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Glanz@Elend |
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Roman |
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Und schnell vergisst man die gängigen Klischees der Nerds, die Tag und Nacht vor den Computern hocken und "herumballern". Kovács ist ein Profispieler, hat vieles über die (deutschen) "Fliegerhelden" des ersten und zweiten Weltkriegs gelesen und spielt nächtelang in speziellen Foren um Punkte und Geld mit entsprechenden Flugsimulatoren. Aber der adler ist ein Mensch, nicht nur ein seelenloser Benutzername. ego shooter ist primär kein Psychogramm eines "Ballerspielers". Es ist eine Selbstvergewisserungsschrift eines Menschen, der droht, an der Welt zu verzweifeln (daß er es noch nicht ist, macht eine Qualität dieses hochambitionierten und grandiosen Buches aus). Für Kovács ist die nicht-stofflich fassbare Welt der Fliegerpiloten mit den an ihre Vorbilder erinnernden Nicks die Realität (interessant am Rande und auch ein Indiz: die Hintergründe der Kriege, die sich in den Spielszenarien spiegeln, werden von den Protagonisten offensichtlich nicht befragt). Hier kann er reüssieren, hier wird er akzeptiert wie er ist. Er lebt in dieser einen "Karwoche", die dieses Buch abdeckt fast ausschliesslich und alleine in seiner Wohnung, die er von seinem Onkel Tibor geerbt hat. Die realen sozialen Kontakte sind nur sehr sporadisch; meatspace ("Fleischwelt") heisst das "richtige Leben" folglich, und Kovács geht – wenn möglich - der Hausgemeinschaftwelt schon einmal per se aus dem Weg (hier gibt es allerdings eine Ausnahme, die dem zukünftigen Leser jedoch nicht verraten werden soll). Insofern ist der Beginn des Buches eine Ausnahme: Kovács beim Arzt – Hirnhautentzündung lautet die Diagnose. Eindrücke aus dem meatspace der Arztpraxis; Assoziationen einer fremd gewordenen Welt. Eine Annäherung gibt es nicht - statt Behandlung wird er mit Antibiotika und Allerweltsratschlägen abgespeist. Kovács' einzigen ihm wichtigen Menschen (Tibor und seine grosse Liebe Helena) sind schon tot. Im Laufe des Buches erlebt der Leser seine Trinkexzesse mit, seine "Cocktails" mit Beruhigungs- und Schmerztabletten, Morphinen oder anderen, gerade in Reichweite verfügbaren Medikamenten und Getränken. Die Art und Weise, wie Martin von Arndt es versteht, die Schmerzen seines Helden spürbar zu machen – und am Ende sogar auch beim Leser Kopfschmerzen zu erzeugen -, ist famos. Da wird das Aufstehen nach einer mehr oder weniger schlaflos verbrachten Nacht zur präzisen Erzählung des Martyriums eines Schmerzensmenschen, was man in einer solchen Intensität und Kraft in der zeitgenössischen Literatur selten gelesen haben dürfte und Kovács dileriert: eine der entdeckungen des älterwerdens war es, dass man stumpfer wird, aber nicht sicherer. dass schmerz schmerz ist. & bleibt. Ich sah Kovács förmlich in der Wohnung; sah die abgeklebten Fenster, damit kein Tageslicht den Monitor des PC stört. Ich sah den tablettenschluckenden Helden vor dem PC sitzen – den Kopf so, dass er ihn nicht bewegen muss (nur den Oberkörper), um die enormen Schmerzen trotz der Tablettenmixturen einigermassen auszuhalten; ich sah ihn die Mail an seinen "Lieferanten" schreiben, bei dem er neue Tabletten und Getränke orderte, ich sah ihn in seinem einsamen Stolz sitzend, sinnierend über sein Leben, seine Träume und ich sah ihn sich mit letzter Kraft aufraffen und das Grab