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Der
Kritiker als Künstler
Erinnerungen an den Theaterkritiker Alfred Kerr
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aus Anlass seines 140. Geburtstags
Von Ursula Homann
Anfang des vorigen Jahrhunderts erregten in Berlin zwei Theaterkritiker
großes Aufsehen: die beiden Kontrahenten Herbert Ihering (1888-1977) und
Alfred Kerr (1867-1948). Während Ihering die Bühne als eine "Waffe"
verstand, sah Kerr in ihr ein Medium der Selbsterkenntnis und Aufklärung
und betrachtete die Werkzeuge des biblischen Königs, "Schleuder und
Harfe", als Symbole für den Rezensenten. "Ich fordre vom wahren
Kritiker: er gebe die Kritik des Hasses und der Liebe, temperiert durch
historische Gerechtigkeit", erklärte Kerr.
Schon 1906 galt er als die "ernsthafteste Erscheinung" der Berliner
Theaterkritik. Die einen wie Hans Mayer, Frank Hirschberg und Ernst
Robert Curtius rühmten ihn emphatisch und behaupteten, Kerr habe neue
Maßstäbe für das europäische Drama gesetzt. Andere dagegen wie Georg
Strauss und Gottfried Scheuffler nannten ihn den "selbstherrlichsten
Kritiker einer verfallenen Epoche" oder sprachen wie Hermann Sudermann
mit Blick auf Kerrs populäre Wirkung von einer "Verwahrlosung der
Theaterkritik".
Das Publikum
jedoch liebte den umstrittenen Kritiker wegen seines kämpferischen,
witzigen und artistisch eigenwilligen Stils und wegen seiner
hinreißenden und ungerechten Fehden mit Herbert Ihering, Maximilian
Harden und Karl Kraus. Kraus schalt Kerr eine "Feuilletonschlampe",
dessen "Stil die letzten Zuckungen des sterbenden Feuilletonismus"
darstelle. Kerr wiederum bezeichnete Kraus als "Zwanzigpfennig-Aufguss
von Oscar Wilde", als "Nietzscherl", der an "doppelter Epigonorrhöe"
leide. Viele stellten vor allem Kerrs Eitelkeit heraus, die, laut Marcel
Reich-Ranicki, der "Motor seines Schreibens" gewesen sei, wobei er
gleichzeitig "den Selbstgenuss zum Stilprinzip" erhoben habe.
Hans Sahl schreibt
in seinen "Memoiren eines Moralisten": "Alfred Kerr war geistreich,
genießerisch, subjektiv, von Fall zu Fall urteilend, ein Impressionist,
für den die Kritik eine Nachdichtung des Theaterabends war, er liebte
die Illusion, den schönen Schein, das Augen- und Gedankenfest. Der
Schauspieler sollte sich ganz [...] im Sinne Reinhardts und der
naturalistischen Schule mit der Rolle, die er spielte, identifizieren.
Er sollte vergessen, dass er ein Schauspieler war [...]"
"Kerr stand",
berichten andere, "bevor der Vorhang aufging, neben seinem Sitz in der
ersten Reihe und zeigte sich. Er trug einen altmodischen Gehrock und
einen Vatermörder und hatte ein gestutztes Bärtchen, das ihm wie ein
Aperçu auf dem Mund lag." Die Berliner vergötterten ihn geradezu, nicht
nur wegen seiner unterhaltsamen Zwistigkeiten, sondern auch wegen seines
Stils. Seine Sammelbände mit Theaterkritiken erreichten höhere Auflagen
als die Romane seiner Zeit. Viele Menschen lasen Theodor Wolffs Berliner
"Tageblatt" nur seinetwegen. Denn statt langwieriger Analysen
akademischen Zuschnitts setzte Kerr auf thesenhaft knappe
Formulierungen, Wortspiele, Metaphern und Assoziationen. Enthusiastisch
oder aggressiv und verletzend gab er radikal subjektive Eindrücke
wieder, so dass seine Ausdruckweise nicht selten als "impressionistisch"
und "manieristisch" eingestuft wurde.
