|
Im
Diadochenreich der Bücher
Eine enzyklopädische Standortbestimmung
von Goedart Palm
Noel Gallagher von "Oasis" soll mit Zladko,
dem im Medienabseits verschollenen Big Brother der ersten
Containerstaffel, gemeinsam haben, nie ein Buch gelesen zu haben. Wer
sich so brüstet, kann gleichermaßen auf Beifall gequälter Pennäler wie
auf Verachtung bis Mitleid seitens Bildungsbeflissener rechnen. Danach
dürften Gallagher und Zladko auch nicht den griechischen Mythos des
König Cadmus kennen, der mit der Einführung der phonetischen Schrift
Drachenzähne gesät haben soll, die sich zu bewaffneten Männern
verwandelten. Schreiben und Lesen, mithin die magischen Künste des
Alphabets, können nicht nur diesem Mythos zufolge als die tief
greifendsten Welterschließungs- und Beherrschungstechniken gelten, die
zur Ausbildung der uns geläufigen Schriftkultur führten.
Das
Abendland hat verschiedene Untergangsvisionen und als eine davon gilt
der Verlust der Literalität im hemmungslosen Einbruch elektronischer
Medien, die Schrift, Sprache, Töne und Bilder in ihren hektischen
Signalwelten kurzschließen. Für Marshall McLuhan dagegen war es klar,
dass die Menschheit die Gutenberg-Galaxis unwiderruflich verlässt, um
brüderlich "Nichtalphabeten mit Halbalphabeten und Nachalphabeten" in
den elektrischen Medien zu vereinigen.
Noch früher sah Salomo Friedlaender Funktürme als "antibabylonische
Türme" zu den Wahrzeichen des neuen Analphabetismus werden.
Der unverschuldete Ausgang
des Menschen aus der Literalität in eine technologisch eingebettete
Welt, die ihre schon je fragile Unterscheidung von Realität und
Virtualität vollends aufgeben könnte, macht freilich Angst. Vor allem
denen, die mit einem unglücklichen Begriff der Leseforschung als
"tertiäre Analphabeten" bezeichnet werden: Menschen, die keine
ausreichende Medienkompetenz besitzen, um mit den neuen Kulturtechniken
des Computers und Internets umzugehen.
Foto: Famile beim Fernsehen, ca. 1958
Aliteralische
Unzeitgenossen
Der
bildungsbürgerliche Griff zum guten Buch wird kulturapokalyptisch als
archimedischer Hebel überhöht, um die Schriftkultur vor ihrem Einsturz
zu bewahren. So beklagt der Kommunikationswissenschaftler
Philip A. Thompsen von der "West
Chester University" in Pennsylvania - einer von vielen - die wachsende "Aliteralität"
bei amerikanischen Schülern und Studenten. Trotz der im Einzelfall
mitunter bestehenden Abgrenzungsprobleme ist Aliteralität nicht mit
Illiteralität zu verwechseln, denn aliterale Zeitgenossen haben schlicht
kein Interesse an Schriftzeichen, obwohl ihnen die Kulturtechnik "Lesen"
prinzipiell zur Verfügung stünde. Da die Kultur in der Sprache eingebaut
sei, befürchtet Thompsen mit vielen anderen Kritikern der neuen
Leseschwächen, dass sich diese aliteralen Lesemuffel das kulturelle Erbe
nicht aneignen könnten - mithin untauglich seien, sich in dieser Welt zu
orientieren. Nun lässt sich der Umgang mit neuen und neuesten Medien
zuletzt auf eine geschlossene Kulturtechnik und schon gar nicht auf das
Nichtlesen reduzieren. Die visuellen Reizwelten des Fernsehens oder die
auditiven des Radios sind nicht mit den Anwendungsprofilen des Computers
oder Internets zu verwechseln. Gerade das Netz wächst mit babylonischen
Textmassen zu, die mehr denn je zum Lesen zwingen. Email und selbst das
allgegenwärtige Chatten - wider dessen Selbstbeschreibung als Gespräch -
sind Momente einer neuen elektronischen Schrift- und Lesekultur.
