|
Schönheit
für die Elite – Hässlichkeit für die Massen?
Umberto Ecos
»Geschichte der Hässlichkeit«
am Widerhaken der Philosophie
Von Peter V. Brinkemper
Nachdem Umberto Eco sich für
die Herausgabe einer „Geschichte der Schönheit einsetzte, lag es nahe,
auch eine „Geschichte der Hässlichkeit“ zu veröffentlichen. Wieder
strickte die Firma Eco an einem opulenten bunten Bogen aus
exemplarischen vor allem künstlerischen Bildern, Gemälden, Skulpturen,
Grafiken, Fotografien und Filmstills sowie literarisch-philosophischen
Quellen und bezeichenderweise zurückhaltenden Erläuterungen, die einen
üppigen Assoziationsteppich präsentieren, freilich mit manchen
philosophischen Widerhaken, die einem Thema anhaften, das für
gewöhnliche Kulturkonsumenten bis gestern eher der Schatten des
Positiven war. Und heute?
Panoptikum?
Aber, ist das ganze wirklich nur das wohlig-gruselige „Panoptikum“ (der
etwas zu eilfertige Klappentext), für das es auch von manchen
Rezensenten gehalten wird? Richtig daran ist, dass Eco als „Herausgeber“
wie ein „Ausstellungsmacher“ operiert. Aber während ein Panoptikum mit
fragwürdigen Wiederkennbarkeiten zwischen flachen Bildern und
plastischen Installationen arbeitet, operiert Eco, wenigstens ein Stück
weit, mit der Differenz der Bilder und Quellentexte, die er beide für
sich stehen lässt und nur knapp kommentiert, damit die Leser ihre
eigenen Wege durch den Dschungel der Hässlichkeit in Wort und Anschauung
schlagen können. Es sieht so aus, als habe man den Band, ohne genauer zu
lesen und zu schauen, nur allzu flüchtig nach bestimmten Bildern
durchgeblättert, über die man sich im Sinne von Stereotyp, Karikatur und
Komik voreilig als „Unterhaltungsmaterial“ lustig machen kann. Ein Akt
der Entlarvung oder der Verdrängung? Ecos „Geschichte der Hässlichkeit“
ist trotz allem kein tragisch-lustiges Raritäten-Kabinett, sondern ein
schräger, leicht verrutschter, fast camp-förmiger Annäherungsversuch an
die Sichtweisen des Nicht-Schönen (zu „Camp" vergleiche weiter unten).
Dem Semiotiker, Pop-Kultur-Denker und professoralen Esoteriker Eco und
seinem Team ist mehr zuzutrauen als den Kritikern. Diese haben
schlichtweg die sachlich-essayistische Ironie des
Ausstellungsarrangements übersehen. Dabei hat sich Eco allerdings mit
seinem spielerisch-unterhaltsamen Essay-Stil, der aus seinen
Popkulturellen Essays bekannt ist, manches Eigentor geschossen.
Lauter
Typensprünge
Schon in der Einführung heißt es: „Wenn ein Besucher aus dem Weltraum in
eine zeitgenössische Kunstgalerie käme, viele Frauenbildnisse von
Picasso sähe und hören würde, dass die Besucher sie >schön< finden,
könnte er zu dem falschen Schluss gelangen, dass die Menschen unserer
Zeit im Alltag Frauen mit Gesichtern wie die von dem Maler dargestellten
als schön und begehrenswert betrachten." Erst bei einer Modenschau oder
einem Schönheitswettbewerb würde ihm auffallen, dass es noch andere
Schönheitsideale gibt. Man muss schon Welten überspringen, um diese
Aussage wörtlich zu nehmen. Wie brüllte Sgt. Hartman in Full Metal
Jacket: „Sie sind so hässlich, Sie könnten glatt ein modernes Kunstwerk
sein…"
Dabei spielt Eco anscheinend auf allen Ebenen mit dem durch die Medien
und die Kunst eröffneten Toleranzspielräumen. Abgebildet neben den
zitierten Überlegungen ist Picassos „Weinende Frau“ von 1937, ein
kubistisch und expressionistisch zersplittertes Labyrinth im Angesicht
des menschlichen Schmerzes mit privaten und politischen Hintergründen,
ein Porträt von Dora Maar, die als Freundin und Fotografin wiederum
Picassos Arbeit an „Guernica“ festhielt. Einerseits verweist Eco darauf, dass von vergangenen Epochen oft nur die Zeugnisse der Literatur und der
bildenden Kunst übrig geblieben sind. Diese Aussage stimmt natürlich nur
bis zur Erfindung der Fotografie. Und so gibt es auch das eine oder
andere Schockfoto, wie Noel Quidus’ „Kopf eines Mitglieds der
Rebellenorganisation LURD“, Monrovia 2003, gehalten von einer Frau, die
dadurch eher fragwürdig mit der oft gemalten
Judith-und-Holofernes-Enthauptung assoziiert wird. Andererseits nimmt er alle vorhandenen Werke, Bilder und Quellentexte in der Tat als
real-historische oder kulturgeschichtliche Dokumente, wie in der
jeweiligen Zeit über das Schöne und die Gegenphänomene des Nicht-Schönen
nachgedacht, fantasiert und empfunden wurde. Aber wie wörtlich oder wie
metaphorisch und vor allem wie argumentativ-begrifflich ist das zu
nehmen?
