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Metamorphosen
Ein sehenswertes Fotoprojekt von Lutz Schelhorn und Stefan Mellmann zur
Erinnerung an die Deportation der württembergischen Juden
»Die
Chemie der Erinnerung«
Der
Fotograf Lutz Schelhorn begab sich ab 2004 für anderthalb Jahre auf die
Suche nach Spuren eines von vielen vergessenen und tabuisiertem Stück
unserer jüngsten Geschichte. Die Geschichte der Stuttgarter
Juden-Deportationen.
Mitten in der Stadt gab es einen Ort, der seit über 60 Jahren von der Natur
überwuchert wurde. Die toten Gleise des Inneren Nordbahnhofes. Von hier aus
begann in den Jahren 1941 bis 1945 für mehr als 2500 Menschen die für sie
unbekannte Fahrt in die Konzentrationslager im Osten. Nur wenige überlebten
die Deportation.
Lutz Schelhorn machte über 1000 Fotos von diesem bis zur Errichtung des
Mahnmals (2006) so unwirklichen Ort. Während dieser fotografischen
Spurensuche lernte er den Fotokünstler Stefan Mellmann, kennen. Er kam auf
die ungewöhnliche Idee, die ersten Ergebnisse der Spurensuche, Digitalfotos
der toten Gleise, auf Dias zu übertragen. Diese wurden dann für drei Wochen
in die Erde zwischen den Gleisen vergraben.
Das Ergebnis: 30 ungewöhnliche Bildfragmente von einem unwirklichem Ort. Auf
den Bildern sieht man noch Teile der Gleisanlagen, die durch eine chemische
Zersetzung mit kräftigen Farben überwuchert sind. So werden die
ursprünglichen Fotos erweitert, neu komponiert. So entstanden Denkanstöße
für eine persönliche Zeitreise.
Am 1. Dezember 1941, fuhr der erste Zug mit 1.000 Juden nach Riga. Die
Deportation und Vernichtung der württembergischen Juden hatte begonnen.
Seit dem 1. Dezember 2006 sind diese Fotos in der Nähe der seit Juni 2006
eröffneten Gedenkstätte, auf dem Gelände der Wagenhalle, in einer Größe von
150 x 100 cm zu sehen. Die Ausstellung wird als feste Installation noch bis
Ende 2008 zu sehen sein.
Spurensuche
Joe
Bauer über das Projekt »Die
Chemie der Erinnerung«
Lutz Schelhorn,
Foto: © Deniz Saylan
Beim
Schreiben der Sätze zur Eröffnung der Ausstellung »Die Chemie der
Erinnerung« dachte ich daran, wie ich mit dem Fotografen Lutz Schelhorn zum
ersten Mal die toten Gleise am Stuttgarter Nordbahnhof besichtigt habe. Es
war Sommer, die Fußball-WM gerade vorbei und die Stadt noch in Partylaune.
Lutz Schelhorn und ich trafen uns am Tag vor der Nordbahnhof-Inspektion
dort, wo wir uns immer treffen, wenn wir etwas zu besprechen haben, im
Brunnenwirt am Leonhardsplatz. Uns verbindet eine gewisse Sympathie zur
Altstadt. Dies hat weniger mit romantischen Motiven zu tun – die wären in
diesem Elend eher unangebracht – als mit der Vorliebe, uns im Innersten, im
Kern der Stadt zu bewegen. Die Stadt ist unser Thema.
Lutz Schelhorn, den Präsidenten der Stuttgarter Hells Angels, kenne ich seit
über 20 Jahren, und die meiste Zeit kannte ich ihn so, wie man eben Angels
kannte – als einen der Typen in der Kneipe, denen man besser mit Respekt
begegnet.
2004 tauchte Lutz bei einer meiner Lesungen in der Rosenau auf. Wir saßen
nach der Vorstellung zusammen, und Lutz erzählte mir, er mache etwas
Ähnliches wie ich, er beobachte und erforsche die Stadt, er mit der Kamera,
ich mit dem Notizbuch.
Das Thema Hells Angels spielte in diesem Gespräch keine Rolle. Es
interessiert mich auch nicht besonders. Ich habe hier nichts zu
rechtfertigen oder moralisch zu beurteilen. In jeder Gruppierung, auch in
uniformierten, gibt es Menschen mit unterschiedlicher Haltung, das gilt und
galt, wie wir aus der Geschichte wissen, sogar für Militärs, die angeblichen
Vorreiter der amerikanischen Angels.
Kurze Zeit nach unserem ersten Gespräch sah ich Lutz Schelhorns erste
Ausstellung, bei einer Tattoo-Show in der Kultur-Arena Wangen, dem
ehemaligen Theaterhaus. Inmitten der schweren Motorräder, inmitten von
Menschen mit viel Leder, Metall und Tattoos wirkten Lutz Schelhorns Fotos
von den Obdachlosen, von den Junkies und Prostituierten, die er unter der
Paulinenbrücke fotografiert hatte, so fremd wie anziehend.
