
Das macht das Land hier unverwechselbar. Aber ich kenne diese Art von
Unverwechselbarkeit, sie ist mir nicht fremd. Nicht nur deshalb möchte ich
nicht in die Fremde, sondern will in der Fremde bleiben, die mörderisch,
aber vertraut ist. In Wien.“ ( S. 49, Unter Charmeuren)
Ilse Aichinger verdeutlicht die Worte des Alltages und
reiht sie mit ihren Erinnerungen zu einer Perlenkette poetisch erzählter
Essays. Ihr anarchistischer Ton ist genau und unbarmherzig. Sie sucht
nach wie vor das Vertrauen zwischen Wort und Mensch. Betrachtung ist ihr
wichtig, genau hinschauen und lange hinschauen. Das prägt dieses Journal.
Ilse
Aichinger, die nie aufhörte, sich die Frage nach dem Sinn des Lebens zu
stellen, und doch nie so arrogant war, auf diese Frage eine Antwort zu
finden, hat neue Texte geschaffen, in dem sich auf absurde, groteske und
oft komische Weise das Beängstigende, Furchteinflößende und die Angst
vereint. Diese Texte sind klare und eindringliche Prosa.
Es ist der Krieg, der sie als Schriftstellerin geprägt hat, der Verlust
der nahen Verwandten in den Gaskammern von Auschwitz. Und das Überleben in
der wachsenden Gleichgültigkeit der Friedenszeit.
„"In einer Welt ohne Melancholie würden Nachtigallen anfangen zu rülpsen",
meint E.M. Ciron. Inzwischen scheinen Nachtigallen in Auschwitz wieder
möglich zu werden. Grazyna, die montags in meine Wohnung kommt und
aufräumt, fährt an allen hohen Feiertagen heim. Nirgends sei das Gras so
grün, der Himmel so unverstellt und heiter, und nirgends würden Bäume
besser gedeihen als „in Ausch ... – eben da, wo ich herkomme.“ Einmal nur
sagte sie: „Auschwitz ist scheen, Frau Aichinger.“
„Der Wind weht, das ist sein Geschäft." schrieb
Aichingers Mann, Günther Eich. Und die Existenz ist die unsere." (S.
16, Landschaften und Wetterlagen der Existenz)
Das Aufspüren der alltäglichen Täuschungen, der die
Existenz uns aussetzt und der Mut, das Leben mit einem gewissen Frohsinn
auszuhalten, das sind die Wortspuren, die Ilse Aichinger legt. Sie steht
mitten im Leben. Das Porträt der Türkin Ayten (Mondschein), die zehn Jahre
lang Gäste im fremden Land bediente und dann nach Anatolien zurückkehrt,
zeigt wie gekonnt Ilse Aichinger das Zwiegespräch zwischen Alltag und
Erkenntnis führt.
„Die Abgründe schlossen sich. „Die Erfahrung des Abgrunds
geht auf ferne Ursprünge zurück." Ayten erfuhr sie: Die Ursprünge, die der
Abgründe und ihre eigenen, lagen in Anatolien, wo sie – seit langem schon
– begraben ist, vielleicht doch ein Ort, wo Mondstrahlen zu Ruhe kommen
und zugleich ihren Glanz behalten. Es hat sie nicht gestört, ins Abseits
zu geraten, unauffindbar zu werden, unhörbar und spurlos. Das „große
Glück" hatte sie nicht: Sie ließ es denen, die weit hinter ihr
zurückgeblieben sind, und ermöglicht ihnen eine Gleichmut, die sie nie für
möglich gehalten hätten.
(S.18, Ayten
(Mondstrahl))
Ilse Aichinger schweift aber auch ab, um wieder auf den
Punkt zu kommen. Sie verwandelt Distanz in Beziehung. Sei es die
Erinnerung an ihre Zwillingsschwester oder das Verhältnis der Kellner in
ihrem Café, die sich durch den Schichtdienst kaum wahrnehmen. Ilse
Aichinger ist Bindeglied und Betrachter, der Sentimentalität geht sie aus
dem Weg.
Ihre Schreihaltung ist so gegenwärtig, daß sich ihre Kurzprosa weit über
den Zeitgeist erhebt. Es ist gut im Alter zur Anarchie zurückzukehren, die
eigene Geburt dem Tod vorzuhalten. Ilse Aichinger tut dies in ihrem
Journal, das all jene in die Hand nehmen sollen, denen die wertvolle Uhr
am Handgelenk nicht mehr die Zeit fürs eigene Leben anzeigt.
„Wie geht´s uns denn?" fragt der visitierende Arzt vom
Dienst den geängstigten Patienten. Ja, wie geht´s uns? Und wer sind „wir"?
Wer vereinnahmt die Einzelnen zu dem unverbrauchbaren und verlogenen
„Uns"? Wer sind „wir“? Sollte Gott – laut Ciroan – höchstens Nichts sein,
welche Form dieses Nichts bleibt für „uns"?"
(S.72, Baby
Chandler)
Subtexte,
erschienen in dem kleinen und feinen Verlag Edition Korrespondenzen, Wien,
sind poetische Miniaturen, die verlangen wieder und wieder gelesen zu
werden.
Ilse Aichinger -
Subtexte
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Journal - Edition Korrespondenzen, Wien, 2006 - ca. 80
Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen - ca. Euro 16,00
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