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Kulturgeschichte

 


Schönheit für die Elite – Hässlichkeit für die Massen?
Umberto Ecos »Geschichte der Hässlichkeit«
am Widerhaken der Philosophie

Von Peter V. Brinkemper

Nachdem Umberto Eco sich für die Herausgabe einer „Geschichte der Schönheit einsetzte, lag es nahe, auch eine „Geschichte der Hässlichkeit“ zu veröffentlichen. Wieder strickte die Firma Eco an einem opulenten bunten Bogen aus exemplarischen vor allem künstlerischen Bildern, Gemälden, Skulpturen, Grafiken, Fotografien und Filmstills sowie literarisch-philosophischen Quellen und bezeichenderweise zurückhaltenden Erläuterungen, die einen üppigen Assoziationsteppich präsentieren, freilich mit manchen philosophischen Widerhaken, die einem Thema anhaften, das für gewöhnliche Kulturkonsumenten bis gestern eher der Schatten des Positiven war. Und heute?

Panoptikum?
Aber, ist das ganze wirklich nur das wohlig-gruselige „Panoptikum“ (der etwas zu eilfertige Klappentext), für das es auch von manchen Rezensenten gehalten wird? Richtig daran ist, dass Eco als „Herausgeber“ wie ein „Ausstellungsmacher“ operiert. Aber während ein Panoptikum mit fragwürdigen Wiederkennbarkeiten zwischen flachen Bildern und plastischen Installationen arbeitet, operiert Eco, wenigstens ein Stück weit, mit der Differenz der Bilder und Quellentexte, die er beide für sich stehen lässt und nur knapp kommentiert, damit die Leser ihre eigenen Wege durch den Dschungel der Hässlichkeit in Wort und Anschauung schlagen können. Es sieht so aus, als habe man den Band, ohne genauer zu lesen und zu schauen, nur allzu flüchtig nach bestimmten Bildern durchgeblättert, über die man sich im Sinne von Stereotyp, Karikatur und Komik voreilig als „Unterhaltungsmaterial“ lustig machen kann. Ein Akt der Entlarvung oder der Verdrängung? Ecos „Geschichte der Hässlichkeit“ ist trotz allem kein tragisch-lustiges Raritäten-Kabinett, sondern ein schräger, leicht verrutschter, fast camp-förmiger Annäherungsversuch an die Sichtweisen des Nicht-Schönen (zu „Camp" vergleiche  weiter unten). Dem Semiotiker, Pop-Kultur-Denker und professoralen Esoteriker Eco und seinem Team ist mehr zuzutrauen als den Kritikern. Diese haben schlichtweg die sachlich-essayistische Ironie des Ausstellungsarrangements übersehen. Dabei hat sich Eco allerdings mit seinem spielerisch-unterhaltsamen Essay-Stil, der aus seinen Popkulturellen Essays bekannt ist, manches Eigentor geschossen.

Lauter Typensprünge
Schon in der Einführung heißt es: „Wenn ein Besucher aus dem Weltraum in eine zeitgenössische Kunstgalerie käme, viele Frauenbildnisse von Picasso sähe und hören würde, dass die Besucher sie >schön< finden, könnte er zu dem falschen Schluss gelangen, dass die Menschen unserer Zeit im Alltag Frauen mit Gesichtern wie die von dem Maler dargestellten als schön und begehrenswert betrachten." Erst bei einer Modenschau oder einem Schönheitswettbewerb würde ihm auffallen, dass es noch andere Schönheitsideale gibt. Man muss schon Welten überspringen, um diese Aussage wörtlich zu nehmen. Wie brüllte Sgt. Hartman in Full Metal Jacket: „Sie sind so hässlich, Sie könnten glatt ein modernes Kunstwerk sein…"

