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Eine
mitreissende Suada
Lothar Struck über das begeisternde Debut der Ariane Breidenstein
Ein Assoziationsrausch. Korallenbäume des Erzählens. Eine
mitreissende Suada. Vielleicht ein Menetekel. Manchmal mit feiner Ironie
und manchmal (wie die ganz frühe Jelinek) sprachspielerisch-kalauernd (Nahrung,
Nehrung, Kurische). Und vor allem mit fast im wörtlichen Sinne
wahnsinniger Sprache mit einer gleichzeitig anmutenden, anheimelnden
Sprachmelodie; ein in den besten Szenen rhythmisch-poetisches Wutgedicht
in Prosaform (die manchmal eigenwillige Kommasetzung will erst erlesen
werden). Und dabei meilenweit von einer faulen Entrüstungsmetaphorik
oder schalem Gewitzel entfernt. Ein Buch für die sprichwörtliche Insel –
es verlangt nach mehrmaliger, intensiver Lektüre und jedes Mal erscheint
ein neuer Aspekt, ein neues Detail, ein neuer Ton, der alles vorherige
nicht konterkariert, sondern ergänzt und man wird und wird mit dem
schmalen Büchlein so schnell nicht fertig.
Am Anfang begeht man vielleicht noch den Fehler, der Frau, der
offensichtlich jedes soziale Verhalten fremd ist, einfach eine
Krankheit anhängen zu wollen, nach ihr zu fahnden, zu diagnostizieren.
Ihre Somnambulität einerseits und rastlose Unruhe andererseits; ihr
animistisches Denken, ihre Betrachtungsversessenheit (wer hat jemals
eine zermatsche Erdbeere am Boden so schön und metaphorisch geradezu
zelebriert?), ihre Baumliebe, die in den Wunsch gipfelt, zu einem Baum
zu werden (auch hier eine Bilderfülle), ihre Begeisterung für Jane
Campions "Piano". Man sammelt eine Zeit lang Indizien. So, als müsse man
allem gleich einen Stempel aufdrücken, um es / um sie dann besser
beherrschen zu können. Aber dann wird man glücklicherweise irgendwann
endgültig verzaubert. Verzaubert und gebannt, hineingesogen in diese
Wortkaskaden, in dieses wilde Getümmel, welches oft genug scheinbar
unzusammenhängendes herbeiphantasiert und verbindet.
Ariane heisst die Monologisierende, die Empfindungsmaschine, oder
auch A.B. Sie ist 30 Jahre alt, ihre Mutter an Krebs gestorben, ihr
Vater, der alte Sadomasoch, ein Abwesenheitsmensch mit
Sekundenkleber, der, so glaubte sie, durch sie erzogen werden muss
(sie selber betrachtet ihre Erziehung durch ihre Eltern als
gescheitert). Man klaubt sich diese Fetzen im Laufe des Buches heraus;
nach zwei Dritteln des Buches werden die Wortkaskaden vorübergehend ein
bisschen entbunden von ihrem surrealen Assoziieren (…nicht immer in
diesen Schlüsseln und Rätseln…).
Die grosse Kunst von Ariane Breidenstein ist, ihre Figur weder der
Lächerlichkeit preiszugeben noch sie zu einer exotischen
Zirkusattraktion verkommen zu lassen. Und fast immer gelingt ihr dieser
Spagat – und eben nicht mit angelerntem Schreibkurswissen oder steriler
Routine, sondern mit so etwas profanem (und gleichzeitig schwierigen)
wie Leidenschaft für ihre Protagonistin (sei es sie selber oder nicht –
in die Spekulation um die Authentizität werde ich mich nicht begeben, um
den Zauber nicht zu zerreden).
