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Thomas Mann im amerikanischen Rundfunkstudio
Foto von ca 1940. public domain

Wunschloses Wohlbehagen –
oder wir alle wohnen in unterschiedlichen Thomas-Mann-Straßen

Peter V. Brinkemper über die große kommentierte Frankfurter Ausgabe von Thomas Manns »Doktor Faustus«

Jetzt, zum Oktober 2007, ist er da, der langerwartete Doppelband 10.1 und 10.2 der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe" der Werke von Thomas Mann im Fischer-Verlag: der fiktive Musiker-Roman „Doktor Faustus" mit 738 und der Kommentarband mit 1267 Seiten. Beide sind herausgegeben und textkritisch durchgesehen von Ruprecht Wimmer (Eichstätt) unter Mitarbeit von Stephan Stachorski (Mainz) und massiv unterstützt vom wackeren Thomas-Mann-Archiv in Zürich. Anders als bei der Erscheinung der von Inge Jens herausgegebenen Tagebücher aus dem Zeitraum der Entstehung des „Doktor Faustus" im Verlauf der 80er Jahre breitet sich bei der Lektüre keine Aufregung sondern ein fast wunschloses Wohlbehagen aus. Dafür gibt es vielerlei Gründe. Denn jede Sättigung ist relativ.

Ein Roman und gleich noch einen Roman des Romans
Thomas Mann hat im „Doktor Faustus“, seinem radikalen Alterswerk im kalifornischen Exil, entstanden zwischen 1943 und 1947, einen Roman als fiktive Musiker-Biographie verfasst. Eine künstlerisch-politische Allegorie und ein tragischer Gegenentwurf des totalitär entgleisten Deutschlands. Das diffizile Werk, überfrachtet von erzählerischen Passagen, musikalischen Beschreibungen und essayistischen Diskursen sollte nicht unkommentiert bleiben. Dazu setzte Thomas Mann „Die Entstehung des Doktor Faustus“, den „Roman eines Romans“ auf. Er verarbeitete hier Tagebuchnotizen, bevor diese vier Jahrzehnte später für alle im Druck ausführlich und nachvollziehbar vorlagen. Auf diese Weise wurden nicht nur Erläuterungen gegeben, sondern weitere, hohe Erwartungen geschürt. Beide Werke, „Doktor Faustus“ und „Die Entstehung des Doktor Faustus“, sind in unterschiedlicher Gestalt, in Gesamtausgaben, als Einzelbände oder auch als Doppelbuch-Sonderedition Generationen von Thomas-Mann-Lesern zugänglich geworden.

Die kombinierte Lektüre des Romans und des „Romans eines Romans“ leistete dem Leseerlebnis und Leseverständnis des „Doktor Faustus“ überaus gute Dienste. Denn sie stellte in den Mittelpunkt des Œuvres die Frage nach der produktiven Beziehung zwischen realer Historie und Künstlerbiographie, zwischen der erzählten Zeit, der Erzähl-Zeit und der Gegenwart des Lesers, aber auch nach den thematischen Paradoxien und Ambivalenzen der aus allen Epochen und Disziplinen plündernden Montagetechnik. 

