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Foto: 71 N.Y., 1971 © Daido Moriyama/Taka Ishii Gallery, Tokyo
Urbane
Turbulenzen und ikonische Prägnanzen
Street-Photographer Daido Moriyama in Köln
Von Peter V.
Brinkemper
Mit Daido Moriyama,
dem 1938 in Ikeda, bei Osaka, geborenen Fotografen ist bis Dezember 2007
in Köln ein bedeutender japanischer Nachkriegsfotograf zwischen urbaner
Turbulenz und ikonischer Prägnanz zu sehen. Eine große Retrospektive von
1965 bis heute in der Fotografischen Sammlung der SK Stiftung Kultur im
Kölner Mediapark, und die 2007 als Buchpublikation erschienene neuere
Arbeit „Kyoku – Erotica“ in der Galerie Priska Pasquer in der Goebenstraße am Ring.
Daido Moriyama ist ein
obsessiver Künstler, der die Fotografie jenseits traditioneller Akribie
im Formalen oder dokumentarischer Abbildung einsetzt, um heftige
energetische Zustände, Visionen und Phantasmagorien zwischen äußerster
sinnlicher Materialität und mystisch-medialer Abstraktion zu erzeugen.
Seine Obsession ist das radikale Durchkämmen der urbanen Umwelt, auf der
Jagd nach dem ultimativen Motiv innerhalb der Serie, oder nach dem
entrückten Augenblick, die Kamera immer in scheinbar flüchtiger,
filmischer Bewegung, um mitten im Alltag das Unbewusste und
Außergewöhnliche zwischen Illusion und Desillusionierung aufzuschließen.
Zu dem invasiven Blick, der in den sekundären Zeichensystemen und
Medienbiotopen der übervölkerten und entprivatisierten Umwelt und
Architektur, die Nacktheit des Objekts, aber auch die Blöße der
menschlichen Wahrnehmung, ihre Sehnsucht nach einer befriedenden und
doch real ausbleibenden Ikone offenlegen will, kommt die intensive
künstlerische Nachbearbeitung der zumeist schwarzweißen Aufnahmen in der
Dunkelkammer in einer magischen Ästhetik hinzu, eine Art Malerei, die
dem Print-Zeitalter der Magazine, Zeitschriften und Poster der 50er und
60er Jahren und den Siebdruck-Schock-Motiven eines Andy Warhol („Car
Crashs“ 1963 aus der „Death and Disaster“ Serie) verpflichtet ist.
Foto: Stray Dog, Misawa, 1971 © Daido Moriyama/Taka Ishii
Gallery, Tokyo
Der
streunende Hund, Stray Dog, ist eines seiner Leitmotive und zugleich
eine Basis-Figur, mit der man die oft unterperspektivisch und beiläufig
verwischt aufgenommenen Fotografien dieses „Jägers des Lichtes“ in
Verbindung bringen kann. Zu den Vorbildern gehören William Klein und
sein legendärer „New York“-Band aus den 50ern, Robert Frank und der
Unfall- und Mafia-Reporter Weegee. In der Kölner Retrospektive
beeindrucken die großformatigen Tableaus etwa der Serie „Shinjuku“, dem
Stadtteil im Zentrum Tokios mit ihrer kinematografischen Wucht und
Dynamik, aber auch frühe Werktitel wie „Japan. A Photo Theatre“
(Theater- und Straßentheater-Motive, 1968) und „Pantomime“ (Bilder von
präparierten Föten, Mitte der 60er). Sie zeigen an, dass Moriyama das
Theatralische in Kontext der realen Umwelt einen kritischen Aspekt
abgewinnt: Das Alltägliche, das Gewöhnliche, das Hässliche als Grundlage
einer anderen Art von Theater, die nicht nur reproduktiv aufführt,
sondern experimentell in neue Situationen verführt und entführt, die
einen von Ritualen und Zeremonien befreiten Moment anstrebt, Vorgänge
und Prozesse induziert, einen Augenblick, in dem eine andere Art von
Maske vorbereitet, aufgesetzt oder abgelegt wird, in denen sich die
Rollen und Schauspieler und Publikum, Inszenierung und Blick dialektisch
vertauschen und bis zur Unkenntlichkeit verknäulen. Moriyamas
Fotografien und ihre grafische Nachbearbeitung haben etwas von einer
würzigen Zwiebel, mit zahllosen Schalen und Schichten, die unter dem
Seziermesser seiner Fotografie aufgeschnitten und in heftige,
grobkörnige Hell-Dunkel-Kontraste entrückt sind: Die Exzentriker,
Kleinwüchsigen und Transvestiten der Kleinkunstbühnen, die Geishas und
die Prostituierten, die Schwachen und die Halbstarken, die Marionetten
und die Puppen, die Ikonen und die Idole, die menschlichen und die
tierischen Kreaturen, die durch das Labyrinth von Hinterhöfen und engen
Verbindungsgängen hindurch schlüpfen.
