Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

 

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Im Diadochenreich der Bücher
Eine enzyklopädische Standortbestimmung
von Goedart Palm

Noel Gallagher von "Oasis" soll mit Zladko, dem im Medienabseits verschollenen Big Brother der ersten Containerstaffel, gemeinsam haben, nie ein Buch gelesen zu haben. Wer sich so brüstet, kann gleichermaßen auf Beifall gequälter Pennäler wie auf Verachtung bis Mitleid seitens Bildungsbeflissener rechnen. Danach dürften Gallagher und Zladko auch nicht den griechischen Mythos des König Cadmus kennen, der mit der Einführung der phonetischen Schrift Drachenzähne gesät haben soll, die sich zu bewaffneten Männern verwandelten. Schreiben und Lesen, mithin die magischen Künste des Alphabets, können nicht nur diesem Mythos zufolge als die tief greifendsten Welterschließungs- und Beherrschungstechniken gelten, die zur Ausbildung der uns geläufigen Schriftkultur führten.
Das Abendland hat verschiedene Untergangsvisionen und als eine davon gilt der Verlust der Literalität im hemmungslosen Einbruch elektronischer Medien, die Schrift, Sprache, Töne und Bilder in ihren hektischen Signalwelten kurzschließen. Für Marshall McLuhan dagegen war es klar, dass die Menschheit die Gutenberg-Galaxis unwiderruflich verlässt, um brüderlich "Nichtalphabeten mit Halbalphabeten und Nachalphabeten" in den elektrischen Medien zu vereinigen.[1] Noch früher sah Salomo Friedlaender Funktürme als "antibabylonische Türme" zu den Wahrzeichen des neuen Analphabetismus werden.[2] 
Der unverschuldete Ausgang des Menschen aus der Literalität in eine technologisch eingebettete Welt, die ihre schon je fragile Unterscheidung von Realität und Virtualität vollends aufgeben könnte, macht freilich Angst. Vor allem denen, die mit einem unglücklichen Begriff der Leseforschung als "tertiäre Analphabeten" bezeichnet werden: Menschen, die keine ausreichende Medienkompetenz besitzen, um mit den neuen Kulturtechniken des Computers und Internets umzugehen. 

