Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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»Leer wurde plötzlich die Welt.«
Martin Warny über Jean Amérys Frühwerk »Die Schiffbrüchigen«

Im Rahmen einer beim Verlag Klett-Cotta erscheinenden Ausgabe der Werke Jean Amérys wird jetzt ein Text publiziert, der über 70 Jahre nach seiner Entstehung und fast 30 Jahre nach dem Freitod des Autors nun zum ersten Mal in Buchform vorliegt.

Es ist, folgt man seinen eigenen Aussagen, ein Buch, das dem Autor ganz besonders am Herzen lag, stellt es doch seinen ersten und einzigen Versuch dar, mit einem großen erzählenden Text als Romancier zu reüssieren. Der Roman stellte für Améry – obwohl als Meister der kleinen Form des Essays und der Kritik berühmt geworden – die höchste Form literarischen Ausdrucks dar, an ihr (und ihren bedeutendsten Vertretern) war alles andere Schreiben zu messen. Dass der Roman »Die Schiffbrüchigen« zu seinen Lebzeiten keinen Verlag fand, muss seinen Autor sehr geschmerzt haben; Anerkennung als Romanschriftsteller zu finden, war nicht nur das Motiv des 23jährigen, der das Buch 1935 abschließt, sondern bestimmte – als Enttäuschung, als verlorene Illusion, als schriftstellerische Demütigung gar – Amérys Schreiben bis zum Schluss.

Jean Améry war einer der profiliertesten linken Intellektuellen der Bundesrepublik in der Zeit von Notstandsgesetzen, Studentenbewegung und RAF. Der Name war ein nom de plume, unter dem Améry mit dem Erscheinen seiner Essaysammlung „Jenseits von Schuld und Sühne“ 1966 in der Bundesrepublik bekannt wurde. Geboren wird Améry 1912 in einer Wiener jüdischen Familie als Hans Mayer, arbeitet dort als Buchhändler (wie auch der Held des Romans). 1938 emigriert Améry nach Belgien, wird dort 1943 von der Gestapo verhaftet, gefoltert und nach Bergen-Belsen deportiert, wo er 1945 von den Engländern befreit wird. Améry lebte danach in Brüssel, in einem selbstauferlegten Exil, das er als die existentielle Konsequenz seiner Erfahrung des nationalsozialistischen Terrors empfand und in dem Satz verdichtete: „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“ Améry lebte gleichsam provisorisch, immer am Rande des Abgrunds in dem Gefühl, das sich in seinen essayistischen Arbeiten aussprach: dass alle Gewissheiten in Frage zu stellen sind, weil nach dem Unvorstellbaren des Holocausts sowohl die überkommene Moral zuschanden geworden wie auch Sprache, die sich um einen adäquaten Ausdruck des Unaussprechlichem müht, zum Scheitern verurteilt ist. Einzig eine radikale Subjektivität, die dieses Scheitern annimmt und ihre Würde daraus bezieht, vermag hier etwas, aber auch nur, indem sie sich selbst und ihr Denken, seine scheinbaren Gewissheiten zumal, immer wieder in Zweifel zieht. „Revision in Permanenz“ war der Ausdruck, den Améry dafür prägte, und sein Freitod im Jahre 1978, theoretisch vorbereitet in seinem berühmtesten Essay „Hand an sich legen“, war die ironische Konsequenz dieser Erkenntnis kontingenter Relativität.