Freilich sind die Differenzen etwa zwischen der elaborierten Briefkultur
des 18.Jahrhunderts und diesen digitalen Verschriftlichungen so
gravierend, dass die Frage nach der literalen Kompetenz verschiedene
Schrift- und Lesetypen unterscheiden muss. Der Goldschnitt der alten
Gebetsbücher half uns, vom Wort Gottes überzeugt zu werden.
Der
Kulturkritiker Barry Sanders konstatiert bereits Mitte der 90er Jahre in
"Der Verlust der Sprachkultur", dass die Mehrzahl der amerikanischen
Kinder heute in einer Umgebung aufwächst, aus der die Sprache getilgt
sei.
Auch Neil Postmans Menetekel über die Kulturdemontage durch das
Fernsehen und den Verfall der Lesefähigkeit ist bekanntlich von der
Wehmut nach einer linearen Weltaneignung geprägt. Noch im 18.
Jahrhundert war der Beruf des Romanschriftstellers unbekannt.
Geschichten, die das Leben schreibt, waren mitteilungswürdig. Aber
fiktive Geschichten waren tendenziell unanständig, überflüssig,
jugendgefährdend. Erst als der Roman seine sittlichen Qualitäten unter
Beweis stellt - etwa "Pamela" - , wird er salonfähig. Diese
Eigenschaften hat er später eingetauscht gegen das pralle Leben, die
Irrungen und Wirrungen der modernen Existenz, bis er schließlich an den
Rändern zerfaserte, seine Zentren verlor. Seitdem herrscht
Arbeitsteilung: Die ins hardcover geschlagene Heftchenkultur
reproduziert die geschlossene Form, die Fortführung des modernen Romans
besorgen die Neuen Medien.
Jenseits der Hoffnung auf den kulturellen Schulterschluss von neuen und
alten Medien stellt sich die Frage nach den Lektüregewohnheiten der
neuen Leser. William Albert vom "Terra Lycos Portal Design Lab" in
Waltham, Massachusetts, attestiert dem Typ des Internetlesers eine
habituelle Ungeduld, die kurz gefasst das Gegenbild des ausdauernden
Bücherwurms darstelle. Der netzorientierte Leser "scannt" die Texte,
sucht Textbrocken statt leseaufwändigen Texten, von Textwüsten ganz zu
schweigen. Und wie es nicht anders sein kann, wird diesem Lesertypus von
den Kulturwahrern das "Verständnis", die tiefe Durchdringung der Texte
in ihrem hermeneutischen Bedeutungsreichtum abgesprochen.
Gleichwohl kann der Leser als schnell laufender "Scanner", als Über- und
Querleser nicht als Bankrotterklärung der Literalität herhalten, weil
Literalität viele Formen jenseits der von Autoren vorgegebenen
Textverfassung entwickeln kann. Die Nichtlinearität der Leserichtung,
das sprunghafte Lesen, die Lektüre als persönliche Montage können gerade
aufgeklärte Lesehaltungen anzeigen, die dem Lesen wieder die
Welterfahrung vermitteln, die ohnehin jeder macht: Das Leben ist zuletzt
ein Roman, sondern ein patchwork mit mehr oder weniger gelungenem
Muster. Die Erscheinung des eigensinnigen Lesers findet lange vor
sprungfreudigen Netzlektüren ihr Komplement in weiten Bereichen der (post)modernen
"Hochliteratur", die vormalige Textverfassungen aufsprengte und
persönliche Lektüreweisen jenseits linearer Leserichtungen nahezu
unabdingbar machte. Oder wer liest "Finnegan´s Wake" mit der derselben
Ergebenheit in die auktorialen Vorgaben wie etwa "Wilhelm Meister"?