Foto: Famile beim Fernsehen, ca. 1958
Aliteralische Unzeitgenossen
Der bildungsbürgerliche Griff zum guten Buch wird kulturapokalyptisch als archimedischer Hebel überhöht, um  die Schriftkultur vor ihrem Einsturz zu bewahren. So beklagt  der Kommunikationswissenschaftler Philip A. Thompsen von der "West Chester University" in Pennsylvania - einer von vielen - die wachsende "Aliteralität" bei amerikanischen Schülern und Studenten. Trotz der im Einzelfall mitunter bestehenden Abgrenzungsprobleme ist Aliteralität nicht mit Illiteralität zu verwechseln, denn aliterale Zeitgenossen haben schlicht kein Interesse an Schriftzeichen, obwohl ihnen die Kulturtechnik "Lesen" prinzipiell zur Verfügung stünde. Da die Kultur in der Sprache eingebaut sei, befürchtet Thompsen mit vielen anderen Kritikern der neuen Leseschwächen, dass sich diese aliteralen Lesemuffel das kulturelle Erbe nicht aneignen könnten - mithin untauglich seien, sich in dieser Welt zu orientieren. Nun lässt sich der Umgang mit neuen und neuesten Medien zuletzt auf eine geschlossene Kulturtechnik und schon gar nicht auf das Nichtlesen reduzieren. Die visuellen Reizwelten des Fernsehens oder die auditiven des Radios sind nicht mit den Anwendungsprofilen des Computers oder Internets zu verwechseln. Gerade das Netz wächst mit babylonischen Textmassen zu, die mehr denn je zum Lesen zwingen. Email und selbst das allgegenwärtige Chatten - wider dessen Selbstbeschreibung als Gespräch - sind Momente einer neuen elektronischen  Schrift- und Lesekultur. Freilich sind die Differenzen etwa zwischen der elaborierten Briefkultur des 18.Jahrhunderts und diesen digitalen Verschriftlichungen so gravierend, dass die Frage nach der literalen Kompetenz verschiedene Schrift- und Lesetypen unterscheiden muss. Der Goldschnitt der alten Gebetsbücher half uns, vom Wort Gottes überzeugt zu werden.
Der Kulturkritiker Barry Sanders konstatiert bereits Mitte der 90er Jahre in "Der Verlust der Sprachkultur", dass die Mehrzahl der amerikanischen Kinder heute in einer Umgebung aufwächst, aus der die Sprache getilgt sei.
[3] Auch Neil Postmans Menetekel über die Kulturdemontage durch das Fernsehen und den Verfall der Lesefähigkeit ist bekanntlich von der Wehmut nach einer linearen Weltaneignung geprägt. Noch im 18. Jahrhundert war der Beruf des Romanschriftstellers unbekannt. Geschichten, die das Leben schreibt, waren mitteilungswürdig. Aber fiktive Geschichten waren tendenziell unanständig, überflüssig, jugendgefährdend. Erst als der Roman seine sittlichen Qualitäten unter Beweis stellt - etwa "Pamela" - , wird er salonfähig. Diese Eigenschaften hat er später eingetauscht gegen das pralle Leben, die Irrungen und Wirrungen der modernen Existenz, bis er schließlich an den Rändern zerfaserte, seine Zentren verlor. Seitdem herrscht Arbeitsteilung: Die ins hardcover geschlagene Heftchenkultur reproduziert die geschlossene Form, die Fortführung des modernen Romans besorgen die Neuen Medien.
Jenseits der Hoffnung auf den kulturellen Schulterschluss von neuen und alten Medien stellt sich die Frage nach den Lektüregewohnheiten der neuen Leser. William Albert vom "Terra Lycos Portal Design Lab" in Waltham, Massachusetts, attestiert dem Typ des Internetlesers eine habituelle Ungeduld, die kurz gefasst das Gegenbild des ausdauernden Bücherwurms darstelle. Der netzorientierte Leser "scannt" die Texte, sucht Textbrocken statt leseaufwändigen Texten, von Textwüsten ganz zu schweigen. Und wie es nicht anders sein kann, wird diesem Lesertypus von den Kulturwahrern das "Verständnis", die tiefe Durchdringung der Texte in ihrem hermeneutischen Bedeutungsreichtum abgesprochen.
Gleichwohl kann der Leser als schnell laufender "Scanner", als Über- und Querleser nicht als Bankrotterklärung der Literalität herhalten, weil Literalität viele Formen jenseits der von Autoren vorgegebenen Textverfassung entwickeln kann. Die Nichtlinearität der Leserichtung, das sprunghafte Lesen, die Lektüre als persönliche Montage können gerade aufgeklärte Lesehaltungen anzeigen, die dem Lesen wieder die Welterfahrung vermitteln, die ohnehin jeder macht: Das Leben ist zuletzt ein Roman, sondern ein patchwork mit mehr oder weniger gelungenem Muster. Die Erscheinung des eigensinnigen Lesers findet lange vor sprungfreudigen Netzlektüren ihr Komplement in weiten Bereichen der (post)modernen "Hochliteratur", die vormalige Textverfassungen aufsprengte und persönliche Lektüreweisen jenseits linearer Leserichtungen nahezu unabdingbar machte. Oder wer liest "Finnegan´s Wake" mit der derselben Ergebenheit in die auktorialen Vorgaben wie etwa "Wilhelm Meister"?

