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Foto: An der Theke / Küssendes Paar, Köln, um 1956,
© Museum Ludwig, Köln

Außer Atem kommen und hinter die schöne Larve…
Der Kölner Fotograf und Künstler Chargesheimer im Museum Ludwig Köln
Von Peter V. Brinkemper

Noch bis zum 6. Januar 2008 erinnert das Museum Ludwig Köln mit der Ausstellung Chargesheimer. Bohemien aus Köln 1924-1971 an den bedeutenden Fotografen und multimedialen Künstler Chargesheimer, der in seiner Jugend das unzerstörte Köln kennenlernte und zum kritischen Widerpart der angepassten Nachkriegsgesellschaft wurde.

„Glaube bloss nicht, dass ich Deine schöne Larve fotografiere – erst wenn Du nicht mehr kannst, unkontrolliert, atemlos und ziemlich am Ende bist – wirst Du interessant für mich.“ Dies soll Chargesheimer zur Ballerina Tilly Söffing anlässlich ihres Kölner Engagements gesagt haben.

„Erinnerung verklärt“, kommentiert Bodo von Dewitz, Kurator der neuen Chargesheimer-Ausstellung im Museum Ludwig, denen u.a. zwei Ausstellungen, vom Ehepaar Renate und L. Fritz Gruber sowie Reinhold Mißelbeck betreut (1986/7), vorangingen. „Chargesheimers Verhältnis zu Köln war von Liebe und Hass geprägt, von liebevoller Hinwendung zu seiner Stadt und bellenden Hasstiraden auf ignorante Zeitgenossen, auf bornierte Stadtpolitiker und eingebildete Kulturvertreter. Er war ein unerbittlicher Kritiker seiner Zeit, der nicht nur offen seine Meinung äußerte, sondern auch bereit war, bittere Konsequenzen zu ziehen.“

Foto: Vorbereitung zur Prozession / Unter Krahnenbäumen, Köln, um 1950
© Museum Ludwig, Köln
Altköln und Führeraufträge
Chargesheimer war am Kriegsende 21 Jahre jung. „Er besetzte die Rolle des radikalen Künstlers und Einzelgängers, geprägt vom klassischen Leitbild des Bohemiens, des Künstlers als Bürgerschreck, aber auch von den moderneren Varianten des Flaneurs bis hin zum Dandy. Er war eine Ausnahmeerscheinung und sicher eine der bedeutendsten Künstler- und Fotografenpersönlichkeiten der Nachkriegszeit.“ (von Dewitz)

Als schillernde Persönlichkeit trieb er Legendenbildung. Gefördert in seinen künstlerischen Talenten von seiner Mutter erlebte er seine Jugend in der Ära der Nazis, sein Vater war engagiertes NS-Parteimitglied Und in der Studienzeit an der Bayerischen Staatslehranstalt für das Lichtbildwesen war man wohl unter Dr. Carl Lamb und seinem Führerauftrag, Bayerische Denkmäler fotografisch für ein tausendjähriges Überleben zu selektieren, dem propagandistischen Konnex zwischen Fotografie und Politik kaum je näher.

Foto: Charles E. Fraser, Chargesheimer in der Wohnung von L.F. Gruber, Köln, um 1951.
© Charles E. Fraser

Ein anlautendes Künstler-C
Ab 1947 setzt sich der junge Fotograf, der noch in Köln weiterstudiert, schnell mit Aufträgen für die Bühnen in Hamburg-Harburg, Hannover, Köln und Essen durch. In der Folge macht er mit Metallskulpturen und Lichtgrafiken durch Experimente am Negativ oder auf Papier als Künstler auf sich aufmerksam, in einem Zeitalter, wo in Deutschland noch die Anerkennung der fotografischen Kunst allgemein errungen werden muss. Später werden seltsame kinetische Lichtmaschinen folgen, die dennoch ihre eigene Logik besitzen. Schon 1948 adoptiert er zu seinem Namen Karl Heinz Hargesheimer, unter dem er am 19. Mai 1924 in Köln geboren wurde, das anlautende und vollmundig-französisierende C.

1950 nimmt er durch L. Fritz Gruber an der ersten internationalen photo-kino-Ausstellung in Köln 1950 teil. 1957 erscheint sein berühmtes „Spiegel“-Titel-Porträt von Konrad Adenauer, als Auftrag der Hamburger Redaktion, diesen als unwählbaren Greis dazustellen. Wer aber genauer hinschaut, erkennt eine modernistisch ausgeleuchtete Maske, ein regelrechtes Totemtier, darunter aber auch die Lebendigkeit und Geistesgegenwart eines irgendwie junggebliebenen Schamanen. Insofern bleibt fraglich, ob die Chargesheimerschen „Gesichtslandschaften“ und „Kopfmonumente“ (von Dewitz) wirklich wahlabschreckend funktionieren.

Ab 1957 erscheinen die ersten berühmten Fotobücher, die in dem jetzt erschienen Band dokumentiert werden, zunächst „Cologne Intime“, 1957“ und  „Unter Krahnenbäumen“, 1958, Werke, in denen noch die pittoresken Restbestände des alten Kölle und seines Veedellebens inszeniert werden.