Verzwickte Zeiten
Schon im „Doktor Faustus“ sind die chronologischen Verhältnisse recht verzwickt. Der fiktive Chronist und Freund Serenus Zeitblom erzählt das „Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn“, die Vita eines modernen Komponisten, 1885 geboren und 1940 verstorben, an der Oberfläche streng chronologisch. Bei dem Helden handelt es sich um den ästhetischen, zwischen Spätreligiosität und Nihilismus angesiedelten Typus eines Friedrich Nietzsche (1844-1900, gestorben in Weimar), der vierzig Jahre später auftritt, als gesellschaftlich scheuer Repräsentant einer international umworbenen deutschen Musikkultur, mitten in der künstlerischen und demokratischen Moderne Europas der 20er Jahre und an der Schwelle zur Ära des aufkommenden Nationalsozialismus. In seinem musikalischen Werk treibt er auf konservative und zugleich revolutionäre Art die abendländische Musik- und Kulturgeschichte weiter, in einer dämonisch anmutenden Mixtur aus intellektueller Modernität, barocker Fugentechnik, klassisch-romantischem Ausdruckswillen und dem rigoros-mutwilligen Experiment mit der akustischen Barbarei. Die tragisch verlaufende Künstlerbiographie setzt der Erzähler Zeitblom in seiner „inneren Emigration“ in Freising mit dem sich langsam abzeichnenden Untergang des Dritten Reiches in mehrdeutige Korrespondenz, beginnend mit der Kriegswende 1943 um Stalingrad, und endend mit der völligen Niederlage 1945, der Bombardierung und Eroberung des Deutschen Reichs, der Öffnung des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar durch die Alliierten und dem Selbstmord der in Berlin verbliebenen Führung, die die Deutschen in einem Abgrund von Schuld zurücklassen.

Fotocredit: Library of Congress, Prints and Photographs Division, Van Vechten Collection,
reproduction number LC-USZ62-42522 DLC (b&w film copy neg.)

Leverkühns Gegenstimme
Immer wieder unterbricht Zeitblom die Musiker-Biographie durch Reflexionen und Verweise auf die Gegenwart des Kriegsfinales, in dem die Alliierten die vom Nazi-Deutschland unterjochte „Festung Europa“ Stück für Stück erobern. Auf diese Weise entsteht ein weiträumiges Motiv-Geflecht zwischen Erzählung, Musik und politischer Geschichte, – eine Art Metakomposition, das die anfängliche Jubelphase des verbrecherischen Dritten Reiches einkreist und doch als Leerstelle im Roman ausspart – zugunsten der mehrdeutigen Gegenstimme Leverkühns, seiner wagemutigen Musik und seines zerrissenen Künstlerlebens. Insbesondere die kunstvolle Schilderung der Hauptwerke hinterlässt unvergessliche Eindrücke, das eisig-drakonische Oratorium „Apocalipsis cum figuris“, in dem Orchester, Chor und Solisten miteinander in wildester Polyphonie zu einem glühenden Massenpanorama verschmelzen; und die sinfonische Kantate „Dr. Fausti Weheklag“, die in der streng seriellen Konstruktion eines melancholischen Riesenlamentos den melodisch-expressiven Naturklang der Musik, ihren fundamentalen Klagecharakter als weit gespanntes Echo freisetzt.

Diese zwischen geschichtlicher Faktizität, künstlerischer Plausibilität und Fiktion changierende Struktur, ist bis heute nur in wenigen Ansätzen näher und umfassend analysiert worden. Und so erstaunlicher, wie selektiv Wimmer bei der Heranziehung fachlich relevanter neuerer Literatur verfährt. Der freie Atem dieser komplexen temporalen Komposition des Romans, zwischen strenger Konstruktion und einer von Material überquellenden Montage wehte auch durch die von Inge Jens edierten Tagebücher zur Zeit der „Doktor Faustus“-Produktion. Dagegen übt sich die jetzt erschienene kritische „Doktor Faustus“-Ausgabe in philologischer Askese mit geradezu wertkonservativem Anstrich.