Das Thema, das lebensgeschichtlich notwendig Amérys zentrales Sujet war, scheint auch in dem Jugendroman „Die Schiffbrüchigen“ auf, der sein Personal hineinstellt in das von Generalstreik, sozialen Spannungen und beginnenden Judenverfolgungen geprägte Wien der frühen dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Eugen Althager, Held des Romans, ist der paradigmatische „Schiffbrüchige“, Halbjude, in bedrückender Armut lebend, ausgehalten von seiner Bettgenossin Agathe; als programmatische Personalisierung metaphysischer Heimatlosigkeit ist dieser Intellektuelle und arbeitslose Buchhändler Althager hin- und hergeworfen zwischen Konvention und Nihilismus, zwischen der Suche nach dem Wert, sei´s in der Philosophie, sei´s im Leben selbst, der antibourgeoisen Revolte und einem illusionslos-fatalistischen Zynismus, der nicht nur alle Metaphysik als Schein verlacht, sondern auch sein brutal-gleichgültiges Verhalten Frauen gegenüber prägt. Sein Freund Heinrich Hessl, Bürgersohn wie Eugen, aber noch ganz den Konventionen des Bürgertums verhaftet, sucht ebenso (wie irgendwie alle in diesem Roman) und verzweifelt an seiner Unfähigkeit, den Weg zum Glauben und zu Gott zu finden. In den längeren essayistischen Passagen des Romans, formal Figurenreflexionen, breitet Améry das ganze Panorama des weltanschaulichen Zeitgeistes jener Jahre zwischen den Kriegen aus: Nietzscheanismus und Klages´sche Lebensphilosophie, die Psychoanalyse und den Positivismus des Wiener Kreises um Mach und Carnap als Gegenpol zum grassierenden Irrationalismus, auch Lesespuren aus dem Umkreis der heideggerschen Existenzialphilosophie meint man beiläufig finden zu können. Dazu tritt das Erotische in Gestalt Agathes, eines sinnlich-bewusstlosen Vollweibs mit träumerischem Augenaufschlag, die Inkarnation des Begehrens und erotischer Hingabe, die etwas unreife Phantasmagorie einer Frau, die sich in ihrer geradezu chthonischen Leiblichkeit der überlegenen Intellektualität des Mannes lustvoll-leidend unterwirft, bis hin zur Prostitution. Mit einem Wort: Die Figuren des Romans sind allem anderen voraus wandelnde Thesen und Weltanschauungsverkünder bzw. die Verkörperung von Prinzipien, und das schadet ihrer Lebendigkeit. Im Versuch, seine Zeit in ihren Gedanken, Werten und Konventionen darzustellen, erinnert das Buch stellenweise von Ferne an Brochs polyhistorischen Roman „Die Schlafwandler“ mit seiner Theorie des Zerfalls der Werte. Doch das Problem des jungen Améry ist es, dass er zuviel hineinpackt in ein Buch, dessen Struktur diese Überlast nicht trägt.

Hinzu kommt eine Sprache, die gerade im Zusammenhang mit Erotischem – durchaus eine der leitenden Obsessionen des Romans – von einer schwer erträglichen schwül-pubertären Pennälerhaftigkeit ist. Eugen leidet „überhaupt unter dem Erstarren aller Empfindungen zu Seelenkonventionen“. Wenn aber dann beispielsweise unter Eugens Nachdenken über die bereits ins Exil nach Frankreich und Holland Getriebenen das Begehren nach Agathe unwillentlich in ihm aufsteigt, liest sich das so: „Ich möchte jetzt fortgehen und sie besitzen, dachte Eugen. Aber er zwang sich noch hier zu bleiben. Was störst du meine vorsommerabendlichen Beziehungen zu Paris und Amsterdam, aufkochender Leib, dachte er. Gerade wars noch kühl und unsere Leiblichkeit lag noch tief unter dem bloßen Blutrauschen in den Adern. Der zarte, körperlich noch kaum wirksame Wunsch, dich zu besitzen Agathe, der früher in mir lag, war schöner und voller Reiz. (Das hatte er laut gesagt).“ Allen Ernstes. Ach, und überhaupt das sich hingebende Weib und der nicht nur qua Geist ihm überlegene Mann. Noch ein Beispiel gefällig? „Tiefer bog er sie rückwärts. Irre tastete er im zarten Gebäude ihrer Schenkel. Mit stoßhafter Gewalt öffnete der Mann ihren Körper, vordringend an die erstorbenen Elemente ihrer Lust, sie Stoß um Stoß erweckend.“ Das ist Groschenromankitsch, schlecht veredelte Beißerromanphantasie.