Dabei spielt Eco anscheinend auf allen Ebenen mit dem durch die Medien und die Kunst eröffneten Toleranzspielräumen. Abgebildet neben den zitierten Überlegungen ist Picassos „Weinende Frau“ von 1937, ein kubistisch und expressionistisch zersplittertes Labyrinth im Angesicht des menschlichen Schmerzes mit privaten und politischen Hintergründen, ein Porträt von Dora Maar, die als Freundin und Fotografin wiederum Picassos Arbeit an „Guernica“ festhielt. Einerseits verweist Eco darauf, dass von vergangenen Epochen oft nur die Zeugnisse der Literatur und der bildenden Kunst übrig geblieben sind. Diese Aussage stimmt natürlich nur bis zur Erfindung der Fotografie. Und so gibt es auch das eine oder andere Schockfoto, wie Noel Quidus’ „Kopf eines Mitglieds der Rebellenorganisation LURD“, Monrovia 2003, gehalten von einer Frau, die dadurch eher fragwürdig mit der oft gemalten Judith-und-Holofernes-Enthauptung assoziiert wird. Andererseits nimmt er alle vorhandenen Werke, Bilder und Quellentexte in der Tat als real-historische oder kulturgeschichtliche Dokumente, wie in der jeweiligen Zeit über das Schöne und die Gegenphänomene des Nicht-Schönen nachgedacht, fantasiert und empfunden wurde. Aber wie wörtlich oder wie metaphorisch und vor allem wie argumentativ-begrifflich ist das zu nehmen?

Der entscheidende Punkt besteht darin, dass das Hässliche an sich einen Punkt der gleichzeitigen Faszination und Ablehnung impliziert. Hier aber wird es zum Divergenzpol des Schönen erhoben. Eco verspricht dem Publikum eine Fluchtlinie, die aus dem Zentrum der klassischen griechischen Ästhetik, dem idealistischen Schönheitsbegriff heraustritt, um eine transästhetische Eröffnungsachse der historisch wandelbaren Alltags-, Welt- und Kunsterfahrung zu befahren. Das Hässliche wäre dann nicht mehr das Hässliche, sondern ein Tor zum Anderen und nicht nur ein Modus, in dem bestimmte Menschen und Verhältnisse nach dem Maßstab des gesellschaftlichen Werte- und Normenkanons unvorteilhaft, dezimiert und ausgeschlossen erscheinen, sondern das allgemeine formale Bugfenster der Gegenwart zu einer alternativen Wahrnehmung, durch das neue und komplexere Erfahrungen auf dem Kurs in die Zukunft einströmen.

Hässlichkeit als Leerstelle und Motor
Das Hässliche oder die Hässlichkeit sind eine Leerstelle für Erfahrungsbahnen, die über die scheinbar zeitlose Klassizität des wohlaustarierten Schönen hinaus gehen, Erfahrungen wie das Erhabene und das Niedrige, das Wunderbare und das Alltägliche, das Monströse im Gegensatz zum vorgeblich Artgerechten, das Unheimliche im Unterschied zum Vertrauten, das Phantastische und das vorläufig Erklärbare, das Gefährliche und das Seltsame, das Krankhafte und das unerbittlich Heilsame, das Böse und Verworfene im Gegensatz zur Rettung durch das Gute, das Schmutzig-Obszöne im Unterschied zum befreiend Reinigenden, der teuflische Wahnsinn im Gegensatz zur verteufelten Rebellion.

Aus Lessings 'Laokoon'-Aufsatz stammt die Bemerkung, dass die Malerei als uneingeschränkte Nachahmung auch hässliche Gegenstände darstellen könne, aber als schöne Kunst immer vorsichtig Entscheidung darüber zu treffen habe, Hässlichkeit in Inhalt und Form weiter zu vermitteln oder auszuklammern. Die Dichtkunst schwäche dagegen die Wirkung der thematisierten Hässlichkeit durch „die Veränderung ihrer koexistierenden Teile in sukzessive“, also durch die Verwandlung eines ganzheitlichen Eindrucks in einem Bild und einer Skulptur in eine Folge von intelligiblen, abstrakten Zeichen, Lauten und Buchstaben. Es ist deutlich, wie der Aufklärer Lessing in Sachen Malerei immer noch der alten rationalistischen Regelästhetik und ihrem Postulat vom schönen Schein der klassischen Verklärung und Abmilderung verpflichtet ist, während er der Literatur und dem Diskurs das Vertrauen auf offene harte Aussprache zubilligt. Aber umgekehrt macht Eco an dieser Stelle darauf aufmerksam, dass die Medien und Künste nicht immer parallel ziehen. Mal ist das Wort, mal ist das Bild, mal ist die Musik, mal der Film oder das Netz die Avantgarde. Wenig später verwundert, wie der Hegel-Schüler Karl Rosenkranz in seiner „Ästhetik des Hässlichen“ Gros Gemälde „Napoleon Bonaparte bei den Pestkranken in Jaffa“ 1804 beschreibt. Aus heutiger Sicht handelt es sich um eine immer noch schön und würdevoll beseelt zu nennende klassizistische Stilisierung der leidenden französischen Soldaten. Rosenkranz beschreibt aber das Bild pathetisch als Inbegriff der inszenierten Pestilenz, als ob es sich um ein Kadaveriarium des Spätmittelalters handelte: „Wie grässlich sind diese Kranken mit ihren Beulen, mit ihrer lividen Farbe, mit den graubläulichen und violetten Tinten der Haut, mit dem trockenbrennenden Blick, mit den verzerrten Zügen der Verzweiflung!“