Foto: © Suhrkamp Verlag
Welt- und Schreibtisch-Philologie
Immerhin haben die Thomas-Mann-Forschung, aber auch das Adorno-Archiv sich mit der Zeit aufeinander zu bewegt. Die Philologisierung beider Autoren hat zu einer Ermattung und Versachlichung alter Streitherde geführt. Fast einem Schlussstein gleich kam: Theodor W. Adorno/ Thomas Mann: „Briefwechsel 1943-1955“ (Hrsg. von Christoph Gödde und Thomas Sprecher, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002. Zu diesem Zeitpunkt lag das Computer-Typoskript von Peter V. Brinkemper, Spiegel & Echo, bereits einige Jahre im Adorno-Archiv, siehe weiter unten). Dem entscheidenden musikalischen Berater Theodor W. Adorno wollte Thomas Mann öffentlich „Credit“ geben, bevor jener seine Mitwirkung dann doch immer wieder unverhohlen und für Mann ärgerlich anzeigte. Vor allem die Leistung als einfühlsamer, aber auch richtungsweisender und stilprägender Koautor wurde von Thomas Mann gegen den Willen von Katja und Erika Mann in der „Entstehung“, dem „Roman eines Romans“ ausführlich gewürdigt, dazu die Bereitstellung der theoretischen und zugleich kritisch reflektierten Grundlagen der modernen seriellen Komposition mit zwölf Tönen, die Ausführungen zu Beethovens Spätwerk, die Einsicht in den ersten Manuskript-Teil von Adornos „Philosophie der neuen Musik“ über Schönberg, die ausgesprochen literarische Mitwirkung an entscheidenden Musik-Passagen des „Faustus“. Und Ruprecht Wimmer stellt diese Tatsache auch zu Recht an den Anfang seiner „Entstehungsgeschichte“ im neuen Kommentarband als ein für die Thomas-Mann-Philologie mittlerweile abgeschlossenes und inklusives Kapitel, aber auch als Markenzeichen eines neuen Gesamtniveaus der Thomas-Mann-Forschung.

Während man sich bei Inge Jens’ Tagebuch-Editionen durch die genauer kommentierten politisch-biographischen Eintragungen, Thomas Manns Arbeit im internationalen publizistischen Raum und die Reaktion der Gesprächspartner sowie bereits wichtige Vorveröffentlichungen von Varianten zu Romanpassagen des „Faustus“ aus dem Thomas-Mann-Archiv in Zürich noch aufregend informiert sah, regieren nun im „Faustus“-Doppelband der kritischen Gesamtausgabe das gepflegte Wohlbehagen durch die Kunst der ordnenden Beschränkung.

Irrungen und Wirrungen von Hand und im Druck
Der Textbestand des „Doktor Faustus“ geht auf das immer wieder überarbeitete Manuskript sowie auf das erste, an vielen Stellen fehlerhafte, mehrmalig kopierte und nur Stück für Stück an den Setzer versandte Typoskript zurück. Auch an den Korrekturfahnen des Erstdrucks sowie den Fahnen der folgenden Editionen nahm der Autor immer wieder Änderungen vor. Bei einer solchen Taktierung der Produktion durch fast endlose Überarbeitungen, Kürzungen und Korrekturen auf allen Ebenen ist davon auszugehen, dass sich bis heute gewisse Fehler, Abweichungen und Varianten erhalten und weitere eingeschlichen haben. Vorlage der neuen Edition wurde nicht der Erstdruck (ED) der Stockholmer Gesamtausgabe 1947 sondern die bereits durch den Autor entscheidenden Kürzungen unterworfene Wiener Ausgabe 1948 mit ihrer Orthographie und Zeichensetzung, unter Rückgriff auf die Handschrift. Auch der orthographisch modernisierte Suhrkamp-Lizenzdruck, Berlin/Frankfurt am Main von 1948, mit der eingesetzten Schlussbemerkung, dass die im Roman eingesetzte Zwölftontechnik ursprünglich von Arnold Schönberg stamme, wird außen vor gelassen. Akribisch gibt der ausführliche Stellenkommentar wieder: inhaltliche und grammatische Abweichungen, Fehler und Korrekturen zwischen Manuskript, Typoskript und den Druckfassungen sowie veränderte oder angepasste Schreibweisen.