Der entscheidende Punkt besteht darin, dass das Hässliche an sich einen
Punkt der gleichzeitigen Faszination und Ablehnung impliziert. Hier aber
wird es zum Divergenzpol des Schönen erhoben. Eco verspricht dem
Publikum eine Fluchtlinie, die aus dem Zentrum der klassischen
griechischen Ästhetik, dem idealistischen Schönheitsbegriff heraustritt,
um eine transästhetische Eröffnungsachse der historisch wandelbaren
Alltags-, Welt- und Kunsterfahrung zu befahren. Das Hässliche wäre dann
nicht mehr das Hässliche, sondern ein Tor zum Anderen und nicht nur ein
Modus, in dem bestimmte Menschen und Verhältnisse nach dem Maßstab des
gesellschaftlichen Werte- und Normenkanons unvorteilhaft, dezimiert und
ausgeschlossen erscheinen, sondern das allgemeine formale Bugfenster der
Gegenwart zu einer alternativen Wahrnehmung, durch das neue und
komplexere Erfahrungen auf dem Kurs in die Zukunft einströmen.
Hässlichkeit als
Leerstelle und Motor
Das Hässliche oder die Hässlichkeit sind eine Leerstelle für
Erfahrungsbahnen, die über die scheinbar zeitlose Klassizität des
wohlaustarierten Schönen hinaus gehen, Erfahrungen wie das Erhabene und
das Niedrige, das Wunderbare und das Alltägliche, das Monströse im
Gegensatz zum vorgeblich Artgerechten, das Unheimliche im Unterschied
zum Vertrauten, das Phantastische und das vorläufig Erklärbare, das
Gefährliche und das Seltsame, das Krankhafte und das unerbittlich
Heilsame, das Böse und Verworfene im Gegensatz zur Rettung durch das
Gute, das Schmutzig-Obszöne im Unterschied zum befreiend Reinigenden,
der teuflische Wahnsinn im Gegensatz zur verteufelten Rebellion.