Foto: Poster, Koriyama City, Late 1980s, Galerie Priska Pasquer
„Eine
Fotografie ist das Resultat eines augenblicklichen Gedankens, so dass
man immer experimentiert und die Gebäude und Straßen einer Stadt
interpretiert, indem man das Gerät zur Reproduktion – die Kamera –
benutzt, um jenseits bekannter Sprachen zu gelangen und gegen den
unaufhörlichen Fluss der Zeit eine andere Wirklichkeit zu entfalten. Ist
dies erreicht, so übersteigt das in der Fotografie eingefangene Bild die
begrenzte Imagination oder das Ego des Fotografen und wird zum Symbol,
das eine Welt bedeutet und die Erinnerung der Zeit mit einschließt.“
So Moriyama, 2003, anlässlich der Ausstellung im Shimane Art Museum,
Japan, das auch das Motto in der Kölner Retrospektive im Media Park
gibt.
'Kyoku / Erotica',
zu sehen in
der Kölner Galerie
Priska Pasquer, umfasst neuere Prints, die nun, 2007, in einem Fotoband
mit gleichem Titel erschienen sind, Aufnahmen aus Tokyo, New York,
Shanghai, Bangkok, Köln, Buenos Aires und Sydney. „Kyoku“ bedeutet
‚Gefahrenzone‘. Insofern spielt der Titel mit der Ambivalenz von Tabu
und Verlockung, Ein- und Ausgrenzung, Attraktion und Bedrohung,
Bedrängnis und Herausforderung, nicht nur für die abgebildeten Personen
und Dinge, sondern auch für die Imagination und das Abenteuer des
Blicks. Moriyama projiziert das in den japanischen Metropolen gewonnene
Modell von endloser Mobilität und momentanem Innehalten im Detail erneut
auf Metropolen in aller Welt und biegt den Blick einmal mehr auch wieder
zurück gen Westen.
Moriyama:
''Beginnend mit Yokosuka, meiner ersten Arbeit, habe ich den
öffentlichen Raum in der Stadt und in den Straßen zu meinem Territorium
gemacht. Die unendliche Anzahl von Städten, die Menschen in ihnen, die
Schaufenster, die Schilder – sie beinhalten alles und fügen sich zu
einem perfekten, harmonischen Ganzen zusammen, welches sich zu einem
Strudel formt und die Straßen überflutet.''
Im Vergleich zu
früheren Arbeiten zeichnen sich viele Bilder in „Kyoku / Erotica“ durch
eine breitere visuelle Inszenierungsstrategie auf, der energetische
Vorstoß des Jägers zu einem Bildkern wird abgelöst durch ein sensibles,
abtastendes Sehen, die das Streunen und Herumstrolchen des
fotografischen Auges beinahe in die Präzision einer klassischen
Komposition von in sich verspiegelten und reflektierten Situationen
einfügt, wären da nicht die typischen Störsignale, Konfusionen,
Fluchtlinien, Schrägen und überraschenden Korrespondenzen, die Moriyamas
Arbeit an der Vielschichtigkeit seiner Bildwelten auszeichnen.
Ausstellungsdaten:
Daido Moriyama –
Retrospektive ab 1965
Ausstellung: 5. September – 9. Dezember 2007
Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur
Im Mediapark 7
50670 Köln
www.sk-kultur.de/photographie/
Daido Moriyama:
Kyoku – Erotica
Ausstellung: 15. September bis 14. Dezember 2007
Galerie Priska Pasquer
Goebenstraße 3
D-50672 Köln
www.priskapasquer.de
Daido Moriyama:
Kyoku
– Erotica
/
Asahi Shimbun 2007
Preis: Pfund 65,-
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