Nichtlesen verursacht Krebs
Barry Sanders beschließt seinen Diskurs über den Verfall der
Literalität kulturapokalyptisch: Wenn das "tempus futurum" als der
Ausblick auf das Morgen und das Kontrafaktische, beides nach Sanders
zentrale Momente der Literalität, sterben, können die Menschen nicht
mehr träumen. Dann würden die seelischen "Innenräume" zerstört und
alles sei verloren. Nun ist die Bilderschrift des Traums, der nach Freud
ja auch erst gelesen werden muss, keine literarische Errungenschaft,
sondern prägte gerade orale Kulturen vermutlich in stärkerem Maße als
unsere durch die Schrift vereinheitlichte Kulturen. Das Kontrafaktische
ist zudem eine menschliche Kondition, die auch jenseits eines engen
Begriffs des "Lesens" ihre Bedeutung behält. Gerade in der Virtualität
und ihren kühnen Versprechungen ist das Kontrafaktische ein Antrieb, der
zuletzt auf klassische Lesehaltungen angewiesen wäre, noch damit
zureichend zu verstehen wäre. Ohnehin völlig untauglich ist die
Festlegung eines menschlichen Zeitbewusstseins auf die lineare
Kulturtechnik klassischer Lektüren, ohne die komplexen Zeitbilder von
Kino, Fernsehen oder Comics zu berücksichtigen.
Eine elektronische Erlebnisgesellschaft, die Kommunikation zum Fetisch
erklärt hat, wird sich schwerlich damit abfinden, dass "Bücherlesen
heißt, in einer geistreichen Gesellschaft zu sein, wo man nur zuhört und
nichts beiträgt zur Unterhaltung", wie Jean Paul bereits mit kritischem
Unterton vor ungefähr zweihundert Jahren anmerkte.
Die Mahner
und Warner vor dem Verfall des Literarischen werden indes jetzt rabiat:
der amerikanische Leseforscher
Jim Trelease will die Aliteralität wie
Tabak bekämpfen, weil die schrecklichen Konsequenzen des Nichtlesers für
dessen Familie und Kinder unabsehbar seien. Verursacht Nichtlesen Krebs?
Zumindest könnte die Gefahr in jenen Fällen des "funktionalen" oder
"sekundären" Analphabetismus nicht völlig ausgeschlossen werden, wenn
nach Barry Sanders 70 % der Betroffenen zwar rudimentär lesen und
schreiben können, aber gegenüber schwierigeren Texten - wie
Zeitungslektüren, Behördennachrichten oder eben Beipackzetteln mit
wichtigen Warnhinweisen versagen.
Der
Kommunikationswissenschaftler Philip Thompsen hat dagegen auch auf den
restriktiven Begriff von Literalität hingewiesen, der sich in der
Fähigkeit erschöpfe, Texte zu lesen. Das Lesen ist älter als die
Schrift, wie die Rede vom Buch der Welt/Natur, der "Lektüre" von
außersprachlichen Zeichen in Tiereingeweiden, den Konstellationen der
Gestirne und tausend anderen Zeichen Gottes belegt. Diese Verkürzung
könnte mindestens so fatal sein wie die kulturpessimistisch ermittelten
Leseschwächen nachwachsender Generationen, die Barry Sanders Glauben
zufolge letztlich in Gewalt und Rücksichtslosigkeit enden werden. Könnte
es also sein, dass der Verfall klassischer Lektürehaltungen mit
avancierten Kulturtechniken einhergeht, die erst ein angemessenes
Verhältnis zu den Umbrüchen der Welt begründen?
Postliterale Welt
So könnte auch das Literarische eine vorüber gehende Episode
der Welterschließung sein, der angemessenere Weisen folgen, in der Welt
verstehend zu handeln.
