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Es
grüsst ein wütender Antichrist
Gregor
Keuschnig über Richard Dawkins Kampfschrift »Der Gotteswahn«
"Der Gotteswahn" ist ein
Missionierungsversuch, eine Kampfschrift wider alles und allem, was in
irgendeiner Form mit Transzendenz in Verbindung gebracht werden kann.
Der rationalistische Furor des britischen Evolutionsbiologen Richard
Dawkins ist eine Mischung zwischen krudem Weltverbesserungspathos, der
Paranoia frommer Exorzisten, die überall nur noch Besessene sehen, die
von ihrer Krankheit zu heilen sind und einem archaisch-jakobinischem
Moralverständnis. Der monotheistischen Chauvinismus speziell des
Christentums hat es ihm angetan (früh werden Konfuzianismus und
Buddhismus ausgeklammert; sie werden flugs als ethische Systeme
eingeordnet) und sein Bildersturm für einen radikalen Atheismus nimmt im
Laufe des Buches wahrhaft kulturrevolutionärere Züge an (verflacht dann
allerdings auf den letzten 50 Seiten).
Religion ist eine "psychiatrische Krankheit"
Es ist eigentlich ganz einfach. Zunächst einmal wird der Atheismus als
tapferes, grossartiges Ziel ausgegeben. Dann verweigert Dawkins
ausdrücklich und dezidiert den religiösen Gefühlen von Menschen seinen
Respekt – vermutlich, um historische Ungerechtigkeiten ein für
allemal auszugleichen (der bewusstseinserweiternde Feminismus der
68er ist da sein "Lehrmeister"). Eigentlich also ein Vorgehen, welches
dem freimütig bekannten Zweck der Bekehrung zuwiderläuft, denn gemeinhin
gewinnt man einen Menschen für eine Idee nicht dadurch, in dem man seine
bisherigen Überzeugungen in den Dreck zieht. Nachdem dann Albert
Einstein und – etwas später -Thomas Jefferson als Gesinnungsgenossen
vereinnahmt wurden (bei Jefferson unterschlägt Dawkins allerdings dessen
Bewunderung dem Neuen Testament gegenüber, welches in der sogenannten
"Jefferson Bible" mündete) geht es dann los: Religion ist eine
psychiatrische Krankheit, ein Virus, sie entsteht durch
Fehlfunktionen einzelner Gehirnmodule; ihre Verfechter sind sehr
viel dümmer als Atheisten (gläubige Katholiken haben – immer noch nach
Dawkins – eine unterdurchschnittliche Intelligenz).
Die Theologie selber ist gar kein Forschungsgegenstand, da Gott eh nicht
existiert (ein Schluss, der den Autor für den Rest des Buches entbindet,
sich mit kritischen religionswissenschaftlichen Stimmen
auseinanderzusetzen; eine "Seele", die den Körper überdauert, existiert
ebenfalls nicht. Ein besonderes Anliegen ist ihm die religiöse
Indoktrination von Kindern und er behauptet, der durch sexuellen
Missbrauch erzeugte psychische Schaden, sei nachweislich geringer als
der, den eine katholische Erziehung anrichte. Und ein Beispiel für
das Unheil, welches Religionen heute noch anrichten, erkennt er im
islamischen Dschihadismus, in dem er die Aktionen der
Selbstmordattentäter als aus der Religion abgeleitete Imperative
behauptet.
Umfrage per E-Mail
In Anbetracht dessen, dass Dawkins ein Wissenschaftler ist, sind
seine Methoden – gelinde gesagt - reichlich merkwürdig. Als er
beispielsweise beweisen will, dass Hochschulgelehrte in Grossbritannien
im Verhältnis zur Bevölkerung überdurchschnittlich atheistisch
eingestellt sind (also ein indirekter weiterer Nachweis für die These,
dass religiöse Menschen unintelligent sind), zitiert er eine
Studie, die wie folgt ablief: Befragt wurden 1074 Fellows der Royal
Society, die eine E-Mail-Adresse besassen (die grosse Mehrheit), und von
diesen antworteten ungefähr 23 Prozent (was für eine solche Untersuchung
eine gute Quote ist). Das Resultat: Nur 3,3 Prozent der Fellows
äusserten zu der Aussage, es gebe einen persönlichen Gott eine starke
Zustimmung […], 78,8 Prozent dagegen lehnten sie völlig ab….
Scheinbar beeindruckend.