Geschrumpfter Anspielungsreichtum
Die aus der „Entstehung des Doktor Faustus“ bekannten Quellen und Vorlagen werden detailliert ausgebreitet. Dazu wurden die in Zürich erhaltenen Bände der Arbeitsbibliothek Thomas Manns systematisch durchgegangen und die Anstreichungen und Notizen durch den Autor genutzt. Was im „Roman eines Romans“ als Materialien und Ideen angeführt wird, wird nun philologisch, Zeile für Zeile, Seite für Seite dargestellt, als Ausgangsstoff und als Endfassung im Roman. Ein naheliegendes und pragmatisches Verfahren, dass die Relevanz und Hierarchie des dargestellten Materials offen hält. Auf diese Weise werden viele zwar bekannte, oft kaum durch die interpretierende Forschung näher behandelten Zitate und Montage-Materialien in voller Länge präsentiert und auch für den Laien kenntlich gemacht. Es werden z.B. Gedichte aus der Weltliteratur sowie „nichtfiktionale“ Texte aus Wissenschaft, Kultur, Journalismus und Politik im Auszug oder gar in extenso wiedergegeben; Lyrik, von deren fiktiver Vertonung im Roman oder Texte, von deren Existenz und Verarbeitung in der „Entstehung“ und in den Tagebüchern nur knapp oder beiläufig die Rede ist. Wieso ein textueller Bauplan für die Hauptkapitel des Romans und die literarisch-musikalische Kompositionsstruktur Hauptwerke Leverkühns nicht unternommen wurde, ist bei der heutigen computergestützten Datenerfassung schon wieder erstaunlich.