“Die Sprache ist eine Maschine, die Kontexte typisiert und einkapselt in
jene konventionalisierten Elemente, die wir Worte nennen und denen wir
den Prozess der Verdichtung, dem sie entstammen, nicht mehr ansehen.”
In die Sprache der poetischen Kritik an der Sprache übersetzt heißt das
mit Paul Valéry, dass “die Sprache verdunkelt, weil sie zu Fixierungen
zwingt und weil sie dort verallgemeinert, wo man es nicht will”.
Insoweit entvirtualisiert die Sprache ihre Objekte, um dadurch aber
zugleich in der Abstraktion einen neuen virtuellen Raum zu schaffen.
Denn zwar ist der “Sinn der Buchstaben, die ich hinschreibe, (ist) durch
Millionen Hände gegangen, aber das, was jedem von uns allein gehört, ist
die Art in der wir das Zeichen hinsetzen, so, als hätten wir es gerade
erfahren".
Durch ihre Unvollkommenheiten, immer das zu bezeichnen, was wir
bezeichnen wollen und doch oft nur als ein “Ungefähr” verstehen,
provoziert die Sprache immer wieder die Notwendigkeit, die Wirklichkeit
besser zu erschließen, sie als Spielraum von unerschlossenen
Möglichkeiten zu begreifen. Paul Valéry wies darauf hin, dass gerade
eine vollkommene Sprache dazu führen würde, dass Menschen aufhören zu
denken.
Virtualität gedeiht aber nur im Unvollkommenen, Unvollständigen, in den
Zwischenräumen und Mängeln, die Menschen oder Maschinen antreiben, die
Möglichkeiten gegen das bestehend Reale durchzusetzen.
Die Abbildung der
Welt im Text hat seit Platon, der an der historischen Schnittstelle
oraler und literaler Kultur steht, viele Widersacher gefunden. Die
symbolische Welt in Schriftzeichen hat immer das Besondere
unterschlagen. Hegel etwa konstatierte in seiner Ästhetik die
Unzulänglichkeit des Lesen und Vorlesens dramatischer Werke, weil der
Fantasie das überlassen bleibe, was doch erst die Inszenierung
lebendiger Schauspieler erweisen könnte. Aber das wirft nicht nur die
Probleme literaturgattungsspezifischer Differenzierungen auf, sondern
immer schon die Frage, ob das Lesen als "via regia" des Weltverstehens,
so historisch unabdingbar es war, nicht eben so viel an sinnlichen
Erfahrungen geraubt wie an abstrakter Weltsicht geschenkt hat. Dass
Lesen nicht nur bildet, sondern auch verbildet, ist die hartnäckige
Begleitmusik schriftorientierter Gesellschaften, die etwa in
Jean-Jacques Rousseaus schriftlichem Erziehungshinweis kulminiert, dass
Lektüre die "Geißel der Kindheit" sei. Auch dem emanzipierten Ideal des
lesenden Untertans begegneten zahlreiche staatstragende Varianten der
Lesefeindlichkeit, um zu vermeiden, dass das Lesen Menschen auf dumme,
also anarchische Gedanken bringt.
Der Groll auf die
Lektüre findet ihren frühen Ursprung in Platons Fundamentalverdikt
gegenüber der Schrift in "Phaidros",
weil die Schrift nur ein schwaches Abbild der mündlichen Sprache sei,
geeignet, das Gedächtnis, aber auch die Deutlichkeit und Vollständigkeit
der oralen Vermittlung zu schwächen, auf die doch Menschen in ihrem
Weltverständnis angewiesen seien. Wäre die Kultur dem schreibenden
Schriftkritiker Platon und nicht Gutenberg gefolgt, wären die
technischen Speicher der Bibliotheken und später Datenbanken nicht
entstanden, würde man vermutlich heute Platon nicht mehr kennen, weil
auf mündliche Überlieferungen wider alle Gedächtniskunst zuletzt Verlass
ist. So aber kann man sich für die Entstehung einer postliterarischen
Kultur, für die orale Verständigung unter den Bedingungen einer
technologisch "totalisierten" Welt wieder auf Platon berufen.