Nichtlesen verursacht Krebs
Barry Sanders beschließt seinen Diskurs über den Verfall der Literalität kulturapokalyptisch: Wenn das "tempus futurum" als der Ausblick auf das Morgen und das Kontrafaktische, beides nach Sanders zentrale Momente der Literalität, sterben, können die Menschen nicht mehr träumen. Dann würden die seelischen "Innenräume" zerstört und  alles sei verloren. Nun ist die Bilderschrift des Traums, der nach Freud ja auch erst gelesen werden muss,  keine literarische Errungenschaft, sondern prägte gerade orale Kulturen vermutlich in stärkerem Maße als unsere durch die Schrift vereinheitlichte Kulturen. Das Kontrafaktische ist zudem eine menschliche Kondition, die auch jenseits eines engen Begriffs des "Lesens" ihre Bedeutung behält. Gerade in der Virtualität und ihren kühnen Versprechungen ist das Kontrafaktische ein Antrieb, der zuletzt auf klassische Lesehaltungen angewiesen wäre, noch damit zureichend zu verstehen wäre. Ohnehin völlig untauglich ist die Festlegung eines menschlichen Zeitbewusstseins auf die lineare Kulturtechnik klassischer Lektüren, ohne die komplexen Zeitbilder von Kino, Fernsehen oder Comics zu berücksichtigen.   
Eine elektronische Erlebnisgesellschaft, die Kommunikation zum Fetisch erklärt hat, wird sich schwerlich damit abfinden, dass "Bücherlesen heißt, in einer geistreichen Gesellschaft zu sein, wo man nur zuhört und nichts beiträgt zur Unterhaltung", wie Jean Paul bereits mit kritischem Unterton vor ungefähr zweihundert Jahren anmerkte.
[4]
Die Mahner und Warner vor dem Verfall des Literarischen werden indes jetzt rabiat: der amerikanische Leseforscher Jim Trelease will die Aliteralität wie Tabak bekämpfen, weil die schrecklichen Konsequenzen des Nichtlesers für dessen Familie und Kinder unabsehbar seien. Verursacht Nichtlesen Krebs? Zumindest könnte die Gefahr in jenen Fällen des "funktionalen" oder "sekundären" Analphabetismus nicht völlig ausgeschlossen werden, wenn nach Barry Sanders 70 % der Betroffenen zwar rudimentär lesen und schreiben können, aber gegenüber schwierigeren Texten - wie Zeitungslektüren, Behördennachrichten oder eben Beipackzetteln mit wichtigen Warnhinweisen versagen.

Der Kommunikationswissenschaftler Philip Thompsen hat dagegen auch auf den restriktiven Begriff von Literalität hingewiesen, der sich in der Fähigkeit erschöpfe, Texte zu lesen. Das Lesen ist älter als die Schrift, wie die Rede vom Buch der Welt/Natur, der "Lektüre" von außersprachlichen Zeichen in Tiereingeweiden, den Konstellationen der Gestirne und tausend anderen Zeichen Gottes belegt. Diese Verkürzung könnte mindestens so fatal sein wie die kulturpessimistisch ermittelten Leseschwächen nachwachsender Generationen, die Barry Sanders Glauben zufolge letztlich in Gewalt und Rücksichtslosigkeit enden werden. Könnte es also sein, dass der Verfall klassischer Lektürehaltungen mit avancierten Kulturtechniken einhergeht, die erst ein angemessenes Verhältnis zu den Umbrüchen der Welt begründen?

Postliterale Welt
So könnte auch das Literarische eine vorüber gehende Episode der Welterschließung sein, der angemessenere Weisen folgen, in der Welt verstehend zu handeln.
“Die Sprache ist eine Maschine, die Kontexte typisiert und einkapselt in jene konventionalisierten Elemente, die wir Worte nennen und denen wir den Prozess der Verdichtung, dem sie entstammen, nicht mehr ansehen.”[5] In die Sprache der poetischen Kritik an der Sprache übersetzt heißt das mit Paul Valéry, dass “die Sprache verdunkelt, weil sie zu Fixierungen zwingt und weil sie dort verallgemeinert, wo man es nicht will”.[6] Insoweit entvirtualisiert die Sprache ihre Objekte, um dadurch aber zugleich in der Abstraktion einen neuen virtuellen Raum zu schaffen. Denn zwar ist der “Sinn der Buchstaben, die ich hinschreibe, (ist) durch Millionen Hände gegangen, aber das, was jedem von uns allein gehört, ist die Art in der wir das Zeichen hinsetzen, so, als hätten wir es gerade erfahren".[7] Durch ihre Unvollkommenheiten, immer das zu bezeichnen, was wir bezeichnen wollen und doch oft nur als ein “Ungefähr” verstehen, provoziert die Sprache immer wieder die Notwendigkeit, die Wirklichkeit besser zu erschließen, sie als Spielraum von unerschlossenen Möglichkeiten zu begreifen. Paul Valéry wies darauf hin, dass gerade eine vollkommene Sprache dazu führen würde, dass Menschen aufhören zu denken.[8] Virtualität gedeiht aber nur im Unvollkommenen, Unvollständigen, in den Zwischenräumen und Mängeln, die Menschen oder Maschinen antreiben, die Möglichkeiten gegen das bestehend Reale durchzusetzen. Die Abbildung der Welt im Text hat seit Platon, der an der historischen Schnittstelle oraler und literaler Kultur steht, viele Widersacher gefunden. Die symbolische Welt in Schriftzeichen hat immer das Besondere unterschlagen. Hegel etwa konstatierte in seiner Ästhetik die Unzulänglichkeit des Lesen und Vorlesens dramatischer Werke, weil der Fantasie das überlassen bleibe, was doch erst die Inszenierung lebendiger Schauspieler erweisen könnte. Aber das wirft nicht nur die Probleme literaturgattungsspezifischer Differenzierungen auf, sondern immer schon die Frage, ob das Lesen als "via regia" des Weltverstehens, so historisch unabdingbar es war, nicht eben so viel an sinnlichen Erfahrungen geraubt wie an abstrakter Weltsicht geschenkt hat. Dass Lesen nicht nur bildet, sondern auch verbildet, ist die hartnäckige Begleitmusik schriftorientierter Gesellschaften, die etwa in Jean-Jacques Rousseaus schriftlichem Erziehungshinweis kulminiert, dass Lektüre die "Geißel der Kindheit" sei. Auch dem emanzipierten Ideal des lesenden Untertans begegneten zahlreiche staatstragende Varianten der Lesefeindlichkeit, um zu vermeiden, dass das Lesen Menschen auf dumme, also anarchische Gedanken bringt.

