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Zigeuner
von Stanislaw Mucha, D 2007, 92 Min., Dokumentarfilm

Stanislaw Mucha hat für das Kino eine besondere, wundersame Art des Reisens entwickelt. Es ist ein bißchen, als würde Alice nicht ins Wunderland, sondern in eine ziemlich ungeschminkte Wirklichkeit fallen: Mit einem ganz und gar offenen, skeptischen und bezauberten Blick. Der Trick dabei ist es, daß der äußere Anlaß und das, was man entdecken kann, nicht in einem logischen, sondern in einem poetischen Zusammenhang stehen.

So entdeckt man sehr konkrete Lebensumstände von sehr konkreten Menschen während man den Geburtsort von Andy Warhol besucht oder nach einer topographischen Mitte von Europa fahndet. Eine vergleichbare Absichtslosigkeit bestimmt die Reise auch in »Zigeuner«, ein Besuch bei verschiedenen Dörfern und Ghettos der Roma in der slowakischen Provinz, die sich, so sagen es zumindest die Kinder, hier lieber Zigeuner nennen. Mucha kommt ganz ohne »Thema« aus, er fragt, sieht, bleibt, weiß immer die rechte Distanz zu wahren und die rechte Nähe zu finden. Er läßt die Menschen vor seiner Kamera ihre Ansichten und Vorwürfe formulieren, er ist wie immer auf der Seite der Menschen, ohne sich zu ihrem Anwalt zu machen, er beobachtet, ohne uns zum Voyeur zu machen, er zeigt, ohne zu demonstrieren.
Die Lebensumstände der meisten Zigeuner in diesem Land sind wirklich skandalös, die »Weißen« verhalten sich wirklich gleichgültig bis aggressiv – der Film beginnt mit einer Konfrontation zwischen weißen und Roma-Kindern, die schon das Absurde trifft, geht es doch wie allerorten um Markenklamotten und Dresscodes -, die Hoffnungen, die die Menschen hier in die Europäische Gemeinschaft gesetzt haben, erfüllten sich in der Tat nicht, zugesagte Geldmittel versickern und »weiße« Bürokraten grenzen die Zigeuner aus, Wasser, Strom und Straßen fehlen. Es ist, als wäre da ein Projekt zugange, Menschen unsichtbar zu machen (ganz direkt, indem man zum Beispiel die Roma-Orte nicht auf der Landkarte verzeichnet), aber auch für sich selber unsichtbar, reduziert auf Problem und Konflikt.

Es sind eigene Welten, in die man hier gelangt, und was die erste Erfahrung dabei ist, stellt die üblichen Betroffenheitsfeatures auf den Kopf, obwohl es auch hier die Bilder gibt, die wir kennen: Heruntergekommene, von Überflutungen bedrohte Behausungen, Menschen, die im Müll nach Nahrung suchen, vergiftetes Wasser, Kinder, Kinder und noch mehr Kinder. Wenn man sich für die Lage der Roma in den osteuropäischen Ländern interessiert, kennt man die Bilder und die Zahlen, die dahinter liegen, und die politischen Entscheidungen, die sie erzeugt haben. Aber die einzelnen Orte, obwohl unter denselben Bedingungen entstanden und mehr oder weniger funktionierend, unterscheiden sich durchaus von einander, es gibt kein Elend der Verhältnisse, das Menschen nicht noch schlimmer machen könnten, und es gibt keines, in dem sich nicht Menschlichkeit und Lebenslust entfalten könnten (bei Mucha zeigt sich das auch hier in seinen Musik- und Tanzszenen), und inmitten der zweifellos dramatischen Situation entfaltet sich immer wieder das Groteske. Leben eben: Mucha ist der Filmemacher, der die beiden Formen des Wirklichen, das direkte, subjektive Empfinden und die Struktur der Verhältnisse, auf eine Weise miteinander in Beziehung bringt, die das Zärtlichste und das Grimmigste zuläßt. Menschen sind immer einzelne, deshalb gibt es auch hier, am unteren Rand der Gesellschaft und in den Außenbezirken, Leute, die man ins Herz schließt, und andere, bei denen das nicht so ohne weiteres der Fall ist, Menschen, die sich als Subjekte behaupten und andere, die es nicht tun. Eine Art roter Faden bildet die Frage nach dem Verzehr von Hunden, ein typisches Klischee der »Weißen« gegenüber den Zigeunern. Was soll man auf die Frage antworten? Bei uns nicht, bei den anderen; so wird man einander feind. (Ein Junge, der vor der Kamera einräumt, daß man bei ihm Hunde ißt, wird ziemlich drastisch zum Schweigen gebracht.) Es fällt schwer, einfach zu erklären, daß Hunde essen eine vernünftige Lösung ist, wenn man Hunger hat. Aber zur gleichen Zeit macht das Nahrungstabu deutlich, wie man durch den Code von sich selber entfremdet wird. Mucha, wie Alice, stellt der Logik der Verhältnisse immer mal wieder ein Bein oder bringt sie, wie man so sagt, zum Tanzen. Weil er nichts beweisen will, aber ein untrügliches Gespür für Situationen und Menschen hat, dringt er tiefer als die meisten Dokumentaristen mit großen Anliegen im Gepäck. Wenn man mal erklären will, was Humor und Erkenntnis miteinander zu tun haben, kann man einen Mucha-Film heranziehen.
Nach Stanislaw Muchas »Zigeuner« ›weiß‹ man vielleicht nicht mehr, als man durch Bücher, Filme und Berichte schon weiß – und das ist genug, um zu wissen, daß hier Europa noch und schon unheilbar kaputt ist. Aber es ist etwas anderes geschehen: Man hat anderthalb Stunden lang die Welt mit den Augen slowakischer Zigeuner gesehen, und man hat zugleich gesehen, wie und warum dieser Blick so begrenzt ist.
Am Ende sehen wir eine junge Frau, sie ist ausgebildet, gut angezogen, hat freundliche Umgangsformen, wie sie sich für ausgeschriebene Stellen als Verkäuferin bewirbt. Und wie man sie zurückweist. Gerade so, daß der Rassismus nicht manifest, aber doch deutlich genug bleibt. Und nicht nur die »Weißen« machen das, auch die Asiaten wollen Roma nicht als Verkäuferinnen in ihren Läden. Wieder erscheint das zugleich als grotesk und schmerzlich, und beinahe noch schmerzlicher die Geste der jungen Frau, die sich an solche Zurückweisung offenbar gewöhnt hat. Die übelste aller Lügen ist »selber schuld«. Die zweitübelste: »Da kann man nichts machen«. Die drittübelste: »Kenn ich, weiß ich, war ich schon«. Stanislaw Muchas Filme widersprechen allen dreien. Und sind, damit auch das gesagt ist, ganz nebenbei auch noch schön, unterhaltsam und nachhaltig. Georg Seeßlen


 



 


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