Aus Lessings 'Laokoon'-Aufsatz stammt die Bemerkung, dass die Malerei
als uneingeschränkte Nachahmung auch hässliche Gegenstände darstellen
könne, aber als schöne Kunst immer vorsichtig Entscheidung darüber zu
treffen habe, Hässlichkeit in Inhalt und Form weiter zu vermitteln oder
auszuklammern. Die Dichtkunst schwäche dagegen die Wirkung der
thematisierten Hässlichkeit durch „die Veränderung ihrer koexistierenden
Teile in sukzessive“, also durch die Verwandlung eines ganzheitlichen
Eindrucks in einem Bild und einer Skulptur in eine Folge von
intelligiblen, abstrakten Zeichen, Lauten und Buchstaben. Es ist
deutlich, wie der Aufklärer Lessing in Sachen Malerei immer noch der
alten rationalistischen Regelästhetik und ihrem Postulat vom schönen
Schein der klassischen Verklärung und Abmilderung verpflichtet ist,
während er der Literatur und dem Diskurs das Vertrauen auf offene harte
Aussprache zubilligt. Aber umgekehrt macht Eco an dieser Stelle darauf
aufmerksam, dass die Medien und Künste nicht immer parallel ziehen. Mal
ist das Wort, mal ist das Bild, mal ist die Musik, mal der Film oder das
Netz die Avantgarde. Wenig später verwundert, wie der Hegel-Schüler Karl
Rosenkranz in seiner „Ästhetik des Hässlichen“ Gros Gemälde „Napoleon
Bonaparte bei den Pestkranken in Jaffa“ 1804 beschreibt. Aus heutiger
Sicht handelt es sich um eine immer noch schön und würdevoll beseelt zu
nennende klassizistische Stilisierung der leidenden französischen
Soldaten. Rosenkranz beschreibt aber das Bild pathetisch als Inbegriff
der inszenierten Pestilenz, als ob es sich um ein Kadaveriarium des
Spätmittelalters handelte: „Wie grässlich sind diese Kranken mit ihren
Beulen, mit ihrer lividen Farbe, mit den graubläulichen und violetten
Tinten der Haut, mit dem trockenbrennenden Blick, mit den verzerrten
Zügen der Verzweiflung!“
„Ganz bei sich selbst“ scheint die Theorie und Geschichte der Ästhetik
des Hässlichen erst anzukommen im Unendlichkeitssinn der Romantik, vor
allem in ihrer schwarzen Variante, und in Freuds „Unheimlichem“: wenn
selbst der normale, traditionelle oder ganz alltägliche Zusammenhang der
Dinge aufreißt und die Darstellungsmöglichkeiten der Kunst über das
gewohnte Maß herausgefordert werden. Manierismus, Romantik und Moderne
entscheiden sich nicht gegen die Schönheit als solche, sie kennen auch
die morbide, zeitvergängliche, todessehnsüchtige Form der Belezza als
über dem Abgrund schwebende Sirene. Doch sie votieren gegen ihre
Eindeutigkeit und für das Unfassbare und das Grausige, für die
Mehrdeutigkeit und Dekadenz vor allem auf der Ebene der Darstellung, die
das Expressive, Bizarre, Entstellte, Ungeheuerliche und Extravagante
betont und sich dabei zunehmend von den Figuren löst.
Drei
Unterscheidungen und drei Sektionen
In seinen sparsamen eigenen Hinweisen verfolgt Umberto Eco die Facetten
des Hässlichen als Funktion von Produktion, Struktur, intendierter
Wirkung und Rezeption in verschiedenen Künsten und Medien. Eco macht
eine ebenso simple wie wichtige Unterscheidung, auf deren Tragfähigkeit
noch zurückzukommen ist: „das Hässliche an sich“ (das Phänomen des
Hässlichen pur, das unmittelbare, ungeschützt heftige Erlebnis eines
Objekts des Ekels, Abscheus, der Ablehnung oder auch der Furcht für uns
selbst und des Mitleids mit uns bekannten anderen); „das formal Hässliche“ (eine neutral, sachlich wahrnehmbare Abweichung einer Person,
eines Lebewesens oder Gegenstandes von einer Norm, ein Ungleichgewicht
in der Erscheinung: der Kleinwuchs, der fehlende Zahn oder Finger, der
hinkende Gang; der Hybrid, aber auch der Fake, die trügerische Mimikry);
und „die künstlerische Darstellung von beidem“ (entweder als neutrale
Wiedergabe oder als Beschönigung oder als effektvolle Inszenierung, als
verschlimmernde Karikatur oder artistisch-experimentelle Steigerung,
Hyperbel der modernen Kunst und als Bericht oder Ausschlachtung in den
Medien).
Man vergleiche nur einmal die meisterlich intim gespannte Distinktion
der „Anatomie“ von Rembrandt (1632, Den Haag) mit dem minutiös
abschreckenden Ritual der Hautabziehung bei lebendigem Leibe, der
„Schindung des Sisamnes“ von Gerard David (1498, Brügge), und mit der
satirisch verwilderten Darstellung der Autopsie als königlich
lizensierte viehische Ausschlachtung, von William Hogarth 1799 unter dem
Motto „Für die Grausamkeiten den gerechten Lohn einstecken“, bei dem die
Weichteile des verblichenen Wüstlings durch einen schnüffelnden Hund und
einem am Darm wie an einem Seil ziehenden Vagabunden ihre
Weiterverwertung finden. Hier werden jeweils andere Formen des
Hässlichen, Hinfälligen und Ungeheuerlichen thematisiert, auch in Bezug
auf den Umgang mit Tod und Leiche im Dienste der Gesellschaft, des
Rechts und der Wissenschaft. Bei Rembrandt halten sich diskrete
Klassizität, Symbolkraft und Realismus die künstlerisch-musikalische
Waage und stehen im Einklang mit der Humanität, der Würde des Toten noch
im Augenblick der Untersuchung. Bei David steht das sorgfältig
ausgemalte und noch heute beklemmende Ritual des Martyriums und der
damals rechtens empfundenen Exekution im Vordergrund, während der an
sich schon schamlose und auch karikaturistisch überzeichnete Umgang mit
dem Toten bereits zu Zeiten Hogarths für schwärzeste existentielle Komik
sorgte.