Für Kerr war die
Kritik eine gleichberechtigte Kunst neben der Dichtung. Nur wenn der
Kritiker ein Dichter sei, könne Kritik, meinte er, ihrem aufklärerischen
Auftrag gerecht werden. "Produktive Kritik ist solche, die ein Kunstwerk
in der Kritik schafft." Fortan zerfällt, legte er kategorisch fest,
Dichtung "in Epik, Lyrik, Dramatik und Kritik."
Unbarmherzig
verfuhr Kerr mit einigen seiner Zeitgenossen. Bertold Brecht
beispielsweise verspottete er als begabten "Ragoutkoch". Als Lyriker
zeige er zwar große Begabung, doch seien seine Fähigkeiten als
Dramatiker begrenzt. Brecht hat ihn daraufhin, in nicht unberechtigter
Notwehr, einen "nach Trüffeln schnüffelnden Five-o-clock-tea-Plauderer"
genannt. Als Kerr aber Brechts Stück "Happy end" das Motto zudachte:
"Happy entlehnt", kapitulierten sogar seine Gegner. Mit Thomas Mann lag
Alfred Kerr ebenfalls ständig im Clinch. Dieser wies ihn mit Schärfe
zurecht und merkte einmal an: "Dass Herr Kerr mich blöde findet, geht
nicht ganz mit rechten Dingen zu...." Als Kerr in einer Ausgabe der
"Neuen Rundschau" vom "mittleren Roman-Boßlern" sprach, wusste Thomas
Mann sofort, dass er gemeint war und fühlte sich durch diese Bemerkung
"Tage lang sehr übel".
Ganz unterschiedlich hat Kerr die Dramatiker seiner Zeit gemustert, mit
Spott und Ironie, angestrengt und anerkennend, voller Hochachtung und
mitunter wie ein Liebhaber.
Zudem war er ein eifriger Förderer des naturalistischen, symbolistischen
und expressionistischen Theaters und ein Wegbereiter der Dramen von
Henrik Ibsen, Georg Bernard Shaw, Ödön von Horvath auf deutschen Bühnen,
insbesondere von Gerhart Hauptmann seit der Uraufführung seines Stücks
"Vor Sonnenuntergang". Er unterstützte ferner Frank Wedekind, Georg
Hirschfeld, Ernst Toller, Robert Musil und setzte sich für die
Wiederaufführung der Dramen Christian Friedrich Hebbels ein.
Große Namen bedeuteten ihm nichts, tradierter Respekt war ihm
widerwärtig, Einschüchterung durch Prominenz ein Fremdwort, einerlei ob
sie Klassiker waren und Friedrich Schiller oder William Shakespeare
hießen. Er müsse sein Empfinden äußern und nicht die "Gefühle
verstorbener Oberlehrer", sagte er.
Eines Tages saß Kerr im Romanischen Café. Alle anderen hatten sich schon
verabschiedet. Ihm gegenüber saß nur noch Curt Goetz, dessen
Theaterstück "Die tote Tante" er gerade gnadenlos verrissen hatte.
Längere Zeit fiel kein einziges Wort. Schließlich fragte Goetz drohend:
"Ich benutze die günstige Gelegenheit, Sie zu fragen, ob es Ihnen schon
aufgefallen ist, dass ich seit Wochen keinen einzigen Satz mit ihnen
gesprochen habe?" - "Das ist mir aufgefallen", bestätigte Kerr, "und ich
wollte gerade die günstige Gelegenheit benutzen, Ihnen dafür zu danken!"
Alfred
Kerr äußerte sich indes nicht nur über Theateraufführungen, sondern als
kritischer Chronist seiner Zeit und aufgeschlossener Beobachter fremden
Alltagslebens auch zu politisch-gesellschaftlichen Ereignissen. Mit
spitzer Feder wetterte er über die Engstirnigkeit der wilhelminischen
Gesellschaft, kritisierte Justiz und Militarismus und polarisierte die
Avantgarde ebenso wie die Reaktion. Im Grunde schrieb er über alles, was
ihn interessierte: über Kaiser und Kunst, über Adel und Elend, über
Klein- und Großkriminelle, über ritterliche Reitgesellschaften und
hinterste Hinterhöfe. Er verfasste Gerichtsreportagen und Kritiken,
Porträts und Analysen und besuchte sowohl Bismarck als auch den
Mafiaboss von Neukölln. Seine Väter waren Heinrich Heine und Ludwig
Börne, deren Gräber er in Paris besuchte. Er schrieb so klug und so
unabhängig wie sie, aber noch frecher, noch unbestechlicher und noch
pointierter. Nicht selten entging er nur knapp einer
Majestätsbeleidigung.