Die Arbeiten strahlten, im Lärm der Show, eine große Ruhe aus. Ich ging an
den Bildern entlang, war überrascht über die Würde dieser verlorenen Helden.
Diese Bilder, die Porträts von Gestrandeten, vermittelten etwas
Respektvolles. Nirgendwo auch nur der Ansatz fotografischer Ausbeuterei. Ich
war beeindruckt, wohl deshalb, weil auch ich im entscheidenden Moment nicht
gegen Vorurteile und Klischees gefeit bin.
Mein
Gott, dachte ich, hier fotografiert ein Angel, seit wann interessiert einen
Angel diese Art von Zurückhaltung, diese Art von Demut im Umgang mit
Menschen?
Dann, nachdem ich die Bilder intensiv betrachtet hatte, wurde mir klar: Lutz
Schelhorn nimmt seine Arbeit verdammt ernst. Es geht ihm, wie allen guten
Geschichtenerzählern, um Präzision, und mir ging auf, was in ihm steckt: Er
ist ein Kundschafter, ein Scout, ein Spurensucher.
Diese Eigenschaften unterscheiden einen guten Fotografen von einem
schlechten. Und Sie wissen, meine Damen und Herren: Wir sind heute überall
umringt von Knipsern, von Menschen, die versuchen, ihr Leben mit Handy,
Camcorder und Digitalkamera einzufangen.
Lange vor dieser technischen Entwicklung hat Friedrich Dürrenmatt die Kunst
des Fotografierens auf den Punkt gebracht, und diese Sätze gefallen mir, sie
passen zu Lutz Schelhorn: „Jeder kann knipsen. Auch ein Automat“, hat der
Dichter gesagt. „Aber nicht jeder kann beobachten.“
Schon einige Zeit vor unserem sommerlichen Brunnenwirt-Gespräch hatte mir
Lutz Schelhorn erzählt, dass er die toten Gleise am Nordbahnhof, die in
Wahrheit die Gleise des Todes sind, fotografiert habe. Diese Mitteilung traf
mich wieder unerwartet. Was, zum Teufel, dachte ich, treibt ihn um? Junkies,
Penner, Huren – das verstehe ich.
Wieso aber interessiert ihn jetzt die Deportation der Stuttgarter Juden in
die Vernichtungslager der Nazis? Dieser Mann, dachte ich, ist die meiste
Zeit seines Lebens auf einer Harley an der Welt vorbeigefahren, vermutlich
war es ihm oft genug zuwider, überhaupt abzusteigen. Jetzt parkt er, der
sich mal selbst als Easy Rider bezeichnet hat, sein Motorrad und erforscht
seine Umgebung zu Fuß mit der Kamera.
Lutz Schelhorn formuliert in der Regel kurz und knapp, was ihn bewegt. Er
sagt, als er von der Juden-Deportation in der Zeitung gelesen habe, sei es
ihm unbegreiflich gewesen, dass das Gelände am Nordbahnhof 60 Jahre brach
gelegen habe, mehr oder weniger unbeachtet und mitten in der Stadt, mitten
in Stuttgart.
In Lutz Schelhorn erwachte der Detektiv, er suchte Spuren. Und er wusste: Es
ist schwer, fast unmöglich, an toten Gleisen noch etwas zu entdecken. Es
gibt so gut wie keine Foto-Dokumente über die Verbrechen, die hier an den
Juden in den Jahren zwischen 1941 und 1945 begangen wurden.
Über 2000 jüdische Bürger wurden in Viehwaggons gepfercht und in die
Vernichtungslager im Osten verschleppt, nach Auschwitz, nach Riga, nach
Theresienstadt.
Die
Juden-Deportation war zwar mittlerweile, 60 Jahre nach dem Zweiten
Weltkrieg, ein öffentliches Thema in der Stadt. Es hatte sich, unter dem
Vorsitz von Roland Ostertag, der Verein Zeichen der Erinnerung gegründet,
ein Mahnmal an den toten Gleisen wurde geplant und in diesem Sommer auch
eingeweiht.
Damit aber war für Lutz Schelhorn das Thema nicht erledigt. Er wollte mehr
wissen, und dann lernte er am Nordbahnhof den Wagenhallen-Künstler Stefan
Mellmann kennen. Stefan Mellmann hatte eine Idee: Er schlug vor, eine
Auswahl von Lutz Schelhorns eintausend Fotos, die er am Nordbahnhof gemacht
hatte, auf Dias zu übertragen und diese Dias in der Erde zu vergraben. Eine
fantastische Idee: Zwei Detektive wollten etwas ausgraben, indem sie etwas
vergruben.
Jetzt ging es um künstlerisches Vertrauen. Die Künstler vertrauten sich der
Erde an, sie sollte entscheiden, ob es noch etwas zu zeigen und zu erzählen
gibt, was über die bisherige Vorstellungskraft hinausging. In der Erde,
sagte Stefan Mellmann, könne man vielleicht den Schweiß, die Tränen,
womöglich die Schuhabdrücke der Opfer finden.
