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Bullshit
über die Wahrheit
Lothar Struck über Harry G. Frankfurts neueste Mogelpackung
Am Anfang schreibt
Harry G. Frankfurt, dass seine Abhandlung Über die Wahrheit
eigentlich ein Prolegomenon für Bullshit ist. Bullshit ist
jener banale Aufsatz, mit dem Frankfurt zwanghaft eine neue
Diskurskategorie entdecken wollte, in Wirklichkeit jedoch nur das dumme
Geschwätz der Politiker, Medienmacher und Werbeleute meinte; alter Wein
in neuen Schläuchen.
Mit der Wahrheit haben sich Scharen von Philosophen und Schriftstellern
beschäftigt. Insofern wagt sich Frankfurt diesmal auf gut untersuchtes
Terrain mit unzähligen Verzweigungen und Differenzierungen. Aber all das
ficht ihn nicht an. Jahrtausendelange Erkenntnisse und (philosophische)
Gedankenmodelle über Wahrheit und Lüge wischt er mit einem Federstrich
zur Seite, bezeichnet die Beschäftigung damit pauschal als unergiebig
und beschreibt zunächst einmal, was er alles nicht aufzeigen will. Der
Kern seiner Aussage lautet dann, dass es (1.) so etwas wie Wahrheit gibt
(Frankfurt zieht sich auf ein Alltagsverständnis des Begriffs
zurück; ein sich vielleicht interessant entwickelnder Gedanke über einen
aus dem Wahrheitsanspruch resultierenden Universalismus wird natürlich
nicht ausformuliert) und dass (2.) eine Gesellschaft, die wahr von
falsch trennt auf Dauer grössere Vorteile besitzt, als
postmodernistische Leugner der absoluten Wahrheit, denen er den
Niedergang vorhersagt. Das ist in etwa die Quintessenz eines
Unterprimaners, die hier als Erkenntnis feilgeboten wird.
Irgendwann erfahren wir denn doch noch, dass Wahrheit das ist, was
die Fakten sind, bekommen das auf dem Niveau eines Beispiels
erläutert, dass man bei Regen besser einen Schirm mitnehmen sollte,
lernen eine krude Interpretation des Lust-Begriffs bei Spinoza kennen,
erfahren, warum die Lüge eigentlich doch nicht so schlimm ist wie Kant
und Montaigne das glaubten (obwohl sie uns – so Frankfurt - verrückt
macht) und landen dann am Ende bei einem Shakespeare-Sonett, in dem
beide Liebenden sich wissend gegenseitig belügen. Da bleibt dann dem
Verfechter der Wahrheit nichts anderes übrig, als zu dieser Art von
Lügen dann doch zu raten – Hauptsache, man ist glücklich damit!
Das wird garniert mit ein bisschen Vernunft und einer Prise
Grossmutterlogik, die die Menschheit zum unbedingten Festhalten am
Realitätsbegriff beschwört. Alles ziemlich nebulös und ziemlich
stammtischhaft. Statt ausgeführte Argumente gibt es tautologische
Behauptungen - es ist halt so, weil es so ist.
Am Ende glauben wir zu wissen, warum der Suhrkamp-Verlag trotz des guten
Verkaufserfolgs von Bullshit diesmal wohl verzichtet haben muss,
denn Über die Wahrheit erscheint bei Hanser. Oder Michael Krüger
hat dem emeritierten Professor einfach mehr für die Rechte bezahlt. Aber
das wollen wir doch nicht hoffen.
Lothar Struck
Die
Wahrheit über Bullshit
Gregor Keuschnig über Harry G. Frankfurts
Mogelpackung
»Bullshit«
Aufmerksam geworden durch
dieses Interview (Die Zeit, 23.02.2006, »Schluß mit der
Lügerei«) und eine entsprechende Werbung, die versprach, dass dieses
Buch mein Leben verändern wird, griff ich zu.
Das Buch ist kurz; in vielerlei Hinsicht. Es hat 73 Seiten, das Format
ist sehr handlich (10,5 cm x 15,5 cm); immerhin harter Einband. Zweimal
Strassenbahn gefahren – und man hat es durch.
