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Ein
zeitlos
gutes Leseabenteuer
Zur Wiederauflage der »Borribles«
Als die »Borribles« Mitte der 80er Jahre erstmals bei Klett-Cotta
erschienen sind, in drei Broschurbänden, jeweils in einem Pappschuber
mit stilsicherem Cover, schlummerte Tolkiens Herr der Ringe gemächlich
als Longseller vor sich hin, dachte noch niemand an Harry Potter, von
den Wilden Kerlen ganz zu schweigen.
Schon damals fand ich Michael de Larrabeitis Idee, der Welt der
Erwachsenen einen kindlich-anarchischen Gegenentwurf zu präsentieren,
der sich dem Genre Fantasy bedient, grandios. Vor allem, weil er dabei
auf weltferne Szenarien verzichtet, und stattdessen den Londoner
Stadtteil Battersea zum Schauplatz für seine Abenteuergeschichten
gewählt hat. Dort sind seine Borribles zuhause.
Das heißt, Borribles haben kein Zuhause, sie sind in unserem heutigen
Verständnis verwahrloste Straßenkinder, die in verlassenen Häusern und
Fabriken Unterschlupf finden und sich zu Stämmen zusammenrotten. Doch im
Gegensatz zu den meisten anderen Ausgestoßenen genießen sie ihr Leben
und würden mit niemandem anderen tauschen. Es ist gleichgültig, wo sie
herkommen, wenn sie nur das haben, was man »schlechte Voraussetzungen«
nennt. Ein Kind verschwindet etwa aus der Schule, und es spricht sich
herum, dass es einfach unbelehrbar war. Oder es gibt Geschrei im
Supermarkt, und ein Kind, auf frischer Tat als Ladendieb ertappt, wird
vom Hausdetektiv abgeschleppt. Solch ein Kind wird vielleicht ein
Borrible. Von den »normalen« Kindern sind sie auf den ersten Blick nicht
zu unterscheiden, lediglich an ihren nach oben spitz zulaufenden Ohren,
die sie meist unter Mützen, Kappen oder Tüchern verbergen, könnte man
sie erkennen. Borribles verfügen über ein erstaunliches Repertoire an
bemerkenswerten Sprichwörtern, die ihre Lebensphilosophie zum Ausdruck
bringen. Sie sind wahre Meister der Anpassung, kennen sie kein privates
Eigentum, sind meist friedlich, und nur, wenn sie sich bedroht fühlen
oder Gefahr laufen, von den Erwachsenen erwischt zu werden, setzen sie
sich auf ihre eigene Art zur Wehr. Denn erwischt zu werden, ist das Ende
für einen Borrible.
Eine klandestine Idylle könnte man denken, die sich eines Tages
allerdings als trügerisch erweist und in eine Kette von Abenteuern
mündet, welche die Grundsätze der Borribles auf harte Proben stellen,
und am Ende gar ihr Überleben als autonome Wesen bedrohen.
Die Geschichte ihres Existenzkampfes beginnt, als der Späher eines
Borrible-Stammes nahe des Battersea Parks unvermutet auf einen
Kundschafter der kriegerischen Rumbels trifft. Von da an ändert sich ihr
Leben. Die Umstände zwingen sie, mit vielen ihrer Kodexe zu brechen, und
sie erfahren an Leib und Seele, daß auch sie nicht gegen materielle
Verlockungen, falschen Ehrgeiz und größenwahnsinnige Machtgelüste gefeit
sind. Durch die große Rumbeljagd verstricken sie sich in immer
gefährlichere Abenteuer, bis sie es schließlich, gerade noch einmal
glimpflich aus dem Labyrinth der Wendels entkommen, mit der SBE, einer
neuen Sondereinheit des Innenministeriums, zu tun bekommen, die unter
dem Kommando des heimtückischen Inspektor Snuffkin eine
Schleppnetzfahndung vorbereitet, mit dem Ziel, allen Borribles die Ohren
zu stutzen und sie somit unwiderruflich zu kleinen, brauchbaren
Erwachsenen zu machen.
De Larrabeitis Horror ist der alltägliche, das Böse wird verkörpert
durch das real entfremdete Leben einer Erwachsenenwelt, dem die
Borribles eine urwüchsige, im positiven Sinn anarchische Existenz
entgegensetzen. Ihre Abenteuer sind parabelhafte Lernprozesse, wobei der
didaktische Impetus im großen Lesespaß aufgeht. Auch nach gut zwanzig Jahren
hat sich daran nichts geändert, außer der dem herrschenden Zeitgeist
geschuldete Buchumschlag. But:
don’t judge a book by its cover.
Die Borribles bleiben die Guten. Zeitlos gültige Identifikationsfiguren,
denen das aufgeweckte Kind seine angepaßten Eltern ruhig anvertrauen kann. Und
vielleicht ist es sogar gut, daß ihre Geschichte noch nicht stattgefunden hat in
der Welt des Kinos, das uns auf eine den Gesetzen des
Marktes unterworfene Sehweise der Geschichte verdonnern würde. So kann
sich jedes kleine und große Kind seinen eigenen Film von den Borribles
machen. Herbert Debes
Ihr Autor, Michael de Larrabeiti, wurde 1934 in London geboren und wuchs
im Stadtteil Battersea auf, genau in der Gegend also, wo die Borribles
leben. Er arbeitete als Englischlehrer in Casablanca, als Fremdenführer
in Frankreich, als Kameramann in Asien, als Schafhirte in der Provence
und studierte zwischendurch in Paris, Oxford und Dublin. Er ist Autor
mehrerer Romane und Erzählbände.
Michael de
Larrabeiti
Die Borribles
Die Trilogie in einem Band»Auf zur großen Rumbeljagd«, »Im
Labyrinth der Wendels«, »Die Schleppnetzfahndung«Aus
dem Englischen von Joachim Kalka (Orig.: The Borribles)
Hobbit Presse / Klett-Cotta
Klappenbroschur 799 Seiten,
€ 19,90
ISBN: 978-3-608-93787-9
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