Am Anfang eine Epiphanie aus der Kindheit:
Ich war ja ohne Zeit ein einziger schmerzhafter Klumpen in einer
Wiese unter den Malven und der schönste Moment war der in dem meine
Mutter mich einmal vergaß. Ich fühlte es schon beim Liegen in der Wiese,
daß dieser Tag ein besonderer sein würde, und als ich später mit engem
Herz wieder in die Küche kam und meine Mutter sagte, sie hätte die Zeit
vergessen, sie hätte mich ja gerufen, wo ich denn gewesen wäre, ich war
ja noch sehr klein, sie hätte mich nicht finden können, wo ich
alldieweil beinahe neben ihr im Gras lag, sie aber nicht hatte hören
können und immerzu den blauen Himmel über mir sah und die Malven und
dieser Moment, dort im Gras, das flachgetreten war, eine Art Entennest,
lag ich inmitten der Halme und sah den Himmel, der kleine Haselstrauch
machte mir einen Schatten ins Gesicht, derweil ich nur meinem
Hautwiderstand folgend endlich sah, vielleicht das einzige Mal in meiner
Kindheit, daß es einen Augenblick der Ruhe gab, vielleicht, rufe ich,
jetzt wieder hysterisch werdend, der einzige Augenblick überhaupt in
meinem Leben, das ja eine einzige versagte und versagende Kindheit ist,
in dem ich eine Ruhe gehabt und deswegen gesehen habe und was sah ich,
den Himmel, und die Malven, und die Grashalme. Keine Wolke, einen Dunst,
namenlos, der da war wie ein Atmen von der Welt, die da war, wo ich war
in diesem Augenblick und sonst nirgends, vielleicht der einzige
narzisstische Moment, rufe ich hysterisch.
Und immer wieder dieser inzwischen "zerstörte" Garten, das Beschwören
der Kindheit, der Natur und die Abscheu auf das, was man
Kulturlandschaft nennen kann (Seuche) – also fast alles, ausser
vielleicht ein paar Friedhöfe. Da werden die Spinnen am Fahrrad zum
Kontrast zur Landschaft, und der grosse Ausflug in die Natur scheitert
und es bleibt nur das Schreiben, nur noch im Schreiben leben, die
Welt entfällt und wir erfahren über ihr Schreiben seit der Kindheit,
die vernichtenden Urteile des Vaters, den sie irgendwann foppt, ihn mit
Zitaten von Dostojewski konfrontiert, diese als ihre ausgibt, und er sie
dann auch – wie alles vorher - niedermacht und auch irgendwann, fast am
Ende, das Erzählen über den Versuch ihrer Mutter, das Kind als
Hochbegabte zu dressieren, ein Vorzeigekind aus mir machen wollen, so
ein Objekt zum Angeben, ein Niveauzuwachs der blassen Kaffeekränzchen,
ein dressiertes Äffchen, das Kunstturnen konnte und dann nicht mehr
durfte […] mit drei Jahren hatte ich angefangen, wurde auf einer
umgedrehten Bank in den Spagat gedrückt, die Knochen krachten, fünfmal
die Woche, schon frühe Wettkämpfe, gewonnen, Erste oder Zweite, aber
mich nie daran gefreut und immer nur erleichtert gewesen und es
gleichzeitig peinlich gefunden.
Und es gibt sie anfangs noch, die Unterbrechungen der heilsamen
Isolation, wo ich sonst die Tage, die Enden, die Wochenenden fast immer
allein, heute das Treffen mit einer Telefonfreundin und ihrer Tochter im
Park. Wir werden Beeren essen, tröste ich mich, ich werde das Gras in
den Händen halten und mich vielleicht ein bißchen langweilen in
menschlicher Gesellschaft und frage mich, wie ich in nur wenigen Tagen
so dermaßen davon abrücken, dort herausfallen konnte, auch bekam ich
Rechnungen wegen der Miete und das Telefon wurde für kurze Zeit
abgestellt, weil ich es einfach nicht über mich bringen, genauso wenig
wie einen Mantel zu kaufen, konnte ich plötzlich die Miete usw. obwohl
ich das Geld gehabt hätte, konnte ich nicht, es war nicht
Vergesslichkeit, sondern ein Fieber, eine Angst und der alte
Verfolgungswahn auch eine Art Schuldgefühl und habe dann aber doch auf
Aufforderung und weil ich mit Taiyo telefonieren wollte, mir ja unsere
wöchentlichen Gespräche oft wie das einzig Wesentliche und mich noch
Berührende erschienen sind, während ich vom Rest durch eine Art
Funktionszusammenhang völlig abgeschieden war. Aber ganz am Schluss
klingt es programmatisch, selbstbeschwörend, an: Soviel Außenwelt wie
nötig, sowenig Außenwelt wie möglich. Hinwendung zur Abwendung.
Und eigentlich möchte man nur zitieren. Immer und immer wieder. Und da
findet man auf der Suhrkamp-Seite dann noch eine Kostbarkeit:
die Autorin liest rund 15 Minuten aus ihrem Buch (14 MB); sehr
sinnlich; rhythmisch, musikalisch. Und wer da nicht weiterlesen will,
ist selber Schuld. Lothar Struck
Ariane Breidenstein - Und nichts an mir ist
freundlich
Suhrkamp, 139 Seiten, Gebunden
Euro 14,80 [D], ISBN 978-3-518-41906-9
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