Geboren wurde Alfred Kerr als Alfred Kempner am 25.Dezember 1867 in
Breslau als Spross einer wohlhabenden jüdisch-bürgerlichen Familie. Sein
Vater Emanuel Kempner besaß eine florierende Weinstube im Zentrum -
gegenüber dem Stadttheater. Vielleicht ist dort seine Liebe zum Theater
erwacht.
Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er in Breslau und in Berlin, wo
er sich 1887 niederließ. Promoviert hatte er in Halle/Saale 1894 über
"Brentanos Jugenddichtungen". Schon als Student in Berlin hatte Kerr
Kontakte zum Kreis um die "Freie Bühne" geknüpft und erste
publizistische Erfolge in der Berliner Presse erzielt. Doch der
eigentliche literarische Durchbruch zum viel gefeierten, hochangesehenen
deutschen Literatur- und Kunstkritiker gelang ihm mit seinen "Briefen
aus Berlin", die Sonntag für Sonntag in der "Breslauer Zeitung"
erschienen und deren Lesern das Leben in der Reichshauptstadt nahe
brachten. In dieser Zeit änderte er seinen Familienamen Kempner in Kerr,
um der Vermutung zu entgehen, er sei mit dem "schlesischen Schwan"
Friederike Kempner verwandt, der Autorin berühmt-berüchtigter Lyrik.
Kerr schrieb dann auch für zahlreiche andere Zeitungen und Zeitschriften
und gründete 1910 mit Paul Cassirer und Wilhelm Herzog die
Theaterzeitschrift "Pan", für die auch Kurt Tucholsky, Frank Wedekind,
Heinrich Mann und Robert Walser Beiträge lieferten.
Vierzig Jahre lang, von 1893 bis 1933, hat Alfred Kerr das deutsche
Theater aufmerksam betrachtet, bewertet und gesagt, "was zu sagen ist!"
Von Hermann Sudermann bis Richard Skowronnek haben das viele zu spüren
bekommen.
Geheiratet hat er erst mit fünfzig Jahren. Seine erste Frau starb nach
dreimonatiger Ehe. Nach anderthalb Jahren heiratete er die
zweiundzwanzigjährige Musikerin Julia Weißmann. "Das neue Leben hieß
Julia und Jugend." Zwei Kinder stammen aus dieser Ehe, Michael und
Anna-Judith. Michael war später Richter in England und wurde von der
Königin zum Ritter geschlagen, Judith wurde eine erfolgreiche
Kinderbuchautorin. Bekannt wurde sie bei uns vor allem durch ihr Buch,
"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", in dem sie über ihre Kindheit im
Exil berichtet. Seit nahezu dreißig Jahren ist es für die meisten der
acht- bis 13-jährigen deutschen Kinder einer der ersten literarischen
Kontakte mit einer Zeit, die nur noch ihre Großeltern erlebt haben.
Wie stand Alfred Kerr zum Judentum?