Vilém Flusser hat im Verblassen der alphabetischen Kultur den Anhub
einer techno-imaginären Welt erkannt, in dem die technischen Bilder neue
"Begriffe" bedeuten, über deren Verwendung noch wenig bekannt ist.
Der Weg führe hinaus aus der linearen Welt der Schrift, des Lesens, der
Theorien und Ideologien zu "Modellen" als Bildern von Begriffen. Béla
Balázs hatte bereits in den Zwanzigerjahren angesichts der neuen
Faszination des Films vom Wandel der Wortkultur zur Kultur der Gesten
und der Mimik gesprochen. Antilineare Trends, televisuelle Bildkulturen
prägen Kino, Fernsehen, aber auch die digitalen Erlebniswelten
virtueller Spieler und Internet-Reisender. In
der Diffamierung der Bilder ist sich die konservative Kritik an den
medial verseuchten Welten mit der spätmarxistischen Gesellschaftskritik
bemerkenswert einig, weil der gemeinsame Grundtenor die ständig
variierte Angst vor dem Verlust des Wahren, der Wahrnehmung, des
Authentischen ist. Exemplarisch konstatiert etwa Guy Debord in der
Nachfolge des marxistischen Fetischs der Ware, der auch die
warenästhetischen Betrachtungen von Haug anleitet: "Da, wo sich die
wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt, werden die bloßen Bilder zu
wirklichen Wesen und zu den wirkenden Motivierungen eines hypnotischen
Verhaltens. Das Spektakel als Tendenz, durch verschiedene spezialisierte
Vermittlungen die nicht mehr unmittelbar greifbare Welt zur Schau zu
stellen, findet normalerweise im Sehen den bevorzugten menschlichen
Sinn, der zu anderen Zeiten der Tastsinn war....
“Das Datenuniversum tritt ein Erbe an, das es von den Bildmedien
übernimmt, und die gemeinsame Basis ist der Antrieb, die Defekte der
Sprache zu überwinden”,
formuliert optimistisch Hartmut Winkler. Positiv formuliert gibt es ein
virtuelles Sein jenseits der Sprache, deren Herrschaft sich mindestens
relativiert, wenn wir uns in Cyberspace bewegen.
Bazon Brock
meinte, dass wir inzwischen auch gelernt haben, in Bildern zu denken,
wenngleich damit längst nicht die Frage beantwortet ist, ob nicht
virtuelle Bilder einer anderen Ordnung angehören, als die von Menschen
gemachten.
Wir verbinden auch Bilder zu Geschichten, ohne zwingend auf die
“Krücken” der Sprache angewiesen zu sein. In alten Stummfilmen erkennen
wir Handlungen, verstehen die Geschichte auch ohne Gespräche der
Schauspieler. Aber nicht alles kann man in Bildern mitteilen. Zumindest
ist es umständlich und einer “International Picture Language”, wie sie
etwa Otto Neurath vorschwebte, hat sich nicht durchgesetzt, zumal jede
diskursive Differenzierung in solchen Bildsystemen a priori wenn nicht
ausgeschlossen, so doch stark behindert ist. Der sinnliche Mangel eines
Mediums wird im Rezipienten ausgeglichen. Schon Rudolf Steiner hat in
seinen pädagogischen Ansätzen auf die sinnliche Produktion von
komplementären Farben hingewiesen, die in Opposition zu den tatsächlich
verwendeten Farben gesehen werden. Gilt das auch für Semantik? In dieser
Wahrnehmungsdialektik versöhnt sich der Schrecken mit seinem Gegenüber.
Katastrophen werden zu Glücksversprechen? Jedes Bild steckt in einem
Zusammenhang. Es gibt Untertitel, Nachrichtensprecher, die die Bilder
erklären. Wir sehen fast immer Montagen aus Bildern, Texten, Sprache.