Aber das Ergebnis ist vollkommen wertlos und überhaupt nicht
repräsentativ. Zunächst wurden offensichtlich nur die Fellows mit
E-Mail-Adresse befragt – ein fragwürdiges Auswahlkriterium. Desweiteren
bleibt Dawkins schuldig, wie hoch die "kleine Minderheit" ist, die keine
E-Mail-Adresse hat. Und dann ist die Beteiligung von 23% viel zu
niedrig, um einen Schluss auf die "Frömmigkeit" in der gesamten "Royal
Society" zu ziehen. Unerwähnt bleibt auch noch, ob die Erhebung
"neutral" durchgeführt wurde, oder ob die beiden Befrager (Cornwell und
Stirrat) in Erscheinung getreten sind (also den Befragten die
"Intention" der Anfrage durchaus hätte bekannt sein können). Und nicht
erwähnt wird auch, ob die Antworten der Fellows anonymisiert wurden oder
schlicht mit dem "Antwort"-Button erfolgten.
Induktive Schlüsse, Verallgemeinerungen,
Behauptungen, Widersprüche
Dawkins arbeitet mit Vorliebe mit induktiven Schlüssen, die er
dann als Beweise ausgibt. Beispielsweise belegt er die eigentlich
schockierende Behauptung, die religiöse Erziehung von Kindern wäre dem
sexuellen Missbrauch gleichzustellen, mit genau zwei Quellen: Zum ersten
den Brief einer Frau, die einmal als Kind von einem Priester im Auto
gestreichelt wurde und zum zweiten mit der Mail einer anderen Frau,
die heute ihre religiöse Erziehung nachträglich als Martyrium empfindet.
Manchmal vollzieht er reichlich sprunghafte Assoziationen. Etwa, wenn er
Thomas Jefferson als Atheist darstellen will, aus Christopher Hitchens
Jefferson-Biographie zitierend: Als seine Tage zur Neige gingen,
schrieb Jefferson mehr als einmal an Freunde, er sehe seinem
bevorstehenden Ende weder mit Hoffnung noch mit Furcht entgegen.
Zweifellos eine interessante Aussage, die mit den gängigen Dogmen des
Christentums nicht direkt in Verbindung zu bringen sind. Um so
verblüffender dennoch der Schluss: Das war das Gleiche, als hätte er
unmissverständlich erklärt, dass er kein Christ war. Übrigens kein
Problem für den Jünger des ethischen Zeitgeistes schnell noch
Immanuel Kant Atheismus zuzuschreiben, Huxleys doppeldeutige Äusserungen
wissend als Atheismus zu interpretieren und Adolf Hitler zum
(vielleicht) gläubigen Christen zu machen (mit einigen Goebbels-Zitate
und ein bisschen "Mein Kampf"). Letzteres, damit nicht böse Menschen
Stalin und Hitler zu Repräsentanten der Handlungen von Atheisten machen
können (so hilflos "wehrt" sich Dawkins gegen eine lächerliche
Schlussfolgerung – anstatt einfach den Fehlschluss offenzulegen).
Und dann widerspricht sich Dawkins gelegentlich in seinem Übereifer,
etwa wenn er einerseits zugibt, viele benutzten Religion als Etikett,
um ihre Zwecke durchzusetzen aber später dann den Dschihadismus direkt
aus dem Koran ableitet. Oder er begeht ausdrücklich nicht den Weg, dem
Christentum die ganzen Verbrechen der letzten zweitausend Jahre
gebetsmühlenartig (!) vorzuwerfen (Kreuzzüge; Missionierungen;
Eroberungen; Inquisition), weil es ja grausame und böse Menschen in
jedem Jahrhundert gegeben habe – um dann irgendwann wieder auf die
unheilvolle Christengeschichte im Namen der Bibel hinzuweisen.
Manchmal schreibt er schlichtweg Unsinn, etwa wenn er Altruismus im
Tierreich laufend mit Symbiose verwechselt oder die amerikanischen
Gründerväter beleglos als Säkularisten bezeichnet (andere Quellen
sagen exakt das Gegenteil – wie wäre es, Mr. Dawkins, dies mal
wissenschaftlich zu klären?) oder behauptet Dualisten interpretieren
geistige Krankheiten bereitwillig als "Teufelsbesessenheit". Vom
Islam hat Dawkins offensichtlich überhaupt keine Kenntnisse – einmal
spricht er von der allgemein üblichen Interpretation des Islam
[sic!]. Von einem Autor über Religion erwarte ich als Mindestkriterium,
dass er weiss, dass es so etwas gar nicht gibt.