Die
Kempners waren assimilierte Juden und hielten dennoch Distanz zur
christlichen Umwelt. Kerr fand, die "ewige Sonderung" sei "unnütz". Für
überflüssig oder gar falsch hielt er sie dennoch nicht. Anders als manch
einer seiner schreibenden Zeitgenossen, anders als etwa Karl Kraus,
Alfred Döblin oder Kurt Tucholsky (die übrigens alle viel jünger waren)
dachte er nicht daran, zum Christentum überzutreten. Im Gegenteil:
obwohl ihm jüdische Traditionen offenbar wenig bedeuteten, beteuerte er
nicht ohne Trotz, dass er "die Herkunft von diesem Fabelvolk immer als
etwas Beglückendes gefühlt" habe. Energisch wandte er sich gegen jeden
"feigen Vertusch-,Verkriech- und Versteckjuden", der sich nicht zu
seiner Herkunft bekannte. Doch unterschied er genau zwischen Herkunft
und Religion, Die "starken Juden" Jerusalems liebte er, nicht die
frommen. Denn Kerrs Judentum war das des aufgeklärten skeptischen
Verstandes. In einer Zeit, in der das Telefon und das Auto erfunden
worden waren, dünkten ihm religiöse Gefühle überholt. Das Jüdische
zeigte sich bei Kerr, konstatierte einmal der Schriftsteller Ernst Blass
(1890-1939), in seiner westeuropäischen Zivilisiertheit, die ihn von
deutscher "metaphysischer Spekulation" unterscheidet und statt dessen in
die Nähe zu Heinrich Heine und Jacques Offenbach rückt. Er sei ein
Rationalist gewesen, der sich zu Voltaire bekannt und wie dieser die
metaphysische Spekulation der Deutschen nicht geliebt habe.
Das Bild, das Kerr
vom Judentum entwarf, war im Grunde sein eigenes, höchst privates, mit
all den Eigenschaften, die er selbst hoch schätzte und dem modernen
Menschen wie ein Etikett aufklebte. Auch Martin Bubers Forderung, der
jüdische Mensch müsse Schöpfer werden, um am neuen Leben des jüdischen
Volkes teilzuhaben, kehren in Kerrs Gedanken wieder.
Den Antisemitismus
hatte er wie viele seiner jüdischen Zeitgenossen schon als Schüler zu
spüren bekommen. Dabei verletzte ihn nicht so sehr der Ruf "Verfluchtes
Judenaas", sondern wenn aufgeklärte, wohlwollende Freunde schonend
sagten "Die jüdischen Herrschaften" - das traf. Gerade was den
Antisemitismus anging, reagierte Kerr mit besonderer Sensibilität, so
auch 1896 im Zusammenhang mit der Dreyfuß-Affäre und Verurteilung Emile
Zolas wegen seines Artikels "J'accuse". Den antisemitischen Hofprediger
Adolf Stöcker nannte er "einen ganz und gar subalternen Kopf".
1903 unternahm
Kerr eine Reise nach Palästina und war von Land und Leuten hellauf
begeistert. Seine eigentliche Heimat sah er freilich in Deutschland,
Orientierungspunkt war und blieb selbst im Exil für ihn die deutsche
Kultur, Literatur und Musik. In Jerusalem war ihm aber auch klar
geworden, dass er "lieber in Deutschland bestattet" sein möchte als im
Tale Josaphat. "Ich hab' auch in Jeruschalajim gewusst, dass ich ein
Deutscher bin." Damals konnte er noch nicht wissen, dass sein Heimatland
ihn dreißig Jahre später aufgrund seiner Herkunft zur Flucht zwingen
würde. Selbst in seinen Theaterrezensionen ging Kerr in den
1920er-Jahren stark auf jüdische Themen ein, wie etwa anlässlich der
Aufführung der "Sendung Semaels" von Arnold Zweig.