Vielleicht reden wir auch über die Bilder, um sie zu verstehen. Wir
haben andere Informationen, die wir den Bildern zuordnen. Wir erzählen
uns die Bilder nach und schon entsteht unsere eigene Geschichte. Deshalb
ist es spekulativ über die reine Wirkung von Bildern nachzudenken. "Und
die Praxis in der Wörterküche der Poesie ließ mich klar erkennen, dass
uns Kombinationen von Wörtern deshalb möglich sind, weil sie keine Dinge
sind" konstatiert Paul Valéry.
So verleiht die poetische "ars combinatoria" zwar Macht im Reich der
Sprache, aber der Dichter vermag keine neue Ordnung der Gegenstände
jenseits dieser Zeichen zu konstituieren. In den vormals so gefestigten
Glauben an die Demiurgenkunst der Poeten drängte sich im Laufe ihrer
Applikation immer stärker der Zweifel, der Wirklichkeit in der
Virtualität der Zeichen je beikommen zu können.
Es geht mithin
nicht länger um die vordergründige Oppositionen von Schrift und Sprache,
Lesen und Sprechen oder Bildern und Schrift, die längst nicht mehr in
den diffusen Zeichenwelten des Netzes gültig sind, sondern um eine neue
Begrifflichkeit der Medialität. Die Rollen zwischen Schreiben und Lesen
lösen sich spätestens in dem Moment auf, als Mallarmé den Leser als
“Operateur” bezeichnet. Auch die Lektüre ist eine Operation, bei der
sich der Leser ein Urheberrecht über das Werk anmaßt,
nicht anders als User, die trotz aller Begrenztheiten des Codes einem
virtuellen Spiel "ihre" Geschichte abtrotzen. Mit der Geburt des "users"
verschiebt sich das virtuelle Leben von der Kontemplation, der Rezeption
von Literatur, Dichtung, Musik, Film etc. zur (Mit)Gestaltung eines
Werks. Auch die Rolle des Autors wird neu gefasst. Auf Grund der
rasanten Emergenz von immer komplexeren Weltverhältnissen löst sich auch
die gleichsam naturwüchsige Materialbeherrschung durch das künstlerische
Subjekt auf... der Literat wird zum Archivar, Monteur, Kompilator oder
Sammler. Während Joyce, Döblin, Schwitters oder Jandl ihre literarischen
Sprengungen noch in der lustvollen Herrschaft über gefundene
Versatzstücke ausüben durften, schlagen die aufdringlichen Fundstücke
heute zurück, unterwerfen Literaten und Leser einem nicht endenden "overload"
von Informationen, die nicht mehr im Text sinnfällig verfugt werden
können. Das Scheitern der Literatur an der Welt wurde zu einer Kondition
neuer Literatur. Der "Mann ohne Eigenschaften" ist ein herausragendes
Beispiel für die Nichterzählbarkeit der Erfahrung in einem geschlossenen
Text. Die Perspektive des "inneren Monologs" hat die Grenzenlosigkeit
des Erfahrungsraums zur potenziell unendlichen Textsorte werden lassen.
So wurde es zwingend, dass selbst und gerade einen Sprachgewaltigen wie
Joyce in "Finnegan´s Wake" die Kraft, den Text zu finalisieren, verließ.
Die Zahl der unabgeschlossenen Literaturentwürfe nimmt zu. Literatur
entgrenzte sich bei gleichzeitiger Schwächung ihrer gesellschaftlichen
Stellung in einen unendlichen Kosmos, der Gattungen und Formen auflöste.