Zunächst erschien mir dieser Gedanke esoterisch, doch das Resultat belehrte
mich eines Besseren. Nachdem 30 ausgewählte, namenlose, wie die jüdischen
Opfer lediglich numerierten Dias drei Wochen ungeschützt etwa 40 Zentimeter
tief zwischen den Gleisen tief gelegen hatten, wurden sie herausgeholt,
fotografiert und digital gespeichert – und es schien, als habe am
Nordbahnhof eine Explosion stattgefunden.
Man stelle sich das Gelände zunächst in der Realität vor: Der Schotter
zwischen den Gleisen wurde zuletzt aufgefüllt, alles andere blieb so
erhalten, wie die Menschen jahrzehntelang achtlos daran vorbeigegangen
waren. Man sieht die rissigen Holzbalken der Prellböcke, man erlebt
Einsamkeit, Stille.
Würde ich die Geschichte nicht kennen, hätte ich andere Assoziationen beim
Anblick toter Gleise: Ich könnte Songs hören, Songs von Johnny Cash, Bob
Dylan, Willie Nelson, Songs über Hobos und Country-Männer, die in
Eisenbahnwaggons durch das Land fahren auf der Suche nach dem Leben.
Jetzt aber, da wir wissen, was am Nordbahnhof passiert ist, jetzt da die
Erde ihre Arbeit getan hat, sehen wir farbgewaltige Bilder, sie wirken wie
Gemälde, als hätte der Maler in der Ödnis ein Feuerwerk, einen
Vulkanausbruch erlebt. Die Vergangenheit scheint sich in diesen Bildern
einen Weg durch die Intensität, die Urgewalt der Farben frei zu sprengen.
Auf einem Bild kann man den Schriftzug Thyssen als Relikt der Geschichte
erkennen. Und man fürchtet sich fast davor, mit den Augen die Spuren
aufzunehmen.
Auf den ersten Blick sehen die 20 für diese Ausstellung ausgewählten Bilder
aus, als hätte ein Pop-Art-Künstler seine expressionistische Ader entdeckt,
bei näherem Hinsehen erwacht dann so etwas wie das Gewissen oder auch
Furcht: Welche Geheimnisse, fragen wir uns, bergen diese Bilder wirklich?
Was können sie uns erzählen, etwas, wovor wir Angst haben?
Hier prallt die Vergangenheit auf die Gegenwart, und keiner kann beim
Betrachten auf diesen idiotischen, widerlichen Gedanken kommen, dem wir in
der Gegenwart immer wieder ausgesetzt sind: Ach, das ist alles lange her,
damit haben wir nichts mehr zu tun.
Lutz
Schelhorn und Stefan Mellmann haben eine Methode gefunden, uns die
Geschichte bewusst zu machen, sie live zu erleben. Das ist das große
Verdienst dieser Ausstellung und ihrer bemerkenswerten Kunst.
Wir, meine Damen und Herren, müssen diese Schau als Ergänzung sehen zum
Mahnmal "Zeichen der Erinnerung" – und um Gottes Willen nicht als
Konkurrenz. Nehmen wir die schlichte Architektur des "Zeichens der
Erinnerung", ihre eindrucksvolle Zurückgenommenheit als Ausgangspunkt für
einen Einstieg in die schlimmsten Jahre der deutschen, der heimischen
Geschichte, betrachten wir die vermeintliche Wildheit der Ausstellung "Die
Chemie der Erinnerung" danach als Stufe zwei – als einen Akt des Anstoßes,
als Aufforderung, sich mit etwas auseinanderzusetzen.
Ich will Ihnen in diesem Zusammenhang eine kleine Anekdote erzählen. Vor
kurzem beschrieb ich in einer Zeitungskolumne einen Spaziergang durch die
Libanonstraße im Osten Stuttgarts. Die Geschichte hatte keinen historischen
oder politischen Hintergrund. Es waren nur Momentaufnahmen eines Flaneurs.
Kurz darauf rief mich Frau Braun aus Stuttgart an. Sie ist 80 Jahre alt. Sie
erzählte mir zuerst, wie sie einst als Kinder des Ostens in der Straße ihre
privaten, eher lustigen Kämpfe zwischen Arm und Reich ausgetragen haben.
Dann, ohne Aufforderung, kam Frau Braun auf die Juden zu sprechen, sie
erzählte, dass sie als Kind beobachten konnte, wie die jüdischen Nachbarn
auf Lastwagen abtransportiert wurden. Sie erlebte, wie ihre jüdischen
Klassenkameraden spurlos verschwanden.
Seit diesem Gespräch gehe ich mit einem anderen Gefühl durch die
Libanonstraße. Und ich denke, so wird es auch nach dem Besuch der
Ausstellung "Die Chemie der Erinnerung" sein. Beim Betrachten der Bilder
werden wir erleben, wie auf den toten Gleisen ein zuvor unsichtbarer Zug
abfährt. Und womöglich müssen wir entscheiden, ob wir ihn stoppen. Joe
Bauer
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Joe Bauers Depeschen
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