Bei der Erziehung
seiner Kinder hat Kerr gar nicht erst versucht, ihnen etwas von der
Religion der Juden zu vermitteln. Seine Tochter Judith Kerr berichtet in
ihrem Vortrag "Eine eingeweckte Kindheit", dass ihr Vater in der
jüdischen Religion aufgewachsen sei, sich aber als junger Mann
entschieden habe, nicht mehr an Gott zu glauben. Seine beiden Kinder
habe er daher ohne Religion erzogen. Dagegen wurde im Hause Kerr ein
sehr deutsches Weihnachtsfest gefeiert. Offensichtlich verband Kerr das
Weihnachtsfest nicht mit dem Christentum, sondern mit den Bräuchen des
Landes, das er als seine Heimat empfand. Dann allerdings sah er sich
1933 vor das Problem gestellt, seinen noch recht jungen Kindern (Michael
war fast zwölf, Judith fast zehn Jahre alt), erklären zu müssen, warum
sie das Land, das sie bisher als ihre Heimat empfunden hatten, verlassen
mussten. Nach Aussage seiner Tochter war im Hause Kerr vor 1933 kaum
über die jüdische Herkunft gesprochen worden. Auch vom aufkommenden
Nationalsozialismus hatten die Kinder wenig erfahren. Aber 1933 musste
Kerr einen Weg finden, die Kinder vor einer Verbitterung durch die
Flucht zu bewahren. Er wählte den Weg des Stolzes auf die Herkunft. Die
Kinder sollten nie vergessen, dass sie Juden seien, erklärte ihnen ihr
Vater, denn es sei wunderbar, ein Jude zu sein. Bis zu einem gewissen
Grad gelang es ihm auch, die Notwendigkeit der Flucht und des Exils
verständlich zu machen. Nur so ist der begeisterte Ausruf der Tochter in
Paris zu erklären: "Papi, es ist herrlich, ein Flüchtling zu sein."
Er selbst
dichtete: "Die Juden haben unbestritten / Von allen Verfolgten das
Schlimmste gelitten: Nicht weil sie politisch verschworen sind - Nur
weil sie halt geboren sind."
Stolz auf die von
Juden für Deutschland erbrachten Leistungen klingt auch in folgenden
Zeilen an: "Das gute Gewissen ist unbedingt, / Der Trost, den ihr im
Leben habt, / Ihr wisst, wenn Deutschlands Lob erklingt, / Nicht nur,
was ihr von ihm empfingt, / Auch was ihr ihm gegeben habt." / Jahre
später im Exil bemühte sich Kerr mehr als je zuvor, jüdische Themen
aufzugreifen, so auch in seiner bis heute unveröffentlichten Schrift
"Ein Jude spricht zu Juden". Hier heißt es im Epilog: "Vier
Feststellungen: Es gäbe keine Blutproben ohne Wassermann. Es gäbe keine
hertzschen Welten ohne Hertz. Es gäbe kein Salvarsan ohne Ehrlich. Es
gäbe keine Relativitätslehre ohne Einstein. Es wär' immerhin schade
[...] für die Neuzeit. 'Nieder mit de Juden.'"
Sarkasmus und
Ironie prägen die ganze Schrift, aber auch das Motiv des Stolzes, das
immer wieder betont wird, und er wünscht sich: "Ja, wenn ich noch einmal
auf die Welt käme, ich möchte noch einmal ein Sohn dieser merkwürdigen,
durchaus vereinzelten, weltförderlichen und verkannten Minderheit sein.
Des Volkes Israel." Und an anderer Stelle liest man: "International
sollen die Juden nicht sein, national sollen sie nicht sein ... was
sollen sie sein?"
"Unsere Zukunft
liegt im dunkeln, wüste Worte hört man munkeln", mit diesem Kalauer
hatte Alfred Kerr seinerzeit das 20. Jahrhundert begrüßt, ohne zu ahnen,
wie dunkel dieses Jahrhundert gerade für ihn und alle anderen Juden
werden sollte. Lange vor 1933 warnte er - auch in regelmäßigen
Rundfunkkommentaren - als kühner Analytiker vor dem hereinbrechenden
Nationalsozialismus: "Was Hitler, der Mann des gebrochenen Ehrenworts,
auch dreist lügen mag - die Herrschaft der N. S.D.A.P: bedeutet Krieg!
Letztes Elend! Deutschlands Zerfall!" 1929 unterzeichnete er, neben
Tucholsky und Heinrich Mann, Henri Barbusses Aufruf zur Gründung einer
europäischen Liga gegen den Faschismus.
1931 reimte er, die auch in seinem Buch "Diktatur des Hausknechts"
abgedruckten Zeilen: "Wer hat die schönsten Schäfchen? / Und klassische
Musik? / Wer schläft das tiefste Schläfchen? / Eine gewisse, eine
gewisse, eine gewisse Republik. / Wer sieht ein täglich Morden / und
findet keinen Rat? / Wer duldet Landsknechtshorden / Als rüden Staat im
Staat?" Antwort nach weiteren Versen: "Eine gewisse, eine gewisse, eine
gewisse Republik.