„Ganz bei sich selbst“ scheint die Theorie und Geschichte der Ästhetik des Hässlichen erst anzukommen im Unendlichkeitssinn der Romantik, vor allem in ihrer schwarzen Variante, und in Freuds „Unheimlichem“: wenn selbst der normale, traditionelle oder ganz alltägliche Zusammenhang der Dinge aufreißt und die Darstellungsmöglichkeiten der Kunst über das gewohnte Maß herausgefordert werden. Manierismus, Romantik und Moderne entscheiden sich nicht gegen die Schönheit als solche, sie kennen auch die morbide, zeitvergängliche, todessehnsüchtige Form der Belezza als über dem Abgrund schwebende Sirene. Doch sie votieren gegen ihre Eindeutigkeit und für das Unfassbare und das Grausige, für die Mehrdeutigkeit und Dekadenz vor allem auf der Ebene der Darstellung, die das Expressive, Bizarre, Entstellte, Ungeheuerliche und Extravagante betont und sich dabei zunehmend von den Figuren löst.

Drei Unterscheidungen und drei Sektionen
In seinen sparsamen eigenen Hinweisen verfolgt Umberto Eco die Facetten des Hässlichen als Funktion von Produktion, Struktur, intendierter Wirkung und Rezeption in verschiedenen Künsten und Medien. Eco macht eine ebenso simple wie wichtige Unterscheidung, auf deren Tragfähigkeit noch zurückzukommen ist: „das Hässliche an sich“ (das Phänomen des Hässlichen pur, das unmittelbare, ungeschützt heftige Erlebnis eines Objekts des Ekels, Abscheus, der Ablehnung oder auch der Furcht für uns selbst und des Mitleids mit uns bekannten anderen); „das formal Hässliche“ (eine neutral, sachlich wahrnehmbare Abweichung einer Person, eines Lebewesens oder Gegenstandes von einer Norm, ein Ungleichgewicht in der Erscheinung: der Kleinwuchs, der fehlende Zahn oder Finger, der hinkende Gang; der Hybrid, aber auch der Fake, die trügerische Mimikry); und „die künstlerische Darstellung von beidem“ (entweder als neutrale Wiedergabe oder als Beschönigung oder als effektvolle Inszenierung, als verschlimmernde Karikatur oder artistisch-experimentelle Steigerung, Hyperbel der modernen Kunst und als Bericht oder Ausschlachtung in den Medien).