Mit den verschiedenen Aspekten der Hässlichkeit als Erfahrung, als
Gegenstand und als künstlerische Inszenierung scheint Eco recht gut
gewappnet, wenn er sich seiner Sammlung durch die Epochen weiter nähert:
Denn im Unterschied zum Schönen (dem Gegenstand der Ästhetik des
Geschmacks als einer Haltung des interesselosen Wohlgefallens), dem
Angenehmen und Nützlichen (als Formen der interessierten emotionalen und
rationalen Inbesitznahme) und dem Guten (als Diskurs der ethischen und
politischen Teilhabe am Sozialen) ist das Hässliche in Struktur und
Wirksamkeit ein diffuser Brennpunkt unterschiedlichster Reaktionen und
Wahrnehmungen zwischen hitzigen Affekten und kühlen Ausforschungen,
inklusive der begrifflich-sprachlichen Ausdeutung, sei es durch
Beschönigung und Verklärung oder der militanten Bekämpfung und
Verzerrung (in beißender Polemik von Karikatur, Satire und
Übertreibung). Eco provoziert den Leser, die vielleicht vorhandene
Wahrnehmungssensibilität oder auch situativ verstärkte mediale
Abstumpfung an der imaginierten und inszenierten Erfahrung des Abscheus
und Widerwillens vergangener Generationen abzuarbeiten; die sozialen
Standards für den Begriff des Hässlichen in vergangenen Zeiten zu
begreifen und die Darstellung in Bild und Wort entweder als
sachlich-neutrale Form, als verklärendes oder abmilderndes klassisches
Verfahren oder in die Moderne weisende Technik der drastischen
Zuspitzung oder Entgrenzung nachzuvollziehen.
Das ideologische
Potential und die 'Befreiung'
Schon in der Komik, der Satire und der Karikatur (zwischen Stilisierung
und Realismus) sowie der traditionell gegen bestimmte Individuen oder
Gruppen gerichteten Vituperation (Beschimpfung) steckt endloses
ideologisches Potential. Nach der Säkularisierung und Liberalisierung
der modernen Ästhetik wird die Ideologisierung des Hässlichen durch die
Konstruktion dämonischer Feindbilder weiter ausgebaut, in der
politischen Karikatur, aber auch in den Figuren des Unterhaltungsromans
(Doktor Fu Manchu, James Bond und seine Kontrahenten, wie der handlose
Dr. No etc.) und des Comics und des Films. Die Kategorie des Hässlichen
erweist sich als ideologische Falle, weil die personen- und
klassenbezogene Vergegenwärtigung des konkret Ekelhaften und sozial
angeblich Abzulehnenden in den Dienst der Konstruktion von sozialen
Stereotypen über behauptete Klassen- und Rassen-Mängel gestellt wird.
Eine naturalistische Rhetorik sorgt für den Unterbau der bildlichen und
verbalen Darstellung und Modellbildung auf massenkulturellem Niveau.
Immer wieder unterstützend springt die „Physiognomik“ als
Pseudowissenschaft ein, Gesichtszüge angeblich in Verbindung mit
Charakter und geistig-seelischen Anlagen zu bringen.
Umgekehrt treiben die Romantik und die dekadenten Dandys um 1900 sowie
die folgende moderne Avantgarde den Abstraktionsgrad der Wahrnehmung und
der künstlerischen Darstellung so weit, dass die „Befreiung des
Hässlichen“ zur „Umwertung“ und zum „Triumph“ führt. So weit Eco. Doch
was wird hier genau befreit: Nur das Grausame, nur das Ekelhafte, nur
das bisher abgelehnte Unangenehme? Und was oder wer triumphiert hier?