Unsicherheiten, Verkürzungen und Auslassungen
Wimmer betont bei der Gesamtanlage des Kommentars die “vorsichtige Beschreibung eines >Zustandekommens<“. Aber mit dem „Aufspüren weit hinabreichender Wurzeln im Lebenswerk“ gibt es gewisse Probleme und Stockungen. Die Angaben aus „Die Entstehung des Doktor Faustus“ waren für jeden Leser virtuell eine literarische PC-Menüleiste, aus der kulinarisch oder intelligent, nach einer Lesehypothese, ausgewählt werden konnte, um Material, Idee und Umsetzung vergleichend zu überprüfen. Dagegen ist nun ein komplett mit Daten angefüllter Desktop nachgebildet worden, der uns den Blick in das Gehirn von Thomas Mann suggeriert, obwohl es darum letztlich nicht gehen kann. Indem die politische Welt-Philologie des Andeutbaren von Inge Jens’ Tagebuch-Edition in die Wimmersche Bibliotheks- und Schreibtisch-Philologie des Machbaren und sofort Abrufbaren abgelöst wird, endet eine Ära des fast unendlichen, aber virtuellen Beziehungsreichtums. Die Leser- und Interpretenkompetenz geht gegen Null. Zahlreiche rein lexikalische Exkurse in Sachen Musik verdeutlichen Unsicherheiten in der Zuordnung und Einschätzung. Die Gravitation des Materials zerreist immer wieder die narrative oder diskursive Komposition der Elemente. Komplexere, aber durchaus naheliegende inhaltliche Querbezüge und rezeptionsästhetisch verschachtelte literarische Zitaten-Zitate werden aus dem Kontext geschnitten oder an den Rand der Darstellung gedrängt. Der Abbé-Galiani-Verweis des Teufels etwa wird primär auf Thomas Mann bezogen, die Verweisstruktur auf Nietzsche, der ihn selbst gerne zitierte und wovon Mann ihn sicher zitieren lernen liebte, wird unterdrückt. Gerade der Anspielungsreichtum aus den Mannschen Essays (noch nicht allesamt kritisch editiert, bei projektiertem Abschluss der gesamten neuen Ausgabe für 2015), ihre vielschichtige politische, literarische und musikalische Thematik, all dies wird nicht im wünschbaren Umfang umgesetzt. Immer wieder bleiben die sprachlichen und ideellen Korrelationen zu Nietzsche ungenau, blass oder nur sekundär erläutert. Die Tristanische „Wollust der Hölle“, eine wichtige Wendung aus Nietzsche „Ecce Homo“ wird fast schüchtern annotiert. Der Wahrheitsrelativismus und die Machtphilosophie des Teufels (Kapitel XXV) erhalten keinen expliziten Verweis auf Nietzsches mittlere und späte Phase. Der „fressende Tropfen“, eines der simplen voralchimistischen Experimente Jonathan Leverkühns, wird nicht einmal entfernt bezogen auf das immer wieder bei Nietzsche auftauchende Amöben-Beispiel als Paradigma des Willens zur Macht. Der „Destillationsprozess“ der musikgeschichtlichen „Ausdruckscharaktere“, – diese Terminologie aus der „Weheklag“-Beschreibung – wird nicht mit dem entsprechenden Rückverweis Adornos auf den „Doktor Faustus“ im späteren Strawinsky-Teil seiner „Philosophie der neuen Musik“ in Verbindung gebracht, ebenso fehlt der Bezug auf Adornos musikphilosophischer Kritik an Nietzsches Psychologisierung des musikalischen Fortschritts. Hier verhält sich der Kommentar, als sei das Denken und Weiterdenken an den damals entstehenden Werken, Themen und Thesen mit bestimmten Datierungsfragen bereits beendet (zu den genannten Themen siehe ausführlicher: Peter V. Brinkemper, Spiegel & Echo. Intermedialität und Musikphilosophie im „Doktor Faustus“, 1997, S. 279-283, S. 481). Thomas Manns von Dostojewski entlehnte Wortschöpfung und Anfang der 20er Jahre vorgetragene Idee der „konservativen Revolution“ wurde später u. a. von Carl Schmitt für seine Zwecke umgedeutet. Es handelt sich um eine recht variable Verwebung von Reaktion/Konservativität und Revolution, Thomas Mann in seinen Essays z.B. auf Luther, Wagner und Nietzsche anwendet. Gleichfalls nachweisen lässt sich der Gebrauch dieser Nomenklatur (nicht nur durch Adorno) bezüglich Schönberg, sondern auch von diesem zur Selbstcharakterisierung („der Fortschritt“, „konservativer Revolutionär“) und wiederum durch Adorno kritisch gegen Strawinsky („Reaktion“), – all dies taucht sachlich und ideell im Roman immer wieder als Schlüsselmotivik, ja als strukturbildende Matrix auf, auch im „Weg um die Kugel“, als Verspiegelung der ehemals unüberbrückbaren politischen Oppositionen von „Rechts“ und „Links“, was aber durch die Detailängstlichkeit des Kommentars philologisch klein geredet wird oder unkommentierte Schmuggelware bleibt. In diesem Punkt macht sich die Ausklammerung entscheidender, mit Sachhinweisen nur so gespickter Forschungsliteratur bemerkbar, insbesondere von Peter Pütz („Thomas Mann und Nietzsche“, 1978) und Peter Brinkemper (Spiegel & Echo. Intermedialität und Musikphilosophie im „Doktor Faustus“, 1997). Dabei ist der Kommentar an sich weitsichtig angelegt und grenzt keineswegs interpretierende Beiträge bestimmter ausgewählter Autoren aus, wenn es so aussieht, als ob sie auch zum Sachgehalt direkt etwas beitragen könnten. Der “Doktor Faustus“ ist durchaus ein Romanwerk, das sich im Kampf und Widerstreit mit seinen Quellen befindet, und vieles wird in der neuen Ausgabe allzu gehorsam deutschtümelnd dargestellt, etwa wenn die „Freideutsche Position“ (in einem Rundbrief) für das Studentenverbindungs-Kapitel XIV in voller Ausführlichkeit (statt anderer Referenzmaterialien) erscheint. Wenn man so will, liegt ein Großteil der von Thomas Mann schriftlich erwähnten Materialpalette nun offen auf dem Arbeitstisch des Lesers, aber der gedankliche und stilistische Schub des Romans, seine Energie scheint stellenweise verpufft zu sein. Der Schreibtisch ist nur die eine Realität, dazu kommt das Lektüre-Sofa, die zahllosen Gespräche daheim und in der Nachbarschaft, sowie die Vortragsreisen und internationalen Korrespondenzen. Auf diese Weise verlieren der Roman und seine sicherlich weiteren (impliziten) Zwischenstufen ein Stück weit ihre Identität und Dynamik.