seines Onkels Tibor auf dem Friedhof besuchen - wie ein alter, einsamer Mensch hält er dann Zwiesprache mit dem Toten. Man taucht ein in den Erzählstrom, einen Sog, der beisst und sticht. Ein paar Mal erleben wir Kovács in Aktion – wenn er "fliegt"; dann ist er in seinem Element und wirft mit den Fachausdrücken nur so um sich (glücklicherweise gibt es am Ende des Buches ein Glossar; dem Verlag sei Dank). Und einmal gelingt es ihm (offensichtlich nach längerer Zeit), 150 Euro zu verdienen. Aber er wird alt; geht auf die dreissig zu. Das Konzentrationsvermögen schwindet. Die Angst davor ist zum Greifen nahe. Und immer wieder lässt er sein Leben Revue passieren; wird zum innenerzähler (Selbstcharakterisierung Kovács'). Das sind die Kernszenen des Buches: Die Erinnerung an die Mutter, die dauernd neue Liebhaber verschleisst und ihren hohlen Satz du kommst klar?, der ihre Kühle und Lieblosigkeit dem Sohn gegenüber prägnant zeigt; die Sehnsucht nach dem (einem) immer unbekannt gebliebenen Vater; das Studium, das er abbricht; die Liebe zu seiner Freundin Lena; der Tod des Onkel Tibor, der ihn irgendwann zu Flugschauen mitgenommen hatte. Assoziativ und dicht und mäandernd (ein Lieblingswort von Kovács) dringen wir in diese Welt vor. Martin von Arndt gelingt es, bei aller vordergründigen "Coolness" die tiefe Sehnsucht und Bedürftigkeit Kovács' anschaulich zu machen. Selten, dass der Held in eine Art Mitleidsparlando ausweicht. Zahlreiche zauberhafte Szenen reichern dieses Buch an. Kovács ist ein begnadeter, sezierender Beobachter und Verdichter. Er sieht cafés & kneipen, in denen träume ausgesaugt wurden oder er konstatiert nach der Betrachtung seines deformierten Äusseren beiläufig draussen strafft sich der wind, und am Ende bemerkt er, für enttäuschungen blieb keine energie - wuchtige Bilder. Und die Erinnerungen an seine Schulzeit (wunderbar die Erzählung vom matheschock als Metapher für Kovács' Leben) oder die Studienzeit (er studierte Archäologie und welch skurriles Erlebnis, als ihm Gallenflüssigkeit bei der Freilegung eines Toten ins Gesicht spritzt) und später an seine grosse Liebe Helena. Man könnte immer weiter zitieren (und der Leser erinnert sich plötzlich an Peter Handkes Lobpreisung "Als ich 'Verstörung' von Thomas Bernhard las"). Kaskaden von Bildern am Ende; das Buch wird wilder. Motive werden immer wieder variiert. Kinderlieder. Die Absurdität, wenn Kovács seinen Blutdruck misst, obwohl er weiss, dass das Messgerät defekt ist. Oder das mapping seines Kopfes, um die Schmerzen exakt lokalisieren zu. Diese zwanghafte Suche nach Gewissheiten (die sich irgendwann nur noch in den nackten Zahlen der Abschüsse zu zeigen scheinen; den scores). Und am Ende eine ergreifende Hoffnungsszene, eine Epiphanie, die aber – vermutlich? – nur ein Delirium ist (wirklich?).
Martin von Arndts
Protagonist ist intelligent und – wie wohltuend - nicht einer jener
larmoyanten Zyniker, die die Welt für sich erklärt und mit ihr
abgeschlossen haben. Das ist das Überraschende, Wohltuende, Neue, sich
von dem üblichen Literaturbrei, der von der deutschen Kritik so
überschwänglich (und oftmals grundlos) gefeiert wird, Unterscheidende.
Ich fühlte mich nach der Lektüre von ego
shooter erinnert an Kafkas Diktum, manches Buch wirke "wie
ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses". Diese Prosa wirkt
und berührt. Und wie. Gregor Keuschnig |
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