Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

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Polyphrasie


Chandler Brossard
Wacht auf! Wir sind gleich da!
Roman
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid
Rogner & Bernhard
764 Seiten, geb.
Euro 29,90
ISBN 3-8077-1015-9

»Chandler Brossard, Beat-Literat der vordersten Reihe, hierzulande gänzlich unbekannt, hat mit seinem Meisterwerk »Wacht auf! Wir sind gleich da!« einen Roman geschrieben, der sich allen erzählerischen Konventionen entzieht. Sein Thema ist der moderne abendländische Mensch, der nur durch die Wiedervereinigung mit seiner animalischen Natur sein ungeheures Potential ausschöpfen kann. Sex, Phantasie, Zen-Buddhismus und fetttriefende Gaumenfreuden begleiten ihn auf diesem Weg. Brossards handelnde Personen überschreiten alle Grenzen. Zeit, Raum, Moral, Identität haben keine Bedeutung. Die Charaktere überlassen sich der Ekstase, spielen ihre Spielchen, driften vom Realen ins Surreale, schlüpfen in verschiedene Hüllen, erscheinen im Bauch des Trojanischen Pferdes, im kongolesischen Dschungel, in den Hurenhäusern Europas, in verrückten Renaissance-Tavernen, im Vietnamkrieg und in arabischen Harems voller Wollust.«
WACHT AUF! WIR SIND GLEICH DA! ist ein mehrere hundert Seiten währender Trip und »unbestreitbar der Roman der 60er« (Review of Contemporary Fiction). Seine halluzinatorische Botschaft ist kein leeres Versprechen, sondern eines, das sich bereits auf den ersten Seiten der Lektüre über alle Gebühr erfüllt.

Schlaft weiter, der Zug ist abgefahr'n!
Hätte ja sein können, daß ich was verpasse, also habe ich mir nach dem Riesenriemen auf Spiegel-Online im Juli das Buch von
Chandler Brossard bestellt, bereit aufzuwachen, um zu sehen, wo's lang geht. Es stimmt auch alles, was hier oben im Pressetext steht - nur leider 30 Jahre zu spät. Brossard knallt mir eine gigantische Sprechblase vor die Birne, eine Polyphrase, die seinerzeit vielleicht cool war. Aber das muß ich heute nicht mehr lesen, nachdem ich William Gaddis, Bukowski, Fante, Brautigam und natürlich Pynchon gelesen habe. Übrigens war ein sehnsüchtiger Blick in Kerouacs "On the Road" danach ebenso ernüchternd. Literaturgeschichtlich mag das Zeug ja einen Meilenstein beschreiben, aber der Stoff ist mittlerweise verdunstet. Er hat die Jahre nicht überlebt. Schönen Gruß. Herbert Debes

Chandler Brossard, geb. 1922 in Idaho/ USA, ist in Washington D.C. aufgewachsen. Sein erster Roman Who Walk in Darkness erschien 1952. Keines seiner zahlreichen Werke ist bislang ins Deutsche übersetzt worden.

Brossard hat für das Look Magazine, Time Magazine, sowie The Washington Post und The New Yorker geschrieben. Er starb 1993 in New York City.

»Chandler Brossard schreibt wie ein Engel und der Teufel gleichzeitig.«
Milwaukee Journal

Leseprobe
Ich nehme nicht an, dass in einem klasse Publikum wie diesem hier sich jemand für die Kindheit eines Buckligen interessiert, aber ich will sie Ihnen trotzdem nicht vorenthalten. Man kann schließlich, wie Hegel gesagt hätte, nicht ewig von Windbeuteln und Selbsttäuschung leben. Meine Mutter war eine baumlange Lesbe, mein Vater freier Flötist. Soviel ich weiß, haben sie sich bei einem Bierhallenputsch in Schleswig-Holstein kennen gelernt, gleich nachdem man die Mauren vertrieben hatte. Oder war das Sinbads Beschneidung? Die Einzelheiten weiß ich jetzt nicht so genau, nur was das Ergebnis anbelangt, bin ich mir sicher. Ich meine, wenn ein buckliger Zwerg nicht um seine Existenz weiß, wer dann? Meine frühesten Erinnerungen drehen sich um einen Koloss von einer Dänischen Dogge namens Harry (meiner Mutter Vorstellung von einem Babysitter) und einem geradezu irrsinnig schönen achatäugigen kleinen blonden Mädchen im Haus nebenan. Mit nebenan meine ich in einem anderen Teil des Waldes, da die Gegend, in der wir hausten, beim besten Willen nicht als besiedelt oder gar bebaut zu bezeichnen war. Adler, Wombats, Wölfe, Hexen - diese Art von Gelichter trieb sich bei uns rum, und an einem verregneten Tag hätte man meinen können, in der Achselhöhle eines Riesen gelandet zu sein. Und wo wir grade vom Regen sprechen: das, was bei uns vom Himmel fiel, auch wenn es nass war, das schon, hatte nichts mit dem zu tun, worum der Landmann betet und was die Freiluftballetteuse verflucht. Nein, unser Regen, das waren - wie mir meine Mutter erklärt hat, als ich noch klein war - die Tränen aller Tiere dieser Welt, vom Anbeginn aller Zeit.

 

 


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