Man vergleiche nur einmal die meisterlich intim gespannte Distinktion der „Anatomie“ von Rembrandt (1632, Den Haag) mit dem minutiös abschreckenden Ritual der Hautabziehung bei lebendigem Leibe, der „Schindung des Sisamnes“ von Gerard David (1498, Brügge), und mit der satirisch verwilderten Darstellung der Autopsie als königlich lizensierte viehische Ausschlachtung, von William Hogarth 1799 unter dem Motto „Für die Grausamkeiten den gerechten Lohn einstecken“, bei dem die Weichteile des verblichenen Wüstlings durch einen schnüffelnden Hund und einem am Darm wie an einem Seil ziehenden Vagabunden ihre Weiterverwertung finden. Hier werden jeweils andere Formen des Hässlichen, Hinfälligen und Ungeheuerlichen thematisiert, auch in Bezug auf den Umgang mit Tod und Leiche im Dienste der Gesellschaft, des Rechts und der Wissenschaft. Bei Rembrandt halten sich diskrete Klassizität, Symbolkraft und Realismus die künstlerisch-musikalische Waage und stehen im Einklang mit der Humanität, der Würde des Toten noch im Augenblick der Untersuchung. Bei David steht das sorgfältig ausgemalte und noch heute beklemmende Ritual des Martyriums und der damals rechtens empfundenen Exekution im Vordergrund, während der an sich schon schamlose und auch karikaturistisch überzeichnete Umgang mit dem Toten bereits zu Zeiten Hogarths für schwärzeste existentielle Komik sorgte.

Mit den verschiedenen Aspekten der Hässlichkeit als Erfahrung, als Gegenstand und als künstlerische Inszenierung scheint Eco recht gut gewappnet, wenn er sich seiner Sammlung durch die Epochen weiter nähert: Denn im Unterschied zum Schönen (dem Gegenstand der Ästhetik des Geschmacks als einer Haltung des interesselosen Wohlgefallens), dem Angenehmen und Nützlichen (als Formen der interessierten emotionalen und rationalen Inbesitznahme) und dem Guten (als Diskurs der ethischen und politischen Teilhabe am Sozialen) ist das Hässliche in Struktur und Wirksamkeit ein diffuser Brennpunkt unterschiedlichster Reaktionen und Wahrnehmungen zwischen hitzigen Affekten und kühlen Ausforschungen, inklusive der begrifflich-sprachlichen Ausdeutung, sei es durch Beschönigung und Verklärung oder der militanten Bekämpfung und Verzerrung (in beißender Polemik von Karikatur, Satire und Übertreibung). Eco provoziert den Leser, die vielleicht vorhandene Wahrnehmungssensibilität oder auch situativ verstärkte mediale Abstumpfung an der imaginierten und inszenierten Erfahrung des Abscheus und Widerwillens vergangener Generationen abzuarbeiten; die sozialen Standards für den Begriff des Hässlichen in vergangenen Zeiten zu begreifen und die Darstellung in Bild und Wort entweder als sachlich-neutrale Form, als verklärendes oder abmilderndes klassisches Verfahren oder in die Moderne weisende Technik der drastischen Zuspitzung oder Entgrenzung nachzuvollziehen.

Das ideologische Potential und die 'Befreiung'
Schon in der Komik, der Satire und der Karikatur (zwischen Stilisierung und Realismus) sowie der traditionell gegen  bestimmte Individuen oder Gruppen gerichteten Vituperation (Beschimpfung) steckt endloses ideologisches Potential. Nach der Säkularisierung und Liberalisierung der modernen Ästhetik wird die Ideologisierung des Hässlichen durch die Konstruktion dämonischer Feindbilder weiter ausgebaut, in der politischen Karikatur, aber auch in den Figuren des Unterhaltungsromans (Doktor Fu Manchu, James Bond und seine Kontrahenten, wie der handlose Dr. No etc.) und des Comics und des Films. Die Kategorie des Hässlichen erweist sich als ideologische Falle, weil die personen- und klassenbezogene Vergegenwärtigung des konkret Ekelhaften und sozial angeblich Abzulehnenden in den Dienst der Konstruktion von sozialen Stereotypen über behauptete Klassen- und Rassen-Mängel gestellt wird. Eine naturalistische Rhetorik sorgt für den Unterbau der bildlichen und verbalen Darstellung und Modellbildung auf massenkulturellem Niveau. Immer wieder unterstützend springt die „Physiognomik“ als Pseudowissenschaft ein, Gesichtszüge angeblich in Verbindung mit Charakter und geistig-seelischen Anlagen zu bringen.