Trotzdem: Erstaunlich, wie viel Redundanz in einem so dünnen Buch
stecken kann. Dabei gibt es noch nicht einmal eine ausgearbeitete
Theorie über das Sujet. Und der mit einiger Wonne immer wieder zitierte
Begriff des »Bullshit« bleibt auch nach der Lektüre eine Phrase – eben
Bullshit.
Immerhin versucht Frankfurt seinen Begriff gegenüber den bisher
gebräuchlichen (beispielsweise des Humbugs) abzugrenzen. Und im
Gegensatz zum Lügner stellt er fest:
Das einzige unverzichtbare und unverwechselbare Merkmal des
Bullshitters ist, dass er in einer bestimmten Weise falsch darstellt,
worauf er aus ist. [...] ...der Lügner verbirgt vor uns, dass er
versucht, uns von einer korrekten Wahrnehmung der Wirklichkeit
abzubringen. [...] Der Bullshitter hingegen verbirgt vor uns, dass der
Wahrheitswert seiner Behauptung keine besondere Rolle für ihn spielt.
Wir sollen nicht erkennen, dass er weder die Wahrheit sagen noch die
Wahrheit verbergen will.
Leider ist das für mich wenig überzeugend, da ja auch der Lügner seine
Lüge verbirgt. Er und der Bullshitter verbergen beide, dass sie nicht
die Wahrheit sagen, denn sonst würde ihre Intention ja
»auffliegen«.
Der einzige Unterschied könnte darin bestehen, dass der Lügner die
Wahrheit kennt, während der Bullshitter inzwischen selbst Gefangener
seiner eigenen Lügengespinste geworden ist. Es könnte aber auch sein,
dass der Bullshitter ein selektierender ist, der nur Teilaspekte der
Wahrheit herausstellt und als alleinige Wahrheit verkauft. Dies bleibt
leider im Diffusen.
Interessant übrigens die Gründe, die Frankfurt angibt, warum Bullshit
produziert wird:
Bullshit ist immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen
dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen. [...]
Die gegenwärtige Verbreitung von Bullshit hat ihre tieferen Ursachen
auch in diversen Formen eines Skeptizismus, der uns die Möglichkeiten
eines zuverlässigen Zugangs zur objektiven Realität abspricht und
behauptet, wir könnten letztlich gar nicht erkennen, wie die Dinge
wirklich sind. Diese „antirealistischen“ Doktrinen untergraben unser
Vertrauen in den Wert unvoreingenommener Bemühungen um die Klärung der
Frage, was wahr und was falsch ist, und sogar unser Vertrauen in das
Konzept einer objektiven Forschung.
Wie fast all seine Behauptungen werden diese in leichten Variationen
noch ein- oder zweimal umformuliert – und dann ist auch schon das Buch
zu Ende. So einfach ist das manchmal.
Der Erfolg, den dieses Buch hat (haben soll?), ist mir unerklärlich.
Zwar wird mit
»Bullshit«
eine griffige Vokabel für das Täuschen, Auslassen und Zurechtbiegen von
Wahrheiten oder das pseudo-wichtigtuerische Geschwätz innerhalb und
ausserhalb der Medien benannt, die sich freundlicher anhört als
»Lüge«
und deftiger als das harmlose
»Unwahrheit
sagen«,
aber die Ausbeute ist mir zu gering; viel zu gering.
Wenn man böse ist, könnte man sagen, Frankfurt produziere selber
Bullshit mit seinem Bullshit-Gerede. Und im übrigen halte ich es lieber
mit einem schönen deutschen Wort:
»Stuss«
(und derjenige, der
»Stuss«
erzählt, ist ein
»Quatschkopf«).
Gregor Keuschnig
In Gregor Keuschnigs kulturkritischem Blog »Begleitschreiben«
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Begleitschreiben
Harry G.
Frankfurt
Bullshit
Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff
Suhrkamp-
73 Seiten, Leinen
Euro 8,00 [D] / Euro 8,30 [A] / sFr 14.90
ISBN 978-3-518-58450-7
Harry G.
Frankfurt Über
die Wahrheit
Übersetzt aus dem Englischen von Martin Pfeiffer
Hanser - 96 Seiten,
Pappband
ISBN-10: 3-446-20838-0/ISBN-13: 978-3-446-20838-4
€ 10,00
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