Die Grenzgänge der literarischen Gattungen haben diese schließlich
verwischt. Insbesondere der Roman als Großform ohne Form hat
Einlassöffnungen für fast jede beliebige Textpraxis geschaffen, bis die
Kontingenzen den Leser überspülen. Kempowski veröffentlichte sinnfreies
"channel-hopping" in "Bloomsday" als Medienereignis, von dem niemand
mehr sagen kann, wo dieser Text über die unhinterfragte Aufzeichnung des
Geschehens hinausgeht. Rainald Goetz, den früher Ähnliches umtrieb,
entdeckte den "Rave", dessen leibliche Resonanz die Texte beflügeln
soll. Solche Literatur folgt dem Prinzip, dass alles "irgendwie"
zusammenhängt und Semantik der selbstverständliche Mehrwert jedes Textes
gegenüber seinen Gegenständen ist - solange der Leser mitspielt.
Karte
des Internet, gefärbt nach nationalen IP-Adressen, von William R.
Cheswick,
Bell Labs
Marshall
McLuhan hat angesichts des "Elektronengehirns" den nächsten logischen
(sic!) Schritt darin gesehen, die Sprachen zu umgehen und auf einen
Zustand der harmonischen "Sprachlosigkeit" zu hoffen.
Auch wenn McLuhans Hoffnung auf ein kosmisches Bewusstsein zur Euphorie
der ersten Stunde des elektronischen Medienzeitalters gehört, die
inzwischen so ungebrochen keineswegs mehr die Medientheorie beflügelt,
löst sich jedenfalls die klassische Trias von Sprache, Schrift und Bild
im Netzgewebe auf.
Wenn aber die Übergänge zwischen den Zeichen- und Abbildungssystemen zu
tanzen beginnen, werden auch Lesen und Schreiben, wenngleich sie
gegenwärtig noch eine zentrale Position einnehmen, als bewährte
Kulturtechniken nicht mehr ausreichen. Stichwort: Computer Literacy,
Media Literacy.
Das markiert den synthetischen Anspruch, die mediale Kultur in ihrem
Cross-over von Produktions- und Rezeptionsweisen, Schrift und Bild, vor
allem aber: in virtuellen Bewegungen zu erfassen. Vielleicht gilt also:
"Die Sinneserfahrungen und das analytische Vermögen schließen sich über
Internet zum Weltinnenraum zusammen."
Der VR-Pionier Jaron Lanier
hat in den 1980er Jahren jedenfalls eine Verschmelzung der neuen
Technologie mit geistigen Prozessen prognostiziert. Eine postsymbolische
Kommunikation in virtuellen Sphären sei nicht länger auf Sprache und
nicht einmal Bilder angewiesen. Das Bewusstsein virtualisiere sich ohne
symbolische Vermittlungen, allein Gesten und Grimassen reichten wie in
vorsprachlichen Zeiten zur Verständigung aus.
In Lanviers Welt klappt die Medialisierung durch Zeichen also in eine
technologisch-mental abgesicherte Unmittelbarkeit von Cybernauten um,
die nur an Objekte denken müssen, um sie bereits erscheinen zu lassen.
Diese sprachlose Beseelung von Cyberspace beantwortet aber längst nicht
die Frage, wie die Vielzahl der uns bekannten kommunikativen
Situationen, der Sprechakte, auch die Virtualität des Sprechens selbst
zu der Ordnung einer Kommunikation aufschließen sollten. Zumindest ist
die Vision Lanviers von einem gestischen Repertoire des "Cyberbewusstseins"
abhängig, dass nicht hinter dem Unterscheidungsvermögen und den in jedem
Gespräch vorausgesetzten Anschlussmöglichkeiten zurückstehen. Diese
Virtualisierung eines Bewusstseins ohne sprachliche "Krücken" folgt
untergründig dem Bild von vernetzten Gehirnen, die qua Cybertechnologie
gleichsam telepathisch kommunizieren. Auch abgesehen vom spekulativen
Charakter dieser uncodierten Kommunikation verstört an diesem Ausblick
die Verschmelzung von Bewusstseinen, die gerade keine Kommunikation in
unserem Sinne mehr wäre, weil jede Mentalreservation, jede Schließung
des eigenen Bewusstseins gegen das fremde äußerst vage bliebe.