Nichtexistenzbeweise
Natürlich ist Religion auch als Stifter für ethische und moralische
Fragen untauglich. Dawkins begründet dies für das Christentum
hauptsächlich mit der Blutrünstigkeit des Gottes des Alten Testaments
(das Opfer Abrahams wird ausführlich behandelt), die sich auch in
einigen Teilen im Neuen Testament fortsetzt (gemeint ist hauptsächlich
die Erbsünde; aber ein paar freundliche Worte zur Bergpredigt findet er
dennoch). Mit spürbarer Lust an der Verspottung des Gegenstands greift
Dawkins einige Erzählungen des Alten Testaments heraus, die exemplarisch
für seine These stehen. Dabei rennt er – was ihm offensichtlich
unbekannt ist – offene Türen en masse ein, aber die Dekonstruktion
dieser tatsächlich furchtbaren Texte macht ihm einfach zuviel Spass,
während der Leser ob der Redundanzen schon ein bisschen gelangweilt ist.
Eine Moral basierend auf diesen launisch-boshaften Tyrannen
namens "Gott" ist für Dawkins schlichtweg unmöglich zu begründen. Soweit
mag man ihm ja durchaus folgen. Hieraus zieht er jedoch den Schluss,
dass die Kirche ihre Kompetenz in diesen Fragen für alle Zeiten und
vollständig eingebüsst hat. Moraltheologen wie beispielsweise Hans Küng,
die versuchen, eine allgemein gültige Weltethik aus den monotheistischen
Religionen zu destillieren, kennt Dawkins natürlich nicht (seine
Literaturliste enthält fast ausschliesslich englischsprachige
Publikationen, die mehrheitlich seiner Linie folgen).
Warum er bei einem derart eindeutigen Resultat für die Gefährlichkeit
und Nutzlosigkeit von Religion überhaupt noch den Beweis der
Nichtexistenz Gottes vornimmt, bleibt sein Geheimnis. Dieser Abschnitt,
welchen er als einer seiner Kernkapitel sieht, gehört zum schwächsten
des Buches. Die These Gott existiert nicht, da es kein Lebewesen
gibt, welches ausserhalb eines Evolutionsprozesses steht ist in
seiner Substanzlosigkeit vielen sogenannten Gottesbeweisen ebenbürtig.
Den Einwand, dass Gott als "Begründer" der Evolution gesehen werden
würde, kontert Dawkins mit einem lustigen Einfall: Wenn es Gott gäbe,
dann müsste es ein Wesen geben, welches diesen Gott erschaffen hat. Und
dann eines, welchen den Vater Gottes erschuf, usw. In dem er diese
Regression ins Unendliche treibt, versucht er zu beweisen, dass es
deshalb keinen Gott geben kann. Diese These ist selbst für einen
Ungläubigen einfach zu widerlegen, in dem er (mit Kant) Gott als ein
"Ding an sich" (ein "möglicher Gedanke") "sieht", welches der Kausalität
(die nur für die "Welt der Erscheinungen" gilt) entzogen ist.
Von den "Zellhaufen" und "Kaulquappen"
Beim Thema Abtreibung läuft Dawkins zu Hochform auf. Zunächst einmal
stellt er fest, dass viele Personen, die für ein radikales
Abtreibungsverbot plädieren gleichzeitig Befürworter der Todesstrafe für
Kapitalverbrechen sind (er bezieht sich hier auf die USA und nennt
natürlich als prominentestes Beispiel George W. Bush). Aber statt diesen
interessanten Zusammenhang detailliert zu durchleuchten, dient das
natürlich ausschliesslich als Munition gegen Religion.
Fatalerweise glaubt der Autor mit effekthascherischer Wortwahl noch mehr
erreichen zu können. Zunächst wird Mutter Teresa als
scheinheilig-heuchlerisch tituliert (weil sie eine andere Meinung
als er vertritt) und dann werden menschliche Embryos (Kaulquappen)
mit Kühen in einem Schlachthaus verglichen (letztere würden bei der
Schlachtung mehr leiden als Embryos, wenn diese vor Entwicklung des
Nervensystems abgetrieben würden). Und überhaupt sei das
anthropozentrische Weltbild sowieso schädlich (er fordert keine
Sonderrechte mehr für die menschliche Spezies) und das primitive
Schwarz-Weiss-Bild funktioniert auch bei diesem Thema aufgrund der
strikt selektiven Wahrnehmung wunderbar:
Religiöse Ethiker diskutieren häufig über Fragen
wie die, wann ein Embryo zu einer Person wird, also zu einem
menschlichen Wesen. Säkulare Ethiker dagegen fragen eher: "Ganz gleich,
ob es ein Mensch ist (was bedeutet
das bei einem kleinen Zellhaufen überhaupt?) – von welchem
Entwicklungsstadium an ist ein Embryo jeder beliebigen Tierart in der
Lage, zu leiden?
Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn – wer seine Thesen nicht übernimmt,
ist ein "Religiöser" (Agnostiker finden am Anfang des Buches nur zögernd
einen gewissen Respekt; im Grunde betrachtet er sie als Weicheier).
Und man stellt altbekanntes auch bei Dawkins fest: Eine Person bestimmt
ex cathedra, wer der Abtrünnige, der Häretiker ist, und wer der
Verkünder des neuen, ethischen Zeitgeistes.
Worum es wirklich geht
Atheisten haben keinen Glauben postuliert Dawkins – und ernennt
flugs die natürliche Selektion, die unsichtbare Hand
(Hand?) der Evolution zur unumstösslichen Tatsache. Für Dawkins
ist das nicht bloss wissenschaftliches Axiom, sondern ein Faktum (vom
Gödelschen Unvollständigkeitssatz hat er scheinbar noch nie etwas
gehört). Evolution und religiöser Glauben sind für ihn nicht vereinbar.
Damit begibt er sich in seltsamer Übereinstimmung mit den Kreationisten,
die er so vehement bekämpft. Und dieser "Kampf" bildet der wahre
Hintergrund für dieses Buch. Dawkins zitiert den Genetiker Jerry Coyne:
Für Wissenschaftler wie Dawkins und Wilson [E. O. Wilson, den
berühmten Biologen der Harvard University] tobt der wahre Krieg zwischen
Rationalismus und Aberglauben. Naturwissenschaft ist eine Form des
Rationalismus, und Religion ist die am weitesten verbreitete Form des
Aberglaubens. Der Kreationismus ist nur ein Symptom dessen, was sie als
ihren grösseren Feind ansehen: die Religion. Zwar kann Religion ohne
Kreationismus existieren, aber einen Kreationismus ohne Religion gibt es
nicht. (Hervorhebung von mir)
"Der Gotteswahn" ist nur auf Basis dieses Zitats zu verstehen. Dawkins
sind die kreationistischen Umtriebe in den USA, die auch immer mehr nach
Europa überschwappen, zutiefst zuwider (in Deutschland wird das
Phänomen,
obwohl es erste Anzeichen gibt, noch
weitgehend unterschätzt). Indem Kreationisten (die amerikanischen
Taliban) durch ihr dogmatisches Behaupten der Wörtlichkeit der Bibel
elementarste naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse ad absurdum
führen und eine eigene, krude Moral aus ihrer Exegese schöpfen, greifen
sie das Primat der Naturwissenschaften an. Vermutlich überziehen sie
Dawkins' "Lebenswerk" mit ähnlich unflätigen Texten, so dass sich dieser
zum Befreiungsschlag genötigt sieht (Christopher Hitchens ist ein
anderer Protagonist dieser vehementen Religionskritik). Ein-, zweimal
verbeisst sich Dawkins geradezu in Texten des (kreationistischen)
"Wachtturms", und man fragt sich, warum ein Naturwissenschaftler sich in
derartige Niederungen begibt. Statt sich in einzelne Formulierungen
einer Wochen- oder Monatsschrift zu verlieren, hätte vielleicht eine
etwas detaillierte Betrachtung der unterschiedlichen Bewegungen und
ihrer inzwischen gesellschaftspolitischen Verstrickungen gut getan. Aber
feines Argumentieren und Ausarbeiten ist Dawkins' Sache nicht; er ist
ein Uhrmacher, der mit Axt und Vorschlaghammer reparieren möchte.
Chemotherapie gegen Kreationisten
Da die Religion gemäss obiger These die Basis für kreationistisches
Gedankengut darstellt, ist es Dawkins weder möglich, eine
Diversifizierung von Religion und Gottesglauben vorzunehmen, noch eine
Religionsinterpretation in Betracht zu ziehen, welche die
Evolutionstheorie inkorporiert und versucht, eine Synthese zwischen
Naturwissenschaft und Glauben zu schaffen (Vorreiter dieses Strebens,
wie den deutschen Religionsphilosophen Karl Rahner, hat er wohl nicht
gelesen).