Der Groll auf die Lektüre findet ihren frühen Ursprung in Platons Fundamentalverdikt gegenüber der Schrift in "Phaidros", weil die Schrift nur ein schwaches Abbild der mündlichen Sprache sei, geeignet, das Gedächtnis, aber auch die Deutlichkeit und Vollständigkeit der oralen Vermittlung zu schwächen, auf die doch Menschen in ihrem Weltverständnis angewiesen seien. Wäre die Kultur dem schreibenden Schriftkritiker Platon und nicht Gutenberg gefolgt, wären die technischen Speicher der Bibliotheken und später Datenbanken nicht entstanden, würde man vermutlich heute Platon nicht mehr kennen, weil auf mündliche Überlieferungen wider alle Gedächtniskunst zuletzt Verlass ist. So aber kann man sich für die Entstehung einer postliterarischen Kultur, für die orale Verständigung unter den Bedingungen einer technologisch "totalisierten" Welt wieder auf Platon berufen.
Vilém Flusser hat im Verblassen der alphabetischen Kultur den Anhub einer techno-imaginären Welt erkannt, in dem die technischen Bilder neue "Begriffe" bedeuten, über deren Verwendung noch wenig bekannt ist.
[9] Der Weg führe hinaus aus der linearen Welt der Schrift, des Lesens, der Theorien und Ideologien zu "Modellen" als Bildern von Begriffen. Béla Balázs hatte bereits in den Zwanzigerjahren angesichts der neuen Faszination des Films vom Wandel der Wortkultur zur Kultur der Gesten und der Mimik gesprochen. Antilineare Trends, televisuelle Bildkulturen prägen Kino, Fernsehen, aber auch die digitalen Erlebniswelten virtueller Spieler und Internet-Reisender. In der Diffamierung der Bilder ist sich die konservative Kritik an den medial verseuchten Welten mit der spätmarxistischen Gesellschaftskritik bemerkenswert einig, weil der gemeinsame Grundtenor die ständig variierte Angst vor dem Verlust des Wahren, der Wahrnehmung, des Authentischen ist. Exemplarisch konstatiert etwa Guy Debord in der Nachfolge des marxistischen Fetischs der Ware, der auch die warenästhetischen Betrachtungen von Haug anleitet: "Da, wo sich die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt, werden die bloßen Bilder zu wirklichen Wesen und zu den wirkenden Motivierungen eines hypnotischen Verhaltens. Das Spektakel als Tendenz, durch verschiedene spezialisierte Vermittlungen die nicht mehr unmittelbar greifbare Welt zur Schau zu stellen, findet normalerweise im Sehen den bevorzugten menschlichen Sinn, der zu anderen Zeiten der Tastsinn war....[10]
“Das Datenuniversum tritt ein Erbe an, das es von den Bildmedien übernimmt, und die gemeinsame Basis ist der Antrieb, die Defekte der Sprache zu überwinden”[11], formuliert optimistisch Hartmut Winkler. Positiv formuliert gibt es ein virtuelles Sein jenseits der Sprache, deren Herrschaft sich mindestens relativiert, wenn wir uns in Cyberspace bewegen. Bazon Brock meinte, dass wir inzwischen auch gelernt haben, in Bildern zu denken, wenngleich damit längst nicht die Frage beantwortet ist, ob nicht virtuelle Bilder einer anderen Ordnung angehören, als die von Menschen gemachten.
Wir verbinden auch Bilder zu Geschichten, ohne zwingend auf die “Krücken” der Sprache angewiesen zu sein. In alten Stummfilmen erkennen wir Handlungen, verstehen die Geschichte auch ohne Gespräche der Schauspieler. Aber nicht alles kann man in Bildern mitteilen. Zumindest ist es umständlich und einer “International Picture Language”, wie sie etwa Otto Neurath vorschwebte, hat sich nicht durchgesetzt, zumal jede diskursive Differenzierung in solchen Bildsystemen a priori wenn nicht ausgeschlossen, so doch stark behindert ist. Der sinnliche Mangel eines Mediums wird im Rezipienten ausgeglichen. Schon Rudolf Steiner hat in seinen pädagogischen Ansätzen auf die sinnliche Produktion von komplementären Farben hingewiesen, die in Opposition zu den tatsächlich verwendeten Farben gesehen werden. Gilt das auch für Semantik? In dieser Wahrnehmungsdialektik versöhnt sich der Schrecken mit seinem Gegenüber. Katastrophen werden zu Glücksversprechen? Jedes Bild steckt in einem Zusammenhang. Es gibt Untertitel, Nachrichtensprecher, die die Bilder erklären. Wir sehen fast immer Montagen aus Bildern, Texten, Sprache. Vielleicht reden wir auch über die Bilder, um sie zu verstehen. Wir haben andere Informationen, die wir den Bildern zuordnen. Wir erzählen uns die Bilder nach und schon entsteht unsere eigene Geschichte. Deshalb ist es spekulativ über die reine Wirkung von Bildern nachzudenken.  "Und die Praxis in der Wörterküche der Poesie ließ mich klar erkennen, dass uns Kombinationen von Wörtern deshalb möglich sind, weil sie keine Dinge sind" konstatiert Paul Valéry.
[12] So verleiht die poetische "ars combinatoria" zwar Macht im Reich der Sprache, aber der Dichter vermag keine neue Ordnung der Gegenstände jenseits dieser Zeichen zu konstituieren. In den vormals so gefestigten Glauben an die Demiurgenkunst der Poeten drängte sich im Laufe ihrer Applikation immer stärker der Zweifel, der Wirklichkeit in der Virtualität der Zeichen je beikommen zu können.