"Der Völkische Beobachter" zählte Alfred Kerr zu denen, die nach einer
Machtübernahme als erste an die Wand gestellt werden sollten. Am 23.
Januar 1933 erschien seine letzte Rezension über den zweiten Teil des
"Faust", drei Wochen später, am 15. 2. 1933, musste er überstürzt mit
seiner Frau und seinen beiden Kindern die Flucht antreten, über Prag,
die Schweiz und Paris nach London, während in Deutschland bald darauf
seine Bücher mit vielen anderen verbrannt wurden.
In London erfährt
er das ganze Elend des Exils. Untergekommen ist er mit seiner Familie im
Dachzimmer einer kleinen Pension für Flüchtlinge, ohne die Sprache
wirklich zu beherrschen, die ihn umgibt. Er beobachtet und glossiert den
englischen Alltag. Er schreibt einige Beiträge für die BBC, für die
deutschsprachige Emigrantenzeitung "Pariser Tageblatt", den "Freien
Deutschen Kulturbund" und engagiert sich in Emigrantenvereinigungen.
Durchweg lebte Kerr während der Emigration mit seiner Familie ("meine
drei Menschen und ich") in großer Armut. Seine Werke konnte er nur in
kleiner Auflage veröffentlichen.
Gleichwohl hat er sein Schicksal schreibend zu ironisieren versucht. Nie
hätte er so aufregende Erfahrungen machen können, meinte er, nie hätten
seine Kinder so toll Sprachen lernen und in Cambridge studieren können:
"Wem Mob will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt."
Aus Deutschland aber hätten Diebe ein "Land der unbegrenzten
Schäbigkeit" gemacht.
Im Londoner Exil
entstand sein einziger, erst 2004 veröffentlichter Erzähltext "Der
Dichter und die Meerschweinchen - Clemens Tecks letztes Experiment", mit
dem er seine Einsamkeit im Exil zu überwinden suchte.
Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Reiches äußerte Alfred Kerr sofort den
Wunsch, nach Deutschland zurückzukehren, damit seine Sprachkraft nicht
verloren ginge. Im Herbst 1948 hat er Deutschland dann auch zum ersten
und zum letzten Mal besucht. Er berichtete noch darüber: "Bin heut, seit
vierzehn Jahren zuerst wieder in dem Land meiner Liebe, meiner Qual,
meiner Jugend. Und meiner Sprache. Aber wie kommt man sich vor nach all
dem Vergangenen? Nicht wie ein nachtragender Feind wahrhaftig nicht.
Sondern wie ein erschütterter Gefährte. Erschüttert aber misstrauisch
[...], zuletzt behält der romantische Begriff Deutschland die Oberhand.
Es ist ja doch nicht auszurotten, was man so lange belacht und geliebt
hat. Und eines steht fest: über dem Ganzen dämmert die innigste Hoffnung
für ein heute unglückliches Land."
Und dann folgt
noch eine Anrede an die Überlebenden: "Ihr müsst zuerst aus dem Hunger
heraus. Doch wie wär es denn: wenn diese zumal durch deutsche Schuld
heruntergekommene Welt justament durch Deutsche wieder hochgebracht
würde?"
Als er dann zum erstenmal, diesmal in Hamburg, wieder in einem deutschen
Theater war - gespielt wurde "Romeo und Julia" - traf ihn der Schlag.
Einige Wochen lag er halbseitig gelähmt in einem Hamburger Krankenhaus.
Willy Haas erzählt in seinen Lebenserinnerungen die bewegende
Begebenheit, wie er Kerr in seinem Hotelzimmer aufsuchte und ihn infolge
eines Schwächeanfalls auf dem Fußboden fand. "Wie weit es vom Bett zur
Tür sein kann", flüsterte Kerr ihm trübe lächelnd zu.