Das vagabundiert sprachlich sehr seiner Entstehungszeit verhaftet irgendwo zwischen dem frühen Expressionismus eines Döblin, einem über den Umweg der kurrenten Lebensphilosophie missverstandenen Nietzsche und Hesses metaphysischem Romantizismus; hier versucht einer, aus allen gängigen literarischen Münzen ein Amalgam zu scheiden, das idiosynkratisch genug sein will, an dem Versuch aber, eine eigene Sprache zu finden, die dem Stoff angemessen wäre, scheitert. Schwerlich ist das aber einem 23jährigen vorzuwerfen, der als Zeitgenosse bereits sehr hellsichtig und klar sieht, was da in Deutschland heraufkommt, der in seiner Suche nach einer adäquaten Form aber immer schon auf den Schultern von Riesen steht. Wer in seinem ehrgeizigen Wunsch, ein bedeutender Romanschriftsteller zu werden, und bei allem Bemühen um Eigenes doch so unverkennbar von seinen literarischen Vorbildern, allen voran Thomas Mann (über den die Protagonisten im Roman diskutieren) und Proust, aber eben auch Hesse, geleitet wird, muss als eigenständiger Stilist notwendig scheitern.

Der Inhalt des Buches soll hier nicht nacherzählt werden. Geschildert wird der Fall des aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßenen Eugen Althager, des autobiographisch grundierten alter ego des Autors, sein Niedergang und märtyrerhafter Tod. Seine stärksten Passagen hat der Roman fraglos dort, wo Améry in gespenstischer Prophetie dasjenige parabelhaft in Szene setzt, was der Autor später unter der Folter der SS am eigenen Leibe erleiden musste. Das ist dann von geradezu apokalyptischer Eindringlichkeit:

»Das tierische Gebrüll kam näher. Eugen vernahm nun schon deutlich die Worte jenes infernalischen Schlachtrufes, der, geboren aus einer irren Zeit, eine Menschengruppe zum Tode verdammte. Aber zu keinem menschlichen Tod: Nichts wusste der Ruf von den edelkühnen Worten: sterben, Grab; nicht trug sein Schall die wildhallenden: töten, erschlagen. Auf eine viehisch, würdelose Art sollte jene Menschengruppe zugrunde gehen. Nicht zu besiegen galt es sie wie einen Gegner. Wie Ungeziefer sollten sie – verrecken.
Plötzlich begann sich auch das Straßenbild mit unheimlicher Geschwindigkeit aus sich selbst zu verwandeln. Wiewohl auf dem Pflaster gelb die Sonne lag, schien es dunkler zu werden. Leer wurde plötzlich die Welt. Leute hielten ihre Hüte und flohen in Häuser. Manche waren verschlossen und die Flüchtlinge sprangen wie gejagte Hasen vor ihnen her. Näher kam das Geheul und schwang donnernd in der Luft. Sturmartig heulten die langgezogenen U.«

Dieser Roman ist in eben dem großen Maßstab, den er selbst sich setzt, missglückt, und der Rezensent gesteht, dass er sich oft gequält hat mit diesem Buch. Und dennoch ist es ein wichtiges Zeitdokument, ein durchaus anrührendes und bewegendes Portrait einer dunklen und zerrissenen Epoche, gesehen mit den Augen des Zeitgenossen, der das Unheil nahen sieht, aber sein Ausmaß noch nicht erfasst und auch nicht, wie sehr dieses hier angeschlagene Thema das Thema seines Lebens sein wird. In gewisser Weise ist das Buch den Reportagen Sebastian Haffners zur Seite zu stellen in der Synchronizität des Beschreibers und des Beschriebenen und das Wissen des heutigen Lesers um das, was dem Autor noch als offene und doch mehr als nur dunkel vorausgeahnte Zukunft voraus lag. Fraglos ist Améry als Essayist und Kritiker ungleich bedeutender denn als Romanschriftsteller. Dies ist ein Jugendwerk; wäre sein Autor nicht Améry, könnte man es, seien wir ehrlich, getrost vergessen. Dennoch ist die Entscheidung, dieses Buch in seiner ursprünglichen, unredigierten Form zu veröffentlichen, zu begrüßen, und sei es nur, um einen Weg zu zeigen, den der Autor dann – und jetzt weiß man eben: zum Glück – doch nicht gegangen ist, auch wenn es ihn schmerzte. Martin Warny

Jean Améry
Die Schiffbrüchigen
Mit einem Nachwort von Irene Heidelberger-Leonard
Roman, Klett Cotta
333 Seiten, EUR [D]  22.00
ISBN 978-3-608-93663-6
 


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