Mehr Fläche als Tiefe
Das jetzige Kommentarergebnis setzt durchaus Maßstäbe, es versucht die geistige Vielfalt der Mannschen Beschwörung des Faust-Mythos zu bewahren, es beansprucht die nüchterne Präzision am Text, an Vorgaben und Vorlagen. Doch insgesamt erreicht der Kommentar eine ausgedehnte Fläche ohne die voll erhellende Tiefe. Warum? Vielleicht, weil es gelegentlich an literarisch-struktureller, musikalischer und politischer Zugriffssicherheit mangelt? Immer noch schwanken die neuen Vertreter und alten Überlebenden der Thomas-Mann-Philologie, ob die Materialien nur als ästhetisches Interpreten-Spielzeug im Werk rumoren oder themen- und strukturbildend in die Romankapitel eingehen. Die Erfassung der vielzitierten Arbeit Thomas Manns am „Motiv-Komplex in toto“, an der „Tiefenperspektive des Ganzen“ bleibt so nach wie vor Desiderat. Dass die „Entstehung des Doktor Faustus“ in der neuen Ausgabe fehlt und doch als Folie der Kommentierung ständig durch die über tausend Seiten geistert, kommt nicht von ungefähr.

Begrüßenswert sind die nun fast vollständig vorliegenden Vorfassungen oder gestrichenen Stellen im Kommentarband. So taucht die später verworfene Einteilung der Kapitel in sechs Bücher wieder auf, da gibt es ein zusätzliches Theologie-Kolleg in Halle von einem gewissen Rhegius, Mythologe und Orientalist, zu studieren, sowie weitere erzkluge Ausführungen von Kretzschmar und seinem Adepten Adrian Leverkühn in Sachen vokaler und instrumentaler Musik verschiedenster Epochen. Vieles davon hat jedoch etwas von einem lästigen Directors-Cut, nur zu gut, dass es damals hinausflog. Ob wieder abgedruckte Passagen bisherige Analysen und Interpretationen bestätigen oder modifizieren, mag dahin gestellt sein. Ihre Bedeutung und Strukturrelevanz wird nur durch souverän intermediale Untersuchungen angemessen einschätzt und beurteilt werden können. Manches davon lasen wir schon in den Tagebüchern aus der Entstehungszeit des Romans. Aber wie heißt es denn nun in einer unterdrückten Passage zur „Apocalipsis“ richtig? „Esmeralda-Musik“ (Kommentar) oder „Esmeralden-Musik“ (Tagebücher)?
Wir alle wandeln in unterschiedlichen Thomas-Mann-Straßen, die, die ihn gelesen haben, ebenso wie die, die ihn nie lesen werden. Peter V. Brinkemper

Thomas Mann
Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde
Herausgegeben und kommentiert von Ruprecht Wimmer unter Mitarbeit von Stephan Stachorski.
Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 2007
S. Fischer Verlag
Bd. 10.1, Textband, Leinen / 742 Seiten. / ISBN 3-10-048337-5 / 42 Euro
Bd. 10.2, Kommentarband, Leinen / 1267 Seiten. / ISBN 3-10-048338-3 / 50 Euro
Zusammen in zweibändiger Kassette / Leinen im Schuber / ISBN 3-10-048339-1 /
84 Euro
 


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