Es geht mithin nicht länger um die vordergründige Oppositionen von Schrift und Sprache, Lesen und Sprechen oder Bildern und Schrift, die längst nicht mehr in den diffusen Zeichenwelten des Netzes gültig sind, sondern um eine neue Begrifflichkeit der Medialität. Die Rollen zwischen Schreiben und Lesen lösen sich spätestens in dem Moment auf, als Mallarmé den Leser als “Operateur” bezeichnet. Auch die Lektüre ist eine Operation, bei der sich der Leser ein Urheberrecht über das Werk anmaßt[13], nicht anders als User, die trotz aller Begrenztheiten des Codes einem virtuellen Spiel "ihre" Geschichte abtrotzen. Mit der Geburt des "users" verschiebt sich das virtuelle Leben von der Kontemplation, der Rezeption von Literatur, Dichtung, Musik, Film etc. zur (Mit)Gestaltung eines Werks. Auch die Rolle des Autors wird neu gefasst. Auf Grund der rasanten Emergenz von immer komplexeren Weltverhältnissen löst sich auch die gleichsam naturwüchsige Materialbeherrschung durch das künstlerische Subjekt auf... der Literat wird zum Archivar, Monteur, Kompilator oder Sammler. Während Joyce, Döblin, Schwitters oder Jandl ihre literarischen Sprengungen noch in der lustvollen Herrschaft über gefundene Versatzstücke ausüben durften, schlagen die aufdringlichen Fundstücke heute zurück, unterwerfen Literaten und Leser einem nicht endenden "overload" von Informationen, die nicht mehr im Text sinnfällig verfugt werden können. Das Scheitern der Literatur an der Welt wurde zu einer Kondition neuer Literatur. Der "Mann ohne Eigenschaften" ist ein herausragendes Beispiel für die Nichterzählbarkeit der Erfahrung in einem geschlossenen Text. Die Perspektive des "inneren Monologs" hat die Grenzenlosigkeit des Erfahrungsraums zur potenziell unendlichen Textsorte werden lassen. So wurde es zwingend, dass selbst und gerade einen Sprachgewaltigen wie Joyce in "Finnegan´s Wake" die Kraft, den Text zu finalisieren, verließ. Die Zahl der unabgeschlossenen Literaturentwürfe nimmt zu. Literatur entgrenzte sich bei gleichzeitiger Schwächung ihrer gesellschaftlichen Stellung in einen unendlichen Kosmos, der Gattungen und Formen auflöste. Die Grenzgänge der literarischen Gattungen haben diese schließlich verwischt. Insbesondere der Roman als Großform ohne Form hat Einlassöffnungen für fast jede beliebige Textpraxis geschaffen, bis die Kontingenzen den Leser überspülen. Kempowski veröffentlichte sinnfreies "channel-hopping" in "Bloomsday" als Medienereignis, von dem niemand mehr sagen kann, wo dieser Text über die unhinterfragte Aufzeichnung des Geschehens hinausgeht. Rainald Goetz, den früher Ähnliches umtrieb, entdeckte den "Rave", dessen leibliche Resonanz die Texte beflügeln soll. Solche Literatur folgt dem Prinzip, dass alles "irgendwie" zusammenhängt und Semantik der selbstverständliche Mehrwert jedes Textes gegenüber seinen Gegenständen ist - solange der Leser mitspielt.