Dawkins kennt – und wiederum gibt es Ähnlichkeiten zwischen ihm und
denjenigen, die er bekämpft – nur die Dichotomie "gut" oder "böse".
Kreationisten sind böse und – und hierin liegt der zweite Grund für
Dawkins' Erregung – nicht nur dogmatische Bibelinterpreten, die
sektenartig das Land mit falschen Lehren überziehen. Sie streben
insbesondere - zusammen mit den Evangelikalen – nach gesellschaftlichem
und politischem Einfluss, ja: Macht. Dawkins ist ein Anhänger des
westlichen Universalismus und warnt in diesem Zusammenhang vor einer
Zerstörung des (demokratischen) Wertesystems unter anderem durch falsch
verstandene Toleranz denjenigen gegenüber, die das Falsche verbreiten.
Er nimmt da ausdrücklich den Islam nicht aus, wobei sein Islam-Bashing
begrenzt ist und immer im Kontext mit dem eigentlichen Feindbild, dem
Christentum, gesehen werden muss (das Judentum wird nur mit zwei, drei
despektierlichen Bemerkungen "bedacht" [man ahnt, warum]; Scientology
hält er einer einzigen Bemerkung für eine Religion, die intelligent
gestaltet sei – eine Ausnahme, wie Dawkins schreibt, ohne
diese Einlassung zu präzisieren).
Vor diesem Hintergrund spielt sich dieser Kulturkampf ab: Dawkins sieht
die Vereinigten Staaten in dieser Hinsicht im fortgeschrittenen Stadium
einer Krebskrankheit. Sein Buch ist somit eine Therapie, in der dann
auch Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen sind (in dem man beispielsweise
den gesamten gemässigten oder gar progressiven Klerus verprellt). Und um
Europa (und sein Heimatland Grossbritannien) hiervor zu beschützen,
verordnet er eine radikale, neoadjuvante Chemotherapie. Man sieht in der
Ferne den moralischen Impetus und den guten Willen (den hatten die
Jakobiner sicherlich auch am Anfang) – aber viel Wohlwollen zerstört
Dawkins durch seinen abstossenden Rigorismus.
Es grüsst ein wütender Antichrist, der unfähig ist, beispielsweise eine
Synthese zwischen den feinen Denkstrukturen des Existentialismus und der
von ihm als Gegenbild postulierten Naturwissenschaft fortzuschreiben.
(Weshalb ich den Existentialismus immer vorziehe.) Ein unbedingter
Rechthaber, der keinen Tabubruch scheut, um Aufmerksamkeit zu
erheischen; ein Zwangsprovokateur. Die Verwunderung über die Vorwürfe
seiner schrillen Sprache im Nachwort klingt dabei wie Heuchelei. Von
"nüchternem Nachdenken", welches er sich selber attestiert, ist er
meilenweit entfernt.
Hundenasen und die Schönheit von Schrödingers
Katze
Dawkins entwickelt keine neue Ideologie als Religionssurrogat. Einmal
zitiert er irgendwelche neuen zehn Gebote (das 10. Gebot lautet:
Stelle alles infrage) – und gibt wenig später zu, nur den ersten
Googletreffer wiedergegeben zu haben; es hätte enorm viele, andere
"Angebote" gegeben. Ihm reicht eigentlich die Schönheit der
Naturwissenschaft als Ersatz für das religiöse Denken. Seine Bekehrung
hin zu diesem Denken fallen eher ungelenk aus. Da wird die Schönheit des
Modells von Schrödingers Katze und der "Viele-Welten-Theorie" postuliert
oder das Geruchsvermögen von Hunden gepriesen. Oder man könnte mal "Per
Anhalter durch die Galaxis" lesen. Und natürlich die Beschwörung der
bewusstseinserweiternden natürlichen Selektion (wobei Dawkins
vielleicht einigen
Irrtümern in der Interpretation Darwins aufsitzt). Und obschon für
Dawkins Religion und Religionsgefühle nur evolutionäre Nebenprodukte
darstellen, die als religiöse Ideen überleben, weil sie sich mit
anderen Memen vertragen (Meme sind Dawkins Erfindung – es sind,
vereinfacht gesagt, kulturelle Verhaltensweisen, analog zum Gen,
allerdings nicht stofflicher Natur) und in Memplexen, also einem
imaginären Korb kultureller Tradierungen, Überreste darstellen (diese
Hypothese überzeugt nicht richtig), scheint er zu ahnen, dass seine
Gegenwelten wenig attraktiv sind, denn hier ermattet sein einst so
vehementer Furor.