Foto: Blick vom Autobahnzubringer Köln-Deutz, Köln, um 1956
© Museum Ludwig, Köln
Die Ruhrpott-Apokalypse
1958 schlägt Chargesheimer dann mit dem Bildband „Im Ruhrgebiet“ andere Töne an. Er kombiniert dabei mehrere Bildsprachen mit abschreckendem Effekt. Zuvor fing er Ruinenbilder ein, zwischen halbwegs intakter realistischer Umgebung und detailversessener Abstraktion, fast Wolssche Kunstwerke voller nervöser Zerstörungslinien aus verbogenem Stahl und zerborstenem Stein und Beton. Andererseits lieferte neorealistische Straßenszenen aus Köln und Paris, Steingrau, voll mit pulsierendem Leben; Handel und Verkehr. Geselliges und Anonymes in der Straßenfotografie, das Veedelsleben in „Unter Krahnebäumen“, aber auch den wachsenden Konsum auf der Hohen Straße, soziale und individuelle Physiognomien der Street-Photography, existentialistische Kneipenszenen zwischen Liebe, Suff, Lust und Frust. Trümmer- und Architekturinszenierung, vitale Porträtkunst und Straßenleben werden nun im „Ruhrgebiet“ zu einer nüchternen, stellenweise sehr kritischen und fast apokalyptischen Vision verdichtet, so in der Essener „Schutthalde“, die den von Smog und Dampfwolken eingehüllten Horizont und das Panorama von Schornsteinen, Fabriken und Wohngebieten (wie Garzweiler) bald zuzuschütten droht. Alte Zechensiedlungen in Backstein erscheinen vor Fördertürmen, bevor sie von neuen sterilen Arbeitersiedlungen verdrängt werden. Dazu das Ackern der Bergleute im Pütt untertage und der Kampf der Stahlarbeiter mit dem funkensprühenden, sengendheißem Element. Die Reaktion des Oberbürgermeisters von Essen, im Namen aller betroffenen Kollegen: „Wir sind es gründlich leid von Außenseitern in dieser Weise dargestellt zu werden... Wir haben nicht die Absicht, derartige Veröffentlichungen unwidersprochen hinzunehmen... Solche Darstellungen akzeptieren wir nicht!“ Um nun die Zensur und Ächtung der Politiker anzuprangern, wird der Briefkrieg fortgesetzt durch den Verleger Dr. Witsch und Heinrich Böll, wiederholt Autor von Texten zu den fotografischen Buchwerken, immer auf Augenhöhe mit Chargesheimer, der seine Bilder keinesfalls vom Wort, und sei es von Heinrich Böll, erstickt haben will.

Geschichte - direkt auf der porösen Haut
Aber auch die „Romanik am Rhein“ (1960) wird von Chargesheimer nicht verklärt, die Reinszenierung der überdauernden geschichtlichen Kirchen und Bauwerke ist nicht sein Fall. Säulen, Friese, Figuren werden aus nächster Nähe, in haptischer Mikrologie untersucht, der Stein erscheint als das Gedächtnis der Abnutzung, als eine Jahrhunderte alte und poröse Haut, die Tausende und Abertausende von Händen und Eingriffen erlitten hat.

Allesamt sind die durch die Medien weit verbreiteten und recycleten Porträts von VIPs, Künstlern und Politikern geprägt von der Methode Chargesheimers, durch Lichtregie bei der Aufnahme, aber auch durch Nachbelichtung und Ausblassen beim Entwickeln, die Abstraktionswirkungen der Schwarzweiß-Fotografie zu steigern, um die Typik eines Gesichtes hervorzumodellieren. So entstehen plastische oder grafische Ansichten bekannter Stars mit einem eigentümlich zeichnerischen oder skulpturalen Duktus: Chet Baker und viele weitere Jazz-Musiker, Romy Schneider, Jean-Paul Belmondo, Kardinal Frings und Trude Herr, Willy Brandt und der US-amerikanische Fotograf und Kurator Edward Steichen.

Theatralisierung der Räume
Chargesheimer ist nicht nur Theaterfotograf, er hat Theaterarbeit als Regisseur und als stilprägender Bühnenlichtbildner geleistet, er setzt Überlagerungen von selbst produzierten oder übernommenen Bild-Projektionen ein, wie für Luigi Nonos „Intolleranza“ (Kölner Uraufführung1962). Die keineswegs zufällige Korrespondenz der Theaterarbeiten und der ausgesprochenen Theatralisierung von Architektur in seinen Fotografien ist ein wichtiger Befund Anja Hellhammers in diesem Band. Und damit ergeben sich auch Parallelen zu den kinetischen Bild-Licht-Maschinen, die im digitalen Zeitalter noch aktueller denn je werden könnten.

Auf der photokina 1971 inszeniert L. Fritz Gruber Chargesheimers Vermächtnis: „Köln 5 Uhr 30“, ein Buch über Ansichten des trostlosen Kölns, als einer einsamen Stätte, von Menschen leergefegt, in der gerade alle ehrenwerten Bürger, glorreichen Halunken, Huren und Narren schlafen. In der Leere der Bilder wird vor allem die Zerstörung des nördlichen Viertels und seiner Querstraßen, so „Unter Krahnenbäumen“, durch die große Schneise der Nord-Süd-Fahrt deutlich. Es geht um die Identiätslosigkeit von Architektur und Stadtplanung fast bis heute – keine Freiräume, keine Halte- und Ruhepunkte, ein zugepflasterter „Kirmesplatz“ (Wolfgang Vollmer) einer sich immer wieder an fremde Imperative verkaufende Buden und Vergnügungsstadt am Rhein. Wahrscheinlich hat sich Chargesheimer in der Silvesternacht vom 31. Dezember 1971 in Köln das Leben genommen. Weil sein Stern im Sinken begriffen war? Wer weiß das schon so genau?

Chargesheimer. Bohemien aus Köln 1924-1971.
Ausstellung des Museum Ludwig Köln
29. September 2007 – 06. Januar 2008
www.museenkoeln.de/museum-ludwig

Buch: Chargesheimer. Bohemien aus Köln
1924-1971
Hrsg. Bodo von Dewitz
Museum Ludwig Köln, Greven Verlag Köln 2007
352 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-7743-0402-4
48 Euro

 


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