Karte des Internet, gefärbt nach nationalen IP-Adressen, von William R. Cheswick, Bell Labs
Marshall McLuhan hat angesichts des "Elektronengehirns" den nächsten logischen (sic!) Schritt darin gesehen, die Sprachen zu umgehen und auf einen Zustand der harmonischen "Sprachlosigkeit" zu hoffen.[14] Auch wenn McLuhans Hoffnung auf ein kosmisches Bewusstsein zur Euphorie der ersten Stunde des elektronischen Medienzeitalters gehört, die inzwischen so ungebrochen keineswegs mehr die Medientheorie beflügelt, löst sich jedenfalls die klassische Trias von Sprache, Schrift und Bild im Netzgewebe auf.[15] Wenn aber die Übergänge zwischen den Zeichen- und Abbildungssystemen zu tanzen beginnen, werden auch Lesen und Schreiben, wenngleich sie gegenwärtig noch eine zentrale Position einnehmen, als bewährte Kulturtechniken nicht mehr ausreichen. Stichwort: Computer Literacy, Media Literacy.[16] Das markiert den synthetischen Anspruch, die mediale Kultur in ihrem Cross-over von Produktions- und Rezeptionsweisen, Schrift und Bild, vor allem aber: in virtuellen Bewegungen zu erfassen. Vielleicht gilt also: "Die Sinneserfahrungen und das analytische Vermögen schließen sich über Internet zum Weltinnenraum zusammen."[17] Der VR-Pionier Jaron Lanier[18] hat in den 1980er Jahren jedenfalls eine Verschmelzung der neuen Technologie mit geistigen Prozessen prognostiziert. Eine postsymbolische Kommunikation in virtuellen Sphären sei nicht länger auf Sprache und nicht einmal Bilder angewiesen. Das Bewusstsein virtualisiere sich ohne symbolische Vermittlungen, allein Gesten und Grimassen reichten wie in vorsprachlichen Zeiten zur Verständigung aus.[19] In Lanviers Welt klappt die Medialisierung durch Zeichen also in eine technologisch-mental abgesicherte Unmittelbarkeit von Cybernauten um, die nur an Objekte denken müssen, um sie bereits erscheinen zu lassen. Diese sprachlose Beseelung von Cyberspace beantwortet aber längst nicht die Frage, wie die Vielzahl der uns bekannten kommunikativen Situationen, der Sprechakte, auch die Virtualität des Sprechens selbst zu der Ordnung einer Kommunikation aufschließen sollten. Zumindest ist die Vision Lanviers von einem gestischen Repertoire des "Cyberbewusstseins" abhängig, dass nicht hinter dem Unterscheidungsvermögen und den in jedem Gespräch vorausgesetzten Anschlussmöglichkeiten zurückstehen. Diese Virtualisierung eines Bewusstseins ohne sprachliche "Krücken" folgt untergründig dem Bild von vernetzten Gehirnen, die qua Cybertechnologie gleichsam telepathisch kommunizieren. Auch abgesehen vom spekulativen Charakter dieser uncodierten Kommunikation verstört an diesem Ausblick die Verschmelzung von Bewusstseinen, die gerade keine Kommunikation in unserem Sinne mehr wäre, weil jede Mentalreservation, jede Schließung des eigenen Bewusstseins gegen das fremde äußerst vage bliebe. 

