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American Gangster

Wenn man wissen will, wie eine Gesellschaft funktioniert und was sie im Inneren zusammenhält, dann muß man die Geschichte und die Bilder ihrer Gangster ansehen.

Die Gangster gibt es natürlich immer zweimal. Einmal als reale Figuren in einem realen Spiel um Geld, Blut und Macht und einmal als Figuren in der populären Kultur, wo zusammenkommt, was in der Wirklichkeit getrennt ist: unsere Angst vor den Gangstern und unsere klammheimliche Faszination an ihrem Erfolg, ihrem Stil, ihrer Coolness.
Die Mafia hat ihre Lieder, die Yakuza hat ihre Rituale, und der amerikanische Gangster, der hat das Kino. Manchmal hat das Kinobild mit dem realen Gangster kaum etwas zu tun, manchmal kommt sich beides aber verteufelt nahe. Manchmal sehen Filme aus wie Propaganda für das organisierte Verbrechen, und manchmal sieht es so aus, als würden die realen Gangster auf ihr Kinobild hereinfallen. Und manchmal finden Filme sogar einen Dreh, ihre Gesellschaft mit den Augen von Gangstern zu sehen. Das heißt: ziemlich genau.
Dann sieht das Kino auch hinter den eigenen Mythos. Der amerikanische Gangsterfilm erzählt, nach Filmen wie »Goodfellas«, »Casino« oder »City Hall«, auch von »bürgerlichen« Verbrechern, von perfekten Geldmaschinen, von allfälliger Korruption, von häßlichen Geschäften und häßlicher Gewalt: Nicht mehr von Gangstern im Kapitalismus, sondern vom Kapitalismus des Gangstertums. Von Menschen, an denen nichts Faszinierendes ist, außer der Konsequenz, mit der sie ihre Interessen durchsetzen in einer Welt, die nur noch Markt, Verfall und Fassade ist.
Einer der genauesten Chronisten des Gangstertums als blutigem Opportunismus ist der Journalist, Buch- und Filmautor Nicholas Pileggi, der seit Ende der sechziger Jahre als crime expert beim New York Magazine arbeitet. Mit dem Buch »Wiseguy«, das Martin Scorsese als »Goodfellas« verfilmte, faßte er seine Erfahrungen mit dem »gewöhnlichen« Verbrechen zusammen, mit den neurotischen Gewalttätern und gerissenen kleinen Geschäftsleuten, die einen neuen, modernen Mittelstand des organisierten Verbrechens bildeten. »City Hall« zeigte, wie sich ihr Prinzip von Abhängigkeit, Dienstleistung, Bedrohung und Korruption nahtlos in der Politik fortsetzt.
Pileggi war es auch, der seinen Kollegen Mark Jacobson, ebenfalls vom New York Magazine, mit Frank Lucas zusammenbrachte, dem legendären afroamerikanischen Gangster der siebziger Jahre. Es entstand das Buch »The Return of Superfly«, die Geschichte einer exemplarischen Karriere, die den Protagonisten von bitterer Armut und rassistischer Gewalt im Süden zum mächtigen Drogendealer in New York führte, der Millionen von Dollar mit dem Vertrieb von Heroin machte, dem Rauschgift, das der Vietnamkrieg in die USA gebracht hatte. Bei der Verfilmung des Berichts unter dem Titel »American Gangster« fungierte Pileggi als executive producer, seine Handschrift ist in Ridley Scotts Film nicht zu übersehen.
Es ist der Gangsterfilm als Lehrstück der politischen Ökonomie und Tiefenpsychologie ihrer Nutznießer. Frank Lucas’ Ideen sind so einfach wie genial. Es ist der Angriff auf das System von einer unerwarteten Seite her: Lucas ist der erste Afroamerikaner, der in den siebziger Jahren in das traditionelle Mafia-Geschäft des Drogenhandels einsteigt. Unter Ausschluß des Zwischenhandels holt er den Stoff direkt aus Vietnam und bedient sich der amerikanischen Armee dafür (in der »Cadaver Connection« transportiert er den Stoff in Särgen gefallener Soldaten, was zugleich eine böse Metapher auf den Zusammenhang von Krieg und Drogenelend erzeugt): Dort drüben hat für viele GIs die Sucht begonnen, und für andere die kriminelle Karriere. Und es ist das Marktprinzip eines perfekten branding: Den besten Stoff unter eigenem Namen zum besten Preis anbieten und sich eine Monopolstellung sichern. Zwei Dinge sind es, die ihn ganz schnell nach oben bringen. Die beinahe grenzenlose Korruption der Polizei, der Armee und der Politik in den siebziger Jahren und die Anwendung von Gewalt ohne das geringste Zögern. Dabei führt Frank Lucas das Leben eines mehr oder weniger unauffälligen Bürgers, schart seine Brüder und Cousins um sich, geriert sich als Wohltäter, führt die Mutter sonntags in die Kirche.
Ridley Scott fächert, anders als Scorsese es in seinen Pileggi-Filmen getan hat, die Geschichte des Gangsters nicht in analytische Episoden auf, sondern gibt ihr eine klassische Dramaturgie, das Duell zweier Männer, die sich ebenso verbissen wie respektvoll bis zum Ende bekämpfen. Da ist der Gangster Frank Lucas, den Denzel Washington als einen intelligenten Geschäftsmann von Geschmack gibt, der indes nie vergißt, wo er hergekommen ist. Und da ist der Cop, der sich gerade eine Scheidungsschlacht mit seiner Frau liefert, einer der wenigen, die sich nicht kaufen lassen, und deswegen zunehmend isoliert und obsessiv in seiner selbst gewählten Aufgabe ist; Russel Crowe spielt ihn in gebremsten Schmuddellook, ein »Held« ist das auch nicht. Zwei Männer, die die Regeln des Spiels sehr genau kennen und die doch in ihren jeweiligen Organisationen Einzelkämpfer bleiben.
Ridley Scott gelingt das Kunststück, diese klassische Kino-Konstellation mit einem kritischen Zeitbild bis in die Details der Ausstattung und der Musik-Zitate zu einer Parabel des Aufstiegs zu verbinden.
Das spannendste an »American Gangster« ist die Frage, wie nahe man diesen beiden Charakteren kommen kann. Was das anbelangt, ist Ridley Scott ein Meister der Balance: Das Fremde und das Vertraute, das Normale und das Ungeheuerliche sind ganz nahe beianander. Seit Martin Scorseses besten Zeiten hat niemand mehr einen so politischen Gangsterfilm gedreht. Georg Seeßlen

 


American Gangster
von Ridley Scott, USA 2007, 157 Min.
mit Denzel Washington, Russell Crowe, Cuba Gooding Jr., Josh Brolin, RZA, John Ortiz
 
Trailer

 


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