Umgekehrt treiben die Romantik und die dekadenten Dandys um 1900 sowie die folgende moderne Avantgarde den Abstraktionsgrad der Wahrnehmung und der künstlerischen Darstellung so weit, dass die „Befreiung des Hässlichen“ zur „Umwertung“ und zum „Triumph“ führt. So weit Eco. Doch was wird hier genau befreit: Nur das Grausame, nur das Ekelhafte, nur das bisher abgelehnte Unangenehme? Und was oder wer triumphiert hier? Die Kraft und die Schönheit, wie bei Leni Riefenstahl? Der Faschismus als Rassismus, Sadismus und Satanismus, in neuerer moderner Gestalt? Das wären spannende Fragen, die aber in diesem Band ausgeklammert bleiben. An dieser Stelle rächt sich der ständige populäre Naturalismus der „Geschichte der Hässlichkeit“. Kunst nimmt ein Stück Welt auf, um es in ihrer Hinsicht und Absicht autonom und symbolisch zu gestalten. Insofern ist sich auch ein Geistiges und nicht nur eine Fortsetzung des Sensualismus und des Empirismus. Es geht also nicht nur um den leibhaften, sondern um den geistigen Schock der Moderne. Vor allem aber um den Fortschritt einer neuen Perspektive, um die Erringung einer neuartigen Sicht auf die Welt. An dieser strauchelt Ecos Beschwörung des emanzipierten Hässlichen. Die Unterscheidung der Erfahrung, Beschreibung und künstlerischen Darstellung des Hässlichen dreht sich im Kreise einer modernen Kunst, die ihren Hauptzweck aus den Augen verliert: „…können wir sagen, dass die Künstler der Avantgarde bald das Hässliche an sich und das formal Hässliche darstellten, bald einfach ihre eigenen Bilder deformierten, das Publikum aber betrachtete ihre Bilder als Beispiele für das künstlerisch Hässliche. Es sah sie nicht als schöne Darstellung hässlicher Dinge, sondern als hässliche Darstellungen der Wirklichkeit.“(365) Ob Eco hier wirklich in der Lage ist, das damalige Scheitern der Kunst beim Massenpublikum als Bedürfnisverweigerung der sozial und politisch korrekten Hässlichkeits-Richtung zu erklären? Ecos kulinarischer und touristischer Diskurs klammert hier einen historischen Geltungsbegriff der Kunst, die Frage der kritisch erläuterbaren Intention und Aussage ebenso wie der inhaltlichen und technischen Qualität aus. Er spielt damit die Vorzeichen des Schönen und des Hässlichen, des Erlesenen und Trivialen, des Authentischen und des Falschen bis zur völligen Inhaltsleere gegeneinander aus, pendelt fast hilflos zwischen den Polen von Provokation und Reaktion, Avantgarde und der im Gegenzug dann unterstellten fatalen „Entartung“ und liefert sich auch schon mal dem Ressentiment aus.

So nimmt es auch kein Wunder, wenn Eco seinen Streifzug mit lauter Verzweigungen und Pirouetten endet: dem zwischen Eliten- und Massengeschmack fröhlich und angeblich heute noch wie in den 70er Jahren souverän schwankenden Camp (der Fähigkeit mit der Relativität des eigenen und anderen Geschmacks und der Geschmacklosigkeit von gestern spielerisch umzugehen, einer von Susan Sontag vertretenen Position), dem sozial und politisch angepassten Kitsch und der zielgruppen- und situationsspezifisch zersplitterten Gegenwarts-Medien-Konsumästhetik. Erotik auf dem Eisbärenfell, glückliche Diktaturen mit Paladinen, Divine aus John Waters „Pink Flamingos“, Yoda, E.T. und Marilyn Manson sind die Ikonen für eine Patchwork-Identität jenseits der alten Differenz von schön und hässlich, aber so, als ob nach Eco die Hässlichkeit in universeller medialer Gestalt über uns mitleidlos gesiegt hätte. Unter den jüngeren Zeitgenossen akzeptiere ein und dasselbe Individuum ein Flickwerk völlig widersprüchlicher Verhaltensweisen, solange man in der Indifferenz einer massenkulturellen Wohlstandsgesellschaft lebe: die Normalität des Alltags, die Rezeption von Horrorfilmen und TV-Katastrophen-News, die Gestaltung des eigenen Körpers als gepierctes Kunstwerk im Post-Punk-Stil. „Und sind Cyborg, Splatter und Zombies vielleicht nur von den Massenmedien aufgebauschte Oberflächenphänomene, durch die wir eine viel umfassendere Hässlichkeit exorzisieren, die uns bedrängt, niederschmettert und die wir ignorieren möchen?“ (431)

