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Glanz@Elend |
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Spuren |
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Der Protagonist „Will Navidson“ konstatiert mit großem Befremden, dass die Räume in seinem Haus eigenen Gesetzen folgen. Navidson, der fotografische Dokumentarist, wird mit einem physikalischen Fantasma konfrontiert, das ihn zugleich mit der Sinnfrage seiner bisherigen Weltsicherheiten konfrontiert. Das Haus vergrößert und verschachtelt sich innen wider jede Raumlogik. Innen- und Außenräume scheinen nicht mehr den gleichen Gesetzen zu gehorchen. Boris Vian hatte dieses, im eigentlichen Sinne ver-rückte Konstruktionsprinzip in umgekehrter Weise in seinen Räumen inszeniert, die nach und nach immer armseliger werden und den ökonomischen wie personalen Verfall des Besitzers dokumentieren. Diese Bauweise des „Haunted House“, das auch H.P.Lovecraft souverän beherrscht, erfasst bei Danielewski in dekonstruktiver Weise die Erzähler-Figuren. Zampanò berichtet über Navidson und in einem Satz verändert sich die Beobachtung der narrativen Kamera vom Objekt des Erzählens zum Subjekt. Die narrativen Strukturen selbst stehen also zur Disposition, im Herzen der Erzählung sitzen verschiedene Beobachter, die sämtliche Register des Erzählens und Kommentierens bis hin zu Johnny Truants pornografischen Exkursen ziehen. Und längst ziehen die Charaktere des Romans in das reale Leben ein wie eben dieser Johnny Truant, der nun als britische Metalcore-Band (In The Library Of Horrific Events) multipel weiterlebt.
Friedrich Nietzsche hatte neue Philosophen und mit ihnen neue Räume angekündigt: „Mit der Kraft seines geistigen Blicks und Einblicks wächst die Ferne und gleichsam der Raum um den Menschen: seine Welt wird tiefer, immer neue Sterne, immer neue Rätsel und Bilder kommen ihm in Sicht.“ (Jenseits von Gut und Böse). Edgar Allan Poe war stolz, ein Meister der Dechiffrierkunst zu sein, der nicht satt wurde, Codes zu knacken. Arno Schmidt bastelte Etyme, die als polymorph perverse Un-Geheuer(chen) in Textmeeren auftauchten und zahllose Meisterexegeten zu immer neuen, sich überbietenden Auslegungen trieben. James Joyce, der Urvater der literarischen Chiffrierkunst, vergrub sich so sehr im Text, bis er in „Finnegans Wake“ zu einer kaum durchdringbaren Textur wurde: Die Literatur wird ab jetzt wie ein Flüstern vieler sich überlagernder Stimmen sein oder sie wird nicht sein. Das dunkle Rätsel, das auch das „Haus“ ausfüllt, setzt sich an die Stelle kanonisierter, aber leer gewordener Metaphysik, die – wenn wir dem Wort trauen – nichts anderes ist als eine unsere Raumwahrheiten transzendierende Wirklichkeit. Denn die vordergründig schockierende Nachricht, dass Gott tot ist, war augenscheinlich nur das fröhliche Intro zu einer literarischen Veranstaltung, Ersatz im Text zu finden. Voreilig wurde unsere Gegenwart als Informationszeitalter charakterisiert, als ob wir die Welt nur noch luzide durchdringen müssten, um zu uns selbst zu gelangen. Es ist eher die Zeit einer reflektierteren Raumphilosophie, die den Oberflächen nicht mehr zu traut und weiß, dass die Dinge den verspotten, der Maß an ihnen nehmen will. „Enigma“, die deutsche Chiffriermaschine, versus britische „Turing-Bombe“ belegen im Wort das eigentliche geopolitische Zwiegespräch der Moderne als ein tödliches Rätselspiel, das für aristotelische Proportionen keinen Sinn mehr hat. Tot oder lebendig, alles andere ist Quantenmechanik.
Wie geht man mit
diesen unheimlichen Büchern um, die sich in einer imaginären, von Borges
verwalteten Bibliothek versammeln? „In dem einen Bibelbuche ist alles
enthalten und wird uns darinnen alles gelehret, jedoch dergestalt, dass
es nur von den Erleuchteten kann verstanden werden; den andern sind es
Parabeln und Rätsel und mit vielen Siegeln verschlossen.“(Agrippa von
Nettesheim, Ungewißheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften).
Das Werk von Mark Z. Danielewski ist eine weitere dieser apokryphen
Bibeln, die nur dem Erleuchteten verständlich werden, so sicher auch wir
Nichterleuchteten Nutzen daraus ziehen können. Was die Neophyten bei
Thomas Pynchon lernen konnten, können sie nun bei Danielewski ein ums
andere Mal demonstrieren, die hohe Kunst der endoskopischen
Textrecherche, die hier zum virtuell aufregenden Gang durch eine
multiperspektivische Erzähl-Architektur wird. Hatte nicht M.C. Escher
die Logik ihrer Alogik, respektive die nichteuklidische Wahrheit dieser
Räume unter Beweis gestellt, was vor allem deswegen so genial war, weil
paradoxe Konstruktionen in bildlichen Erscheinungen schnell vom
Alltagsverstand auf den Leisten des Normalen zurückgebunden werden. Doch
so wie Eschers hinterhältig konstruierte Bilder diesen Versuchen, sie
zurecht zu rücken und begehbar zu machen, aus
wahrnehmungspsychologischen Gründen widerstehen, und das halten, was der
Merz-Bau von Kurt Schwitters versprach, so gelingt es Mark Z.
Danielewski seine Räume enigmatisch gegen jede Art von manifester
Auslegung zu behaupten: „Dieselbe Technik, die uns lehrt, dem Bild mit
Misstrauen zu begegnen, erzeugt paradoxerweise zugleich die Mittel, mit
denen seine Glaubhaftigkeit bestätigt werden kann.“ Wer sich hier
verirrt, kann sicher sein, zumindest keinen Fehler bei der Wahl seiner
Lektüre gemacht zu haben. Ob er allerdings lebend aus diesem „Haus“
wieder herauskommt, das ist eine ganz andere Geschichte und letztlich
nur eine Frage der Perspektive. Goedart Palm |
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