Die Kraft und die Schönheit, wie bei Leni Riefenstahl? Der Faschismus
als Rassismus, Sadismus und Satanismus, in neuerer moderner Gestalt? Das
wären spannende Fragen, die aber in diesem Band ausgeklammert bleiben.
An dieser Stelle rächt sich der ständige populäre Naturalismus der
„Geschichte der Hässlichkeit“. Kunst nimmt ein Stück Welt auf, um es in
ihrer Hinsicht und Absicht autonom und symbolisch zu gestalten. Insofern
ist sich auch ein Geistiges und nicht nur eine Fortsetzung des
Sensualismus und des Empirismus. Es geht also nicht nur um den
leibhaften, sondern um den geistigen Schock der Moderne. Vor allem aber
um den Fortschritt einer neuen Perspektive, um die Erringung einer
neuartigen Sicht auf die Welt. An dieser strauchelt Ecos Beschwörung des
emanzipierten Hässlichen. Die Unterscheidung der Erfahrung, Beschreibung
und künstlerischen Darstellung des Hässlichen dreht sich im Kreise einer
modernen Kunst, die ihren Hauptzweck aus den Augen verliert: „…können
wir sagen, dass die Künstler der Avantgarde bald das Hässliche an sich
und das formal Hässliche darstellten, bald einfach ihre eigenen Bilder
deformierten, das Publikum aber betrachtete ihre Bilder als Beispiele
für das künstlerisch Hässliche. Es sah sie nicht als schöne Darstellung
hässlicher Dinge, sondern als hässliche Darstellungen der
Wirklichkeit.“(365) Ob Eco hier wirklich in der Lage ist, das damalige
Scheitern der Kunst beim Massenpublikum als Bedürfnisverweigerung der
sozial und politisch korrekten Hässlichkeits-Richtung zu erklären? Ecos
kulinarischer und touristischer Diskurs klammert hier einen historischen
Geltungsbegriff der Kunst, die Frage der kritisch erläuterbaren
Intention und Aussage ebenso wie der inhaltlichen und technischen
Qualität aus. Er spielt damit die Vorzeichen des Schönen und des
Hässlichen, des Erlesenen und Trivialen, des Authentischen und des
Falschen bis zur völligen Inhaltsleere gegeneinander aus, pendelt fast
hilflos zwischen den Polen von Provokation und Reaktion, Avantgarde und
der im Gegenzug dann unterstellten fatalen „Entartung“ und liefert sich
auch schon mal dem Ressentiment aus.
So nimmt es auch kein Wunder, wenn Eco seinen Streifzug mit lauter
Verzweigungen und Pirouetten endet: dem zwischen Eliten- und
Massengeschmack fröhlich und angeblich heute noch wie in den 70er Jahren
souverän schwankenden Camp (der Fähigkeit mit der Relativität des
eigenen und anderen Geschmacks und der Geschmacklosigkeit von gestern
spielerisch umzugehen, einer von Susan Sontag vertretenen Position), dem
sozial und politisch angepassten Kitsch und der zielgruppen- und
situationsspezifisch zersplitterten Gegenwarts-Medien-Konsumästhetik.