Damit erweisen
sich auch die Medienvermeidungsdiskurse, die kulturpessimistischen
Warnungen als obsolet, weil klassische Techniken, selbst wenn sie das
philologische Ideal etwa des 19. Jahrhunderts verfehlen, in einer
avancierten medialen Kompetenz "aufzuheben" wären. Gerade das Internet
als Hypertextmaschine desavouiert längst nicht klassische
Interpretationstechniken, ohne dass es darin sein Bewenden haben könnte.
Das Literarische, das einst die oral geprägte Kultur, von einigen
Ethnien abgesehen, liquidierte, könnte dann selbst in einer
techno-oralen Kultur diffundieren, die sich nicht länger ausschließlich
über Texte vermittelt. Noch benötigen zwar Programmierer Sprachen bzw.
Codes, müssen mithin selbst Sprachkompetenz besitzen, um eine
techno-orale Gesellschaft zu ermöglichen, in der reine Anwender von
fremder Literalität abhängen.
Auch das Internet ist zuvörderst gegenwärtig noch eine gewaltige
Textmaschine, die mehr oder minder hohe Lesekompetenzen voraussetzt.
Aber die Entwicklung des Mensch-Maschine-Gesprächs ist unabsehbar und
mag auch den Verlauf nehmen, die literale Vermittlung völlig aufzuheben.
Vielleicht sind also die Nichtlese-Riesen Noel Gallagher und Zladko auf
dem richtigen Weg in die Zukunft, nur - sie wissen es nicht, weil sie
dafür gegenwärtig noch lesen müssten!
Goedart Palm
Fußnoten:
Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle, Originalausgabe 1964,
Düsseldorf 1992, S. 27
[2]
Friedrich Kittler, Draculas Vermächtnis - Technische Schriften,
Leipzig 1993, Signal-Rausch-Abstand, S. 161 ff. (173).
Barry Sanders, Der Verlust der Sprachkultur, Frankfurt/M.1995.
Jean Paul, Ideen-Gewimmel, Frankfurt/M. 1996, S. 50.
[5]
Hartmut Winkler, Docuverse, Zur Medientheorie der Computer.
PDF-Ausgabe, München 2002, S. 288 f.
[6]
Paul Valéry, Cahiers/Hefte1, Frankfurt/M. 1987, S. 472.
[7]
Jean Tardieu, Mein imaginäres Museum, Frankfurt/M. 1965, S. 11.
[8]
Paul Valéry, Cahiers/Hefte 1, Frankfurt/M. 1987, S. 499.
Vgl. Vilém Flusser, Lob der Oberflächlichkeit. Die kodifizierte
Welt, Bensheim und Düsseldorf 1993, S. 63 ff.
[10]
Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, S. 18.
[11]
Hartmut Winkler, Docuverse, Zur Medientheorie der Computer.
PDF-Ausgabe, München 2002, S. 332.
Paul Valéry, Cahiers 1, Frankfurt/M. 1987, S. 223.
[13]
Maurice Blanchot, Der Gesang der Sirenen, Berlin 1982, S. 329.
Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 99.
Vgl. dazu etwa Mike Sandbothe unter:
http://www.uni-jena.de/ms/teil1.html.
Vgl. etwa
http://www.medialit.org/
Beat Wyss, Die Welt als T-Shirt. Zur Ästhetik und Geschichte der
Medien, Köln 1997, S. 83.
http://www.well.com/user/jaron/
Vgl. Lev Manovich, The Language of New Media,
Cambridge/Massachusetts u.a. 2001, S. 58f.
Vgl. etwa Gerald M. Phillips, A Nightmare
Scenario: Literacy and Technology,
http://www.uni-koeln.de/themen/Internet/cmc/text/phillips.94b.txt.
|