Seinen alten
Freund Gerhart Hauptmann, der sich gleich 1933 den Nazis angeschlossen
hatte, hatte Kerr schon Jahre zuvor alttestamentarisch-shakespearisch
verflucht: "Die Disteln auf seinem Grab sollen verderben." Als er nun
sterbend im Fuhlsbütteler Krankenhaus lag, kam Ivo Hauptmann, der
älteste Sohn von Gerhart Hauptmann zu Willy Haas und fragte, ob er Kerr
wohl besuchen könne, um den irdischen Zwist beizulegen. Aber Kerr lachte
nur höhnisch, als Haas ihm die Bitte vortrug. Er dachte nicht daran,
sich zu versöhnen, auch nicht symbolisch.
Da es keine Aussicht auf Besserung seines Zustandes gab, bat Kerr seine
Frau um die Erfüllung des ehelichen Versprechens, ihm sterben zu helfen,
wenn die Lebenskraft beschädigt sei. Das geschah beim letzten Besuch
seiner Frau, und so starb Alfred Kerr, erlöst durch einen Schlaftrunk,
am 12. Oktober 1948. Wenige Tage darauf wurde er in Hamburg-Ohlsdorf
begraben. Eigentlich hatte er sich für seine letzte Ruhestätte Berlin
ausgesucht und diesen Auftrag bereits 1926 in folgende Verse gekleidet:
"Testament eines Berliners": "Mit Musik, doch ohne Pfaffen, /
Gleichfalls ohne vieles Flennen, / Sollt Ihr mich zum Friedhof schaffen
/ Und mich braun zu Asche brennen. / Dann begrabt mich armen Pinsel, /
Kleingestäubt in Ur-Atome, / Unweit von der Pfaueninsel / Hart am holden
Havelstrome. / Sonntags, wenn sich heiß umschlingen / Fritze, Kläre,
Max, Adele, / Und die kleinen Mädchen singen, / - - Freut sich meine
arme Seele."
Nachzutragen bleibt noch, dass dem
kritischsten der deutschen Kritiker, der selbst den heftigsten Streit
genießen konnte, das Leben mehr galt als die Literatur. Vor allem aus
den Texten über seine Reisen spricht eine emphatische Diesseits- und
Daseinsbejahung. Seine letzte Notiz richtete Kerr an seine Frau, die wie
die Maxime seines eigenen Lebens klingt. "Du sollst, zum Donnerwetter,
glücklich sein. Nie eine Witwe." So sehr er den Machtmenschen Nietzsche
verabscheute, einem seiner Sätze stimmt er vorbehaltlos zu: "Das Leben
ist um des Leben willen da."
Seine Kritiken
indessen sind, was Seltenheitswert hat, auch gegenwärtig noch höchst
amüsant zu lesen, allein aufgrund ihrer sprachlichen Qualität. Kerrs
unnachahmlicher Stil, seine funkensprühende Formulierlust, das Feuerwerk
seiner Aperçus und Gedankenblitze wirken noch immer lebendig und frisch.
Die Ironie, mit der Kerr die Dinge betrachtet hat, macht seine Kritiken,
aber auch seine Briefe noch heute zu einer fesselnden Lektüre. Kurzum,
von Alfred Kerr kann man eine Menge lernen, beispielsweise dass
literarische Qualität nicht veraltet, auch wenn die Texte "nur" als
Zeitungsartikel in die Welt gesetzt wurden.
Dieser Text erschien
zuerst in der "Tribüne-Zeitschrift" zum Verständnis des Judentums", Heft
184, 4.Quartal 2007.
Alfred Kerr -
(Hrsg.) Günther Rühle »Ich sage, was zu sagen
ist« Theaterkritiken 1893-1919
Band VII.1
Preis € (D) 64,00
/
960 Seiten, Ln Fadenheftg / ISBN 978-3-10-049510-5
S. Fischer Verlag
Alfred Kerr - (Hrsg.) Günther Rühle »So liegt
der Fall« - Theaterkritiken 1919-1933 und im Exil
Band VII.2
Preis € (D) 64,00
/
1061 Seiten, Ln Fadenheftg / ISBN 978-3-10-049511-2
S. Fischer Verlag
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