Die Attraktiviät religiöser Strukturen
Bei aller Kritik an seiner Sprache und der unreflektierten Hingabe
naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchen gegenüber – zwei wesentliche
Gründe für das scheinbar unvertilgbare Verlangen vieler Menschen nach
Transzendentalem hat Dawkins schlichtweg vergessen: Zum einen sind
Religionen Gemeinschaftsstifter, und zwar notfalls über alle physischen
Grenzen hinweg (zweifellos mit der Gefahr, auch ausgrenzend zu wirken).
Ein wichtiger Punkt, der sich im Christentum in der "Gemeinde" zeigt,
oder im Islam in der "Umma", die über das religiöse hinaus auch soziale
Funktionen übernimmt. In dieser Gemeinschaft wird – unter anderem, aber
immer irgendwie präsent - die Ungeheuerlichkeit der Todestatsache
aufgearbeitet: Die Gläubigen wollen sich nicht mit dem geborgten Dasein
abfinden. Man mag das Lebens als zwecklos bezeichnen – und dies
mag ja durchaus richtig sein (wer vermag es zu sagen?) -, aber diese
Perspektive ist offensichtlich für viele Menschen nicht besonders
verlockend.
Der andere Punkt, der in Dawkins Theoriegerüst keinen Eingang gefunden
hat, und der die weltweite Zunahme nach religiösem Überbau teilweise
erklärt, liegt in der zunehmenden Verunsicherung, welche die
pluralistisch-kapitalistische Welt bietet. Viele sehnen sich einerseits
nach Freiheit und Glück – aber erfahren schnell, dass die
Glücksversprechen (materieller und ideeller Natur) schwierig zu
erreichen sind. Parallel hierzu empfinden viele einen diffusen, von der
Masse erzeugten Druck, diese Glücksversprechen erfüllen zu müssen. Sie
sehen sich in einem Konformitätszwang, der aber - bei Einhaltung der
Normen – letztlich trotzdem überhaupt kein Sicherheitsnetz bietet; im
Gegenteil: man steigert u. U. die Abhängigkeit fremdbestimmter
Entscheidungen, denn nichts ist mehr sicher.
In dieser, von vielen als vage Bedrohung empfundenen Situation, wächst
nicht nur der Hang zu hierarchischen politischen Entscheidungen (die
"einfache" Lösungen anbieten), sondern auch die Bereitschaft sich mit
einem irgendwie gearteten transzendentalen Netz zu umgeben, an das
beispielsweise grundlegende "Entscheidungen" oder sogar das Scheitern
delegiert werden können. Das ist ein Grund, der für den immer noch
steigenden Zulauf hin zur Esoterik oder Sekten (im westlichen
Kulturraum) oder eine der "grossen" Religionen führt (insbesondere des
Islam). Hier ist in de Regel eine einfache, gradlinige Struktur, die vor
der Komplexität der Aussenwelt schützt oder mindestens Antworten gibt.
Und hier greift wieder der obige Punkt: Statt lauter individualisierte
Konformisten (nur scheinbar ein Widerspruch), die einem imaginären und
unsicheren Glück hinterherjagen, bringt man sich ein in eine
Gemeinschaft, die eindeutige Paradigmen postuliert und klare Ziele hat.
Religion als Reaktion wider die zunehmend empfundene Komplexität der
globalisierten und "unsicherer" gewordenen Welt (zu beobachten
insbesondere am "Boom" nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in den
osteuropäischen Staaten).
Man mag dies verurteilen oder die Menschen, die so reagieren,
beschimpfen, in dem man sie für dumm erklärt. Aber gelöst hat man das
Problem damit nicht. Gregor Keuschnig
Alle kursiv gedruckten Passagen sind Original-Zitate aus
dem Buch "Der Gotteswahn"
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Begleitschreiben
Richard
Dawkins
Der Gotteswahn
Ullstein,
ca. 560 Seiten, € 22,90
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
Gebunden,
€ 22,90 [D], € 23,60 [A], sFr 39,90
ISBN-10: 3550086881 -
ISBN-13: 9783550086885
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