Erotik auf dem Eisbärenfell, glückliche Diktaturen mit Paladinen, Divine
aus John Waters „Pink Flamingos“, Yoda, E.T. und Marilyn Manson sind die
Ikonen für eine Patchwork-Identität jenseits der alten Differenz von
schön und hässlich, aber so, als ob nach Eco die Hässlichkeit in
universeller medialer Gestalt über uns mitleidlos gesiegt hätte. Unter
den jüngeren Zeitgenossen akzeptiere ein und dasselbe Individuum ein
Flickwerk völlig widersprüchlicher Verhaltensweisen, solange man in der
Indifferenz einer massenkulturellen Wohlstandsgesellschaft lebe: die
Normalität des Alltags, die Rezeption von Horrorfilmen und
TV-Katastrophen-News, die Gestaltung des eigenen Körpers als gepierctes
Kunstwerk im Post-Punk-Stil. „Und sind Cyborg, Splatter und Zombies
vielleicht nur von den Massenmedien aufgebauschte Oberflächenphänomene,
durch die wir eine viel umfassendere Hässlichkeit exorzisieren, die uns
bedrängt, niederschmettert und die wir ignorieren möchen?“ (431)
Der Nip/Tuck-Narzissmus
Das digitale Zeitalter bringt es mit sich, die Frage nach dem Hässlichen
und nach dem Schönen beinahe schon zu übergehen. Schönheit heute ist
fast nur noch die technologische Perfektionierung und die euphemistische
Simulation im entleerten Raum und am zurecht operierten und vorgeklonten
Gesicht und Körper: ein „Nip/Tuck“-Narzissmus. Die Schönheit ist kein
respektvoll zu behandelnder Naturfaktor, keine Götter- oder Naturgabe
auf Zeit mehr, auch kein sozialverträgliches Schleusen-, Kompromiss- und
Harmonisierungsphänomen, sondern ein Leistungs-, Erwerbs- und
Konsumfaktor, ein Stück beliebig prolongierbares Lebenskapital, sie ist
ein Produkt des intelligenten Bodychecks und des Körperdesigns, und wer
so, designed von Geburt an aussieht, behauptet später lieber doch,
er/sie habe sich noch nicht lange wieder einmal für teures Geld richten
lassen, und zwar so, dass man es nicht gleich merke, oder gleich von
Anfang an vom lieben Gott höchstpersönlich. Also die Ohren angelegt, die
Mundwinkelränder zusammengenäht und die Lippen gespritzt und geglosst,
dass das Arschgeweih als Triebwerkzylinder über dem Babypopo und dem
pinken Binnenraum zwischen den überlangen Beinen nur so vor sich
hinvibriert, als monstermäßige-Frankenstein-Sirene.
Wenn diese Hypothese der medialisierten, künstlichen, industrialisierten
und konsumierbaren Schönheit, der allgemeinen Verengelung von uns armen
Teufeln heute wirklich stimmen sollte, weil uns der Respekt vor einer
von Natur oder Gott gegebenen Schönheit auf Zeit abhanden gekommen ist,
dann wäre die Hässlichkeit vor allem eine Kampfformel der Schönen und
Reichen gegen die Armen, gegen die zu kurz Gekommenen, die individuell
Deformierten und daher nicht von andern konsumierbaren Gestalten.
Hässlichkeit hätte etwas zu tun mit einem alten und einem neuen
biopolitischen Sozialdarwinismus, der allerdings den Gnomen und Riesen,
den nervös Hypervitalen und den ständig Abgeschlafften, den
Ausgemergelten und den Vollschlanken, den Hautunreinen und den
Elefantenmenschen, den erdnussbehirnten Frühchen und den ewigen
geistig-seelischen Spätgeburten sowie den Fettbergen und Strichfrauen
die Verantwortung dafür aufbürdete, nur ein „Akrobat Fiiiiiiies!“ in der
Arena der menschlichen Gestalten zu sein. Vernachlässigung, Mangel an
Pflege, ungesunder Lebenswandel, die Unlust und Insomnia, alles dies
müsse der täglich mit Gurken auf den Augen und Augenliederkappe zu Bett
gymnastisch defilierende Schönheitsmensch mit Verachtung und Ausgrenzung
beantworten. Schönheit gilt heute immer noch als eine für viele
unerreichbare Leistungs- und Wirtschaftstrophäe, als ein wahrhaft hart
zu erarbeitendes Elitephänomen für neureiche Mußesöhne, Hässlichkeit
dagegen als die Grundeigenschaft der vulgären Masse, eine Art
ansteckende Krankheit aufgrund eines seit frühster Kindheit irregeleiten
Sozialverhaltens. Aber die Hässlichen haben sich längst gerächt, die
pseudoklassischen Schönen müssen ihren Glanz mit viel Elend bezahlen,
die Glücklicheren sind die, die heute wie ein echter Picasso aussehen,
indem sie sich vom Stier picadieren ließen oder ihn, selbst in
Minotaurusgestalt, abschreckten.
Peter V. Brinkemper
Umberto Eco Die Geschichte der Häßlichkeit
Übersetzt aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Petra Kaiser,
Sigrid Vagt
456 Seiten, Hanser Verlag, Leinen
ISBN-10: 3-446-20939-5
ISBN-13: 978-3-446-20939-8
|