Damit erweisen sich auch die Medienvermeidungsdiskurse, die kulturpessimistischen Warnungen als obsolet, weil klassische Techniken, selbst wenn sie das philologische Ideal etwa des 19. Jahrhunderts verfehlen, in einer avancierten medialen Kompetenz "aufzuheben" wären. Gerade das Internet als Hypertextmaschine desavouiert längst nicht klassische Interpretationstechniken, ohne dass es darin sein Bewenden haben könnte. Das Literarische, das einst die oral geprägte Kultur, von einigen Ethnien abgesehen, liquidierte, könnte dann selbst in einer techno-oralen Kultur diffundieren, die sich nicht länger ausschließlich über Texte vermittelt. Noch benötigen zwar Programmierer Sprachen bzw. Codes, müssen mithin selbst Sprachkompetenz besitzen, um eine techno-orale Gesellschaft zu ermöglichen, in der reine Anwender von fremder Literalität abhängen.[20] Auch das Internet ist zuvörderst gegenwärtig noch eine gewaltige Textmaschine, die mehr oder minder hohe Lesekompetenzen voraussetzt. Aber die Entwicklung des Mensch-Maschine-Gesprächs ist unabsehbar und mag auch den Verlauf nehmen, die literale Vermittlung völlig aufzuheben. Vielleicht sind also die Nichtlese-Riesen Noel Gallagher und Zladko auf dem richtigen Weg in die Zukunft, nur - sie wissen es nicht, weil sie dafür gegenwärtig noch lesen müssten! Goedart Palm

Fußnoten:

[1] Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle, Originalausgabe 1964, Düsseldorf 1992, S. 27
[2] Friedrich Kittler, Draculas Vermächtnis - Technische Schriften, Leipzig 1993, Signal-Rausch-Abstand, S. 161 ff. (173).
[3] Barry Sanders, Der Verlust der Sprachkultur, Frankfurt/M.1995.
[4] Jean Paul, Ideen-Gewimmel, Frankfurt/M. 1996, S. 50.
[5] Hartmut Winkler, Docuverse, Zur Medientheorie der Computer. PDF-Ausgabe, München 2002, S. 288 f.
[6] Paul Valéry, Cahiers/Hefte1, Frankfurt/M. 1987,  S. 472.
[7] Jean Tardieu, Mein imaginäres Museum, Frankfurt/M. 1965, S. 11.
[8] Paul Valéry, Cahiers/Hefte 1, Frankfurt/M. 1987,  S. 499.
[9] Vgl. Vilém Flusser, Lob der Oberflächlichkeit. Die kodifizierte Welt, Bensheim und Düsseldorf 1993, S. 63 ff.
[10] Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, S. 18.
[11] Hartmut Winkler, Docuverse, Zur Medientheorie der Computer. PDF-Ausgabe, München 2002, S. 332.
[12] Paul Valéry, Cahiers 1, Frankfurt/M. 1987, S. 223.
[13] Maurice Blanchot, Der Gesang der Sirenen, Berlin 1982, S. 329.
[14] Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 99.
[15] Vgl. dazu etwa Mike Sandbothe unter: http://www.uni-jena.de/ms/teil1.html.
[16] Vgl. etwa http://www.medialit.org/
[17] Beat Wyss, Die Welt als T-Shirt. Zur Ästhetik und Geschichte der Medien, Köln 1997, S. 83.
[18] http://www.well.com/user/jaron/
[19] Vgl. Lev Manovich, The Language of New Media, Cambridge/Massachusetts u.a. 2001, S. 58f.
[20] Vgl. etwa Gerald M. Phillips, A Nightmare Scenario: Literacy and Technology,
http://www.uni-koeln.de/themen/Internet/cmc/text/phillips.94b.txt.

 


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