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»In
Freiheit und Treue zu sich selbst.«
Wege zum Paradies
Malte Rauch zum Tod von André Gorz
Als die Liebeserklärung des 83 jährigen André Gorz an seine ein Jahr
jüngere Frau Dorine erschien (»Brief an D. Geschichte einer Liebe«,
Rotpunkt-Verlag, Herbst 2007) dachte ich kurz daran, mal bei ihm vorbei
zu fahren. Ich stellte mir für einen Augenblick lang vor, wie er,
schüchtern nach Worten suchend, mit freundlichem Lächeln und einem
milden Silberblick (der nicht so krass war wie der von Jean-Paul Sartre)
von seiner fast sechzig Jahre langen Liebespartnerschaft erzählen würde
– wahrscheinlich immer noch in melodischem wienerisch. Und ich daraus
lernen könnte. Wie damals in Paris vor langer Zeit, als ich Journalist
werden wollte und er schon einer war - unter dem Namen Michel Bosquet
bei der Wochenzeitung »Le Nouvel Observateur«.
Daß Jean-Paul Sartre den jungen Gérard Horst, der in Wien als Gerhard
Hirsch zur Welt gekommen war, aus dem Lausanner Exil nach Paris geholt
hatte, erfuhr ich erst später. Hieß er da, in der Redaktion von Sartres
»Les Temps Modernes« schon André Gorz? Nicht nur jüdische Intellektuelle
firmierten in Frankreich lieber unter einem anderen Namen als ihrem
eigenen, den Spießer mal als deutsch, mal als jüdisch bespuckten. Und
das noch bevor der Chef der Kommunistischen Partei, Georges Marchais,
bei eben diesen Spießern zu punkten suchte, indem er Dani Cohn-Bendit
verhöhnte und fragte, wer ist schon dieser deutsche Jude?
Am Ende schrieb André Gorz, daß sie sich selbst immer neu erfinden
mußten, daß er und Dorine sich schon im Schweizer Exil als »displaced
persons« empfanden, die nur von der Beziehung lebten, die sie sich
gemeinsam schufen, in Freiheit und Treue zu sich selbst.
Er verehrte und bewunderte Sartre, dessen Werke und Ideen. Er war aber
nie, wie Jean Cau oder André Glucksmann, sein Sekretär, und er suchte
nie das permanente Rampenlicht mit ihm. Er hätte Sartre wahrscheinlich
nicht ermutigt, sich 1968 auf ein Holzkistchen vor dem Werkstor von
Renault heben zu lassen, um die streikenden und ratlosen
Automobilarbeiter zu agitieren; oder sich nach Stammheim zu begeben, um
das menschenfeindliche Schmierentheater eines Andreas Baader zu
unterstützen.
Sicher ist, daß er sich gegen seinen Mentor und Meister stellte, als die
Gruppe um Sartre forderte, die Leitartikel des Nouvel Obs erst nach der
Genehmigung durch ein »Redaktionskollektiv« zu drucken.
In unserem Film fürs deutsche Fernsehen damals, erklärte Michel Bosquet,
warum im Mai 68 die Zukunft begann (so auch der Titel des Films).
Es war schon das, was den Philosophen André Gorz später in seinen
Büchern wie »Abschied vom Proletariat« oder »Wege ins Paradies« zum
Begleiter eines neuen, ökologischen und undogmatischen Denkens gegen den
kapitalistischen Knockout machte.
Wie aus einer anderen Welt, erklärte Sartre damals, daß die
Intellektuellen jetzt auf der Seite des Proletariats kämpfen müßten, und
sein Sekretär, der spätere Großphilosoph André Glücksmann forderte uns
auf, ihm die gesamten Produktionsgelder auszuhändigen, weil wir ja nur
Filmmaterial, sie aber jetzt Waffen kaufen müßten.
André Gorz Liebeserklärung an Dorine Gorz war zugleich ein
Abschiedsbrief, in dem er seinen Freunden offenbarte, daß sein gesamtes
philosophisches und literarisches Werk in enger und unteilbarer
Zusammenarbeit mit ihr entstanden war. Weil Dorine sehr krank war und
unerträgliche Schmerzen hatte, nahmen sich beide am Montag, dem 24.
September 2007 das Leben. Malte Rauch
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