Der Nip/Tuck-Narzissmus
Das digitale Zeitalter bringt es mit sich, die Frage nach dem Hässlichen und nach dem Schönen beinahe schon zu übergehen. Schönheit heute ist fast nur noch die technologische Perfektionierung und die euphemistische Simulation im entleerten Raum und am zurecht operierten und vorgeklonten Gesicht und Körper: ein „Nip/Tuck“-Narzissmus. Die Schönheit ist kein respektvoll zu behandelnder Naturfaktor, keine Götter- oder Naturgabe auf Zeit mehr, auch kein sozialverträgliches Schleusen-, Kompromiss- und Harmonisierungsphänomen, sondern ein Leistungs-, Erwerbs- und Konsumfaktor, ein Stück beliebig prolongierbares Lebenskapital, sie ist ein Produkt des intelligenten Bodychecks und des Körperdesigns, und wer so, designed von Geburt an aussieht, behauptet später lieber doch, er/sie habe sich noch nicht lange wieder einmal für teures Geld richten lassen, und zwar so, dass man es nicht gleich merke, oder gleich von Anfang an vom lieben Gott höchstpersönlich. Also die Ohren angelegt, die Mundwinkelränder zusammengenäht und die Lippen gespritzt und geglosst, dass das Arschgeweih als Triebwerkzylinder über dem Babypopo und dem pinken Binnenraum zwischen den überlangen Beinen nur so vor sich hinvibriert, als monstermäßige-Frankenstein-Sirene.

Wenn diese Hypothese der medialisierten, künstlichen, industrialisierten und konsumierbaren Schönheit, der allgemeinen Verengelung von uns armen Teufeln heute wirklich stimmen sollte, weil uns der Respekt vor einer von Natur oder Gott gegebenen Schönheit auf Zeit abhanden gekommen ist, dann wäre die Hässlichkeit vor allem eine Kampfformel der Schönen und Reichen gegen die Armen, gegen die zu kurz Gekommenen, die individuell Deformierten und daher nicht von andern konsumierbaren Gestalten. Hässlichkeit hätte etwas zu tun mit einem alten und einem neuen biopolitischen Sozialdarwinismus, der allerdings den Gnomen und Riesen, den nervös Hypervitalen und den ständig Abgeschlafften, den Ausgemergelten und den Vollschlanken, den Hautunreinen und den Elefantenmenschen, den erdnussbehirnten Frühchen und den ewigen geistig-seelischen Spätgeburten sowie den Fettbergen und Strichfrauen die Verantwortung dafür aufbürdete, nur ein „Akrobat Fiiiiiiies!“ in der Arena der menschlichen Gestalten zu sein. Vernachlässigung, Mangel an Pflege, ungesunder Lebenswandel, die Unlust und Insomnia, alles dies müsse der täglich mit Gurken auf den Augen und Augenliederkappe zu Bett gymnastisch defilierende Schönheitsmensch mit Verachtung und Ausgrenzung beantworten. Schönheit gilt heute immer noch als eine für viele unerreichbare Leistungs- und Wirtschaftstrophäe, als ein wahrhaft hart zu erarbeitendes Elitephänomen für neureiche Mußesöhne, Hässlichkeit dagegen als die Grundeigenschaft der vulgären Masse, eine Art ansteckende Krankheit aufgrund eines seit frühster Kindheit irregeleiten Sozialverhaltens. Aber die Hässlichen haben sich längst gerächt, die pseudoklassischen Schönen müssen ihren Glanz mit viel Elend bezahlen, die Glücklicheren sind die, die heute wie ein echter Picasso aussehen, indem sie sich vom Stier picadieren ließen oder ihn, selbst in Minotaurusgestalt, abschreckten.
Peter V. Brinkemper

Umberto Eco Die Geschichte der Häßlichkeit
Übersetzt aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Petra Kaiser, Sigrid Vagt
456 Seiten, Hanser Verlag, Leinen
ISBN-10: 3-446-20939-5
ISBN-13: 978-3-446-20939-8
 


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